Geld aus dem Nichts
Paul Schreyer 18.12.2011
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Banken schöpfen Geld

Neben den bislang unverhältnismäßig niedrigen Steuern auf Spitzeneinkommen und Vermögen gibt es eine weitere, grundlegendere Quelle der Machtungleichheit zu Lasten des Staates. Die Rede ist vom Recht der privaten Banken, Geld zu schöpfen.

Jeder weiß, dass Staaten über ihre Zentralbanken Geld drucken können. Die Formulierung "der Staat wirft die Notenpresse an" ist Allgemeingut (auch wenn de facto nur ein Bruchteil des staatlich neu geschöpften Geldes tatsächlich gedruckt beziehungsweise geprägt wird, da das Bargeld aus Münzen und Scheinen nur einen kleinen Teil der umlaufenden Geldmenge ausmacht). Meist schwingt bei der Formulierung vom "Geld drucken" Kritik an der ungedeckten staatlichen Ausweitung der Geldmenge mit, die im Übermaß zur Inflation führt. Was weitaus weniger Menschen bekannt ist: auch die privaten Banken schöpfen Geld. Sie drucken es zwar nicht, was ein Privileg der nationalen Zentralbanken ist, doch schaffen sie es über ungedeckte Kreditvergabe vergleichbar "aus dem Nichts". Und zwar in großem Stil.

Im Klartext: Banken verleihen Geld, das sie gar nicht haben. Die gewährten Kredite umfassen ein Vielfaches der angelegten Gelder. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung werden Kredite nicht nur im Umfang der angelegten Spareinlagen vergeben, sondern umgekehrt entstehen die meisten Einlagen erst durch die weitgehend eigenmächtige Kreditvergabe der Bank. Sie stellt dem Kreditnehmer dann tatsächlich Geld zur Verfügung, das sie nicht besitzt. Das macht technisch zunächst keine Schwierigkeiten, da ein Kredit in aller Regel ja nicht in bar ausbezahlt wird. Das geschaffene Geld ist nicht mehr als eine Zahl auf einem Buchungskonto. Um trotzdem zu einer ausgeglichenen Bilanz zu kommen, greifen die Banken zu einem simplen sprachlichen Trick: sie vermischen ganz einfach das per Kreditgewährung aus dem Nichts geschaffene Geld mit dem real angelegten Spargeld der Kunden. Beides firmiert in der Bilanz gemeinsam unter dem Begriff "Einlagen". Wird der aus dem Nichts geschöpfte Kredit schließlich getilgt, verschwindet das Geld wieder. Im Gegensatz, wohlgemerkt, zu den Zinsen, die die Bank in der Zwischenzeit kassiert hat.

Probleme entstehen erst, wenn das "Luftgeld" von einer Bank zur anderen transferiert werden soll. Transaktionen zwischen verschiedenen Banken müssen selbstverständlich mit echten Werten unterlegt sein, um vom Empfängerinstitut akzeptiert zu werden. Doch auch da gibt es einen erstaunlich simplen Trick. Wenn nämlich alle Banken im System kontinuierlich in etwa gleich viel Geld aus dem Nichts schöpfen, gleichen sich die "Luftbuchungen" untereinander aus - und das Problem ist gelöst. Genau so wird es in der Realität gehandhabt.

Begrenzt wird die Geldschöpfung lediglich durch die sogenannte "Mindestreserve", das heißt, den Anteil der Einlagen, den eine Bank zur Sicherheit bei der Zentralbank hinterlegen muss. In der Eurozone waren das (zumindest bis zum Dezember dieses Jahres) zwei Prozent, was bedeutet, dass die Banken etwa fünfzigmal mehr Geld schöpfen konnten, als sie real besitzen. Solange dabei mehr Kredite ausgereicht als getilgt werden, steigt die Geldmenge im Land immer weiter an - völlig unkontrolliert von der Zentralbank oder gar der Regierung - bis zur Krise oder gegebenenfalls dem Crash. Letztlich handelt es sich um einen gigantischen Betrug, der durch seine Dimension allerdings vielen Menschen unglaublich erscheint.

"Das kann doch nicht sein", ist so auch die häufigste Reaktion von Menschen, die zum ersten Mal von der beschriebenen Geldschöpfung der privaten Banken erfahren. Es handelt sich mehr oder weniger um ein Tabu, das jahrelang nur in kleinen Expertenkreisen diskutiert wurde, obwohl es über die Jahrhunderte hinweg tatsächlich eher der Normalzustand der Geldordnung war. Das eigentliche Rätsel besteht so auch darin, wie es gelungen ist, diese Tatsache über so lange Zeit vor der breiten Öffentlichkeit verborgen zu halten.

Größere Aufmerksamkeit erfuhr das Thema zuletzt Anfang der 70er Jahre, als die internationalen Finanzmärkte infolge der Aufhebung der Goldbindung des Dollars in Turbulenzen gerieten. So berichtete der "Spiegel" im Jahr 1972 - ausnahmsweise - unter der Überschrift "Geld aus dem Nichts" über die private Geldschöpfung:

Die Kreditpolitik der Bundesbank wird von Geschäftsbanken mit Tricks immer wieder unterlaufen. Gegen die Folge, eine ungewollte Geldschwemme, soll nun der Gesetzgeber etwas unternehmen. (...) Die Geldhändler sind auf einen Kunstgriff verfallen, Bares aus dem Nichts zu ziehen. (...) Da der Kunde, dem das Geld überlassen wird, wiederum bei seiner Bank nur einen Teil in bar abhebt, kann dieses Institut auch wiederum einen Teil des Kapitals an einen zweiten Kreditnehmer vergeben. Dank dieser Mechanik konnte der Bankenapparat selbst bei sehr vorsichtiger Politik insgesamt rund dreimal mehr Geld verleihen, als an liquiden Mitteln auf ihren Konten lagerte. (...)

Seit einiger Zeit, das hat Bundesbankdirektor Helmut Schlesinger beobachtet, betrachten die Banken aber auch ihre (...) Guthaben bei anderen Instituten als Liquidität. Zu deutsch: Jeder Bankier borgt immer mehr Geld von seinen Berufskollegen und leiht diese Gelder wieder weiter an Unternehmen. Schlesinger: "Das ist ein Problem geworden." Da bei diesem Verfahren das Guthaben des einen Bankiers die Schuld des anderen ist, heben sich gesamtwirtschaftlich Forderungen und Verbindlichkeiten gegeneinander auf: Sie sind ein blankes Nichts. So machen die Privatbankiers das, was ihnen seit langem verboten ist: selber Geld. Schimpft Bundesbank-Vizechef Emminger: "Das ist ein Rückfall in das vergangene Jahrhundert, wo jede Zettelbank Geld drucken konnte." Einer seiner Kollegen wünschte sich: "Wenn doch einer davon mal Pleite ginge, aber das können wir uns ja leider wohl nicht leisten."

Soweit der "Spiegel" von 1972. Damals war übrigens Helmut Schmidt Finanzminister und plante, die um Stabilität besorgte Bundesbank zu unterstützen und die gesetzlichen Regelungen zu verschärfen. Doch es tat sich wenig. Dabei gab es schon damals einen Experten, der einen umfassenden Lösungsvorschlag formuliert hatte. Rolf Gocht, der im Wirtschaftsministerium unter Kanzler Ludwig Erhard zur Leitungsebene gehörte und danach im Vorstand der Bundesbank saß, hatte einleuchtende Ideen, die heute aktueller denn je klingen. In seinem 1975 veröffentlichten - und 2011 neu aufgelegten - nur etwa 100-seitigen schmalen Büchlein mit dem unscheinbaren Titel "Kritische Betrachtungen zur nationalen und internationalen Geldordnung" wird Klartext gesprochen:

Unsere nationale und internationale Geldordnung ist ein Faktor der Unstabilität im Wirtschaftsablauf. Ihn in seiner Wirksamkeit einzuschränken, gelingt der Konjunkturpolitik nur mühsam; ihn auszuschalten, verlangt eine neue Geldordnung. (...) Neben dem staatlichen Geld, das in Form von Münzen, Noten und Gutschriften umläuft, sollte es nicht auch noch privates Geld geben (das heute den größten Teil des gesamten Geldumlaufs ausmacht). Geld sollte nicht auf Grund eines Bankkredits ins Leben treten und in seinem Volumen von dem Umfang der Bankgeschäfte bestimmt werden. Es sollte eine feste Existenz haben und nicht mit der Rückspulung eines Bankkredits wieder verschwinden. Um höhere Umsätze und Einkommen in einer wachsenden Wirtschaft bei stabilem Preisniveau bewältigen zu können, sollte das Geldvolumen entsprechend dem realen Wachstumspotenzial der Volkswirtschaft zunehmen. Solches Geld würde nicht von einer Notenbank emittiert, sondern von einer Währungsbehörde, die von Weisungen der politischen Organe des Staates unabhängig zu sein hätte. Die Geschäftsbanken würden nur noch Kreditnehmer und Kreditgeber sein, nicht mehr Kreditschöpfer oder Produzenten von Geld.

Gochts Vorschlag wurde damals vollständig ignoriert. Trotz seiner großen Reputation hatte er sogar Mühe, einen Verlag dafür zu finden. Kein Wunder, stellte er doch den Herrschaftsanspruch der privaten Banken vollständig in Frage - sowie die damit verbundenen Gewinne. Um welche Summen es heute beim privaten Geldschöpfen geht, beschrieb etwa der Ex-Commerzbank-Mitarbeiter und Autor Norbert Häring 2009 im "Handelsblatt":

Der moderne Mensch muss erst wieder lernen, über die moderne Bankenpraxis zu staunen. (...) Immerhin neun Billionen Euro Einlagen verwalten die Banken im Euro-Raum. Dem stehen Bankguthaben bei der Europäischen Zentralbank von rund 260 Milliarden Euro gegenüber. Mit dem Bargeld, das die Banken bei der Zentralbank abheben können, können sie also nicht einmal ein Dreißigstel der Einlagen auszahlen. Das ist auch von der Zentralbank so abgesegnet, denn die Banken müssen im Euro-Raum nur absurd niedrige zwei Prozent der Kundeneinlagen in Reserve halten. Die restlichen 98 Prozent können sie verleihen. Und wenn das Geld wieder auf einem Bankkonto landet, können sie erneut 98 Prozent davon wieder verleihen, so lange, bis der Wert der zusätzlich geschaffenen Bankguthaben auf maximal das 50-Fache der ursprünglichen Kundeneinlage angewachsen ist. (...) Für die knapp neun Billionen Euro an Guthaben, welche die Banken mit einem Federstrich geschaffen haben, bekommen sie, wenn sie eine Zinsmarge von einem Prozent schaffen, 90 Milliarden Euro Zinsen. Das macht den Reiz des Systems aus. Je höher die Mindestreserve, desto geringer das Vielfache an Geld, das die Banken schaffen und verleihen können. Und desto geringer ist damit das Risiko einer Finanzkrise. Umso geringer sind aber auch die Zinseinnahmen der Banken.

Wenig überraschend war demzufolge eine der ersten Amtshandlungen von Ex-Goldman-Banker Mario Draghi an der Spitze der EZB im Dezember 2011: er senkte die Mindestreserve von zwei auf ein Prozent. Eine beispiellose Entscheidung, die den Banken über Nacht Milliarden zuschanzt. Ein Analyst etwa jubelte: "Dadurch werden über den Daumen gut 100 Milliarden Euro für die Banken verfügbar."

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