Geld aus dem Nichts
Paul Schreyer 18.12.2011
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Lösungsvorschläge

Dass etwas so Grundlegendes wie die Geldschöpfung ausschließlich in öffentliche und nicht in private Hände gehört, leuchtet eigentlich den Meisten ein. Geld ist ein Tauschmittel, auf dessen Stabilität die gesamte Wirtschaft basiert - ein öffentliches Gut, das genau so wenig durch Privatinteressen manipuliert werden dürfte wie etwa Maße und Gewichte, bei denen ja auch niemand akzeptieren würde, wenn private Hersteller und Händler sie individuell zum eigenen Vorteil ausweiteten.

Und so müsste die erwähnte Mindestreserve im Interesse einer stabilen Ökonomie weit mehr betragen als die 1 Prozent (wie nun in der Euro-Zone), 10 Prozent (wie in den USA), oder auch 20 Prozent (wie in China). Banken dürften de facto nicht mehr Geld verleihen, als ihnen real anvertraut wurde. Dass diese Selbstverständlichkeit nicht längst Realität ist, ist der eigentliche Skandal. Denn die seit den 1970er Jahren international immer häufiger auftretenden Bankenkrisen sind nichts anderes als geplatzte Kreditblasen - die mit von den Banken geschöpftem "Luftgeld" befeuert wurden.

Im Fall des Crashes droht dann ein "Bankrun", also ein Ansturm der Kunden auf ihre Bank, um alle Ersparnisse abzuheben. Diese Gefahr bestand im großen Stil im Herbst 2008, als Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück vor laufenden Kameras versicherten, die Bankeinlagen der Deutschen seien sicher. Was natürlich ein Märchen war. Hätten nur genügend Bürger gleichzeitig ihr Geld in bar von Deutscher Bank, Commerzbank und Co. eingefordert, gäbe es diese Banken heute nicht mehr, weil deren Mindestreserve die Einlagen eben nicht deckte.

Eine aktuelle Initiative zu einer Reform hin zu einem sogannten "Vollgeld" hat in Deutschland Prof. Joseph Huber gestartet. Er und einige Mitstreiter schlagen die Einrichtung einer sogenannten "Monetative" vor, einer unabhängigen Institution zur Geldmengensteuerung und Geldschöpfung, ganz im Geiste von Ex-Bundesbanker Rolf Gocht. Sie stünde in einer Reihe mit den bisherigen drei Gewalten Exekutive, Legislative und Judikative. Im Grunde ist damit eine Zentralbank gemeint, die das alleinige Geldschöpfungsrecht besitzt und die Geldmenge im Interesse der Allgemeinheit entsprechend dem realen Wirtschaftswachstum steuert. Positiver Nebeneffekt: der Gewinn aus der Geldschöpfung flösse nicht mehr privaten Banken, sondern ausschließlich dem Staat zu. Laut Huber geht es dabei um eine Größenordnung von grob geschätzt 50 Milliarden Euro. Pro Jahr, versteht sich.

In den USA gibt es eine ähnliche Reforminitiative des Ökonomen Stephen Zarlenga, die im Herbst 2011 vom Ex-Präsidentschaftskandidaten Dennis Kucinich als Gesetzesvorlage in den Kongress eingebracht wurde.

Letztlich geht es bei einer solchen Reform schlicht um Krisenstabilität, sowie darum, dass Staaten ihre volle Souveränität gewinnen, indem sie nicht mehr darauf angewiesen sind, sich von privaten Banken Geld zu leihen. Geld, das diese, wie beschrieben, einfach ohne Risiko aus dem Nichts schöpfen und dafür auch noch Zinsen aus dem öffentlichen Haushalt bekommen. Stattdessen könnte eine Zentralbank, die nicht nur von der Regierung unabhängig sein sollte, sondern eben auch vom Einfluss der privaten Banken, in verantwortungsvollem Maße selbst Kredit schöpfen und diesen dem Staat in Notzeiten günstig für Investitionen in öffentliche Infrastruktur, Bildung etc. zur Verfügung stellen. Was so selbstverständlich klingt, beinhaltet natürlich eine radikale Entmachtung der privaten Banken, die fortan nicht mehr über das Finanzieren von Staatsverschuldung Einfluss auf die Politik nehmen könnten.

Parallel müsste daher wahrscheinlich ein weiterer großer Schritt getan werden, für den wiederum die Politik von US-Präsident Roosevelt in den 30er Jahren das Beispiel liefert: die Aufspaltung der großen Bankhäuser. Unternehmen wie die Deutsche Bank müssten von Gesetz wegen aufgeteilt werden in eine normale Geschäftsbank (die Spareinlagen verwaltet und Kredite an die Wirtschaft vergibt), eine Investmentbank (die Unternehmen an die Börse bringt und dort berät), sowie einen Hedgefond, der allein auf eigene Rechnung spekulieren darf. Diese drei Klassen von Banken dürften sodann keinerlei Geschäfte miteinander machen. Auf diese Weise ließe sich die Dimension einer Krise wesentlich begrenzen. Sparer müssten nicht für Spekulanten haften, und keine Bank wäre mehr "too big to fail".

Die Politiker, die sich an diese Aufgabe herantrauen, müssen wohl allerdings erst noch gewählt werden.

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