Entgrenzung durch das Internet oder die Büchse der Pandora

11.01.2012

Ort und Information III

Neue Medien sind in der Lage, die Beziehungen zwischen Informationen und Orten zu lösen oder neu zu strukturieren, so lautet einer der zentralen Sätze von Medientheoretikern wie Joshua Meyrowitz. Und sie schreiben diesen Medien dann eine demokratische und emanzipatorische Funktion zu, durch die sie soziale Schranken überwinden und so die Menschen aus ihrer Gruppenbezogenheit befreien.

Teil II: Medien-Revolution und Medien-Macht

Die grenzüberschreitende Bedeutung des Fernsehens seinerzeit lässt sich so beschreiben: Durch leichte Zugänglichkeit ohne große Kosten und stete Verfügbarkeit ohne Zugangsbarrieren in Form spezieller kultureller Fertigkeiten konnte der Fernsehzuschauer die sozialen Barrieren des Wissenszuganges überschreiten - anhand der Bilder des Bundestages über Kochrezepte und Reportagen aus der Serengeti bis hin zur Welt des Hochadels. Fernsehen wurde - wie zuvor die Zeitung, der Film, der Hörfunk - zu einer neuen Wissensquelle, deren Bestimmungselemente die audio-visuelle Übertragung von Informationen (und manchmal "live") in die Privatsphäre der Zuschauer sind.

Teile einer "Karte" des Internets, basierend auf Daten von opte.org am 15.01.2005. Bild: The Opte Project/CC-Lizenz Namensnennung 2.5 US-amerikanisch (nicht portiert)

Mit der von Meyrowitz benannten "Anreicherung" dieser Informationen durch Zurschaustellung des "Hintergrundes" der "Bühne" revoltiert dieses neue Medium den Zugang zu Wissen innerhalb der geltenden sozialen Grenzen. Dass Bevölkerungsgruppen, respektive soziale Klassen, die, wie die Arbeiter, aufgrund ihrer Lebensbedingungen nur über einen begrenzten Zugang zu Wissen verfügten, sich dieser neuen Wissensquelle verstärkt zuwandten, scheint evident.

Die Betonung der homogenisierenden Wirkung von Medieninhalten übersieht allerdings gerne das existenzielle Gewicht des sozialen Seins: Der Facharbeiter vor dem Fernseher bleibt eben Facharbeiter, auch wenn er sich den ganzen Tag Traumschiff "reinzieht". Oft wird die "Wirkung" von Medien überinterpretiert und die Starrheit sozialer Strukturen ignoriert.

Ich thematisiere das im Begriff der "sozialen Perspektive". Der Mensch nimmt als materielles Wesen, nimmt mit seinem Körper eine bestimmte Position im physikalischen Raum ein und dieser Position ist es geschuldet, dass er die Welt aus einem bestimmten Blickwinkel erkennt. "Sehen ist immer von irgendwo her sehen", wie es der Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty formulierte. Der eigene Leib ist nicht nur Gegenstand der Welt, sondern auch Mittel der Kommunikation mit der Welt, ist Erkenntnisbedingung:

Wenn Gegenstände mir notwendig stets nur eine ihrer Seiten zeigen, so [deshalb,] weil ich selbst einen bestimmten Platz einnehme, von dem aus ich sie sehe, den ich selbst aber nicht sehen kann.

Maurice Merleau-Ponty[1]

Soziale Perspektive bedeutet, dass dieser physische Standpunkt immer zugleich auch ein sozialer Standpunkt ist und auf eine Verortung des Individuums im sozialen Raum verweist. Medien mit ihrem "objektiven" "journalistischen" Standpunkt täuschen uns über unsere Interessengebundenheit und die der Medienmacher hinweg. Régis Debray - ein ehemaliger Weggefährte Che Guevaras und Begründer der in Frankreich angesiedelten und sich als neu verstehenden Medienwissenschaft unter dem Namen "Mediologie" in der Tradition und Nähe von Medientheoretikern wie Marshall McLuhan oder Joshua Meyrowitz - hat das so auf den Punkt gebracht:

Das Gezeigte verdeckt den Zeigenden und der Rahmen den, der ihn aufstellt.

Régis Debray[2]

Die Inhalte des Fernsehens ebenso wie des Internets erscheinen uns "naturhaft" und lassen uns unseren Blickwinkel vergessen.

Kann man also die Loslösung der Information vom Ort zwar als einen emanzipatorischen, weil grenzüberschreitenden Akt verstehen, wird dieser freilich durch sozial unterschiedliche Gebrauchsweisen oder Lesarten der Information geprägt. Ein Stück Brot ist für den Hungernden eben ein anderes Ding als für den Satten.

Das Internet ist das Medium des Anti-Mainstream

Dem Internet ist allerdings nun zu eigen, dass eines seiner wesentlichen Merkmale neben der Grenzüberschreitung die Entgrenzung ist. Die Entgrenzung bedeutet damit einen Prozess, bei dem sich das Soziale als soziale Kontrolle quasi in der unendlichen Weite des Netzes auflöst. Es führt damit die Grenzüberschreitungen der vorangehenden "neuen" Medien praktisch zu einem finalen Punkt, in dem sich das Netz in seiner Grenzenlosigkeit praktisch selbst widerspiegelt.

Dazu einige Beispiele: Das Fernsehen eröffnete den Blick auf für Normalbürger in den 1950er Jahren in der Regel ferne Welten wie das Parlament, die Karibik oder den Operationssaal. Dass die englischen Arbeiter per TV an den Krönungsfeierlichkeiten "ihrer" Königin live teilnehmen konnten, war ein Novum der Geschichte. Doch blieben die Inhalte des Fernsehens - mit Schwankungen - innerhalb bestimmter Bereiche. Im Privatfernsehen führte die Quote zu einem Level des größten gemeinsamen Nenners - nur die Inhalte wurden interessant, die dem Geschmack der größten Zahl an Zuschauern entsprachen. Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen sorgte ein moralisch-ethischer Kodex für die Verbannung bestimmter Inhalte. Bei beiden galt: Mord und Krieg eher ja, Sex eigentlich nicht. Die Inhalte des Fernsehens waren und sind bestimmten Regeln und einer öffentlichen Kontrolle unterworfen.

Beim Internet ist das genaue Gegenteil der Fall: Es ist das Medium des Anti-Mainstreams, das Medium des bislang Verbotenen, Geschmähten, Unterdrückten, Untergründigen. Es ist nicht schwer, dies zum Beispiel an den beiden Bereichen der Sexualität und des Rechtsextremismus aufzuzeigen, man könnte aber genauso gut andere Bereiche, wie Esoterik oder Verschwörungstheorien, nehmen. Seiten mit sexuellen Inhalten waren und sind wohl eine der Triebfedern für die Rezeption des Internets und hinsichtlich der "Vielfalt" des Angebotes könnte man wohl von einer zweiten sexuellen Revolution sprechen: Noch nie wurden weltweit so viele sexuell geprägte Medieninhalte rezipiert. Neu sind die Breite des (allerdings vorwiegend kommerziellen) Angebots, die Vielfalt hinsichtlich sexueller Spielarten und dem praktisch barrierefreiem Zugang. Die andere Seite ist allerdings auch die Verbreitung von Praktiken wie der Kinderpornografie.

Das Internet als Medium der Extreme ist auch der Ort des Rechtsextremismus und des Neonazismus, denen mit nationalen Gesetzen nicht mehr beizukommen ist. Auch hier können wir eine Entgrenzung bei der Verbreitung derartigen Gedankenguts feststellen, nicht zuletzt über Musikgruppen. Wie bei der Sexualität gilt: Was früher nur in einschlägigen Läden oder Versandhäusern zu haben war, ist nun - anders als beim Mainstreammedium Fernsehen (von DVDs mal abgesehen) - per Kabel oder WLAN im Wohnzimmer zu haben. Entgrenzung bedeutet hier, dass die entsprechenden Medieninhalte quasi autistisch in das Netz gesendet werden können. Es gibt praktisch keine Kontrollinstanz und keine Grenzen mehr - der Massenmörder von Oslo ist die Übertragung dieser Entgrenzung vom Medium auf die reale Welt.

So könnten wir, freilich ohne einen Kausalzusammenhang beweisen zu können, beim Internet ähnlich verfahren wie beim Medium Fernsehen. Dessen grenzüberschreitende Fähigkeiten wurden ja, wie in Teil 1 erwähnt, in einen Zusammenhang mit den Bürgerrechtsbewegungen in den 1960er Jahren gestellt. Demgegenüber stünde das Internet als DAS Medium der Entgrenzung in der Parallelität von Entgrenzungsprozessen der Gesellschaft: der Entgrenzung der Ökonomie (Globalisierung), der Entgrenzung durch das Ende der bipolaren Weltordnung, der Entgrenzung der kapitalistischen Produktionsweise durch den Neoliberalismus (Deregulierung der Finanzmärkte). Und auf sozialer Ebene stünde es parallel zur Entgrenzung von sozialer Kontrolle, aber auch von ethischen Standards (Massenmorde und Amoklauf).

Die Thematisierung dieser Medieneigenschaften des Internet jedenfalls zeigt: Zum emanzipatorischen Effekt der Grenzüberschreitung hat sich mit dem Phänomen der Entgrenzung längst auch eine düstere und abgründige Seite gesellt.

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