Broder, Politically Incorrect und deutsche Israelfreunde

19.12.2011

Henryk M. Broder wird in Aachen für seine Solidarität zu Israel geehrt. Der rhetorische Spaltpilz gerät dabei irgendwie in eine krude anmutende Gesellschaft

Da strahlt der dicke Mann. Henryk M. Broder wird von der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft Aachen für seine Solidarität zu Israel geehrt. Als Überraschungsgast wohnt dem Festakt Ralph Giordano bei, ein Kritiker des radikalen Islams, aber ebenso engagiert gegen die populistische Islamkritik von Parteien und Gruppen am rechten Rand. Kritik an Islamisten sowie den Antisemiten aus der linken Szene und der Friedensbewegung äußert Broder in seiner Dankesrede, wettert dabei ganz kurz gegen das "rechtsradikale Pack", um sodann ausführlich gegen das "alternative friedensbewegte rote Pack" zu stänkern. Unter letztgenannten seien "Knallschargen" sowie "erbärmliche und erbarmungslose Gestalten, Bruchpiloten und Versager."

Ehrenpreisträger Henryk Broder mokiert sich über Knallchargen. Bild: M. Klarmann

Broder erhielt am Sonntag den "Ehrenpreis" 2011 der
DIG Aachen. Wochen zuvor hatte der Vorsitzende der DIG Aachen, Axel H.A. Holst, die Würdigung Broders damit begründet, dass dieser sich "unmissverständlich" und "national sowie international" für das Existenzrecht des Staates Israel in Frieden und Freiheit eingesetzt habe. Holst weiter: "Auf der Basis gegenseitiger Toleranz plädierte er stets für faire und enge deutsch-israelische Beziehungen." Broder habe sich zudem ohne Rücksichtnahme auf seine eigene Sicherheit "gegen Antisemitismus, Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit und jede Form von Extremismus, ob von Rechts oder Links" gewehrt.

Nun ist "die jüdische Nervensäge" (Broders Foxterrierin Wilma) bekannt dafür, kein Blatt vor dem Mund zu nehmen, wenn er gegen alles und jeden giftet, so wie mit den Autoren auf seinem Ätzblog Die Achse des Guten. Besonders angetan haben es ihm jedoch seit geraumer Zeit radikal-islamische Muslime, Kritik an diesen und deren gemäßigten Gesinnungskameraden brachten ihm die Ehre ein, in dem "Manifest" des Osloer Terroristen Anders Behring Breivik zitiert zu werden. Broder konterte, Breivik habe das Töten "nicht bei mir und Thilo Sarrazin gelernt, sondern bei Mohammed Atta und Osama Bin Laden, bei den Attentätern von Madrid, London, Mumbai, Bali [...] und den 'Märtyrern', die ein Video aufnehmen, bevor sie ins Paradies aufbrechen." Merke: der Moslem ist schuld.

Die Frankfurter Rundschau berichtete unlängst, Broder habe Kontakte unterhalten zu dem fremdenfeindlichen und islamfeindlichen Blog "Politically Incorrect" (PI). Dessen Mastermind Stefan Herre habe in nicht öffentlichen Mails oder im Chat geschrieben: "Mit Broder telefonier und email ich ab und zu. Dass er öffentlich was anderes über PI sagt, naja, damit muss ich leben." Broder, laut Sexsternchen Indira Weis "die Nutte, [die] sich für ein bisschen mehr Quote prostituiert", habe bei solchen Kontakten Grüße an den niederländischen Islamhasser Geert Wilders ausgerichtet oder mit Herre über eine gemeinsame Veranstaltung mit Sarrazin sowie einer PI-Veröffentlichung korrespondiert.

"Intoleranz gegen die Banalität der Guten"

Kameraden im Geiste, Menschen, die den Arabern und Palästinensern niemals vergessen werden, dass sie die Aufrüstung des israelischen Militärs und eine Militarisierung des gesamten jüdischen Staates vorantrieben haben? Da verwundert es nicht wirklich, dass unter den zahlreichen Gästen der Preisverleihung in Aachen am Sonntag eine Reihe junger Männer sitzt, die der Aachener Aktions- und Autorengruppe von "Politically Incorrect" angehören. Ein Teil jener jungen Männer gehört der Aachen-Dürener Gruppe der rechtpopulistischen und islamfeindlichen Partei "Die Freiheit" an, neben ihnen sitzen konservative, neoliberale Burschenschafter, ein junger Mann aus dem Umfeld von PI-Aachen ist gar leitend im Jugendforum der DIG Aachen eingebunden. Ralph Giordano kann wohl nicht wissen, dass er einem Festakt beiwohnt, in dem sich auch solche Politikaktivisten aufhalten und ein Teil davon Kontakte zu Vertretern der DIG Aachen unterhält.

Giordano, Mitglieder der jüdischen Gemeinde und der Aachener Rabbiner Mordechai Max Bohrer sitzen ebenso im Publikum. Letztgenanntem gegenüber hatte PI-Aachen noch im Mai 2011 gestänkert und offenbar gemeint, diesen zurechtweisen zu müssen. So schrieb ein Autor der Aachener PI-Gruppe in seinem Bericht über den von der DIG Aachen veranstalteten "Israel-Tag" über Aachens Rabbiner Bohrer, dieser sei ja "höchstens eine halbe Stunde beim Israeltag anwesend [gewesen]. Nach seiner Rede verschwand er [...] ganz schnell wieder ins Wochenende." Subtext: wir deutschen Israelfreunde stehen mehr zum Judenstaat, als der Jude Bohrer. Ein Teil der jungen Männer aus dem PI-Aachen-Umfeld sitzt an diesem Sonntag übrigens auf den reservierten Plätzen, einer davon hat sich sogar zu Beginn fast freundschaftlich mit Bohrer unterhalten.

Auch sonst dürfte die Ehrung des rhetorischen Spaltpilzes bei einigen Menschen für Verwirrung sorgen. 2005 war der DIG-"Ehrenpreis" an die Schauspielerin Iris Berben verliehen worden. Über die höhnte Broder vor Jahren, sie sei eine "große Kämpferin gegen Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus". Denn Berben sei "gegen alles, was den einfachen Menschen Spaß macht" und "ein prominentes Mitglied der gesamtdeutschen Bussi- und Pussy-Gesellschaft, in der sinnlose Umtriebigkeit und Party-Hopping bereits als Engagement gelten." An anderer Stelle hatte der alte Mann, dem die Waschbrettbauch-Fraktion um Indira Weis wohl mitleidig den Bauch tatschen würde mit dem Hinweis, er solle doch dem Kind seinen Ball zurück geben, seine jetzige Preisträger-Genossin unter der Überschrift "Banalität der Mösen" gewürdigt. Broder witzelt in seiner Dankesrede am Sonntag abermals gegen Berben; dass sie den Preis schon erhalten habe, habe er erst kurz vor dem Festakt erfahren.

Berben ist nicht die einzige, die ihren Namen nun mit Broder in einer Preisträgerliste wieder findet. Der Preisträgerin des "Ehrenpreises" der DIG Aachen von 2010, der damaligen Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hatte Broder ein Jahr vor deren Würdigung noch in seiner polemischen Art vorgeworfen, ihr Amt eher als "Beschäftigungstherapie" zu begreifen und Opfer eines "kleinkarierten Größenwahns" zu sein. Broder geht darauf in Aachen kaum ein. Broder sagt lieber, dass Toleranz seine Sache nicht sei. Nötig sei heute mehr "Intoleranz gegen die Banalität der Guten". Berben sei eine jener Guten, aber eben auch das "alternative friedensbewegte rote Pack".

Broder ätzt dabei besonders gegen den Aachener Friedenspreis und ganz besonders gegen zwei der Preisträger. Den israelischen Friedensaktivisten Reuven Moskovitz nennt er einen "Schwindler", weil er sich einen Doktortitel selbst verliehen habe. "Als Prototyp des guten Juden", der Israel kritisiere, sei Moskovitz für Linke und Friedensbewegung jedoch ein "nützlicher Idiot" und "Kronzeuge gegen Israel". Die "Klagemauer" des Kölner Trägers des Aachener Friedenspreises Walter Herrmann, dem wiederholt Antisemitismus und Israel-Feindschaft vorgeworfen wurde, nennt Broder eine "Sonderausgabe des Stürmers". Aussagen, die das Publikum mit Applaus hofiert; ob die Laudatorin der Preisverleihung auch klatschte, ist nicht überliefert.

Vera Lengsfeld kritisiert die "Mainstream-Intelligenz". Bild: M. Klarmann

Vera Lengsfeld als Laudatorin

Denn neben dem "Überraschungsehrengast" Giordano, der eine Kurzlaudatio in Aachen hält, darf Vera Lengsfeld die reguläre Laudatio halten. Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin hat ein bewegtes Leben, sie wurde von ihrem eigenen Ehemann im Auftrag der Stasi ausspioniert, war später Mitglied von Bündnis90/Die Grünen, noch viel später trat sie der CDU bei und geriet einmal in die Schlagzeilen wegen einer Coverversion anti-erotischer Brustbilder von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die rechtsnationale Wochenzeitung "Junge Freiheit" (JF) lobte Lengsfeld 2008 als "konservative CDU-Querdenkerin" und "Unbequeme".

In der JF hatte Lengsfeld 2003 ebenso den Ausschluss von Martin Hohmann aus der CDU-Fraktion wegen einer antisemitischen Rede als "inszenierte Treibjagd" bezeichnet. Im Rahmen dieser Rede hatte Hohmann ausgeführt, man könne "mit einer gewissen Berechtigung … nach der 'Täterschaft' der Juden fragen" und diese "mit einiger Berechtigung als 'Tätervolk' bezeichnen". Damit würde man nur "der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet". Im weiteren Verlauf traf Hohmann die Feststellung, der Begriff "Tätervolk" und der damit verbundene Vorwurf der "Kollektivschuld" sei sowohl "den Juden" als auch "den Deutschen" gegenüber absurd und unangebracht. Das wahre Tätervolk des 20. Jahrhunderts, so Hohmann, seien die "Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien" gewesen.

Lengsfelds Engagement gegen Kommunismus brachte ihr weitere positive Erwähnungen in der JF ein. Die Frau turnte zudem im Umfeld einer umstrittenen rechtslastigen Initiative zur Verhinderung eines Moscheebaus in Pankow-Heinersdorf herum (Moscheeanschläge: schleichende Kristallnacht) und nannte diesbezüglich die islamische Reformgemeinde der Ahmadiyya, deren Mitglieder von radikalen Islamisten in ihrer indischen und pakistanischen Heimat bedroht und verfolgt werden, die "Kaderschmiede einer islamischen Polit-Religion". Ihre Laudatio auf Broder nutzt sie in Aachen indes auch dazu, die "gefühlte Mehrheit" irgendwo zwischen Linken, pseudointellektuellen Laberköpfen der "Mainstream-Intelligenz" und der politischen Korrektheit zu kritisieren.

Den Palästinensern wirft Lengsfeld zudem in ihrer Rede vor, sie hätten sich "in der Rolle des Opfers" eingerichtet. Israel sei demgegenüber der anpackende "Vorposten der freien Welt im Nahen Osten". Und wenn der Westen Israel fallen lasse, sei das eine größere Gefahr für das Land, als es die arabischen Nachbarstaaten je sein könnten, sagt Lengsfeld am Sonntag. Anders als Broder äußert sich die umstrittene Konservative allerdings nicht zu dem Aachener Friedenspreis. 1990 wurde ihr nämlich besagter Preis selbst verliehen. Wegen ihrer späteren politischen Wendungen und Querschüsse ging der Aachener Friedenspreis aber auf Abstand. In Auflistungen der Preisträger in den Pressemappen und auf alten Homepages war immer nur eine Vera Wollenberger zu finden.

Wollenberger, das war der Namen ihres Stasi-Gattens. Nach der Scheidung legte die Frau den Namen ab, um ihren Mädchennachnamen Lengsfeld wieder anzunehmen. Davon ungeachtet wirbt Lengsfeld bis heute auf ihrer Homepage damit, Preisträgerin ausgerechnet jenes Preises zu sein, dessen Protagonisten Broder in der Riege des "alternativen friedensbewegten roten Packs" einordnet. Alles in allem also eine interessante Gemengelage rund um Broder, Lengsfeld, "Politically Incorrect" und der DIG Aachen.

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