Von Matratzen und nächtlichen Blutsaugern

Vor 77.000 Jahren nutzte Homo sapiens beim Bettenbau bereits pflanzliche Insektizide

In einer südafrikanischen Höhle entdeckten Archäologen die älteste Matratze der Welt und die eingehende Untersuchung offenbarte, dass die frühen anatomisch modernen Menschen schon spezielle Pflanzen verwendeten, um des Nachts Insekten von ihrer Bettstatt fernzuhalten.

Die Bettwanze, Cimex lectularius. Foto: Centers for Disease Control und Prevention

Die Evolution von Menschen und ihren Parasiten verläuft parallel, und offensichtlich ist der Kampf gegen die winzigen Peiniger so alt wie das Menschengeschlecht. Die Schmarotzer haben sich einst durch die Anpassung an die Lebensweise ihrer Wirte neue ökologische Nischen erschlossen. Seither stehen sie konstant unter starkem evolutionärem Druck, denn Homo sapiens bekämpft sie mit immer wieder neu ersonnenen Mitteln. Dem deutschen Großdichter Johann Wolfgang Goethe wird das Zitat "Flöh' und Wanzen gehören auch zum Ganzen" zugeschrieben, aber faktisch hat sich der Mensch damit nie abgefunden.

Das evolutionäre Wettrüsten zwischen Schmarotzern und Homo sapiens begann, als einzelne Arten von Flöhen, Läusen oder Wanzen sich den Zweibeiner als Nahrungsquelle erschlossen. Im Fall der Kleiderläuse gelang es Genetikern vergangenes Jahr sogar indirekt über deren Gene nachzuweisen, dass Menschen bereits vor 17.000 Jahren Bekleidung trugen, denn in deren Falten und Taschen erschlossen sich die Tierchen ihren hoch spezialisierten Lebensraum.

Sie dürften von da an ständiger Begleiter und durch die juckenden Stiche konstanter Piesacker geblieben sein. In der aus vernähten Fell- und Lederteilen bestehenden Bekleidung der 5.000 Jahre alten berühmtesten Eis-Mumie der Welt mit Spitznamen Ötzi fanden die Wissenschaftler jedenfalls auch zwei Exemplare dieser Art ([1]).

Läuse gibt es seit 65 Millionen Jahren, sie sahen noch die Dinosaurier die Erde bevölkern. Sie sind echte lebende Fossilien. Immer wieder gelingt es ihnen, sich erfolgreich gegen ihre Feinde - und alle menschlichen Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung - durchzusetzen. In den letzten Jahrzehnten schien die Plage der Läuse in Mitteleuropa eingedämmt, aber wer Kinder hat, hat wahrscheinlich die leidvolle Erfahrung gemacht, dass sie längst wieder auf dem Vormarsch sind (vgl. Umgang mit einer wieder auflebenden Parasitose).

Blick auf die Fundstelle in Sibudu, Südafrika. Foto: Lyn Wadley

Bettenbau in der Steinzeit

Allerdings ist es schon erstaunlich, dass Menschen schon vor 77.000 Jahren zum Schichten von pflanzlichen Matratzen Blätter verarbeiteten, die Insekten abschreckende Substanzen enthalten. In Science berichteten kürzlich die Archäologin Lyn Wadley von der Universität Witwatersrand in Johannesburg und Kollegen von der Universität Tübingen sowie der Boston University über ihren spektakulären Fund in der Sibudu-Höhle in der südafrikanischen Provinz Kwa-Zulu-Natal [2].

In Sibudu graben sich die Forscher langsam durch die vielen Schichten von Sedimenten und entdeckten auf ihrem Pfad in die Vergangenheit an dieser ergiebigen Fundstelle durchbohrte Muscheln, die wahrscheinlich frühe Schmuckstücke darstellen, Steinwerkzeuge und bearbeitete Knochenspitzen. Möglicherweise wurde hier schon während der Mittleren Steinzeit mit Pfeil und Bogen sowie Schlingen und Fallen gejagt und zudem Klebstoff aus Pflanzen hergestellt. Es gibt viele Hinweise auf beträchtliche kognitive Fähigkeiten der einstigen Bewohner.

Jetzt kommen noch die Pflanzenbetten dazu, die vor 77.000 Jahren dort aufgeschichtet wurden. Unter dem Felsschutzdach fand das Team um Lyn Wadley die versteinerten Überreste von übereinander geschichteten Blättern und Pflanzenstängeln von Riedgras und Binsen, die wohl ursprünglich 10 bis 20 Zentimeter dick waren, und ein auf drei Meter Liegefläche boten. Die urtümlichen Matratzen sind 55.000 Jahre älter als alle anderen bisher gefundenen Pflanzenbetten des Homo sapiens.

Sie wurden über einen Zeitraum von 39.000 Jahren immer wieder neu gebaut, in 15 Schichten fanden die Archäologen die uralten Unterlagen, auf denen nicht nur geschlafen, sondern wohl auch gegessen oder gearbeitet wurde, wie gefundene Knochenbruchstückchen belegen.

Die besonders alten Matratzen sind bestens erhalten, auf Riedgräsern wird eine dünne Schicht von Blättern der Pflanzenart Cryptocarya woodii (Kap-Quitte), einem Lorbeergewächs, das noch heute in der traditionellen Medizin in Südafrika verwendet wird, gebildet. Die Pflanzenblätter enthalten insektizide Bestandteile und halten Moskitos fern. Lyn Wadley erklärt:

Die spezifische Auswahl dieser Blätter für die Konstruktion der Pflanzenlagen zeigt eine genaue Kenntnis der Bewohner über ihre Umgebung an wie auch der medizinischen Wirksamkeit von Pflanzen. Pflanzliche Heilkunde hat den Menschen gesundheitliche Vorteile verschafft, und der Gebrauch von insektiziden Pflanzen eröffnet uns eine ganz neue Einsicht in das Verhalten der frühen Menschen.

Versteinerte Blätter aus der Steinzeit-Matratze in einer Gipshülle, Foto: Marion Bamford

Urgeschichtliche und neue Kammerjäger

Die Archäologen untersuchten die verschiedenen bröckeligen Schichten, indem sie Brocken daraus in Gips einbetteten und anschließend in Kunstharz konservierten, was es ermöglichte, Dünnschliffe zu gewinnen, hauchdünne Scheibchen, die anschließend unter dem Mikroskop genau untersucht werden konnten. Die Ergebnisse zeigten, dass die Schlafunterlagen immer wieder ausgebessert wurden.

Und seit 73.000 Jahren fackelten die Höhlenbewohner sie zudem immer wieder ab. Team-Mitglied Christopher Miller, ein Geo-Archäologe, der die mikroskopischen Analysen durchführte, geht davon aus, dass dieses Verhalten eine weitere Variante des immer währenden Kampfes gegen die Schmarotzer in Insektengestalt darstellte:

Sie haben die ausgedienten Aufbettungen absichtlich in Brand gesetzt, vermutlich um Schädlinge zu beseitigen. Dies hat den Fundplatz für spätere Nutzungen vorbereitet und stellt eine neuartige Verwendung von Feuer zur Pflege von Siedlungsplätzen dar.

Ob die frühen Sibudu-Bewohner die Blätter der Kap-Quitte nur gegen die winzigen fliegenden Vampire einsetzten, oder ob sie auch unter Bettwanzen litten, ist nicht bekannt. Aber die Biologen gehen davon aus, dass es in den Höhlen geschah, dass die Wanzen den Menschen als Wirt entdeckten, und sich Cimex lectularius von den anderen Arten der Plattwanzen endgültig verabschiedete, um von nun an eigene Wege ausschließlich in menschliche Betten zu gehen. Ihre Blut saugenden Verwandten verblieben bei den Fledermäusen und Vögeln.

Sicher ist, dass schon die alten Griechen unter den juckenden Stichen der Bettwanzen litten. Im mittelalterlichen Europa stellten sie eine echte Plage dar, die man mit einer Vielzahl pflanzlicher und mineralischer Hilfsmittel zu bekämpfen versuchte. Der Bau von Himmelbetten soll ebenfalls ein Versuch gewesen sein, sich diesen nächtlichen Blutsaugern zu entziehen, wie auch um das Bettgestell ausgelegte Matten aus Korbgeflecht, die allmorgendlich ausgeschüttelt wurden.

Den echten Durchbruch brachten aber erst die chemischen Insektizide in den 1940er Jahren des vorigen Jahrhunderts, allen voran DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan). Dafür gab es 1948 den Nobelpreis (vgl. Paul Müller). Allerdings erwies es sich später als giftiger Boomerang, der über die Nahrungskette am Ende in den menschlichen Organismus gelangt, und dort unter anderem möglicherweise krebserregend wirkt. Deswegen ist das Insektenvernichtungsmittel in den meisten Industrieländern seit Jahrzehnten verboten, weltweit soll es nur noch stark kontrolliert eingesetzt werden.

Elektronenmikroskop-Aufnahme einer Bettwanze

Die Bettwanze ist zurück

Amerikanische Eltern bringen ihre Kinder mit dem Spruch "Good night, sleep tight, don't let the bed bugs bite" zu Bett. Zunehmend eine vergebliche Hoffnung, denn im ewigen evolutionären Wettrüsten zwischen Parasit und Wirt liegt in den USA und auch in Europa offensichtlich die Bettwanze wieder vorn.

In den USA gab es schon vor zwei Jahren einen Nationalen Wanzengipfel und selbst in Australien sollen sie im neuen Jahrtausend um ein Vielfaches verstärkt wieder auftreten (Die Bettwanzen kommen). Während der Winter-Olympiade in Kanada 2010 wurde gewitzelt, es handle sich um "Olympische Wanzenspie­le". Für die USA gibt es eine Internet-Datenbank, wo man sich informieren kann, welche Hotels, Edelboutiquen oder Theater unter der Invasion leiden (The Bed Bug Registry).

Auch aus deutschen Nobelhotels wird von nächtlichen Bettwanzenattacken berichtet, Zahlen werden nicht veröffentlicht, denn die Tiere saugen zwar das Blut der Gäste, übertragen aber keine Krankheiten. Das Problem muss hierzulande durchaus Relevanz haben, sonst hätten Kammerjägerfirmen nicht spezielle Infoseiten ins Netz gestellt.

Wkipedia nennt die Bettwanze "Kosmopolit", weil sie weltweit aktiv ist, und "klassische Parasiten". Der Reisende nimmt sie meist im Gepäck mit nach Hause, wo sie sich unverzüglich ansiedelt.

Sie sind nur wenige Millimeter lang und dünn wie Papier, dadurch können sie sich bestens noch in der kleinsten Ritze, Spalte oder hinter Steckdosen verstecken (weswegen sie auch Tapetenflunder genannt werden), um nachts angelockt von Körperwärme und ausgeatmetem Kohlendioxid über ihr Opfer herzufallen. Eine Begegnung mit ihnen ist äußerst unangenehm.

Sie können dem Schlafenden ein Mehrfaches ihres eigenen Körpergewichts an Blut aussaugen. Ihr Sex ist berüchtigt brutal, und das Weibchen legt fast jeden Tag Eier - bis zu 500 in ihrer kurzen Lebenszeit von einem halben bis zu einem Jahr. Gegen die meisten Insektenvernichtungsmittel sind sie immun, was auch damit zusammenhängt, dass nur der Teil ihrer Population den großen DDT-Einsatz überlebte, der entsprechende Mutationen aufwies. Da hilft letztlich wohl nur - wie unsere Vorfahren - die Matratze zu verbrennen und die Räume auszuräuchern.

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