LOAD "XMAS",8

24.12.2011

Weihnachten auf dem Commodore 64

In der Zeit, als Computerspiele noch billig - in mehrfacher Hinsicht - waren, gab es eine nicht unerhebliche Auswahl an Programmen, die den Großen und Kleinen das Warten auf den Weihnachtsmann thematisch angemessen verkürzten. Insbesondere Commodores C=64, das bis dato immer noch am häufigsten verkaufte Computermodell, bot eine Vielfalt an Möglichkeiten, das Thema Weihnachten auch spielerisch anzugehen. Im Folgenden stelle ich eine Auswahl von Weihnachtstiteln, die in den 1980er- und 1990er-Jahren für diesen Computer erschienen sind, vor.

Ein festgefügtes Setting an Regeln und Motiven macht es einem Genre besonders leicht, bedient und variiert zu werden. Das gilt nicht nur für Vampire- und Zombie-Stoffe, sondern auch für Weihnachtsspiele. Schaut man sich das betreffende semantische Feld einmal näher an, so bietet sich einem eine überschaubare Menge von Möglichkeiten: Winter muss es sein, Schnee liegt oder fällt, die Personage besteht idealerweise aus einem Weihnachtsmann, einer Anzahl von Rentieren, Kobolden und Wichteln, haufenweise Geschenken, Tannenbäumen, Süßigkeiten und nicht zu vergessen: Kindern. Christliche Bezüge sollten, wenn überhaupt, am besten nur implizit verhandelt werden, damit das Spiel keinen allzu sündigen Charakter bekommt. Am besten eignet sich hierfür (instrumentale) Weihnachtsmusik.

The Search for Santa Clues

Nun reicht es für ein Computerspiel jedoch noch nicht, sich bloß auf das Sujet zu konzentrieren; die Möglichkeiten und Grenzen der Maschine müssen ebenfalls bedacht werden, wozu die Grafik- und Soundfähigkeiten der Hardware genauso gehören, wie die Ausnutzung der standardisierten Eingabemedien. Und damit nun das Regel-Setting eines Spiels nicht durch allzu große Komplexität abschreckt oder gar langweilt, tut der Weihnachtsspiel-Programmierer gut daran, sich an vorhandenen Spielgenres zu bedienen und diese am besten nur noch um ein erzählerisches Weihnachtsmotiv zu erweitern. Dann noch etwas Weihnachtsgrafik und -musik aus dem eingangs erwähnten Repertoire - und schon hat man eines der tatsächlich vorzufindenden Weihnachtsspiele.

Leise rieselt der Text

Zu den frühesten populären Computerspielen gehörten die Text-Adventures. Sie boten erzählerische Komplexität gepaart mit einem Imaginationsaufruf an den Spieler, wie er später nur noch selten realisiert werden konnte. Idealerweise enthält ein Textadventure keine Grafiken, und wenn doch, dann keine bewegten, sondern solche, die dem Text lediglich als Illustration dienen. Das Spiel The Search for Santa Clues changiert nicht nur gewitzt den einschlägigen Namen des Protagonisten, sondern bringt sein Thema auch gleich auf dem Punkt: Santa Claus wird vermisst - er ist irgendwo am Nordpol verschwunden und taucht er nicht wieder auf, fällt Weihnachten für die Christen-Kinder ins Wasser. "Santa Clues" zeichnet pittoreske Weihnachtsmotive in den oberen zwei Dritteln des Bildschirms, während darunter das Textadventure abläuft. Eine ähnliche Aufteilung präsentiert Merry Christmas, nur ist der Text dieses Mal ins winterliche Ambiente eingebettet. Das ist überall um den Weihnachtsmann herum, denn der befindet sich abermals am Nordpol. Was er da zu tun hat, blieb mir leider unklar, da man sich bei jedem falschen Schritt im ewigen Eis verirrt, was recht bald nervt.

Merry Christmas

Abwechslungsreicher setzt den Text da schon das Frage-und-Antwort-Spiel "Haus Party" in seiner Weihnachtsedition ein. Typischerweise von Hobby-Programmierern in BASIC verfasst, stellt es dem Spieler verschiedenen Fragen, rund um das Thema Weihnachten und verteilt Punkte für Antworten. Ob man der netten Nachbarin die Kekse klauen soll wird da ebenso gefragt, wie, was man gegen die von allen Seiten dröhnende Weihnachtsmusik unternehmen könnte. Pubertär-witzig - zumindest für einen Durchlauf. Knifflig wird es da schon in im ebenfalls in BASIC geschriebenen Christmas Time: Hier ist ein mathematisches Rätsel in kurzer Zeit zu lösen: Man ist der Weihnachtsmann und hat Geschenke abzuliefern. Auf jedem Geschenk steht aber nur ein Nachname und man muss nun die Hausnummer raten. Hat man falsch geraten, erhält man den Namen des Bewohners vom geratenen Haus und erfährt noch, wie viele Häuser dieser vom gesuchten Haus entfernt wohnt. Hier gilt es also zu kombinieren, bis alle Geschenke richtig verteilt sind. Ein Zettel und ein Stift helfen dabei ungemein.

Christmas Time

Abwurf und Absturz

Ebenfalls zu den Textspielen muss wohl das ungemein minimalistisch gehaltene XMAS gerechnet werden. Es führt in eine der Standard-Situationen des C64-Weihnachtsspiels ein: Man fliegt in der Seitenansicht mit dem (hier nur stilisierten) Schlitten über Häuser (hier allerdings nur über eines) und muss das Geschenk zur rechten Zeit abwerfen, damit es in den Schornstein fällt. "XMAS" gelingt es, dieses Spielprinzip mit nur ganz wenigen ASCII-Zeichen auf den Bildschirm zu zaubern und dabei noch eine ordentliche Wurfparabel hinzubekommen. Hieße das Spiel nicht "XMAS", sondern z.B. "B 52", dann hätte es seinen Sinn ebenso erzielt und zugleich die potenzielle militärische Agenda hinter den Sidescroller-Ballistik-Weihnachtsspielen enttarnt. Das Prinzip auf den Boden der Tatsachen gehört das erst in jüngerer Vergangenheit entstandene und grafisch wesentlich solidere Crazy Christmas. Hier wirft man kleine Geschenke in gleichfarbige Kartons, muss dabei aber darauf achten, dass man von dem häufig am unteren Bildrand auftauchenden, schießwütigen Troll nicht erwischt wird.

Crazy Christmas

Eine ganze Phalanx an ähnlichen Spielen bedient sich dieses Prinzips. In Christmas Eve fängt man Geschenke, die vom Himmel fallen, um sie dann über dem richtigen Dach wieder abzuwerfen, bei Santa hat man seinen Schlitten tastaturgesteuert in einer Hochhausschlucht auf einem der Flachdächer zu laden, wobei es verschieden schwierige Landeplätze mit dann erhöhter Punktzahl gibt. (Ganz offensichtlich eine Variation des beliebten "Mondlandung"-Spiels.)

Santa

Santa's Grotty Christmas schießt in dieser Kategorie den Vogel ab. Man spielt einen - wie das Titelbild nahelegt - zumindest angetrunkenen Weihnachtsmann, der Geschenke aus dem Schlitten in Schornsteine werfen muss. Neben den Häusern stehen zeitweilig Außentoiletten (!), deren Geschenkbewurf Punktabzüge nach sich zieht.

Santa's Grotty Christmas

In Santa's Day of Work wird es regelrecht lebensgefährlich für den Geschenkboten: Das Titelbild warnt ausdrücklich davor, die Kinder zu lange warten zu lassen. An der Farbe des Hausfensters erkennt man den Grad ihrer Wut. Ist das Fenster Gelb, heißt das, man hat sich zu viel Zeit mit dem Abwurf über diesem Haus gelassen … !

Santa's Day of Work

Glühwein mit Schuss

Wem das zu viel Arcade und zu wenig Tod für Weihnachten war, der konnte sein Mütchen an einer Reihe von Weihnachts-Shootern kühlen. Allen voran sei der witzige Asteroids-Klon mit dem Titel Xmax Roids empfohlen. Anstelle eines Raumschiffs kreist man mit einem entwurzelten Tannenbaum über den Hausdächern einer Kleinstadt und muss sich herannahenden Weihnachtsbaumkugeln erwehren. Geschossen wird mit Schneeflocken und die Physik der herumfliegenden Kugeln ist gelungen von der Vorlage übernommen.

Xmax Roids

Im Spiel Santa's Christmas Capers kehren wir zurück in die Sidescroller-Ansicht und steuern den Weihnachtsmann auf seinem Schlitten von Links nach Rechts, um herannahende Weihnachtsschleckereien abzuschießen. Diese formieren sich in bester "Gyruss"-Tradition und machen ein Vorwärtskommen dadurch schwer.

Santa's Christmas Capers

Ruhiger geht es da beim schlicht mit Santa Claus betitelten Fangspiel zu: Abermals sind Geschenke, die von oben herabfallen, aufzufangen und in dieses mal in umher schwebenden Luftballons zu platzieren. Dabei wird man von wild kreisenden Hubschraubern in Gefahr gebracht und gerammt, wenn man nicht aufpasst.

Santa Claus

Kollisionsabfragen sind auch das Hauptgeschäft von Santa Claus' Helper, das sich schon grafisch kaum als Spinoff des zuvor behandelten Spiels sehen lässt. Man steuert den Schlitten durch eine Wolkenlandschaft und muss darauf herumliegende(!) Geschenke einsammeln. Kollidiert man dabei mit einer Wolke, einem der darauf wachsenden(!) Tannenbäume oder selbst bloß einer Schneeflocke, verliert man das zuvor gesammelte Präsent wieder.

Santa Claus' Helper

Offiziell karitativ

Längere Zeit in Spiellaune halten solche doch eher eintönigen Ballereien und Fallereien natürlich kaum. Dazu bedarf es dann schon eines Spiele-Highlights wie Christmas Official Father - eines der wenigen C64-Weihnachtsspiele, die nicht nur ebenfalls für andere Homecomputer (Spectrum und Amstrad) verfügbar waren, sondern auch in der jüngeren Vergangenheit noch Beachtung fanden. Das mag daran liegen, dass die verschiedenen Levels unterschiedliche, knifflige und originelle Aufgaben für den Spieler bereithalten. So knifflig, dass sogar ein Trainer dafür programmiert wurde. Im ersten Level hat man als Weihnachtsmann seinen Schlitten aus überall im Weihnachtshaus herumliegenden Einzelteilen zusammen zu bauen - woran einen wild herum laufende Wichtel hindern, deren Berührung das gerade eingesammelte Bauteil wieder verschwinden lässt.

Christmas Official Father

Im zweiten Level fängt man eine zuvor ausgewählte Kollektion von Geschenken, die die Wichtel herabwerfen und trägt diese dann im drittel Level in verschiedenen Weltgegenden aus. Dabei ist wieder das schon bekannte Abwurf-Prizip gefragt. "Father Christms Official" ist ein Charity-Game; vom damaligen Kaufpreis ging ein gewisser Prozentanteil an die Organisation "Save the Children". Die Cracker, die sich das Spiel vorgenommen haben, werden also wahrscheinlich später einmal im Fegefeuer landen und dort ihre Codeschnipsel zu einem Programm zusammenfügen müssen, während kleine Teufelchen sie daran zu hindern wissen ...

Weihnachten im Marketing-Labyrinth

A Popples Christmas Adventure lässt sich keinem eigenen Spielgenre zuordnen - es sei denn, man wollte Cross-Marketing-Experimental-Games als ein solches neu definieren. "Popples" waren in den 1980er-Jahren bekannte Plüschfiguren, die man in sich selbst einstülpen konnte, um aus ihnen flauschige Bälle werden zu lassen. Nicht unähnlich den Glücksbärchis sind die Popples im vorliegenden Spiel vor allem damit beschäftigt niedlich auszusehen. Mal muss man sie, versteckt hinter einem Weihnachtsbaum, suchen, mal mit ihnen Weihnachtsmusik komponieren (ein eher passives Vergnügen), dann laden sie zur Karaoke ein um schließlich doch noch in einem Labyrinth den Joystick-geführten Weg zu einer Geschenkübergabe zu finden. Ein Spiel wohl eher für Kinder im Vorschulalter, deren 6502-Assembler-Kenntnisse noch nicht für eigene Ideen reichten. Die heutige Rezeption von "A Popples Christmas Adventure" fällt dementsprechend zynisch aus.

A Popples Christmas Adventure

Im Labyrinth findet man sich als Weihnachtsmann auch im Spiel Santa's Busy Day wieder. Überall liegen Geschenke verstreut, die man - ohne die Wände des Labyrinths zu berühren … "OUCH"! - einsammeln muss. Nebenher ist man auch auf der Suche nach dem Ausgang, der angesichts der überwältigenden Größe des Labyrinths in der vorgegebenen Zeit nur per Zufall zu erreichen ist. Nach mehreren endlos langen Hin- und Herläufen bei Fehlversuchen führt der Aridanefaden den Spieler unweigerlich zum Ein-/Aus-Schalter des C64.

Santa's Busy Day

Und sonst?

Beim Titel Special Delivery scheint es sich wohl ebenfalls um ein Geschenkabwurf-Spiel zu handeln; allein, die Steuerung hat sich mir nicht erschlossen, so dass ich außer dem Startbildschirm nicht viel zu Gesicht bekommen habe. 'Twas the Night before Christmas stellt hingegen gleich ein ganzes Weihnachtsmenü um die gleichnamige Weihnachtserzählung herum zusammen: Man kann die Geschichte selbst am Bildschirm lesen, sich eine Weihnachtskarte basteln und einen Brief an Santa Claus schreiben (eine Druckfunktion fehlt natürlich ebenso wie ein E-Mail-Knopf … rigoros ehrlich, das Spiel!) . Beim "Christmas Game", das ebenfalls als Menüpunkt angeboten wird, bekommt an ein Bildschiebe-Puzzle vorgesetzt, das man mit Hilfe des Joysticks sortieren soll. Zeittotschlagen vor der Bescherung war nie auffälliger!

Special Delivery

In der Kategorie "Jump & Run" finden sich noch zwei Weihnachtsvertreter. Das erste mit dem Titel Christmas Eve (nicht zu verwechseln mit obigem gleichnamigen Fangspiel) erinnert an "Mario Bros." und ähnliche Etagen-Hüpfspiele. Man steuert den unbemannten Weihnachtsschlitten durch ein vereistes Wolkenkuckucksheim, um Geschenke einzusammeln. Nicht berühren darf man: Wände, Böden, Decken (Vorsicht! Eiszapfen!) sowie die umherschlurfenden Wichtel. Unterhalb des Himmelsgewölbes wartet dann die schon bekannte Dächerlandschaft, die angesteuert und mit Geschenken bedient werden will. Das Spiel Ferris Christmas Capers ist das einzige, das einen 3D-Appeal besitzt. Man steuert ein kleines rundes Männchen durch verschneite Straßen, sammelt Geschenke ein und bringt sie beizeiten ins richtige Häuschen. Das Spiel erweckt den Eindruck, es sei eigentlich für eine andere Story konzipiert worden, woran vor allem die seltsam unweihnachtlich aussehende Spielfigur Schuld trägt.

Christmas Eve

Code Tannenbaum

In den Jahren, in denen diese Spiele erschienen sind - etliche wahrscheinlich nicht einmal als Kaufversionen, sondern als eigenprogrammierte Disketten-Block- und Kassetten-Restband-Füllsel - dürften nicht wenige der potenziellen Spieler auf die dafür notwendige Spielplattform, den C64, als Weihnachtsgeschenk erst noch gehofft haben. Wie enttäuscht müssen die Kids angesichts eines Titels wie "XMAS" aus der Wäsche geguckt haben, weil ihnen der medienarchäologische Blick für den Spielhintergrund gefehlt hat? Andererseits gab es ja eben auch Komplexes wie "Father Christmas Official" zu spielen.

XMAS

Die heutigen Distributionsregeln, die eine Codifizierung simpler, geklauter, bloß ironischer oder auch nur langweiliger Spieleideen gar nicht mehr zulassen aka. finanzieren würden - gepaart mit der zunehmenden Unlust, die Spielmaschine Computer durch Programmierung selbst beherrschen zu wollen, lassen einen wehmütigen Blick auf die Vielfalt und auch die Einfalt der damaligen Weihnachtsspiele entstehen. Genau die richtige Stimmung vor Weihnachten, zu Verklärung der eigenen Jugend und zum Setzen neuer Ideale: Mein Sohn bekommt an einem der nächsten Weihnachten einen C64 geschenkt. Kommt er ins Wohnzimmer, steht der Brotkasten bereits angeschlossen unterm Baum und darauf läuft "Santa's Grotty Christmas". Und während sich seine Kindergartenfreunde alle mit einer PlayStation 4 oder X-Box 720 zufrieden geben müssen, wird er mit seiner coolen 8-Bit-Maschine angeben können!

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