Die Last des Alterns, neu verteilt

22.12.2011

Industrieländern schadet die Überalterung der Bevölkerung weniger als befürchtet: Weil die vielen Alten geistig noch überraschend fit sind

Es ist ein trauriges Bild, das beim Blick auf die Alterspyramide eines Landes wie Deutschland entsteht. Die Pyramide, die längst keine mehr ist, zeigt einen unverhältnismäßig hohen Anteil alter Menschen. Weil Gesundheit für alle preiswert verfügbar ist und Kinder als teuer für Portemonnaie und Nerven gelten, haben wir uns zu einer überalterten Gesellschaft entwickelt. Vielleicht sogar zu einer sterbenden Gesellschaft, der die frischen Ideen ausgehen und die deshalb im Vergleich zu den jungen, noch lange nicht satten (in jedem Wortsinn) Nationen Asiens und Afrikas über kurz oder lang scheitern muss. So jedenfalls eine beliebtes Untergangs-Szenario.

Dass diese Vorstellung nicht eintreten muss, zeigt ein internationales Forscherteam jetzt in einem Artikel in den Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS). Ihr Haupt-Kritikpunkt: Alter ist nicht gleich Alter. Welche Last ihre ältesten Mitglieder für eine Gesellschaft darstellen, hängt von einer ganzen Reihe an Bedingungen ab.

Tatsächlich ist schon der Begriff "Last" in diesem Zusammenhang zweifelhaft, denn die Alten sind gleichzeitig auch ein Potenzial, ein Potenzial an kognitiver Leistungsfähigkeit, das in der Wirtschaft gebraucht wird. Es ist ja kein Zufall, dass spätere Nobelpreisträger ihre preiswürdige Leistung in immer höherem Alter erbracht haben, wie etwa gerade eine Studie feststellte. Der stetig wachsende Wissenspool will schließlich erst einmal durchtaucht werden, bevor man auf ihm selbst neues Wissen hinzufügen kann. Die Forscher haben nun untersucht, wie die Verteilung des kognitiven Potenzials von Menschen über 50 Jahren weltweit aussieht - und sind dabei zu interessanten Ergebnissen gekommen.

Solche Zahlen sind aktuell immerhin schon für fast die Hälfte der Weltbevölkerung verfügbar. Allerdings wird dabei meist nach unterschiedlichen Kriterien abgefragt. Allen Studien weltweit gemeinsam ist allerdings ein Maßstab für die kognitive Leistungsfähigkeit: Ein Test des Kurzzeit-Gedächtnisses, der ähnlich wie das Spiel "Ich packe meinen Koffer und nehme ... mit" funktioniert - im Laufe des Tests werden zehn vorgelesene Wörter nach einminütiger Pause abgefragt.

Änderung der Bewertungskriterien für die "Last des Alters"

Dabei handelt es sich um ein durchaus aussagekräftiges Kriterium, dem eine Korrelation etwa mit dem Erfolg bei finanziellen Entscheidungen oder mit dem Risiko, eine Demenz zu entwickeln, nachgewiesen wurde. Zudem ist der technische Fortschritt kaum noch ohne die Fähigkeit des lebenslangen Lernens zu bewältigen - wer ab einem bestimmten Alter dazu nicht mehr in der Lage ist, gilt als abgehängt.

Beim weltweiten Vergleich zeigt sich zunächst, was zu erwarten ist: Zwischen 50 und 85 Jahren verschlechtert sich das Kurzzeitgedächtnis signifikant, das gilt weltweit. Allerdings liegen die kognitiven Fähigkeiten von Probanden in den drei Ländern Indien, Mexiko und China deutlich unter denen von alten Menschen in den Industrieländern.

Die Forscher machen unterschiedlich gute Lebensverhältnisse in den entsprechenden Regionen dafür verantwortlich - wer heute in Nordeuropa alt ist, fand auch in der Jugend und im mittleren Alter bessere Verhältnisse vor als in einem Entwicklungsland. Es besteht zum Beispiel eine Korrelation zwischen Bildungsgrad und dem Risiko, Alzheimer zu entwickeln. Da sich dies generationsbedingt nicht schnell ändern wird, haben wir damit offenbar einen Befund, der auch die nächsten 20, 30 Jahre noch beschreibt.

Die Forscher schlagen deshalb eine Änderung der Bewertungskriterien für die "Last des Alters" vor: Statt wie bisher den Anteil von Menschen über 65 an der Gesamt-Bevölkerung zugrunde zu legen, sollte man das Verhältnis bilden aus der Zahl der Menschen über 50, die im Test nur noch die Hälfte der Wörter (oder weniger) erinnern und der Zahl derer, die diese Leistung erbringen. In einer so sortierten Tabelle erscheinen plötzlich die klassisch "jungen" Länder Indien, Mexiko und China deutlich älter, während die USA und Nordeuropa vorn liegen. Mittel- und Südeuropa hilft allerdings auch eine solche Umbewertung nicht, die beiden Regionen bleiben am Ende der Liste.

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