Europas Nachtgesang

29.12.2011

Der russische Filmpoet Andrej Tarkowski starb vor 25 Jahren - und hinterließ die Einsichten eines Unbehausten

Glattes schwarzes Haar, das Gesicht geistesabwesend in die linke Hand gestützt, den Blick zweifelnd in eine imaginäre Ferne gerichtet: Eine russische Briefmarke von 2007 zeigt den Regisseur grüblerisch, als schwermütigen Denker. Ein Andenken in Tristesse? Andrej Arsenjewitsch Tarkowski, so sein voller Name, starb am 29. Dezember vor 25 Jahren in Paris an Krebs. Er wurde nur 54 Jahre alt; seine Filme gelten vielen als zeitlos grandios.

Sieben Werke brachte der Meister unters Volk, obwohl er das Volk als Masse wahlloser Konsumenten nicht mochte:

Es ist unmöglich, Jahre der Arbeit und diese anderthalb Stunden, die man im Kino verbringt, zu korrelieren. Es gibt Zuschauer, die in diesen anderthalb Stunden alles begreifen wollen. Aber sofort und auf einmal ist es unmöglich! Nicht zufällig hat einer der bekanntesten Schriftsteller gesagt: "Es ist ebenso schwer, ein gutes Buch zu lesen, wie es zu schreiben."

A. Tarkowski, während eines Treffens mit seinen Fans in Estland

Mit dem "bekannten Schriftsteller" wird er den Deutschen Friedrich Schiller gemeint haben. Sein eigenes Credo faßt der Cicerone des rätselhaften Kinos in die Worte zusammen: "Der Mensch muß danach streben, die Kunst zu verstehen, und die Kunst darf nicht auf das Niveau der Massenproduktion herabsinken." Basta. In Deutschland setzte die Tarkowski-Rezeption endgültig mit "Stalker" ein (1979). Im lakonischen Fazit von Cinema liest sich das so: "Düstere Darstellung menschlicher Grenzen."

Stalker

Der Kult der Bilder ist das Geheimnis, das seine Sympathisanten zusammenschweißt; Tarkowski wird als "einsamer Solitär", der er ist und bleibt, wohl nie einer werden, der die Multiplex-Gemeinde unserer Tage begeistert. Sein filmisches Vermächtnis ist bestenfalls in den Programmkinos einiger Städte aufgehoben. Nach einer suggerierten Prophezeiung Boris Pasternaks hätten es 7,5 Filme sein sollen.

Der junge Tarkowski war eigenen Erinnerungen zufolge dem Geist des berühmten Literaten begegnet und hatte ihn nach den Aussichten befragt. "Warum nur so wenige?", wollte der angehende Filmemacher wissen. Pasternaks Auskunft fiel eindeutig aus: Wenige Filme - dafür gute.

Fern und fremd wie der Mars

Pasternak hin, Pasternak her - ziemlich genau so kam es. Der Adept erkletterte mit ehernem Willen den Olymp des internationalen Kinos, man zählt heute, wie gesagt, sieben Regiearbeiten zum Hauptbestand seiner Hinterlassenschaft. Dafür erhielt Tarkowski mannigfache Auszeichnungen, darunter gar den streitigen Titel "Volkskünstler Russlands" (1980), aber er war zeitlebens ein Fremder nicht nur in seiner eigenen, der russischen Heimat. Ein Außenseiter auch der gesamteuropäischen Kultur und Lebensform, der er doch durch mannigfache Zitate verbunden blieb, deren ikonografische Moden und Traditionen, ausgehend von der Renaissance, seine Filme durchziehen wie objektive und zugleich rätselhafte Lebenslinien. Denn Europa ist wohl geistiges Domizil, aber es ist doch zugleich auch schauerlich fremd und fern wie der Mars; so klingt es zumindest aus dem Mund Alexanders in einer Szene aus "Opfer" (1986), wenn der alternde Protagonist ein Geburtstagsgeschenk betrachtet: eine historische Karte Europas.

Wie herrlich muss das gewesen sein, als man glaubte, die Welt wäre so, wie sie hier abgebildet ist. Dieses Europa hier ist wie der Planet Mars, das heißt, es hat nichts mit der Wahrheit zu tun.

Alexander, gespielt von Erland Josephson, in: "Opfer"

Er, ein Spiegelbild des Filmemachers selber, inspiziert sie kniend, kauernd, bestaunt sie wie ein phantastisches Stück Gegenwelt, wie einen absurden Kosmos: die europäische Landkarte, "ein Original"! Und dann: In einer quälend langsamen Kamerafahrt - nochmal: es geht um Europa - zieht es den Blick fort von der Abgeschiedenheit der Schäreninsel, auf der Alexander seinen Lebensabend verbringt, hin zu einer Großstadtbrache; die traumhafte Bewegung folgt den versprengten Überresten einer gänzlich ruinierten Zivilisation.

Opfer

Bilder wie nach einem Atomkrieg. Triste Wasserlachen, Verpackungsmüll, ein zerbrochener Stuhl. Zelebrierte Langsamkeit. Ein Autowrack liegt auf der Seite da wie ein geschlachtetes Tier, tote, maschinenmäßige Innereien lugen hervor wie Eingeweide. Tarkowski spielt mit der Hoffnungslosigkeit einer zerbrochenen Welt, die durch nichts mehr heilbar ist. Der nichts mehr heilig ist.

Ist es Melancholie?

Wohl auch. In der Einordnung seiner Kunst in den langen Strom zivilisatorischer (Un-)Zeit, ausgehend von Renaissance und Barock, in den Bezügen und Zitaten der Emblemkunst des 17. und 18. Jahrhunderts etwa erkennt der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme Tarkowskis "melancholischen Allegorismus". Böhme konstatiert und beschreibt Tarkowskis einzigartige schwermütige Virtuosität, sein außergewöhnliches Talent, "Zivilisationsprozesse und -objekte in Bildern des Verfalls zu arrangieren". Wer kann das wie Tarkowski?

Fremdartig, phantastisch, irreal, das ist sein Planet. Man muss nicht zum Mars fliegen, um diesem vertrackten Eiland zu begegnen. Es heißt Russland (wie in "Andrej Rubljow", 1966 - 69), Europa (wie in "Opfer", 1986), Solaris wie im gleichnamigen Film (1972) oder schlicht die Zone (wie in "Stalker", 1979). Immer ist es eines: ein unbehaglicher Kosmos, bestehend aus Gewalt und Kümmernis. "Wir gebrauchen das Mikroskop wie einen Knüppel", räsoniert Alexander nüchtern. "Jedweden wissenschaftlichen Fortschritt verwandeln wir unmittelbar in etwas Böses."

Solaris

Der Zivilisationsprozess im Zustand fortlaufender Demoralisation. Bei Tarkowski ist die moderne Kultur denn auch eine "Zivilisation der Prothesen", eine Ordnung, die den Menschen - er nennt ihn wohl auch den "Durchschnittsmenschen" - systematisch von der Reflexion abschneidet. Der Mensch in dieser Kultur, die in ihrem innersten Versteck eine Unkultur ist, erleidet den Verlust des "Schönen und Ewigen". Damit bezweifelt Tarkowski1 das Projekt der Moderne überhaupt.

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