Alan Moore und die Anarchie

Trüge die Occupy-Bewegung Batman-Masken, würde Frank Miller sie lieben - Teil 2

Während Frank Miller sich dem Law-and-Order-Denken verschrieb, waren Alan Moores Comics immer auch von dem geprägt, was den exzentrischen Engländer ausmacht: Anarchie, ein kritischer Blick auf Gesellschaft und Politik und nicht zuletzt auch eine gute Prise (rabenschwarzen) Humors. Bereits in jungen Jahren zeigte sich, dass der lesefreudige junge Mann aus den ärmlichen Verhältnissen nicht in Schubladen pressen ließ. 1953 geboren, wurde er 1970 bereits der Schule verwiesen. Grund hierfür war sein LSD-Konsum und die Tatsache, dass die Lehrer in ihm eine Gefahr für die Moral der anderen Schüler sahen, was auch anderen Schulen mitgeteilt wurde, bei denen Moore seine schulische Ausbildung beenden wollten. Diese Einschätzung seiner selbst teilt Moore bis heute.

Teil 1: Trüge die Occupy-Bewegung Batman-Masken, würde Frank Miller sie lieben

From Hell

Nach seiner Heirat verdingte sich Moore zunächst in diversen einfachen Jobs (Toilettenputzen etc.), merkte jedoch, dass ihm etwas fehlte - und kam so zu seinen ersten Versuchen im Comiczeichnen. Bereits hier zeigte sich sein Humor, der ihn beispielsweise die Pseudonyme Curt Vile (in Anlehnung an Kurt Weill, jedoch auch im Sinne von vile = abscheulich, widerwärtig, wertlos) oder Jill de Ray (in Anlehnung an Gilles de Rais, einen Kindermörder) wählen ließ. Neben Sozialleistungen finanzierte sich die inzwischen auf drei Personen angewachsene Familie Moore auch durch den Comic Maywell, the Magic Cat, der jedoch von Moore eingestellt wurde als die Northant´s Post (in der das Werk erschien) einen negativen Artikel über Homosexuelle veröffentlichte.

Moore konzentrierte sich danach zunehmend auf das Schreiben von Comics, weniger auf das Zeichnen. Und nach Stationen bei den Comicschmieden 2000AD und Marvel UK bekam er schließlich das, was er sich so sehnlichst gewünscht hatte: einen "ongoing plot" - die Möglichkeit, einen Comic zu schreiben, der sich weiterentwickelte, der durch Tiefe und Länge bestach. Im monatlich erscheinenden Magazin bekam er gleich zwei dieser Plots. Und so kreierte Allan Moore neben dem Marvelman (der später in Miracleman umgetauft wurde) auch jene Geschichte, die spätestens seit ihrer Verfilmung durch die Wachowski-Brüder eine Art Kultstatus erlangen sollte: V wie Vendetta. (Der Anfang der Saga erschien im Warrior, später kaufte sich DC die Rechte.)

V wie Vendetta - Mainstreamerfolg

V wie Vendetta war Moores Kritik am Thatcherismus. Es zeigt eine dystopische Welt, in der Minderheiten wie Homosexuelle oder Ausländer weitgehend ausgerottet wurden und ein fanatischer Führer sein Land mit Hilfe von religiösen Hetzern und einer außerhalb jeder Kontrolle agierenden "Sicherheitstruppe" regiert. Obgleich erst der Film V wie Vendetta wirklich berühmt machte, war Moore (den bereits die Lichtspieladaptionen seiner Werke From Hell und The League of Extraordinary Gentlemen enttäuscht hatten) mit diesem mehr als unzufrieden. Die Wachowski-Brüdern hatten nämlich etwas ausgelassen, was Moore besonders wichtig war:

There wasn't a mention of anarchy as far as I could see. The fascism had been completely defanged. I mean, I think that any references to racial purity had been excised, whereas actually, fascists are quite big on racial purity.

Auch andere Elemente, die den Comic und seine Charaktere vielschichtig machen, wurden zugunsten der Mainstreamtauglichkeit des Films ausgelassen oder stark verändert: Eveys Zwangsprostitution fiel der Schere komplett zum Opfer, ebenso der LSD-Selbstversuch des Inspektors. Eveys Chef Gordon ist im Comic ein Kleinkrimineller, der von einer schottischen Gang getötet wird, im Film jedoch ist er der reiche, exzentrische und homosexuelle Talkshowmaster, der (nachdem er seine Show für eine parodistische Kritik an der Regierung nutzt) quasi als Held von den Fingermen (der Sicherheitstruppe der Regierung) getötet wird. Dafür gibt es im Film einen (im Comic nicht vorkommenden) St. Mary's Virus, der heimlich entwickelt und strategisch eingesetzt wird, um so für die Wählerstimmen einer von Angst beherrschten Bevölkerung zu sorgen. Hugo Weaving, der im Film den maskierten Rächer V spielt, kommentierte die Unterschiede zwischen Film und Comic wie folgt:

Alan Moore was writing about something which happened some time ago. It was a response to living in Thatcherite England ... This is a response to the world in which we live today. So I think that the film and the graphic novel are two separate entities.

Die Anarchie und Occupy

Anarchie war und ist für Moore die Ausgangsform für alle Regierungsformen:

I believe that all other political states are in fact variations or outgrowths of a basic state of anarchy; after all, when you mention the idea of anarchy to most people they will tell you what a bad idea it is because the biggest gang would just take over. Which is pretty much how I see contemporary society. We live in a badly developed anarchist situation in which the biggest gang has taken over and have declared that it is not an anarchist situation - that it is a capitalist or a communist situation. But I tend to think that anarchy is the most natural form of politics for a human being to actually practice.

Ob in seinen Variationen von Batman-Comics wie The Killing Joke, in V wie Vendetta oder auch im zweitbekanntesten seiner Werke, Watchmen: Anarchie, Chaos, Exzentrik und die gespalte Gesellschaft haben ihren Platz in Moores Werken, weshalb es für den selbst ernannten Magier auch logisch ist, dass er die Occupy-Bewegung gut verstehen kann:

I can't think of any reason why as a population we should be expected to stand by and see a gross reduction in the living standards of ourselves and our kids, possibly for generations, when the people who have got us into this have been rewarded for it - they've certainly not been punished in any way because they're too big to fail. I think that the Occupy movement is, in one sense, the public saying that they should be the ones to decide who's too big to fail. As an anarchist, I believe that power should be given to the people whose lives this is actually affecting.

Es war insofern abzusehen, dass Frank Miller und Alan Moore in Bezug auf die Occupy-Bewegung verschiedener Meinung sind, doch gerade Millers Rant führte dazu, dass diese Meinungsverschiedenheiten nun nicht nur auf der großen Bühne der Öffentlichkeit ausgetragen werden, sondern auch Moores Ansichten in Bezug auf die heutige Welt in den Fokus bringen.

V wie Vendetta III

Moore beschränkt sich nicht nur darauf, Millers Ansichten, die sich in dessen Comics widerspiegeln, als frauenfeindlich (Sin City), homophob (300) und "fehlgeleitet" zu bezeichnen, er bezog im Interview mit Honest Publishing auch eindeutig Stellung, was die momentane Situation in der Welt im Allgemeinen angeht. Als Anarchist, so Moore, glaubt er daran, dass das Volk die Macht haben sollte. Derzeit liege die Macht in Händen einer kleinen Bevölkerungsgruppe, die die Schicksale vieler anderer bestimmt, weil sie die Kontrolle über die Währung ausübt. Moralische Autorität sei bei ihr nicht zu finden, sondern eher das Gegenteil:

As an anarchist, I believe that power should be given to the people, to the people whose lives this is actually affecting. It’s no longer good enough to have a group of people who are controlling our destinies. The only reason they have the power is because they control the currency. They have no moral authority and, indeed, they show the opposite of moral authority.

Damit bezieht Moore auch eindeutig Stellung zum Kapitalismus:

So something has to be done about that. I would suggest beheading the bankers, but while it would be very satisfying and would cheer us up, it probably wouldn’t do anything practical to alter the situation. Behead the currency. Change the currency, why not? It would disempower all the people who had bought into that currency but it would pretty much empower the rest of us, the other ninety-nine percent.

Eine Spitze konnte sich Moore allerdings nicht verkneifen. Würden die Occupy-Teilnehmer Batman-Masken tragen, so Moore, würde Miller sicherlich begeistert sein. Dass sie sich stattdessen für die aus V wie Vendetta bekannte Guy-Fawkes-Maske entschieden haben, wäre wohl auch ein Grund für Millers Gereiztheit.

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