Irgendwie anders und selig eingeschlafen

15.01.2012

Im Land von Russenspieß und Jagertee

Teil 1: In der Mitte der Gesellschaft: Was macht der rosarote Panther im Forsthaus Falkenau?

Weihnachten 2011 ging so: Bundespräsident Christian "Besser die Wahrheit" Wulff duckte sich weg, versteckte sich in seinem Schloss und gab, als ihm das nichts half, eine Erklärung ab, in der er seine Tricksereien als nicht geradlinig bezeichnete. Vorher hatte er noch die Weihnachtsansprache aufgezeichnet. In ihr teilte er dem Volk mit, dass sein dreijähriger Sohn immer selig einschläft, wenn ihm der Papa aus dem Buch Irgendwie anders vorgelesen hat. Der Kleine weiß dann nämlich, dass es gut ist, wenn wir alle verschieden sind. Wulff ging damit auf Nummer Sicher. Das Buch wurde mit dem UNESCO Prize for Children’s and Young People’s Literature in the Service of Tolerance ausgezeichnet. Wenn man eine wohlfeile Feiertagsrede halten will, kann man da nichts falsch machen (es sei denn, es kommt demnächst heraus, dass Herr Maschmeyer, Veronica Ferres oder Frau Geerkens Anteile an dem Verlag halten, in dem Irgendwie anders erschienen ist).

Zu gern hätte ich gewusst, wie viele von denen, die mehrheitlich gegen Wulffs Rücktritt sind, obwohl ihn, Umfragen zufolge, ebenfalls eine Mehrheit für unglaubwürdig und unehrlich hält, mit ihren Kindern Uralt-TV-Serien aus deutscher Produktion anschauen, statt gemeinsam Irgendwie anders zu lesen. Bei 28 Seiten ist Letzteres ein endliches Vergnügen, womit ich nicht gesagt haben will, dass der Bundespräsident oder sein Redenschreiber das mit dem Vorlesen nur erfunden hat. Die Wiederholung macht’s, weshalb Wulff junior bestimmt öfter als nur einmal selig eingeschlafen ist. Vielleicht findet der Papa, wenn der Sohn im Bett liegt, im Jahr 2012 hin und wieder Zeit, einen Blick auf das Fernsehprogramm zu werfen, das öffentlich-rechtliche Anstalten den Leuten bieten, die ihn für einen akzeptablen Bundespräsidenten halten. Dann könnte er im Dezember 2012, falls er da noch im Amt sein sollte, eine Weihnachtsansprache halten, die weniger gefällig, dafür aber auch weniger abgehoben wäre. Kehren wir also aus Schloss Bellevue zurück in das Forsthaus Falkenau (mit Christian Wolff, nicht Wulff).

Heimatgefühle mit Oma Herta und Oma Inge

Wenn alte Sachen "modernisiert" (endlos recycelt) werden, weil es kein Geld für eine ordentliche Stoffentwicklung gibt, keine geeigneten Autoren oder was auch immer, ist mir das grundsätzlich recht, solange man nicht gezwungen wird, sich das Zeug anzuschauen. Aber die Leute, die das machen, sollten wissen, was sie tun. Wer bei den Heimatfilmen der Nachkriegszeit klaut, begibt sich auf vermintes Terrain, weil diese Filme sich ihrerseits beim NS-Kino bedienen - und das meistens erschreckend unreflektiert. Das Unreflektierte ist auch eine Spezialität solcher Serien wie Forsthaus Falkenau. Die Ideologie steckt manchmal im Detail (karikierte Juden, NS-Embleme), viel mehr jedoch in den Erzählmustern, den Figurenkonstellationen und so weiter. Wer diese übernimmt, kriegt etwas mit dazu, was er wahrscheinlich gar nicht haben wollte. Dabei ist es, vom Ergebnis her gesehen, völlig unerheblich, ob das absichtlich passiert (was ich niemandem unterstellen will), aus Denkfaulheit, Einfallslosigkeit oder Unwissen.

Angelika, wir erinnern uns, die Frau des Försters in Staffel 3 (Anja Kruse), ist Tierärztin von Beruf. In dieser Funktion begleitet sie ihren Martin bei einer Schulexkursion in den Wald, weil die schmucke Biologielehrerin krank geworden ist. Vor einem abgestorbenen Baum, in dessen Holz die Vögel Käfer und Maden finden, macht die Gruppe Halt. Diese Buche, erklärt der Förster den Kindern

ist quasi ein Mehrfamilienbaum für unsere Vögel. […] Der Schwarzspecht, der wohnt natürlich ganz da oben, und eine Etage drunter, da wohnt dann der Kleiber oder der Baumläufer. Und unser Baum bietet geradezu den idealen Speisezettel für die Vogelfamilie.

Der Förster überträgt also menschliche Eigenschaften auf Tiere. Das kann man so machen. Ich will hier nicht darüber spekulieren, ob das pädagogisch sinnvoll ist oder nicht. Aber wer Tiere mit Menschen vergleicht, muss sich auch daran messen lassen. Im Genre des durch die zwölf braunen Jahre belasteten Heimatfilms wäre ich mit solchen Zuschreibungen sehr vorsichtig. Die Nazis übertrugen Naturgesetze auf die menschliche Gesellschaft und rechtfertigten so ihre Verbrechen. Selbstverständlich liegt das dem ZDF-Förster fern. Trotzdem hätte ich mir etwas mehr Sensibilität im Umgang mit einem heiklen Thema gewünscht - eine Sensibilität, die ich in Forsthaus Falkenau nicht entdecken kann.

Forsthaus Falkenau, Angst um Rica

Es gibt sogar eine direkte Verbindung zum NS-Film, durch das Personal. Der Förster hat eine Mutter, Oma Inge, und, aus einer Ehe mit einer vor Episode 1 verstorbenen Frau, eine Schwiegermutter, Oma Herta. Herta wird von Bruni Löbel verkörpert, die mit einer Nebenrolle in der Operette Heimatland 1939 ihr Filmdebüt feierte, dann in drei Vorbehaltsfilmen mitwirkte (Jungens, Fronttheater, Der 5. Juni) und im hohen Alter, als eine der Letzten, die man noch befragen konnte, zur häufig von Kamerateams besuchten Zeitzeugin wurde. In diversen Dokumentationen über Filmgrößen des Dritten Reichs erzählt sie, was sie miterlebt hat oder woran sie sich zu erinnern glaubt. Ich kann noch beitragen, dass sie in Der 5. Juni Gisela Uhlen traf, die Darstellerin von Oma Inge. Gisela Uhlens Leinwandkarriere begann mit einer Hauptrolle im NS-Propagandafilm Annemarie (1936). NS-Propaganda transportierten auch Liebelei und Liebe, Zwischen Hamburg und Haiti oder Mann für Mann. Die Rothschilds, in dem sie als Phyllis mitwirkte, die Braut des antisemitischen und englandfeindlichen Helden, ist ein weiterer Vorbehaltsfilm.

Forsthaus Falkenau

Ich verlange keineswegs ein Berufsverbot für die beiden (ohnehin verstorbenen) Damen, aber ein wenig mehr Sensibilität (schon wieder dieses Wort, das ich noch öfter verwenden werde) wäre nicht schlecht gewesen, da Forsthaus Falkenau zu einem im Dritten Reich überaus beliebten, vom NS-Kino nachhaltig geprägten Genre gehört. Der Wald und die Berge wurden so stark ideologisch besetzt, dass sie sich bis heute nicht davon erholt haben. Meiner Meinung nach sollte man das berücksichtigen, wenn man so eine Serie macht, weil man sonst plötzlich auf den Spuren derer wandelt, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben will. Konnte man für Oma Herta und Oma Inge keine Darstellerinnen finden, die nicht schon vor 1945 dabeigewesen waren, als die Heimat gegen die Fremden verteidigt wurde (notfalls per Eroberungskrieg, wie Gisela Uhlen in ihren vielen Rollen als aufopferungsvolle Soldatenbraut erfuhr)? Oder war der Wiedererkennungseffekt beim älteren Publikum wichtiger als andere Überlegungen? Gab es überhaupt andere Überlegungen?

Angst ums Hirn

Im Wald von Forsthaus Falkenau hausen nicht mehr die Räuber und auch keine italienischen Gastarbeiter oder Zigeuner wie hin und wieder im Heimatfilm der 1950er (bei den Nazis musste man sich vor Polen oder Russen hüten), aber gefährlich ist er doch. In der Episode "Angst um Rica" sind es die Zecken, vor denen man sich schützen muss. Rica hat Fieber, auf ihrer Stirn hat sich eine Zecke festgebissen und mit Blut vollgesaugt. Warum der Förster und seine Frau das nicht früher entdeckt haben, ist mir ein Rätsel, aber es geht da jetzt um Pädagogik, nicht um Plausibilität. Narrative Logik und handwerklich gut gemachte Drehbücher gehören ohnehin nicht zu den Merkmalen dieser Serie. Den Förster packt das schlechte Gewissen, weil er es versäumt hat, seine Kinder impfen zu lassen. Trotzdem stapft er weiter mit Bundhose und heruntergelassenen Strümpfen durch den Wald, weil das so urig und so zünftig ist. Das ist der beste Weg, sich Zecken einzufangen. Lifestyle geht vor Sicherheit. (Und doch auch wieder nicht, weil Rica, wie sich am Ende herausstellt, nur eine Sommergrippe hat, um das Publikum nicht zu sehr zu beunruhigen.)

Zum Glück ist Martin Rombach gerade mit einer Tierärztin verheiratet. Die weiß, was nun zu tun ist: Eine nachträgliche Impfung kann das Schlimmste, eine durch den Zeckenbiss übertragene Hirnhautentzündung, noch verhindern. Was sich die Werbestrategen der Pharmaindustrie nicht besser hätten ausdenken können: Von drei Apotheken in der Gegend hat nur eine den Impfstoff vorrätig. Im echten Leben würde der Hausarzt kommen, und in diesem heilen Fernsehort erst recht, weil da der Landarzt selbstverständlich noch Hausbesuche macht, jetzt aber nicht, weil es der Drehbuchautor anders haben will. Rombach holt den Impfstoff aus der Apotheke (das Rezept reicht er nach). Rica wird immer kränker. Angelika hätte das fachliche Wissen, sie zu impfen, darf aber nicht, weil sie Tierärztin ist. Darum wartet sie brav ab (und nervlich angespannt), bis der Notarzt kommt.

Forsthaus Falkenau, Angst um Rica

Das ist soweit nachvollziehbar und doch eine Erfindung. Was ging wohl im Kopf des Autors vor, als er sich für dieses im Grunde völlig überflüssige Handlungselement entschied? Es bedürfte nur eines kleinen Schlenkers, und schon hätte man einen Lieblingskonflikt des NS-Films etabliert: Edle deutsche Menschen bringen ein Opfer für die gute Sache. Das ginge so: Wenn Angelika weiter auf den Notarzt wartet, statt Rica sofort zu impfen, muss das Kind sterben. Also greift die Tierärztin zur Spritze, auch wenn sie dadurch womöglich ihre Zulassung verliert. Nach vollbrachter Rettungstat plädiert sie, vielleicht vor Gericht, für eine Änderung der unsinnigen Gesetze. Transportiert würde damit eine bestimmte Ideologie, die Grenze zwischen Mensch und Tier würde verwischt.

Als Tierschützer kann man sich über so etwas freuen und davon träumen, dass wir die Käfighaltung von Hühnern abschaffen und alle Vegetarier werden. Wenn man sich jedoch daran erinnert, mit welchem Ziel die Nazis ihre Vergleiche mit Flora und Fauna bemühten (sie behandelten Menschen wie Tiere, nicht umgekehrt), kann man unruhig werden. Die putzige Vorstellung vom Baum, der als Mehrfamilienhaus für die Vögel dient, kriegt da schnell etwas Gruseliges. Übertreibe ich damit ganz fürchterlich? Mag sein. Ich gebe aber zu bedenken, dass man die Geschichte vom Wald, von Rica und vom Zeckenbiss auch völlig anders hätte erzählen können - so zum Beispiel, dass die Frage, ob die Tierärztin dem Kind eine Spritze geben soll oder nicht, erst gar nicht aufkommt. Den Tieren im Wald und auf der Wiese hätte das nicht geschadet.

Irgendwie anders und selig eingeschlafen

(K)Ein Platz für wilde Tiere

Im Fernsehen fängt es an

Unmögliches Falkenau

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