"The Taming of Modernity" - à la Katar
Die Reality-TV-Show "Stars of Science" zeigt den Arabern, wo ihr Platz in der Moderne ist
350 bis 400 Millionen Menschen leben im arabischsprachigen Raum und vermutlich sehen ebenso viele Fernsehen. Vor allem Soaps und Reality-Shows boomen. Das führungsambitionierte Katar macht sich dies zunutze, um seine Botschaften in möglichst alle arabischen Wohnzimmer zu senden.
"Glaube hat nichts mit Glühlämpchen zu tun". Sieben Worte spricht Fouad Mrad. Und der Schöpfer jenes blinkenden Gebetsteppichs, der die korrekte Himmelsrichtung und die Gebetszeiten anzeigt, muss von dannen ziehen. Mrad ist Leiter des ESCWA- Regionalzentrums für Technologie in Amman und permanentes Jurymitglied der katarischen Reality-TV-Spielshow Stars of Science.
Er ist quasi das Aushängeschild der Show. Der graumelierte Mann entscheidet spritzig und beinhart über die Ideen, die jährlich zigtausende arabische Jungerfinder bei "Stars of Science" einreichen. Darunter ein Roboter, der bügelt. Vorgeschlagen hat ihn der 20-jährige Saudiaraber Mohammad al-Rifai, der seiner frisch Angetrauten das Leben erleichtern will - und sich so gleich die Herzen der gesamtarabischen Damenwelt sicherte. Nicht minder (wenngleich anders) beeindruckt auch die tragbare Kühlbox, die der Iraker Haydar al-Khazirji erdachte. Angesichts der heißen Region und der globalen Klimaerwärmung funktioniert sie auf der Basis von Kräuteröl und Trockeneis.
Stars of Science
Seit 2009 wird "Stars of Science" in Katar produziert und in alle arabischsprachigen Länder ausgestrahlt. Die Vorgaben der hoch ambitionierten Wissensshow begegnen bereits in den Straßen von Katar: "Innovate", "Think", "Imagine" steht dort in Gestalt riesiger organgefarbener Buchstaben - und damit die Botschaft auch ja keinem entgeht - auf Englisch und Arabisch.
"Dream" zählt wohlgemerkt nicht zu den Motivationsrufen. Schließlich propagiert das Golfemirat Innovationen, vorzugsweise technischer Art. Aber nicht solche, die bestenfalls mit Patentschleifen verziert in Schubladen entschwinden. Vielmehr sind Marktfähigkeit und die Lancierung neuer Produktionsprozesse gefragt. Wer sich dazu imstande glaubt, Araber und 20 bis 31 Jahre ist, kann an die Casting-Türen von "Stars of Science" anklopfen und auf eine lukrative Chance hoffen: Hochkarätige Branchenprofis beraten 16 ausgewählte Kandidaten bei der Erarbeitung ihrer Prototypen.
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Der Gewinner erhält 300.000 US-Dollar und auch den übrigen drei Finalisten winken Preisgelder und womöglich gleich Verträge mit dem Who’s Who der Großindustrie. Wer auf dieses Sprungbrett will, muss sich allerdings vier Monate lang in eine Studioquarantäne und unter ständige Kamerabeobachtung begeben. Doch die wenigsten Jungerfinder von Dubai bis Damaskus schreckt dies ab. Allein 2011 meldeten sich rund 10.000 - zum Wohlgefallen von Sheikha Moza Bint Nasser Al Missned.
Das neue Schlagwort: "Knowledge Society"
Die Ehefrau des katarischen Emirs will ihr Land noch durch andere Rohstoffe als Öl und Gas ausgezeichnet sehen. Also widmet sie sich dem Humankapital: Eine "Wissensgesellschaft" soll mobilisiert werden. Bei deren Definition orientiert sich Katar angesichts einer internationalisierten Arbeitswelt (und in Ermangelung eigener Modelle) an US-Vorbildern und importiert diese nicht nur geistig, sondern gleich buchstäblich: Bereits sechs Niederlassungen von US-Eliteuniversitäten vermitteln in Doha die Überzeugung, dass vor allem wissenschaftliche und technische Kenntnisse ökonomisch starke Gesellschaften zeitigen.
Wer Teil der Wirtschafts- und Exzellenzoffensiven sein will, müsse lebenslänglich lernen und breit zugängliche Foren für den Ideenaustausch eröffnen. Inwiefern der Westen letzteres selbst tut, sei dahingestellt. "Stars of Science" aber tut es, kann doch ein Millionenpublikum monatelang verfolgen, wie sich die Kandidaten untereinander und mit ihren Ratgebern die Köpfe über marktfähige Produkte zermartern.
"Erstklassige Skandale im arabischen Reality-TV"
Vor diesem Hintergrund - und weil im arabischsprachigen Raum ungleich mehr Fernsehen gesehen als gelesen wird - ist die Wahl eines Reality-TV-Formats doch überaus geschickt? Marwan Kraidy nickt, schüttelt aber gleich darauf den Kopf. Es höre sich alles spielerisch an, impliziere aber einen hochheiklen Drahtseilakt, sagt der Medienexperte von der Universität Pennsylvania, der aktuell als Gastprofessor an der American University of Beirut lehrt. Seit ihren Anfängen vor neun Jahren beobachtet er die arabische Reality-TV-Landschaft und bilanziert:
Sie ist vor allem durch erstklassige Skandale geprägt.
Den größten verzeichnete 2004 "Al Rais", die arabische Version von "Big Brother" (Begrüßungsküsse: Big Satan in Bahrain) . Nach nur acht Tagen mussten die Bahrainer Studios, von denen aus gesendet wurde, schließen. "Star Academy" überlebte zwar mehrere Staffeln und soll zeitweilig bis zu 80 Prozent der Zuschauer in einigen Ländern angezogen haben, doch eben deshalb traten auch hier islamistische Kreise Stürme los.
Die Gründe, so Kraidy, lauteten stets gleich: "Ikhtilat" und "Pudenda". Übersetzt bedeutet dies: Männer und Frauen leben unter einem Dach, ohne verheiratet zu sein (Ikhtilat), was eine schandvolle, weil sexuell aufgeladene Situation herbeiführt (Pudenda). Die öffentliche Erregung erfasste gar ganze Parlamente - ein Szenario, auf dessen Wiederholung Katar keinen Wert legt.
"Eben deshalb filmen wir nur die Arbeitsgespräche in den Laboratorien. Andere Begegnungen zeigt ‚Stars of Science‘ nicht - und Kameras in den Duschen sind völlig undenkbar", bemerkt Viviane Zaccour. Die Enddreißigerin zählt zu den gewieftesten Branchenprofis: Bei "Star Academy" führte sie Regie, bei "Stars of Science" leitet sie die Produktion.
Eine Choreographie, die es (nicht) in sich hat
Doch die blonde Libanesin, die sich auf ihrer Twitterseite mit zerzauster Mähne und entblößten Oberarmen präsentiert, plaudert ungerne aus dem Nähtäschchen. Verständlich, ist sie doch wie alle Mitarbeiter der Millionen-Dollar-Show dem katarischen Fürstenhaus verpflichtet. Und dessen Gebot lautet Schweigen. Vor allem in punkto Geschlechterthematik.
Umso lauter fällt die Antwort des Finales aus, respektive dessen mit Spannung erwartete Choreographie: Emporsteigende Leuchtkuben hier, in Mehrfachsalti herabwirbelnde Artisten dort, dazwischen Videoeinspielungen futuristischer Häuserschluchten, vor denen Rollerskater von Sprungschanzen donnern. Zwei- und Dreidimensionales ist kaum mehr unterscheidbar. Geschweige denn, Tänzer und Tänzerin. Beider synchrone Bewegungen erinnern an Kampfmaschinen, mitunter aber auch an Pinocchio.
Die lässige Streetwear-Kleidung neutralisiert jede Körperform. Kurz und gut: An die Libido der Zuschauer wird betont nicht appelliert und auch die Prima Ballerina, die im wadenlangen Tütü hinein- und wieder hinausflattert, wirkt derart ätherisch, dass selbst eingefleischten Traditionalisten ihre Fleischlichkeit entgehen dürfte.
Von Guantanamo bis Prima Ballerina
Für Kraidy ein Musterbeispiel dessen, was er "Taming of Modernity" nennt - erzielt durch einen verhalteneren Umgang mit der "Economy of the Body", die bekanntlich auch das westliche Bruttosozialprodukt emsig aufstockt. Und auch in der arabischsprachigen Welt fungiert der Körper als Instrument.
"Vielen erschienen ‚Star Academy‘ oder ‚Al Rais‘ wie weitere Posten auf einer Liste, die sich so las: Irak-Invasion, Abu Ghraib, Guantanamo...", erklärt Kraidy.
Es schien als wolle der Westen mit seiner Realität, die mit den lokalen Werten nichts gemein hat, auch die Unterhaltungsebene erstürmen.
Hinzu kam die fatale Propaganda der Bush-Ära, die Barack Obama zwar höflicher formuliert, prinzipiell aber fortsetzt: "Moderate" Araber unterstützen die westliche Politik, "böse" nicht. Vielen, auch nicht-islamistisch Orientierten, war es infolgedessen ein Vergnügen, "böse" zu sein und die von "Al Rais" und anderen imitierten Westformaten kolportierten Lebensmodelle in Bausch und Boden zu verdammen.
Katars "Economy of the Body"
Katars Stand ist somit kein leichter. Einerseits ist der Westen unverdrossen unbeliebt (laut einer Studie, die das Meinungsforschungsinstitut Zogby International vergangenen Sommer durchgeführt hat, lässt sogar der Iran, den beispielsweise nur 32 Prozent aller Ägypter und magere 4 Prozent aller Saudis schätzen, Washington weit hinter sich).
Andererseits will Katar mit eben diesem Westen gleichziehen und am liebsten an ihm vorbeiziehen. Sein Spagat fällt daher so aus: Ja, es wird gesungen, getanzt und auch die "Economy of Visibility" (Kraidy) des zarten Geschlechts wird kultiviert - jedoch auf die "arabische Art". Sprich - man, respektive frau, ist "sichtbar unsichtbar".
"Stars of Science", dessen weibliche Mitwirkende wie Roboter aufmarschieren oder aber als Erfinderinnen unter Schaltkreisen verschwinden, macht es vor. Und bislang funktioniert diese Identitätsfindung so gut, dass sie kaum jemanden aufzufallen scheint.
http://www.heise.de/tp/artikel/36/36176/1.html- Nähtäschchen kommen in Mode :) (5.1.2012 2:55)
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