Deckel für die Solarenergie?

03.01.2012

Die Energie- und Klima Wochenschau: Das Jahr ging mit guten schlechten Nachrichten zu Ende. Doch manchem scheinen die guten weniger zu gefallen als die schlechten

Einigen Christdemokraten geht der Erfolg der Solarenergie mächtig gegen den Strich. Die konnte 2011 ihren Betrag zur Stromerzeugung, wie sich im Dezember bereits andeutete (Atomkraft abgehängt), immerhin um rund 60 Prozent erhöhen. 18,6 Milliarden Kilowattstunden Strom speisten Solarmodule im vergangenen Jahr ins Netz ein, schätzt der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW Solar). Damit lassen sich immerhin schon in etwa drei Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs abdecken. Rechnete man aus diesem den Eigenverbrauch der Kohle- und Atomkraftwerke heraus, so käme man wohl eher auf knapp vier Prozent.

Bild: BSW Solar

Die Energiewende ist also auf einem nicht allzu schlechten Weg, wobei natürlich im Detail noch einiges besser laufen könnte. Insbesondere der Wildwuchs der Biogasanlagen und Maiswüsten bedürfte mehr Planung, um die unerfreulichen Nebenwirkungen zu minimieren. Aber die rasche Ausbreitung der Fotovoltaikanlagen, die Sonneneinstrahlung direkt in elektrische Energie umwandeln, lässt hoffen.

Leuten wie den CDU-Bundestagsabgeordneten Joachim Pfeifer schmeckt das gar nicht. Die Entwicklung würde völlig aus dem Ruder laufen, meint der wirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Handelsblatt. Sein Parteikollege und Fraktionsvize Michael Fuchs nutzt die Gelegenheit, einen Deckel von 500 Megawatt für den Zubau der Photovoltaik zu fordern.

Das wäre eine Reduktion um rund 90 Prozent und für das Gros der Handwerksbetriebe, die derzeit ein einträgliches Auskommen mit der Installation haben, das Aus. Da wundert es doch ein wenig, dass das Wirtschaftsfachblatt Fuchs Behauptung unwidersprochen abdruckt, der Solarboom würde nur Arbeitsplätze in China und Malaysia, nicht aber in Deutschland sichern. Hierzulande arbeiten nach Angaben des BSW-Solar knapp 130.000 Menschen in der Solarbranche, davon etwa 60 Prozent im Handwerk. 2010 hat die Branche übrigens in Bund, Ländern und Kommunen rund 1,5 Milliarden Euro an Steuern bezahlt.

Geradezu absurd ist Fuchs Argument, der Solarstromanteil von drei bzw. fast vier Prozent sei irrelevant. Immerhin stieg er 2009 um knapp 50, 2010 um 76 und 2011 um 60 Prozent. Bei derartigen Zuwächsen wirkt das selbstgesteckte Ziel der Solarwirtschaft von zehn Prozent Solaranteil in 2020 schon eher recht bescheiden. Aber Kenntnisse der Sekundarstufen-Mathematik (Zinseszinsrechnung) werden wohl bei der Wahl des Unions-Vize im Bundestag nicht abgefragt, und auch den Journalisten, die derlei wiedergeben, scheint nichts aufzufallen.

Als Argument für den wirstchaftspolitischen Amoklauf müssen die Kosten für "Bürger und Unternehmen" herhalten, die der Solarstrom verursache. Dabei lassen die beiden Unionspolitiker die Ausnahmeregelungen für energieintensive Unternehmen unerwähnt, die ihre Koalition unlängst erheblich ausgeweitet hat. Das Ergebnis: Die Last der EEG-Umlage wird nun vor allem von den privaten Stromkunden und dem Gewerbe getragen, nicht aber von den Großverbrauchern der Industrie, deren hoher Stromverbrauch ohnehin schon von den kleineren Stromkunden subventioniert wird.

Die Umlage deckt die Differenz zwischen der Vergütung für den Strom aus Solar-, Windkraft- und Biogasanlagen auf der einen und dem jeweiligen Strompreis an der Leipziger Börse ab. Die Bundesnetzagentur schätzt sie für 2012 auf insgesamt 12,7 Milliarden Euro. In der EEG-Umlage von 3,592 Cent pro Kilowattstunde - fast der gleiche Betrag wie in 2011 -, die jeder Privatkunde 2012 zahlen wird, sind außerdem auch Rücklagen enthalten, die die Energieversorgungsunternehmen aus den Umlagen seit neuestem für den Fall bilden dürfen, dass die Ausgaben für EEG-Strom in den Folgejahren vielleicht mal die Einnahmen aus der Umlage überschreiten könnten. Mit anderen Worten: Die Verbraucher werden per EEG-Umlage gezwungen, den Unternehmen zinslose Kleinkredite zu geben, deren Rückzahlung sich kaum überprüfen lassen wird.

Aber derlei wird selten erwähnt, wenn Unions- oder FDP-Politiker Klage über den angeblich so teuren Solarstrom führen. Auch die Tatsache, dass dieser wie auch der Windstrom erheblich dazu beiträgt, die Börsenpreise in den Zeiten des Spitzenbedarfs zu drücken, wird geflissentlich übersehen. Wenn die Sonne kräftig scheint oder wenn es mächtig weht - Ereignisse, die selten zusammenfallen, insofern sind Wind- und Solarenergie teilweise komplementär -, dann stehen die teuren Spitzenlastkraftwerke still.

Und schließlich fällt auf, dass die Unionspolitiker, die es so offensichtlich darauf abgesehen haben, Solarhandwerk und -industrie zu ruinieren, die von ihrer Koalition beschlossenen starken Absenkungen der Einspeisevergütung vollkommen unerwähnt lassen. Anfang 2011 war es um 13 Prozent nach unten gegangen, zum 1. Januar um weitere 15 Prozent. Inzwischen gibt es für Strom aus neuerrichteten Anlagen je nach Größe und Standort nur noch 17,94 bis 24,43 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh). Vor zwei Jahren betrug die Spanne noch 28,43 bis 39,14 ct/kWh (Details hier).

Reichlich Wind

Derweil schlägt das Wetter weiter seine Kapriolen. Von Winter ist bisher in weiten Teilen Deutschlands nichts zu spüren und die Ostsee, die vor den finnischen und russischen Küsten längst vereist sein sollte, ist noch weitestgehend frei. Geht das so weiter, könnte der Winter 2010/11 als ein weiterer extrem milder in die Annalen der mitteleuropäischen Wetterdienste eingehen. Der Mineralölwirtschaft dürfte es den Absatz verhageln, die Windmüller hingegen eher freuen, denn mildes Winterwetter bringt meist auch viel Wind, wie zum Beispiel gerade in diesen Tagen.

Damit schließt sich hierzulande das neue Jahr nahtlos ans letzte an. Schwere Überschwemmungen in Australien und in Thailand, eine nie dagewesene Serie von Tornados in den USA und ein zweiter Frühling im britischen Herbst waren nur einige der meteorologischen Schlaglichter des verflossenen Jahres, die zum Teil für reichlich Schlagzeilen sorgten.

1894 Tornados haben 2011 in den USA zugeschlagen, die höchste je registrierte Zahl. Bild: NOAA

Die nordatlantische Hurrikan-Saison machte hingegen wenig von sich reden, obwohl sie nach Angaben der US-Behörde für Atmosphäre und Ozeane NOAA mit 19 registrierten tropischen Stürmen die dritthöchste Anzahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahre 1851 aufwies. Nur 1887, 1995 und 2010 gab es mehr, wobei die Häufung der Extreme in den vergangenen 16 Jahren ins Auge sticht.

Allerdings waren einige Stürme so kurzlebig, dass sie ohne moderne Satellitentechnik kaum registriert worden wären. Insofern ist die Zeitreihe der Aufzeichnungen nicht konsistent, das heißt, die Messmethoden aus der Zeit vor Anfang oder Mitte der 1970er Jahre sind nicht hundertprozentig mit den heutigen vergleichbar. Gut möglich, dass es sich nur um eine scheinbare Häufung handelt.

Wenig Fortschritte

Für Klima- und andere Naturwissenschaftler ist es Alltagswissen, dass sich derlei Unregelmäßigkeiten in den Messreihen verstecken und aufgespürt werden müssen. Das ändert nichts an dem grundsätzlichen Befund, dass sich das globale Klima gewaltig verschiebt und eine Wende bei der Emission der Treibhausgase eingeleitet werden muss.

Das betrifft auch den Straßenverkehr, der in Deutschland wie in vielen anderen Ländern zu den wichtigsten Quellen der klimawirksamen Gase gehört. Als Alternative werden nicht selten elektrisch betriebene Autos angepriesen. In der Branche der erneuerbaren Energien sind sie bei einigen auch deshalb beliebt, weil Auto-Akkus vielleicht als Stromspeicher für das Netz dienen könnten. Ob derlei Konzepte tatsächlich tragbar sind, sei mal dahin gestellt, ebenso wie die Frage, ob es überhaupt genügend Lithium für so viele Akkus geben wird.

Auffällig ist, dass die Diskussion regelmäßig all die vielen Nachteile des Autoverkehrs wie Platzprobleme, soziale Diskriminierung, Unfallzahlen, Einschränkungen für andere Verkehrsteilnehmer etc. ausblendet. Und erfreulich ist eigentlich nur, dass bisher noch regelmäßig alle euphorischen Prognosen über die Markteinführung von Elektroautos als Seifenblasen erweisen.

E-Autos von BYD. Bild: BYD

So auch in China, das mit BYD bereits einen Hersteller hat, der sich ganz auf diesen Sektor konzentriert und keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren anbietet. Aus der südchinesischen Provinzhauptstadt Guangzhou (Kanton) berichtet die New York Times, dass die Volksrepublik weit hinter ihren Zielen auf diesem Sektor zurück geblieben sei. Bis Ende 2011, so habe Premierminister Wen Jiabao vor drei Jahren verkündet, solle das Land eine jährliche Produktionskapazität von 500.000 Hybrid- oder vollelektrischen Fahrzeugen haben. Mehr als einige Tausend seien es bisher nicht geworden.

Doch dabei wird es vermutlich nicht bleiben. In Guangzhou hat der dortige Energieversorger in Zusammenarbeit mit dem Better-Place-Projekt, das sich weltweit für die Einführung von Elektro-Autos stark macht, gerade einen Verkaufssalon eröffnet. In der Stadt ist zudem geplant, E-Autos an die Verwaltung und an die Taxiunternehmen zu verkaufen.

Das ist immerhin ein vernünftiger Ansatz, denn auch wenn es in ferner Zukunft einmal ein Verkehrsmodell geben sollte, das nicht mehr hauptsächlich auf die individuelle Motorisierung des zahlungskräftigen Teils der Gesellschaft setzt, werden natürlich noch PKW für allerlei öffentliche Aufgaben benötigt. Und die sollten dann möglichst elektrisch betrieben werden.

Ansonsten, so der Bericht, sieht es im Augenblick eher danach aus, dass China sich zunächst größere Fahrzeuge vornehmen werde. BYD wolle seine Kapazitäten für elektrische Busse ausbauen. Die Erfahrungen, die dort mit Technik und Ladestationen gesammelt werde, können dann später auch für den PKW-Sektor angewendet werden.

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