Schleichende Entsolidarisierung

12.01.2012

"Es reicht nicht mehr für alle" – neue Studie zum Arbeiterbewusstsein

Auch im neuen Jahr wieder mal nachgefragt: Was treibt eigentlich die Arbeiterklasse so? Nun, im Westen wie im Osten ist man sich weitgehend einig, dass der Kapitalismus, so wie er jetzt daherkommt, nicht wirklich das Gelbe vom Ei ist. So finden 80 Prozent der Befragten im Osten und 74 Prozent im Westen, dass der gesellschaftliche Wohlstand gerechter verteilt werden könne und mehr als die Hälfte ist der Meinung, dass die heutige Wirtschaftsweise auf "Dauer nicht überlebensfähig" sei. Allerdings ist auch ein schleichender Entsolidarisierungsprozess zu beobachten: Es reicht, so die westdeutschen Arbeiter, nicht mehr für alle und nicht jeder – zum Beispiel Leiharbeiter - könne mehr mitgenommen werden. Das sind die Ergebnisse einer soziologischen Studie der Universität Jena1.

Wie sich die wirtschaftliche Krise auf das Bewusstsein der Arbeitnehmer auswirkt und wie sich das Selbstverständnis der Arbeiter in der deutschen Industrie verändert, darüber mangelt es derzeit an sozialwissenschaftlichen Forschungen. Das Arbeiter- und Arbeitnehmerbewusstsein geriet spätestens seit den 1990er Jahren aus dem Focus wissenschaftlichen Interesses. Doch Hinweise können die Daten einer Studie der Arbeits- und Industriesoziologen aus Jena geben, die 2008 und 2010 in einem ost- und einem westdeutschen Betrieb eine Befragung der Belegschaft durchgeführt haben.

Die Ergebnisse sind dabei durchaus regional unterschiedlich. So ist für den Ostbetrieb charakteristisch, dass die Belegschaft im Grunde weiß, dass es auch in dem renommierten und wirtschaftlich stabilen Unternehmen langfristig keine Sicherheit mehr gibt. Die Krise ist mittlerweile ein "Zustand in Permanenz". Und dies, obwohl sich die Befragten im hohen Maße mit dem Betrieb identifizieren, diesen quasi als letzten Garanten relativer sozialer Stabilität sehen.

Die kritische Gesellschaftssicht, die mit hoher Zustimmung (fast 80 Prozent) zu einer Forderung nach Umverteilung einhergeht, ist dabei immer noch verbunden mit der Solidarität gegenüber Arbeitslosen und prekär Beschäftigten. Allerdings scheint sich dieses kritische Bewusstsein nicht in einem Engagement bei den Gewerkschaften auszudrücken, vielmehr haben die Sozialwissenschaftler in dem ostdeutschen Betrieb eine Gruppe "gewerkschaftsentfremdeter Gesellschaftskritiker" ausgemacht, die gut ein Viertel der Befragten umfasst. Diese Gruppe "verkörpert eine heimatlose Gesellschafts- und Kapitalismuskritik", die den Gewerkschaften keine wirkliche gesellschaftspolitische Rolle zutraut.

Es entwickelt sich eine Wagenburgmentalität

Die westdeutschen Kollegen sind sich mit den Befragten in Ostdeutschland zwar einig, dass es mittlerweile in der Gesellschaft nur noch ein Oben und Unten gebe. Der Gewerkschaft (IG Metall) aber wird zu über 90 Prozent eine vorausschauende Politik bescheinigt, wobei die enge Kooperation zwischen Gewerkschaft und Betriebsrat eine große Rolle spielt. In der Krise konnte zwar die Stammbelegschaft des Betriebes gesichert werden, doch das Beispiel der entlassenen Leiharbeiter und Befristeten machte den Beschäftigten deutlich, was passiert, wenn man aus dem vergleichsweise geschützten Segment herausfällt. So wundert es nicht, dass sich bei der Stammbelegschaft eine Art Wagenburgmentalität entwickelt: "Die eigenen Chancen auf Beschäftigungssicherheit steigen, wenn man den Club der Festangestellten einigermaßen exklusiv hält."

Mehr als die Hälfte der Befragten (westdeutschen Facharbeiter) ist der Meinung, auf Arbeitslose solle größerer Druck ausgeübt werden, ein weiteres Drittel stimmt dem zumindest teilweise zu. Und fast die Hälfte bejaht die Aussage: "Eine Gesellschaft, in der jedermann aufgefangen wird, ist nicht überlebensfähig." Die Gewerkschaften befinden sich dabei in der Gefahr, nur noch zu exklusiven Vertretern der Interessen von Stammbelegschaften zu werden, auf Kosten von Arbeitslosen und prekär Beschäftigten (und eines gesamtgesellschaftlichen Emanzipationsprozesses, dem sie bisher verbunden war).

Das resultiert, so die Forscher, aus dem Gesellschaftsbewusstsein der Befragten in Westdeutschland: Sie glauben weiterhin, dass der Kapitalismus reformierbar ist und die Gewerkschaften in der Lage sind, ihre Interessen zu vertreten. Allerdings reicht es nicht mehr für alle. So wird die IG Metall "subjektiv zum Instrument selektiver Interessenspolitik", die Gewerkschaft dient den Festangestellten dazu, ihren sozialen Status zu verteidigen.

Am gesellschaftlichen Horizont erscheint so das Bild von verbliebenen betrieblichen Hochburgen, in denen die Stammbelegschaft in Zusammenarbeit mit Gewerkschaft, Betriebsrat und Management ihre Arbeitsplätze mit Zähnen und Klauen, mit Zugeständnissen und Kompromissen gegen Arbeitslose, Leiharbeiter und die weltweite Arbeitsmarkt-Konkurrenz verteidigt.

Im Osten glaubt man demgegenüber weniger an die Durchsetzungsfähigkeit der IG Metall, zudem scheint vielen die "Einhegung des zügellosen Kapitalismus als Sisyphos-Arbeit". Mehrheitlich sieht man die "Gebrechen des Finanzmarktkapitalismus" als Systemkrise und so macht es wenig Sinn, die Spielregeln des Systems einfach zu akzeptieren: "Hat man doch schon einmal erlebt, dass ein System mit Ewigkeitsanspruch in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus."

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