"Du schaffst das schon!"

13.01.2012

Katja Urbatsch, die Gründerin von Arbeiterkind, spricht über die Schwierigkeiten, denen Kinder aus bildungsfernen Milieu im deutschen Bildungssystem begegnen

Fehlende finanzielle und inhaltliche Unterstützung durch die Eltern, fehlende Unterstützung durch Lehrer, fehlende Unterstützung durch die Strukturen des Bildungssystems: die Liste an Hindernissen, die Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die aus einem bildungsfernen Milieu stammen, nehmen müssen, wenn sie einen höheren Bildungsabschluss erreichen wollen, ist oftmals lang.

Katja Urbatsch, die selbst aus einer nichtakademischen Familie kommt, studiert und promoviert hat, kennt die Probleme, Sorgen und Nöten derjenigen, deren soziale Hintergründe eigentlich kein Abitur oder Hochschulstudium zulassen.

Urbatsch hat, auch aufrund ihrer eigenen Erfahrungen im Bildungssystem, 2008 die Internetplatform Arbeiterkind.de gegründet, um Schüler, die aus Familien kommen, in denen niemand studiert hat, zum Studium hinzuführen und Berührungsängste abzubauen. Was eigentlich nur als ein kleines, lokales Projekt geplant war, ist heute zu einer bundesweiten Initiative geworden. 3000 ehrenamtliche Mentoren und 80 Ortsgruppen sind laut Arbeiterkind.de für die Initiative tätig.

Die Mitarbeiter und Mentoren fungieren direkt vor Ort als Ansprechpartner und beantworten den jungen Bildungsinteressierten die Fragen, die sie zu ihrem Bildungsweg haben. Im Telepolis-Interview erzählt Katja Urbatsch von ihren eigenen Erfahrungen beim Studium und fordert eine bessere finanzielle Unterstützung für die jungen Menschen, deren Elten das Geld für ein Studium nicht aufbringen können.

Frau Urbatsch, in Deutschland haben wir ein offenes und faires Bildungssystem in dem jeder, der bereit ist, Leistung zu erbringen, mit entsprechenden Schul- und Hochschulabschlüssen belohnt wird und zwar unabhängig von Schicht und Klasse. Stimmen Sie der Aussage zu?

Katja Urbatsch: Nicht jedes Kind kommt mit den gleichen Voraussetzungen in die Schule. Studien zeigen, wie stark in Deutschland die Bildungschancen eines Kindes vom Bildungshintergrund der Eltern abhängen. Diese Aussage wird zudem der Komplexität unseres Bildungssystems und der Problemlage nicht gerecht.

Wo liegen ihrer Meinung nach die Ursachen dafür, dass die immer wieder von politischer Seite angesprochene Durchlässigkeit im Bildungssystem nicht gegeben ist

Katja Urbatsch: Dies hat viele Ursachen, daher ist die Problematik auch so komplex. Aus meiner Sicht besteht ein Problem darin, dass wir in Deutschland davon ausgehen, dass Eltern ihre Kinder auf ihrem Bildungsweg sowohl finanziell als auch inhaltlich unterstützen können. Viele Eltern, die beispielsweise selbst kein Gymnasium oder keine Hochschule besucht haben oder auch nicht so gut verdienen oder gar arbeitslos sind, können dies jedoch nicht leisten.

Wenn es um die Studienentscheidung geht, besteht die größte Angst darin, dies nicht finanzieren zu können oder Schulden zu machen. Hinzu kommt häufig ein niedriges Selbstbewusstsein von Eltern und Kindern. Wenn die Eltern selbst kein Abitur gemacht und nicht studiert haben, trauen sie sich dies selbst und auch ihren Kindern nicht zu, haben Angst, dass ihre Kinder scheitern könnten. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Lehrer, die befürchten, dass den Kindern die Unterstützung von Zuhause fehlt, und die daher lieber einen Bildungsweg vorschlagen, den sie auf jeden Fall schaffen, anstatt zum Beispiel mit dem Versuch, das Abitur zu machen und zu studieren, ein Risiko einzugehen. Wenn es niemanden gibt, der in der Familie studiert hat, muss man auch erstmal auf die Idee kommen, dass dies eine wirkliche Option ist, und hat niemanden, der als Vorbild fungiert und den man fragen könnte. Niemanden, der einem die Ängste nimmt und der ermutigt: "Du schaffst das schon! Ich habe es ja auch geschafft!"

Bei Nicht-Akademikerkindern spielt oft der Zufall eine Rolle

Nun könnte man Ihnen entgegenhalten, dass doch immer wieder Personen es trotz der von Ihnen angesprochenen Widerstände und Hürden "von unten nach oben" schaffen, sprich auch ohne familiäre akademische Hintergründe Abitur ablegen, studieren und dann auch noch Karriere machen. Sie selbst kommen aus einer Arbeiterfamilie, haben aber studiert. Ein Beweis gegen ihre Thesen?

Katja Urbatsch: Sie sagen selbst, dass es viele "trotz allem" geschafft haben und das zeigt: Es gibt viele Nicht-Akademikerkinder, die eigentlich das Zeug dazu haben, aber sie müssen zahlreiche Hürden überwinden, es wird ihnen nicht leicht gemacht und viele bleiben auf der Strecke. Diejenigen, die es geschafft haben und die sich nun beispielweise in unserer Initiative engagieren, erlebe ich als herausragende Persönlichkeiten, mit sehr viel Talent, Willensstärke und Ausdauer. Viele von ihnen haben auf ihrem Bildungsweg einen oder mehrere Menschen getroffen, die sie ermutigt und unterstützt haben, seien es Eltern, Lehrer, ein Familienmitglied, eine Freundin oder jemand aus dem Sportverein. Doch leider hängt es immer noch vom Zufall ab, ob man so einen Menschen trifft. Und dies ist ein wichtiger Punkt: Während bei akademischen Familien in der Regel die Eltern die Garantie dafür sind, dass das Kind einen erfolgreichen Bildungsweg abgelegt, hängt es bei Nicht-Akademikerkindern vom Zufall ab.

Nun stößt Ihre Meinung bestimmt nicht nur auf Gegenliebe. Gerade im Milieu der "Leistungselite" ist man besonders stolz auf die selbst erbrachten Leistungen. Dabei basiert, ihrer Argumentation folgend, deren persönlicher Erfolg auf schicht- und klassenspezifischen Startvorteilen. Die Soziologin Eva Barlösius, die sich auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu bezieht, schreibt: "Der schulische Erfolg, der auf einem sozialen Privileg beruht, wird als Ergebnis individueller Begabung oder Leistung gedeutet. Auf diese Weise werden sozial erzeugte Bildungsunterschiede legitimiert." Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Katja Urbatsch: Zum einen stimme ich der Aussage zu, zum anderen möchte ich jedoch auch mit dem weit verbreiteten Vorurteil aufräumen, dass Kinder aus nicht-akademischen Familien nicht die erforderlichen Leistungen bringen. Wie viele Studien zeigen, erbringen viele Kinder sogar die notwendigen Leistungen, werden aber trotzdem schlechter benotet oder trotz gleicher Noten erhalten sie nach der Grundschule keine Empfehlung für Realschule oder für das Gymnasium. Darüber hinaus gilt es auch die Frage zu stellen, wer die größere Leistung erbracht hat. Jemand, der mit elterlicher Unterstützung eine Eins schreibt, oder jemand, der ganz ohne Unterstützung aus dem Elternhaus eine Zwei oder eine Drei schreibt. Wie wird sich letzterer erst entwickeln, wenn sie oder er gefördert wird?

Bleiben wir mal bei Ihrem Fall. Sind Sie selbst denn auf die Hürden gestoßen, die Sie hier ansprechen und wenn ja, können Sie die Schwierigkeiten, die Sie aufgrund ihrer Herkunft zu meistern hatten, anhand von konkreten Beispielen beschreiben?

Katja Urbatsch: Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mir zumindest immer emotional den Rücken gestärkt haben und auch in der Lage waren, mich beim Studium finanziell zu unterstützen. Dies war sicherlich ein wichtiger Erfolgsfaktor. Zudem hat mein älterer Bruder bereits einige Hürden für mich aus dem Weg geräumt. Er sollte zum Beispiel nur eine Realschulempfehlung bekommen, hat dann aber durchgesetzt, dass er aufs Gymnasium gehen kann und schließlich ein gutes Abitur absolviert und anschließend erfolgreich studiert.

Meine Eltern konnten mir in der Schule inhaltlich schnell nicht mehr helfen, aber mein Bruder hat mir dann bei den Hausaufgaben geholfen und mir Tipps gegeben. In der Hochschule habe ich dann sehr schnell gemerkt, dass meine neuen Freundinnen und Freunde mehrheitlich aus akademischen Familien stammen. Für sie war es selbstverständlich, dass sie studieren und dass ihre Eltern sie sowohl finanziell und sofern möglich auch inhaltlich unterstützen. Ich habe dagegen im größeren Familien- und Bekanntenkreis immer das Gefühl gehabt, dass ich mich für mein Studium rechtfertigen und argumentieren muss, warum ich keine Ausbildung mache. Außerdem konnte ich natürlich kaum vermitteln, wie es in der Uni zugeht und was man in und mit einem Fach wie Nordamerikastudien macht. In der Uni war ich zum Glück so mutig, meine Freunde um Hilfe zu bitten und viele Kommilitoninnen und Dozenten mit Fragen zu löchern.

Die Meinungen der Politiker, wie Chancengleichheit erreicht werden kann, gehen stark auseinander - das ist das eigentliche Problem

Ein Gedankenspiel: Sie werden zur Bildungsministerin ernannt. Was würden Sie im Bildungssystem ändern, um eine höhere Chancengleichheit herzustellen?

Katja Urbatsch: Ich denke wir müssen uns sehr intensive Gedanken über die Finanzierung von Schülern, Menschen auf dem zweiten Bildungsweg und Studierenden machen und durchdenken, wo die Hürden für jemanden liegen, der von Zuhause weder finanzielle, noch emotionale oder inhaltliche Unterstützung erhält. Aber dies kann natürlich die Bildungsministerin nicht alleine tun, da müssen alle mitmachen und gemeinsam mit anpacken.

Warum tun sich die Verantwortlichen in der Politik so schwer, das Bildungssystem entsprechend umzugestalten? Kann es sein, dass Chancengleichheit gar nicht erwünscht ist?

Katja Urbatsch: Bisher waren alle Politiker, die ich getroffen habe, für mehr Chancengleichheit und sie waren auch alle sehr begeistert von der Idee ArbeiterKind.de und unserem Engagement. Allerdings gehen die Meinungen darüber, wie mehr Chancengleichheit erreicht werden kann, stark auseinander - und das ist das eigentliche Problem.

Welche Strategien werden angewandt, um die soziale Diskriminierung zu verschleiern und die Illusion der Chancengleichheit aufrecht zu erhalten?

Katja Urbatsch: Gerade sind Bildung und Chancengleichheit in der Öffentlichkeit ein großes Thema, daher glaube ich schon, dass viele den großen Handlungsbedarf erkannt haben. Sicherlich wird es einige geben, die den großen Handlungsbedarf noch nicht erkannt haben, weil ihnen vielleicht das Bewusstsein fehlt. Daher ist es auch ein Anliegen unserer Initiative, dieses Bewusstsein zu schaffen.

Wenn es, wie es aussieht, vorerst keine wesentlichen strukturellen Veränderungen geben wird, was können die Akteure tun, die sich in diesem System bewegen müssen, um trotz der Widerstände erfolgreich zu sein?

Katja Urbatsch: Bei ArbeiterKind.de engagieren wir uns dafür, dass alle Kinder, Jugendlichen und Studierenden aus nicht-akademischen Familien unter den aktuellen Bedingungen das Beste für sich herausholen. Häufig gibt es Bildungsperspektiven und Förderungsmöglichkeiten, aber es fehlen Informationen, Ermutigung, Vorbilder und Unterstützung. Daher stehen wir bundesweit mit über 4.000 Ehrenamtlichen in 80 lokalen Gruppen als Ansprechpartner zur Verfügung und führen zum Beispiel Informationsveranstaltungen in Schulen, Stammtische und Sprechstunden durch.

Die meisten derjenigen, die sich bei uns engagieren, sind selbst die ersten in ihren Familien, die studieren oder studiert haben und wirken somit als Vorbilder und zeigen, dass ein Studium machbar ist. Es ist machbar, sein Abitur nachzuholen oder ohne Abitur zu studieren, und es ist machbar, ein Studium zu schaffen, auch, wenn man das erste Familienmitglied ist. Und es lohnt sich! Insgesamt ist es wichtig, dass sich Menschen trauen, um Hilfe zu bitten, viele Fragen zu stellen und sich nicht entmutigen zu lassen, wenn mal jemand skeptisch ist, ob man es schaffen kann. Am wichtigsten ist es, an sich selbst zu glauben und sich Unterstützung zu holen.

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