In den Jurten der Markttaliban

11.01.2012

Besuch bei einer bedrohten Spezies

Wann sind Markttaliban echt? Wenn sie auch jetzt, nach drei Jahren Finanzkrise und einigen Billionen zur Bankenrettung noch glauben, dass "die Märkte" sich für alle am vorteilhaftesten entwickelten, wenn man sie sich selbst überließe. Diese Ansicht ist zur Zeit in keiner Weise politisch opportun.

Wenn man heute als Wirtschaftsfachmann noch Gehör finden will, muss man zusammen mit den Politikern, Professoren und Redakteuren gegen die Übertreibungen des Finanzkapitalismus, gegen Gier und für mehr demokratische Kontrolle plädieren. Kapitalismus-Bashing ist nicht mehr avantgardistische Gesellschaftskritik, sondern eine Stimme im Wolfschor des Mainstreams.

Unter George W. Bush, Tony Blair und Gerhard Schröder waren Markttaliban bei Hofe gerne gesehen. Peter Hartz, Roland Berger und Bert Rürup saßen auf den Schößen von Schröder und Stoiber. Berger 2001 über seine beiden Musterschüler in Marktwirtschaft: "Beide kommunizieren regelmäßig sowohl mit Wirtschaftsführern als auch mit den besten Köpfen der Wirtschaftswissenschaft in Deutschland. Sie sind also exzellent beraten."

Zu diesem Zeitpunkt stiegen die deutschen Landesbanken unter Mitwirkung von Finanzministerium und Bundesbank in Geschäfte ein, die ihnen ab 2007 Verluste von bisher insgesamt über 400 Milliarden Euro bescherten. Es waren erst diese Verluste und die damit verbundenen Bankenhilfen, die die Markttaliban in die Berge zurücktrieben. Während sich die damaligen Wirtschaftsweisen, Roland Berger und Josef Ackermann längst nach Europa abgesetzt haben, harren die echten Markttaliban noch in Wasiristan aus, um von dort aus ihre Rückkehr vorzubereiten.

Unser Autor ist in ihre Jurten vorgedrungen und hat - verkleidet als Schweizer Verwaltungsratspräsident - sogar an ihrer geheimen Loja Dschirga teilnehmen dürfen. Dabei konnte er einige Notizen über die Lebenskultur und Ansichten der Markttaliban über die Grenze nach Indien schmuggeln.

Das neue Jahr 2012 wurde von dem ehemaligen Wirtschaftschef der FAZ und ehemaligen Geschäftsführer der Fazit-Stiftung, von Dr. Klaus Peter Krause mit einer klugen Erkenntnis begrüßt:

Die Marktwirtschaft ist dem Vampir Staat wehrlos ausgeliefert, solange dieser das Monopol auf ihr Blut - auf das Geld - hat.

Diese grässliche vampirische Staatsfunktion findet allerdings nur statt, wenn - wie bekanntlich seit Jahrzehnten in der Bundesrepublik der Fall - die Linken (Merkel, Steinbrück, Ackermann, Köhler, Schäuble, Rösler, CSU, FDP) den Staat und seine Gelddruckmaschinen fest im Griff haben, denn:

Jeder noch so gesunde kapitalistische Wirtschaftskörper wird auf längere Sicht von der sozialistischen Droge staatliches Papiergeld krank gemacht und ruiniert.

Als diese Sätze gesprochen waren, schossen die anwesenden Markttaliban mit ihren Kalaschnikows zur Begrüßung des neuen Jahres in den Himmel. Der Autor smokte mit ihnen, was die Pfeife hielt, und erfuhr weitere Einweihungen.

Für den FDP-Abgeordneten Frank Schäffler haben sich millionenschwere Banker mit sozialistischen Politikern gegen die Marktwirtschaft verbündet. Diese bekommen nämlich ihr Geld von der Zentralbank und haften nicht persönlich für die Folgen. Schäffler:

Eine solche Geldordnung ist mit Marktwirtschaft und Freiheit nicht vereinbar.

Schäffler meint die Geldordnung, in der seine Partei seit Jahrzehnten den Wirtschafts- oder Finanzminister stellt und deren Wähler als die größten Profiteure dieser Geldordnung gelten. Das ist als mutig zu bezeichnen. Schäffler wird deshalb auch von einer Partei hofiert, deren Namen bescheiden "Partei der Vernunft" lautet.

Die Partei mit dem kantianischen Namen hat ein ungewöhnliches wirtschaftspolitisches Programm. Der Staat, so steht es als Forderung im Programm, könne mit 3 Prozent seiner bisherigen Ausgaben gut wirtschaften, denn:

Jegliche direkte Eingriffe in das Eigentum, wie direkte Steuern (zum Beispiel Einkommenssteuer, Gewerbesteuer, Körperschaftssteuer, Abgeltungssteuer) sind verboten.

Parteigründer und Vorsitzender Oliver Jänich propagiert eine "natürliche Wirtschaftsordnung", frei von der Einflussnahme von Politik und politiknahen Monopolen. Als geistige Väter des Marktparadieses führen seine Propheten die Wirtschaftstheoretiker der Österreichischen Schule, insbesondere Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises an.

Ludwig von Mises. Foto: The Ludwig von Mises Institute. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Die Anhänger von Mises üben sich in einer Form suizidaler Misanthropie, die in einem Vortrag unter Mises-Jüngern im Juni 2011 in Bonn in folgendem Lebensmotto gipfelt:

Der Westen ist vermutlich schon verloren. Es kommt jetzt nur noch darauf an, der Nachweltzu dokumentieren, dass es einige Menschen gab, die das klar haben kommen sehen.

Die Markttaliban gefallen sich in der Idee, mit einer Geld- und Zivilisationsordnung unterzugehen, die sie als marktsündig erkannt haben. Ihre Warnungen vor Papiergeld, Steuern, Schulden und Staatsanleihen wurden aber nicht erhört. Stattdessen pflegten keynesianische Sozialismusbanker die Gelddruckerei und ihre Regimes trieben Steuern und Sozialabgaben ein.

Verkürzt: Es herrschte grenzenlose Sklaverei unter dem Deckmantel liberaler, westlicher Wohlfahrtsdemokratie. Einer der führenden Hayekianer, Professor Joachim Starbartty von der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft e.V., schrieb in einem Brief an Wolfgang Schäuble: "Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir manchmal wie Don Quichotte vorkomme."

In der Tat: Die Finanzpolitik einer Gesellschaft, die - unter Hilfe aller ihrer Wirtschaftswissenschaftler - seit 1948 als ausschließliches gesellschaftspolitisches Ziel die persönliche Geldvermehrung verfolgt, als freiheitsfeindlich abzulehnen, könnte als Kampf gegen Windmühlen angesehen werden.

Aber originell sind die Thesen der Markttaliban allemal. Schließlich glauben ja die meisten Linken noch immer, das verpönte staatliche Papiergeld werde von sich maßlos bereichernden Kapitalisten unter Missbrauch ihrer Freiheit in der Marktwirtschaft auf ihren Konten steuerfrei gehamstert und vermehrt. Nein, sagen die Markttaliban, die Welt ist ganz anders. Wir leben in einer untergehenden Scheinwelt mit Scheingeld. Wenn diese untergeht - was sie muss, aber hartnäckig verweigert - kehren wir zum Goldstandard, zur "gedeckten" Währung zurück in eine utopische Welt des freien Willens, der allein weiß, was gut ist.

Als ich wieder zu Hause angelangt bin, stoße ich auf ein Manifest der trotzkistischen Internationale. Die Trotzkisten stellen fest, dass in China seit 1949 feudale Verhältnisse herrschen und die chinesische Arbeiterklasse von der Bourgeoisie von der Macht verdrängt wurde. Zitat:

Die einzige Grundlage zum Sturz des Polizeistaats in Beijing ist Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution. Sie allein beharrt darauf, dass die Arbeiterklasse bei der Mobilisierung der unterdrückten Massen und beim Sturz des Regimes der KPCh die führende Rolle spielen, einen echten Arbeiterstaat errichten und als Teil des Kampfes für den internationalen Sozialismus sozialistische Politik durchsetzen muss.

Die Markttaliban ähneln mehr den letzten Kommunisten als den versprengten Resten des politischen Liberalismus.

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