Aristoteles entschlüsselt

28.01.2012

Josef Mehringer zur neu entdeckten Struktur in der Philosophie des antiken Klassikers

Vom Werk des Aristoteles sind zum überwiegenden Teil keine Originaltexte, sondern nur Mitschriften seiner Studenten vorhanden, die nicht für den öffentlichen Gebrauch bestimmt waren und in denen explizite Reflexionen über die innere Systematik des vielseitigen und hochkomplexen Werks nur selten vorhanden sind. Dies führte zu Verzerrungen und Missinterpretationen der einzelnen Schriften und Gedanken, weil ohne Kenntnis der Architektonik des aristotelischen Werks, die auch einen Schlüssel für dessen Methodik liefert, die darauf ausgerichteten Werke und Kapitel nicht adäquat zu verstehen sind. Josef Mehringer meint nun mit seinem Buch "Die Aristotelische Mitte" erstmals den Aufbau des allumfassenden Gedankengebäudes von Aristoteles umrissen zu haben. Ein Gespräch mit dem Philosophen und klassischen Philologen.

Herr Mehringer, was ist der Grundgedanke im Werk von Aristoteles, und wie ist nach diesem seine Philosophie aufgebaut?

Josef Mehringer: Zunächst möchte ich anmerken, dass es sicherlich eine Herausforderung ist, sich mit Aristoteles’ Œuvre zu beschäftigen, zumal der ehemalige Lehrer des Alexander des Großen der größte Philosoph der Antike war. Der Stagirit, der 2350 Jahre vor uns wirkte, gilt sogar als derjenige Denker, der die abendländische Tradition am wirkungsmächtigsten prägte. Schon aus diesem Grunde lohnt es sich, mit dem Werk dieses Universalgenies etwas genauer zu befassen.

Allerdings gestaltet sich die Suche nach dessen Grundgedanken als spannendes Vorhaben; denn bisher konnte in der Wissenschaft nicht hinreichend aufgedeckt werden, nach welchen Strukturen sich die Aristotelische Philosophie organisiert. Jedenfalls fehlte bis dato die Antwort auf die lapidare Frage, wie die Aristotelische Philosophie am besten zu erfassen sei.

Das Hauptproblem der Interpretation liegt meines Erachtens darin verborgen, dass man die dialektischen Strukturen, die diese Philosophie organisieren, nicht hinreichend erkannte. Denn auf den ersten Blick könnte man meinen, hierbei handelt es sich um dialektische Strukturen ganz im Sinne von Marx und Hegel.

Bei näherem Hinsehen jedoch wird klar: Aristoteles folgt einer aus dem griechischen Mythos stammenden naturwüchsigen Dialektik, die in einer sogenannten Aristotelischen Mitte im Sinne einer goldenen Mitte gipfelt. Was aber versteht man unter einer goldenen Mitte? Nun, die goldene Mitte impliziert zwar einen Kompromiss, aber es handelt sich deswegen keineswegs um ein Mittelmaß.

Vielmehr symbolisiert die goldene Mitte als besondere Form das Beste; ein Optimum, welches sich durch Vielseitigkeit auszeichnet und gerade dadurch eine Komplexitätssteigerung erreicht. Dieses althergebrachte Paradigma der goldenen Mitte ist der Dreh- und Angelpunkt der Aristotelischen Philosophie. Hinter dem Paradigma der Aristotelischen Mitte verbirgt sich schließlich - und das ist eine wichtige Erkenntnis meiner Untersuchung - ein syllogistisch organisierter Entwicklungsgedanke, in dem jeder Prozess -  und dazu zählt natürlich auch der Erkenntnisprozess - als Prozess der Mitte erscheint.

Der rote Faden ist dann insofern aufzufinden, als man auf die zur Mitte hin gerichteten Strukturen achtet, welche das gesamte Werk dialektisch organisieren. Aristoteles geht ja von einem Kontinuum aus, welches durch eine Dreigliedrigkeit des Ganzen gekennzeichnet ist, und zwar dergestalt, dass die jeweils gegenüberliegenden Pole stets durch eine Mitte im Sinne eines tertium comparationis verbunden sind.

Um den Aufbau der Aristotelischen Philosophie erfassen zu können, müssen wir uns natürlich zunächst die Frage stellen: Was hat Aristoteles mit seiner wissenschaftlichen Vorgehensweise eigentlich untersucht? Die Antwort darauf ist im Grunde genommen recht einfach: Das Hauptthema der Aristotelischen Philosophie ist ohne Zweifel die Bewegung. Allerdings müssen wir uns an dieser Stelle vergegenwärtigen, dass mit dem griechischen Begriff Bewegung nicht nur eine einfache Ortsbewegung gemeint ist, sondern Bewegung in einem umfassenden Sinne.

Genauer gesagt, es geht um die systematische Analyse ganz unterschiedlicher Bewegungsformen, um Prozesse respektive Entwicklungen. Meiner Meinung nach hat diesen Sachverhalt besonders gut der klassische Philologe Martin Hose erfasst, der das Aristotelische System als eine Bewegungsphysik auf allen Ebenen des Seins umschreibt.

Es handelt sich also um ein gigantisches interdisziplinäres Forschungsprojekt. Daraus ergibt sich bereits folgender wichtige Zusammenhang: Aristoteles beschäftigt sich mit dem gesamten Sein im Sinne einer Unendlichkeit, welche er als ein Kontinuum mit medialen Strukturen erfasst. Es wäre daher schon ein schwieriges Vorhaben, die Gedanken des Aristoteles erklären zu wollen, ohne dabei die darin angelegten medialen Strukturen zu berücksichtigen.

"Aristoteles ist der Begründer der Wissenschaft, nicht Platon"

Was wird mit diesen Grundgedanken erst jetzt verständlich?

Josef Mehringer: Mit diesen Grundgedanken wird nunmehr einsehbar, dass der Aristotelische Kontinuumsgedanke nicht nur den strukturellen Kern seiner "Physik" bildet, sondern zugleich den Kern der gesamten Aristotelischen Philosophie. Die ganze Philosophie des Aristoteles kann man als ein syllogistisch respektive nach logischen Prinzipien organisiertes Gedankengebäude verstehen. Dies gehört zu einer wichtigen Erkenntnis; denn dadurch kann zum ersten Mal stringent nachgewiesen werden, dass das Werk nicht nur eine Vielheit von Themen bearbeitet, sondern auch in sich eine systematisch organisierte Ganzheit darstellt.

In diesem Zusammenhang wird dann auch deutlich, dass die Aristotelische Philosophie eine häufig unterschätzte, oft sogar übersehene Nähe zum griechischen Mythos aufweist. Aristoteles greift also bei seinen Analysen nicht so sehr auf Platons Philosophie zurück - deren Kern die Ideen bilden, welche die Vielseitigkeit des Seins ausklammern -, sondern auf die Wissensbestände der Vorsokratiker und auf die im Mythos als eigentümliche Weisheitslehre dokumentierten Erfahrungswerte. Diese Vorgehensweise ist auch naheliegend, wenn man bedenkt, dass Aristoteles von seinem fundamentalen Grundsatz ausgeht, der Mensch strebe aus der Erfahrung heraus nach Erkenntnis.

An dieser Stelle kristallisiert sich dann auch ein wesentlicher Unterschied zur Platonischen Vorgehensweise heraus, die eben von den Ideen ausgeht und mediale Strukturen ausblendet, obschon Platon zuweilen darauf zurückgreifen muss. Die medialen Strukturen liefern aber die Grundlage für ein von Aristoteles erstmals entdecktes Beweisverfahren; ein Beweisverfahren, in dem die Logik eine fundamentale Rolle spielt; anders gesagt: Platon verfügt im Grunde genommen über keine geeignete Methode, die ihm ein wissenschaftliches Vorgehen ermöglichen könnte.

Hier greift sein philosophisches Konzept schlichtweg zu kurz. Um es noch deutlicher zu sagen: Aristoteles ist der Begründer der Wissenschaft, nicht Platon. Gemeinsam ist beiden Philosophen, dass sie ein formbezogenes Weltentstehungskonzept verfolgen. Während sich Platon in seiner "Zweiweltenlehre" auf die Ideen konzentriert, sucht Aristoteles mit Hilfe seiner "Kontinuumslehre" stets die Mitte.

"Die Hand des Aristoteles ist im Fluchtpunkt positioniert"

Ist dieser Unterschied auch in Raffaels Bild Die Schule von Athen auszumachen?

Josef Mehringer: Gewiss, Raffael wollte gerade diese geschilderten unterschiedlichen Denkarten anhand der verschiedenen Körperhaltungen und Standorten der einzelnen Philosophen bildhaft zum Ausdruck bringen. Im Mittelpunkt des Bildes befinden sich Platon und Aristoteles, die eben über die Grundlagen der Erkenntnisgewinnung unterschiedliche Positionen vertreten. Wenn Platon mit der rechten Hand gen Himmel zeigt, will er offensichtlich auf den Ort der Ideen als Reich der Wahrheit aufmerksam machen.

Dagegen weist die halboffene Hand des Aristoteles nicht - wie bisher angenommen wurde - nur auf den Erdboden, sondern auf eine Mitte, die eine goldene Mitte symbolisiert. Dieser Gedanke wird insofern verstärkt, als der Stagirit in der linken Hand die Nikomachische Ethik hält, in der ja die goldene Mitte eine fundamentale Rolle spielt. Es ist gewiss auch kein Zufall, dass Aristoteles’ Hand im Bereich der Mitte des gesamten Kunstwerkes erscheint - die Hand, die letztendlich laut Aristoteles als Organ der Organe eine dialektische Einheit in der Vielheit schafft und dadurch selbst eine Art goldene Mitte der menschlichen Organe darstellt.

Wenn man das außergewöhnlich ausdrucksstarke Kunstwerk genau betrachtet, positionierte Raffael die Hand des Aristoteles in den in der Mitte angelegten Fluchtpunkt; und dieser Fluchtpunkt markiert ja nicht nur eine Mitte, sondern bringt zudem das Unendliche bildhaft zum Ausdruck, welches Aristoteles mit seiner "Kontinuumslehre" zu begreifen versuchte. Raffael nutzt also mit der Zentralperspektive als neues Instrument der Malerei eine besondere Ausdrucksmöglichkeit, die meines Erachtens oft übersehen wird. Nicht zufällig dürften dann auch die übrigen Philosophen in ganz unterschiedlichen Bereichen der Eingangshalle erscheinen, die immer auf die Mitte bezogen bleiben.

Übrigens sollten wir die in der Eingangshalle über den Philosophen erscheinenden Götter Apollon und Athene nicht übersehen, die sozusagen den althergebrachten Denkleistungen bildhaften Ausdruck verleihen. Es ist doch so, dass Platon, der dieses mythische Gedankengut ablehnt, sozusagen als "moderner" Philosoph erscheint; dagegen macht Aristoteles den Mythos für seine Philosophie fruchtbar und führt damit eine uralte Denktradition weiter, die uns durch Homers Heldenepen und Hesiods Lehrgedichte überliefert ist und in der Philosophie zum ersten Mal von Anaximander aufgegriffen wurde.

"Das mythische Weltbildkonzept lässt sich vorzüglich mit der Logik kombinieren"

Was ist der beste Einstieg in das Werk von Aristoteles?

Josef Mehringer: Die Nikomachische Ethik verschafft uns einen schnellen Zugang zur Aristotelischen Denkweise. In dieser Tugendethik erscheint die Aristotelische Mitte als der zentrale Gedanke. Des Weiteren macht Aristoteles in dieser Schrift explizit darauf aufmerksam, dass jede Wissenschaft sich stets auf die Mitte als Fluchtpunkt der Ursachen konzentrieren müsse - hierbei handelt es sich um einen Gedanken, der von den Aristoteles-Interpreten bisweilen übersehen wurde.

Ferner wird in der Nikomachischen Ethik deutlich, wie sehr sich Aristoteles an den Mythos orientiert. In der Tat ist der immer gegenwärtige Bezugspunkt in Aristoteles’ Philosophie der von einem zeusähnlichen Baumeister hergestellte Tempelbau, der ein althergebrachtes Weltbildkonzept widerspiegelt. Hier dürfen wir an der verborgenen Geometrie, welche die Tempelanlage nach den aus dem goldenen Schnitt hervorgehenden göttlichen Verhältnissen, den proportio divina, strukturiert, nicht vorbeigehen - diese hat Aristoteles erkannt und in sein Konzept mitberücksichtigt.

Das mythische Weltbildkonzept lässt sich dann vorzüglich mit der von dem Stagiriten neu entdeckten Logik kombinieren, denn die Planung eines Baumeisters stellt ja nichts anderes als ein syllogistisches Vorgehen dar - so lassen sich im Corpus Aristotelicum immer wieder syllogistische Strukturen aufspüren. Wissenschaft und Mythos stehen hier also in keinem gegensätzlichen Verhältnis zueinander, sondern ergänzen sich. Schließlich lässt sich eine besondere Nähe zwischen Aristoteles und Homer belegen, die wir übrigens im gesamten Aristotelischen Werk eruieren können.

"Die Poetik nimmt in der Aristotelischen Philosophie eine bisher ungeahnte führende Rolle ein"

Erfahren nun Einzelteile der Aristotelischen Philosophie eine andere Gewichtung?

Josef Mehringer: Ja, gewiss. Dieser Punkt hat mich selbst zum Staunen gebracht; denn die sorgfältige Prüfung des uns vorliegenden Materials hat gezeigt, dass sich sogar ein bisher verborgener Forschungskomplex herauskristallisiert, der sich aus den naturwissenschaftlichen Schriften und der Logik zusammensetzt. Dieser von mir genannte "Kosmos-Seelenlehre-Logik-Komplex" steht sozusagen als verbindendes Glied zwischen der theoretischen Philosophie auf der einen Seite und der praktischen und ästhetischen Philosophie auf der anderen Seite.

Das Besondere an dieser neuen Gliederung ist, dass sie einerseits im Wesentlichen zu den älteren Gliederungsvorschlägen der bisherigen Interpretationsversuche passt, andererseits erstaunliche Parallelen zur mythischen Weltbildvorstellung, die sich insbesondere im griechischen Tempelbau widerspiegelt, aufweist. Schließlich konnte nachgewiesen werden, dass sowohl in der Aristotelischen Philosophie als auch im Tempelbau ein der Natur abgeschautes althergebrachtes Entwicklungsmodell verbirgt, welches sich in der Form einer sogenannten goldenen Spirale darstellen lässt.

Die goldene Spirale, die auch als Spirale der goldenen Mitte allgemein bekannt ist, kann übrigens in allen Naturprozessen eingesehen werden. So hat etwa der mittelalterliche Mathematiker Leonardo Fibonacci versucht, mit einer Zahlenreihe das Wachstumsmuster von Pflanzen mathematisch abzubilden - hier kommt also wieder die verborgene Geometrie zum Tragen. Jedenfalls wird schon aufgrund dieser Erkenntnisse einsehbar, dass neben den naturwissenschaftlichen Schriften insbesondere die Logik, aber auch die Seelenlehre und die Ästhetik eine weit größere Bedeutung haben als bisher angenommen wurde.

So wirkt etwa die "Seelenlehre" gleichsam als Lendenwirbel, durch den alle Gedankenstränge führen. Außerdem geht aus dieser Schrift hervor, dass Aristoteles nicht lediglich mit einem Theorie-Praxis-Verhältnis rechnet, sondern stets mit einem Theorie-Praxis-Ästhetik-Konzept an seine Untersuchungen herantritt - hierbei handelt es sich um ein Vorgehen, welches später Goethe oder die Humboldt-Brüder weiterführen. So gesehen erfährt die Ästhetik im gesamten Aristotelischen Werk eine neue Bedeutung. Vor diesem Hintergrund lässt sich dann auch besser verstehen, warum die "Poetik" als erste Schrift über die Kunst in der Aristotelischen Philosophie eine bisher ungeahnte führende Rolle einnimmt. Dies hängt freilich auch mit ihrem vielseitigen Charakter zusammen, der in gewisser Weise auch eine Komplexitätssteigerung markiert. Jedenfalls haben meine Untersuchungen ergeben, dass die "Poetik" einen Höhepunkt in dem Aristotelischen Gedankengebäude darstellt.

"Viele Wissenschaftler haben die geniale Systematik nicht erkannt"

In welchem Sinne stellt die Poetik den Höhepunkt des aristotelischen Schaffens dar?

Josef Mehringer: Das ist sicherlich ein interessanter Aspekt, den ich bei der Lektüre des Gesamtwerkes aufspüren konnte. In den gängigen Interpretationen stellt die Poetik lediglich eine nebensächliche Untersuchung dar. Jedenfalls war man bisher unsicher, wie man diese Schrift in das einzuordnen habe. Wie aber kommt man zu einer derartigen These? Was spricht dafür? Ist es nicht so, dass Aristoteles die Philosophie insofern lobt, als sie dem Menschen höchstes Lebensglück vermitteln kann? Dieses Argument mag durchaus stimmen; und dennoch widerspricht es nicht der hier angeführten These. Ganz im Gegenteil: Sie bekräftigt sogar diese neu aufgedeckte Struktur. Allerdings ist dieser komplexe Sachverhalt nicht leicht auffindbar. Das hat auch damit zu tun, dass uns nicht alle Schriften vorliegen - vieles ist ja verloren gegangen, und so können wir uns nur auf die esoterischen Schriften berufen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, sondern für den eigenen Lehrbetrieb im Lykeion.

Eigentlich kann man diese These nur dann belegen, wenn man das Gesamtwerk akribisch studiert, wenn man die eigentümlichen dialektischen Strukturen mit dem Paradigma der Aristotelischen Mitte darin wahrnimmt. Wir müssen uns aber insbesondere die Vorgehensweise des Aristoteles vergegenwärtigen. Hier kann man von einem sogenannten "Dritten Weg" sprechen; denn der Stagirit prüft stets die ihm vorliegenden Daten, die er dann in zwei Gruppen aufteilt. Zumeist stellt er fest, dass es sich dabei um zwei extreme Positionen handelt, deren Erkenntnisse er weder dezidiert ablehnt noch annimmt. Schließlich übernimmt er von beiden Argumentationsketten das ihm richtig Erscheinende und entwickelt daraus ein neues Konzept. Dieses ist dann vielseitig und stellt eine höhere Komplexität dar.

Viele Wissenschaftler haben diese geniale Systematik nicht erkannt, und werfen Aristoteles nicht selten an den verschiedensten Stellen seines Werkes Inkonsequenz vor. Doch es ist gerade diese Suche nach der goldenen Mitte, welche Aristoteles mit Erfolg anwendet: Die Suche nach der Mitte, nach der Aristotelischen Mitte, die in gewisser Weise auch einen Kompromiss integriert, finden wir dementsprechend im gesamten Werk.

Und in diesem Sinne nimmt auch die "Poetik" als erste wissenschaftliche Schrift über die Ästhetik die höchste Komplexität ein. Genauer gesagt: Innerhalb des Aristotelischen Gedankengebäudes beansprucht die Ästhetik eine gewisse Vorrangstellung, da sie auf Grund ihres vielseitigen Charakters im Sinne einer goldenen Mitte wirkt. Dies hat Aristoteles meines Erachtens tatsächlich beabsichtigt. So gibt es kaum eine Schrift im tk>Corpus Aristotelicum, die nicht explizit oder implizit einen bestimmten komplexen Sachverhalt im Hinblick auf die Poetik als Abhandlung über die Künste thematisiert. Und so kommt es, dass sich in der Poetik alle vorhergehenden Abhandlungen in irgendeiner Weise wieder auffinden lassen.

"Aristoteles ist gegen die Sklaverei"

Aristoteles wird seit geraumer Zeit als Verteidiger der Sklaverei, als Frauenfeind und wegen seiner Lehre vom "unbewegten Beweger" als Theologe und Teleologe abgetan. Wird dieses Bild Aristoteles gerecht?

Josef Mehringer: Über derartige Aussagen habe ich selbst gestaunt, bis ich merkte, dass die Verfechter dieser Thesen die eigentümliche dialektische Methode von Aristoteles erst gar nicht erkannten. Wie gesagt: Aristoteles strebt stets eine positiv-negativ-Bewertung an - diese Bewertung ist sozusagen ein wesentlicher Teil seiner Analyse. Dieses Verfahren ist freilich komplex, und so kommt es, dass man Aristoteles bisweilen dort Inkonsequenz vorwirft, wo er sich gerade konsequent an seine eigene ausgeklügelte Vorgehensweise hält. Von politischen oder wirtschaftlichen Interessen getrieben versuchen manche, von der Größe der Denkleistungen des Universalgenies abzulenken.

Immerhin haftet dem Aristotelischen Gedankengut ein enormer revolutionärer Charakter an; und in diesem Zusammenhang erscheint es für Ideologen günstig, derartige Pauschalurteile vorzubringen. Wenn wir aber das uns vorliegende Material genau analysieren, so werden wir in der Tat erkennen, dass im Mittelpunkt seines wissenschaftlichen Strebens der freie Mensch steht, der sich aufgrund seiner vielseitigen Fähigkeiten und Anlagen bestimmen kann und auch bestimmen sollte - hier gibt es keine Hinweise, dass nur auserwählte Personen zu ihrer Selbstbestimmung respektive Selbstverwirklichung gelangen dürften; vielmehr ist die Rede von dem Menschen als Gattungswesen. Aus diesem Grunde kann Aristoteles als Freiheitsphilosoph bezeichnet werden, der den von den Spartanern (Leonidas) und Griechen realisierten Freiheitskampf weiter führt, und zwar in einer aufgehobenen Form. Es ist einfach eine Tatsache, dass sich dieses demokratisch orientierte Denkkonzept nicht so gut für ideologische Bestrebungen eignet.

Aristoteles kann sich natürlich den bestehenden Systemen nicht entziehen, und wenn er diese analysiert, so ist das keineswegs so gedacht, als würde er diese legitimieren. Er weist sogar darauf hin, man müsse den Sklaven im Hinblick auf ihre Entwicklung mehr Mut zusprechen und er gibt zu bedenken, dass die Arbeiten der Sklaven in zukünftiger Zeit Maschinen verrichten könnten. Schließlich legt Aristoteles in seinem Testament fest, dass den jungen Burschen, die den Hausdienst verrichtet haben, die Freiheit zu schenken sei. Wenn man das gesamte Werk kennt, so kann man mit Sicherheit behaupten: Aristoteles ist gegen die Sklaverei.

Der Stagirit ist gewiss auch nicht frauenfeindlich. Das geht schon daraus hervor, dass er - wie gesagt - bei seinen Analysen von dem Menschen als Gattungswesen ausgeht. Eigentlich stehen im Mittelpunkt seiner Untersuchungen die besten Entwicklungsmöglichkeiten eines Kindes. Individuelles Handeln, gesellschaftliche Bedingungen und Naturanlagen sowie die richtigen Lehrmeister sind für das Kind entscheidende Faktoren, um eine richtige Charakterbildung, die Voraussetzung für ein glückseliges Leben ist, garantieren zu können.

Die Aristotelische Weltbildvorstellung ist in der Tat teleologisch organisiert. Immer wieder betont er in seinen Schriften, die Natur mache nichts umsonst, sie habe Pläne: dieser Gedanke ist sogar ein wesentlicher Leitfaden, wenn man in seiner Metaphysik den unbewegten Beweger berücksichtigt. Allerdings geht dieses teleologische Weltbild von einer Autonomie der Natur aus. Genauer gesagt: Hierbei handelt es sich um ein Weltentstehungskonzept, welches der Stagirit von Homer übernimmt - Homer ist ja für Aristoteles ein großes Vorbild. In diesem Kontext ist auch der unbewegte Beweger zu verstehen, der innerhalb der Natur als sinnlicher Ausdruck der Aristotelischen Mitte im Sinne eines Formprinzips zu verstehen ist. Hier wirkt nicht wie bei Hegel eine "List der Vernunft", sondern eine Art "List der Natur", die den christlichen Glaubensvorstellungen widerspricht. Im Aristotelischen Kosmos gibt es auch kein transzendentes Moment. Aristoteles kann also keineswegs als Kirchenvater bezeichnet werden, vielmehr formuliert er ein mythenorientiertes Weltentstehungskonzept.

"Aristoteles könnte auch bei der Suche nach dem Higgs-Element hilfreich sein"

Was wird bei Aristoteles gemeinhin verkannt, und ist er in mancher Hinsicht - etwa der Berücksichtigung der Natur - moderner als die Modernen?

Josef Mehringer: Die Mehrzahl der Wissenschaftler geht davon aus, dass die Philosophie des Aristoteles veraltet sei, um Lösungen für heutige Probleme anbieten zu können. Meines Erachtens müssten jedoch die Denkleistungen des Aristoteles auch für neuere Forschungen herangezogen werden, und zwar nicht nur für den Bereich der Geisteswissenschaften, sondern auch für den der Naturwissenschaften. Aristoteles’ Philosophie ist in der Tat äußerst aktuell, und zwar wegen seiner "Kontinuumslehre". Im Bereich der Physik hat dies übrigens sehr scharfsinnig Carl Friedrich von Weizsäcker erkannt. Er gibt nämlich zu bedenken, dass die Erklärungen, welche Aristoteles von dem Kontinuum, der Zeit, dem Raum und der Bewegung vorbringt, weit besser begründet seien als die in der heutigen Mathematik und Physik üblichen Modelle.

Jedenfalls könne damit die Quantentheorie am besten erfasst werden. Leider werden diese von Weizsäcker angeführten Hinweise nicht allzu ernst genommen; diese könnten jedoch auch bei der verzweifelten Suche nach dem Higgs-Element hilfreich sein. Überhaupt müssten naturwissenschaftliche Forscher weit mehr als bisher auf das Aristotelische Gedankengut zurückgreifen, da deren Methoden- und Theorienkonzept gegenüber dem Aristotelischen erhebliche Schranken gesetzt sind; und es ist sicherlich nicht sinnvoll, wie Stephen Hawking davon zu sprechen, "philosophy is dead". Aristoteles kann auch als Visionär bezeichnet werden, wenn man bedenkt, dass er bereits den Gedanken einer Relativitätstheorie mit verschiedenen Kosmen und unterschiedlichen Zeit-Raum-Bewegungsverhältnissen in Betracht zieht. Seine Überlegungen sind hier äußerst komplex und werden bis heute unterschätzt.

Besonders aktuell erscheinen die Aristotelischen Erkenntnisse im Bereich der Politik. Martha Nussbaum hat in diesem Zusammenhang den "Aristotelischen Sozialdemokratismus" in Erinnerung gerufen - dieser würde sich laut Nussbaum für ein zukunftsorientiertes Staatsmodell bestens eignen. Besonders interessant erscheint mir in der praktischen Philosophie des Aristoteles folgende Überlegung: Der Stagirit erkannte bei seinen historischen Analysen, dass die Mittelschicht den eigentlichen Entwicklungsmotor einer Gesellschaft darstellt. Dies geht insbesondere auf die Tatsache zurück, dass laut Aristoteles jeder Prozess als Prozess der Mitte aufzufassen sei. Daher sollten seines Erachtens auch die politischen Wortführer aus der bestehenden Mittelschicht stammen.

In der wissenschaftlichen Diskussion sollte vor allem das von Aristoteles ausgearbeitete Methoden- und Theorienkonzept nicht unterschätzt werden, zumal es ein allumfassendes Theorie-Praxis-Ästhetik-Verhältnis berücksichtigt. Diese interdisziplinäre humanistische Herangehensweise eignet sich vorzüglich für kulturwissenschaftliche Untersuchungen - man denke etwa an die Ethnologie oder Volkskunde.

Auch im Hinblick auf die Entwicklungstheorie gibt es bei Aristoteles wichtige Erkenntnisse. Wenn nämlich jeder Prozess als ein Prozess der Mitte zu verstehen ist, so würde nicht nur im Bereich der Gesellschaft eine Mitte den Entwicklungsimpuls bewirken, sondern auch im Bereich der Natur. Jedenfalls würde das von Aristoteles formulierte interdisziplinäre Entwicklungsprogramm auf allen Ebenen des Seins die Darwinistische Evolutionstheorie in zweifacher Hinsicht ergänzen. Zum einen bringt sie eine Mitte ins Spiel, welche sich durch eine Vielseitigkeit auszeichnet; zum anderen geht Aristoteles von einem Theorie-Praxis-Ästhetik-Konzept aus.

Beide Aspekte werden von Darwin nicht hinreichend berücksichtigt. So findet Darwin etwa keine Erklärung für die Existenz des männlichen Pfaus, der mit seinem prachtvollen Federnkleid bei den Weibchen mächtig Eindruck schinden kann aber dadurch in der Natur sehr unbeweglich erscheint. Überhaupt geht Darwin und auch dessen Anhänger davon aus, dass Aristoteles kein Evolutionsmodell vorgestellt hätte; geht der griechische Ausnahmephilosoph doch von feststehenden Arten aus.

Allerdings gehen die Vertreter einer derartigen Annahme daran vorbei, dass ein Entwicklungsmodell durchaus mit feststehenden Formen bestimmt werden kann; denn so wie Fibonacci den Wachstumsprozess der Pflanzen mit natürlichen Zahlen näherungsweise darstellte, so hat - wie meine Untersuchung beweist - auch Aristoteles den Entwicklungsprozess auf allen Ebenen des Seins näherungsweise dargestellt, und zwar mit seiner Kontinuumslehre. Man kann doch auch mit Konstanten Entwicklungen erfassen - das ist doch die Pointe.

Es ist eben dieses althergebrachte Weltentstehungskonzept, welches Aristoteles mit seiner "Logik" vervollständigt - hierbei handelt es sich um ein syllogistisch organisiertes Weltentstehungskonzept, welches sich als Raumspirale in Form einer goldenen Spirale wiedergeben lässt. Diese in meiner Untersuchung aufgedeckten medialen Strukturen verleihen der Aristotelischen Philosophie einen bisher verborgenen Aktualitätscharakter.

Was würden Sie als seine größten Stärken erachten?

Josef Mehringer: Aristoteles’ Philosophie ist meines Erachtens an Genialität kaum zu übertreffen, da der Stagirit nicht nur mit der Formulierung seiner "Logik" der Begründer der Wissenschaft ist, sondern obendrein den Mut aufbrachte, althergebrachte Denkleistungen, die zur damaligen Zeit bereits unter einem negativen Vorzeichen standen, für die Philosophie fruchtbar zu machen. Mythos und Logos sind in seinem groß angelegten Wissenschaftssystem vereint.

In der Tat handelt es sich hierbei um eine einzigartige Leistung; denn weder vor ihm noch nach ihm kann irgendein Denker ein derartig vielseitiges interdisziplinäres Wissenschaftsprogramm anbieten. Aristoteles ist vor allem ein ehrlicher Philosoph, der die vielseitige Selbstverwirklichung des Menschen in den Mittelpunkt stellt - keine Spur von Ideologie oder Machtansprüchen. Er lässt sich das freie Denken selbst von seinem hochangesehenen Lehrer Platon nicht verbieten, auch auf die Gefahr hin, keine würdige Stelle in der Akademie zu bekommen. Das Genie geht tapfer seinen eigenen, selbstbestimmten Weg. Meines Erachtens führt Aristoteles als Ahnherr des Humanismus die Denktradition Homers - des größten aller Dichter - weiter.

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