Aufblühen mit der 21-Stunden-Woche

10.01.2012

Die radikale Kürzung der Wochenarbeitszeit - eine "Alternative zur real existierenden Misere"?

Es gibt Arbeit, die direkt vergütet wird, und es gibt darüberhinaus eine Menge zu tun - falls es darum geht, ein gutes Leben zu führen, bei dem man sich nicht damit begnügt, für alles die möglichst kostengünstigste, vorgefertigte, schnellste, bequemste Lösung zu finden, um das Problem schnell vom Tisch zu haben, angefangen beim Essen...

Bedrückend deutlich wird Zeitnot bei den härteren Lebensfragen, zum Beispiel, wie man mit Pflegefällen in der Familie umgeht oder bei den Fragen, die beim Streit mit dem Partner aufkommen. Zeitmangel erhebt überall ihr grässliches Haupt, wo es um Aufmerksamkeit und Wertschätzung geht, und reißt kleine, giftige Löcher in Beziehungen zu Kindern, Freunden und auch zu Dingen, die einem eigentlich doch wichtig sind. Wäre ein Berufsleben mit 21 Wochenarbeitsstunden - bei ausreichender Entlohnung - ein Königsweg zur besseren Lebensgestaltung? Ist das im großen gesellschaftlichen, ökonomischen Rahmen möglich?

Der Londoner Think-Tank New Economics Foundation ist davon überzeugt. Ihren Bericht 21 Hours überschreibt die Organisation mit der verlockenden Verheißung: "Warum eine kürzere Arbeitswoche uns helfen kann im 21. Jahrhundert aufzublühen". Angestellte, die nominell für 35 oder etwas mehr Wochenstunden bezahlt werden und nach Aussagen, die häufig zu hören sind, immer öfter unvergütet sehr viel mehr Stunden arbeiten, dürften dem Leitgedanken der NEF einiges abgewinnen.

Kürzere Wochenarbeitszeiten würden "die Gepflogenheit durchbrechen, dass wir leben, um zu arbeiten, arbeiten, um zu verdienen und verdienen, um zu konsumieren". Die Beschäftigten würden weniger dem Konsum anhängen, dessen Produktionsaufwand viel Treibhausgase in die Luft setzt, und sich mehr Beziehungen zuwenden, mehr Muße genießen und Orte, die weniger Geld kosten und mehr Zeit haben. Die Gesellschaft und die Wirtschaft würde mit weniger Wochenarbeitszeit besser mit den Grenzen des Wachstums umgehen, umweltbewußter sein, die Arbeit besser verteilen, mit kostbaren Ressourcen sorgfältiger verfahren und insgesamt dem Prinzip der Nachhaltigkeit besser folgen können - so die Aussicht, die hier eröffnet wird. Mit dem historischen Hinweis darauf, dass die Arbeitszeiten noch aus dem industriellen Zeitalter stammen, das technisch überholt ist.

Auch Detlev Hensche, bis 2001 Vorsitzender der IG Medien, Mitherausgeber der "Blätter für deutsche und internationale Politik", bricht in einem Aufsatz, der soeben dort erschienen ist, eine Lanze für die Arbeitszeitverkürzung, die er als zentralen Baustein eines "emanzipatorischen, sozialen, die gesellschaftliche Spaltung überwindenden Projekts" sieht.

Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene findet die Arbeitszeitverkürzung ohnehin statt. Seit den Anfängen der Industrialisierung reduziert sich die gesamtgesellschaftlich aufzuwendende Arbeitszeit bei gleichzeitigem Wachstum der Arbeitsergebnisse. Seit Ende der 1960er Jahre hat sich beispielsweise die in Westdeutschland erarbeitete Menge an Gütern und Dienstleistungen real verdreifacht, bei einer um mehr als ein Viertel geringeren Summe der insgesamt aufgewandten Arbeitszeit.

Sein Artikel versteht sich als Aufruf an die Linke, endlich eine Alternative zur real existierenden Misere zu entwickeln. Eine andere Art zu arbeiten und zu leben, das wäre ein Aufbruch, der Mehrheiten gewinnen könnte, so Hensche. Als Bestandteile des "solidarischen und freiheitlichen Regimes kürzerer Arbeitszeiten erwähnt er "das ganze Spektrum von kürzeren Arbeitstagen, von Blockfreizeiten, Bildungs- und Elternzeiten sowie Sabbatjahren".

Das Interesse am Thema radikale Arbeitszeitverkürzung ist garantiert, es könnte sich daraus eine ähnlich starke Debatte entwickeln wie beim Thema Grundeinkommen, allerdings hat auch die Arbeitszeitdebatte mit vielen Einwänden und Hindernissen zu tun, mal ganz davon abgesehen, dass europaweit die Machtverhältnisse momentan ganz zu Gunsten der Konservativen ausfallen, die bei diesem Thema vor allem Ängste mobilisieren, weil es gegen ihre Interessen geht.

Und sie können dabei auf deutlich wahrnehmbare Ängste und Skepsis zählen. Über 200 Kommentare hat ein Artikel des Guardian, der über das Paper des britischen Think-Tanks berichtet (Cut the working week to a maximum of 20 hours, urge top economists) und nicht wenige fragen danach, wie sie ihre Miete bezahlen und ihren Lebensunterhalt bei weniger Arbeitsstunden bestreiten sollen. Mit der Realität sei das "Projekt 21 Stunden" schlecht vereinbar:

Seriously which planet do they live on? All very well for those working in lucrative jobs but my husband works 60 plus hours a week, every week just to keep the roof over our head. I have long term health problems which makes me unemployable and now our children are grown up. There's no financial help available so he has no other option.

Der konkreteste Vorschlag zum nötigen Einkommensausgleich, den die New Economics Foundation erwähnt, sind Steuererhöhungen, mit denen Gelder umverteilt werden, und höhere Mindestlöhne. Orginell ist der Vorschlag, Einkünfte aus dem Emissionshandel den Ärmeren zugute kommen zu lassen. Ansonsten spricht man sich dafür aus, staatliche Leistungen radikal umzustrukturieren und auch die Wirtschaft selbst, die angesichts der Wachstumsgrenzen andere Modelle finden muss. Dass Arbeitszeitverkürzung die Produktivität erhöht, ist eins der Hauptargumente, mit denen man die Wirtschaftsvertreter überzeugen will.

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