Der Kampf um den Stolz

Mona Sarkis 12.02.2012

Die Araber ringen um Würde, Glück und Gerechtigkeit - jedoch nicht erst seit 2010

"Ich bin stolz, ein Araber zu sein". Seit Ausbruch der "Arabellions" empfinden immer mehr Bewohner des Mittleren Ostens so. Was dies bedeutet, kann man nur verstehen, wenn man das existentielle Unbehagen betrachtet, das seit über zwei Jahrhunderten die Menschen quält.

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"Mein Gott, was bin ich zurück geblieben!" Vielen Arabern kommt dieser Spruch leicht über die Lippen - und sei es, weil sie jenes technologische Tool, das hierzulande kaum einer kennt, selbst noch nicht zu bedienen wissen. Zwar sagen sie es scherzhaft, doch der Hintergrund ist ernst. Tatsächlich sitzt das Gefühl der Unterlegenheit bei Arabern tief und - seit langem.

So schrieb bereits 1930 Shakib Arslan einen Essay unter dem Titel: "Warum sind die Muslime zurück geblieben und warum sind andere voran geschritten?" In seiner noch heute viel gelesenen Analyse versuchte der libanesische Autor und Diplomat Arslan (1869-1946), den von Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber dem "modernen" Westen zermürbten Arabern Mut zuzusprechen.

So wendet sich Arslan in seiner Schrift (deren Veröffentlichung die französischen Kolonialbehörden in Algerien unterbanden) strikt gegen die Vorstellung, dass die Religion für den Aufstieg und Fall von Zivilisationen verantwortlich sei. Vielmehr seien politische, wirtschaftliche und moralische Faktoren im Spiel. Unter letzteren versteht er vor allem die Verpflichtung zu tiefgreifendem Wissen und kommunaler Solidarität.

Beide müssten jenen gefährlichen Defätismus besiegen, der die Rede von der "westlichen Überlegenheit" zur selbsterfüllenden Prophezeiung mache. Schliesslich seien Wohlstand, Wissenschaft, Technologie und militärische Macht nicht die Voraussetzungen für starke Gesellschaften, sondern nur deren Ergebnisse. Zugleich müssten Muslime erkennen, dass nicht nur sie ihre Religion pflegen würden.

Auch Christen und Juden täten dies. Die aber, und das sei der einzige, aber kuriose Unterschied, würden deshalb nicht als "Traditionalisten" verschrien. Ebensowenig sei der westlichen Wahrnehmung je in den Sinn gekommen, den christlichen Missionseifer als "fanatisch" zu brandmarken. Kurz: die Muslime sollten den Doppelmaßstab des Westens erkennen, und statt sich in dessen Urteil über sie zu fügen, seien sie besser beraten, ihre sakralen Texte zu studieren. Der Koran dulde nämlich weder Passivität noch Fatalismus.

Napoleons Schockfeldzug

75 Jahre später startete der libanesische Journalist Samir Kassir (1960-2005) einen neuerlichen Ermutigungsversuch. In seinem 2006 auch auf Deutsch erschienenen Buch "Das arabische Unglück" erinnerte er die Araber nicht zuletzt daran, dass ihr Unglück weniger in ihrer Historie, denn in ihrer Geographie gründe.

Ob für Europas Kolonialisten, Israels Gründer oder die internationale Ölindustrie - sie sei und bleibe ein Brandherd der Interessen. Ebenso müssten sich die Muslime vergegenwärtigen, dass Gewalt kein Charakteristikum ihrer Religion sei, sondern weltweit ungelöste Konflikte kennzeichne. Sie selbst dürften es daher dem Westen nicht gleichtun, indem sie das eine mit dem anderen verwechseln und trotzig eine "Kultur des Todes" zelebrieren, die sie in die Arme tatsächlich fortschrittsfeindlicher Islamisten treibe.

Zwei, einander nicht unähnliche Analysen. Verteilt über ein Dreivierteljahrhundert, in dem sich offensichtlich in punkto Selbstbewusstsein und Fortschritt nichts getan hat. Ein Beweis für den Stillstand arabischer Gesellschaften?

"Schlimmer noch", antwortet die libanesische Philosophin Elizabeth Suzanne Kassab . "In den Jahrzehnten, die Arslan und Kassir trennen, wurden die arabische Identitätsdebatten immer zirkulärer und selbstzerstörerischer - nach dem Motto: ‚Die Dinge verlaufen schlecht, weil wir Araber sind‘", sagt die Autorin des Buches Contemporary Arab Thought.

Ihren Ausgang nahmen die Selbstzweifel vor über 200 Jahren. Damals fiel Napoleon mit einer bestens organisierten Armee in Ägypten ein (1798-1801) , in seinem Schlepptau zahlreiche Intellektuelle, die 1798 in Kairo das Institut d‘ Égypte zur Erforschung des Landes gründeten. Bei den Arabern löste diese militärisch-wissenschaftliche Maschinerie Schockwellen aus.

Die bohrende Frage: "Warum sind wir nicht so?" tauchte erstmalig auf und prägte fortan ihr ganzes Denken. Dabei, so Kassab, seien drei große Momente auszumachen: Die erste "Nahda" (Renaissance), die das 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts durchzog. Die zweite "Nahda", die ab 1967 einsetzte. Und schließlich die Entwicklung ab Mitte der achtziger Jahre.

Politisch und positiv: Die erste Nahda

Die Denker der ersten Nahda orteten die Ursache allen Übels vor allem in der Politik. Während Europas politische Modelle von Gesetzen und der Möglichkeit geprägt waren, die Herrschenden zur Rechenschaft zu ziehen, verkam im Osmanischen Reich (wenngleich sich auch dieses zeitweilig in tiefgreifenden Reformen versuchte) die politische Gerechtigkeit im Wesentlichen zum Fremdwort.

Zu diesem Schluss kam bereits eine der frühesten Schriften der ersten Nahda und einer ihrer Meilensteine. Verfasst hat sie Rifa’a Rafi‘ al-Tahtawi (1801-1873), ein an der Kairoer al-Azhar-Universität geschulter Scheich. Zwischen 1826 und 1831 hatte er die französische Gesellschaft vor Ort studiert und das Ergebnis 1834 in seinen "Pariser Tagebüchern" veröffentlicht.

Minderwertigkeitskomplexe sind darin nicht vorzufinden. Im Gegenteil: al-Tahtawi, der von der westlichen Gesellschaft vielfach fasziniert, aber nicht eingeschüchtert war, richtete den Zeigefinger nicht auf "die" Araber, sondern auf deren despotische Führer. Wie Kassab erklärt:

Wie das Gros der Denker der ersten Nahda war er überzeugt, dass ein höherer Bildungsgrad bei Frauen wie Männern, vor allem aber politische Gerechtigkeit vonnöten seien. Sei dies erst einmal geschafft, könne man den Westen einholen - schließlich seien Freiheit und Gerechtigkeit keine christlichen Erfindungen, sondern das moderne Äquivalent zum Geist der Scharia. Die Stimmung war also grundsätzlich eine positive.

Die Debatten über Despotentum, die Rolle der Frau und die der Religion rieben sich in den Folgejahrzehnten aneinander - und an der sich überschlagenden Realpolitik. Die Briten besetzten Ägypten (bis 1952), die Franzosen Syrien und den Libanon (bis 1943), Tunesien und Marokko (bis 1956) sowie Algerien (bis 1962). Das Abkommen von Sykes-Picot wurde unterzeichnet, willkürliche Grenzen gezogen, Nationalstaaten aufoktroyiert und 1948 Israel in deren Mitte gegründet.

Dies ließ unter anderem Sayyed Qutb (1906-1966) erstarken, einen der wichtigsten Theoretiker der ägyptischen Musimbruderschaft. Qutb kritisierte scharf das Feudalsystem der ägyptischen Monarchie und war überzeugt, dass der Islam die Quelle für die benötigte soziale Gerechtigkeit und politische Regenerierung darstelle. Für eben diese wollte auch jener zeitgleich erstarkte Führer sorgen, der Qutb letztlich hinrichten ließ: Gamal Abdel Nasser (1918-1970). Ein charismatischer, selbstbewusster Panarabist. Eine strahlende Lichterscheinung, die Millionen Arabern eine noch nie verspürte Zuversicht einflösste.

Kulturkritisch und verzweifelt: Die zweite Nahda

Zu Unrecht - wie das desaströse 1967 beweisen sollte. Das kleine Israel besiegte in nur sechs Tagen die Regionalmächte Ägypten, Syrien und Jordanien. "Alles positive Denken, das 150 Jahre lang mühsam geschürt worden war, stürzte wie ein albernes Kartenhaus in sich zusammen. Die arabische Welt schien kastriert", bilanziert Kassab.

Es folgte die zweite Nahda, und sie beklagte vor allem das Scheitern der ersten. Die politische Kritik wich einer meist kulturellen Selbstkritik. Etwas an der arabisch-muslimischen Kultur müsse falsch sein, glaubte man. Andererseits habe dieselbe Kultur schon einmal von den Rechtswissenschaften über die Mathematik bis hin zur Architektur Großartiges gezeitigt.

Infolgedessen begannen Marxisten, Religiöse wie Rationalisten geradezu besessen nach den Erfolgsgeheimnissen der Vergangenheit zu suchen. Die politische Kritik indes zog sich im Angesicht immer schlimmerer Despoten zurück: Die Baath-Parteien im Irak und in Syrien brachten Saddam Hussein und Hafez al-Assad an die Macht. In Ägypten folgten auf Nasser Anwar al-Sadat und Hosni Mubarak. Libyens neuer Herr hieß Muammar al-Ghadaffi .

Zudem überspannte alle arabischen Staaten ein Geheimdienstnetz, das jegliches politisches Engagement im Keim erstickte. Die bittere Ironie daran: Das Überwachungssystem hatte - ausgerechnet - der Hoffnungsträger Nasser so recht eingeführt.

Das Comeback der Politik

Bis Ausbruch der "Arabellions" änderte sich am Gefühl ohnmächtiger Verzweiflung nichts, im Gegenteil, es nahm noch zu. Allerdings kehrte ab den achtzigern Jahren des letzten Jahrehunderts die Politik zurück. Schrittweise, in geheimen Debattierzirkeln, dann vor allem in den proxygeschützten Chatrooms des Internet.

Ausgelöst wurde dies vor allem durch das Phänomen der Gefängnisliteratur. Ein Genre, das, obgleich bedeutende Schriftsteller wie Abdel Rahman Munif (1933-2004) beitrugen, weniger die literarische Qualität auszeichnet als die nackte Wahrheit. Von Bagdad bis Tunis begannen ehemalige Häftlinge über ihre Erlebnisse in arabischen Gefängnissen zu sprechen und die gesamte Bandbreite ihrer Emotionen, von Angst bis Hass zu verarbeiten.

Damit brachen sie den eisernen Vorhang des Schweigens - und jedes Wort mehr, das hinausdrang, und über das mittlerweile eingeführte Internet von der arabischen Jugend nahezu verschlungen wurde, mehrte das Wissen, minderte die Angst und entfachte neue politische Debatten.

"Und diese waren sehr konkret", sagt Kassab. "Ihr ganzer Fokus galt nun dem Staat. Gefragt wurde nicht länger: ‚was bedeutet es, Araber zu sein?‘, sondern: ‚was bedeutet es, Untertan in einem arabischen Staat zu sein?‘" Je länger man indes darüber nachdachte, desto größer die Verzweiflung. Das arabische Unglück schien kaum mehr übertreffbar.

Bis zum Dezember 2010. Sind die Arabellions demnach der Anfang vom Ende der arabischen Malaise? Gewiss ist nur eines: den Arabern steht eine dritte Nahda bevor. Eine hoffentlich glücklichere.

http://www.heise.de/tp/artikel/36/36219/1.html
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