Die Linke und der Sex

12.01.2012

Barbara Eder über linke Sextheorie, den Sex im Neoliberalismus und die Aufwertung der "Arsch-Zone"

Ein wesentliches Merkmal der menschlichen Spezies ist die weitgehende Entkoppelung des sexuellen Triebes von der biologischen Reproduktion. Dementsprechend ist die Frau gesellschaftlich nicht auf die Funktion der Gebärerin festgelegt, so wie sich auch die Wahrnehmung des Körpers und der Geschlechtsverhältnisse nicht auf das "Natürliche" beschränkt, sondern sich mit den geschichtlichen und sozialen Konstellationen, also der Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und den damit verbundenen Herrschaftsformen, ändert. Während die Klassiker die Sexualität "als doppeltes Verhältnis - einerseits als natürliches, andererseits als gesellschaftliches Verhältnis" (Karl Marx) verstanden, driftete in der linken Bewegung dieses Verhältnis immer weiter auseinander, bis man das natürliche Verhältnis der politischen Rechten überließ und sein Augenmerk ausschließlich auf die gesellschaftlichen Komponenten der Sexualität richtete.

Aus Enttäuschung darüber, dass die Liberalisierung der Sexualität im Zuge der 68er-Bewegung nicht mit der politischen Entwicklung Schritt hielt und sich obendrein als naiver Vorläufer der kommerzialisierten Sex-Welle der 70er und 80er Jahre entpuppte, entdeckte man mit dem Aufkommen der universitären Mode des Poststrukturalismus die repressiven Seiten der heterosexuellen Sexualität neu und feierte die Verhaltensweisen sexuell Marginalisierter als "Praktiken des Widerstands" (Michel Foucault). - Mit nicht unamüsanten Nebenwirkungen: Noch während der Neunziger Jahre beschlich einen beim Diskurs des linksradikalen Differenzfeminismus beim Thema "heterosexueller Geschlechtsverkehr" das Gefühl, man wäre in eine Propaganda-Veranstaltung der Amish People geraten. Gleichwohl scheint der Hardcore-Foucaultianismus ein wenig aus der intellektuellen Mode gekommen zu sein. Ein Gespräch mit der Soziologin und Philosophin Barbara Eder, die das Buch Die Linke und der Sex mit herausgegeben hat.

Frau Eder, was unterscheidet denn die Linke von der Rechten in Sachen Sex?

Barbara Eder: Im Gegensatz zur Linken gibt es innerhalb der Rechten kein ausreichendes Problembewusstsein im Hinblick darauf, dass Sex eben gerade nichts "Natürliches", Triebhaftes ist. Sozial forcierte Heterosexualität sowie die damit einhergehende Voraussetzung, dass es eine Teilbarkeit der Welt in zwei Geschlechter gäbe, ist ebenso unhinterfragt wie die latente männliche Homosexualität, die zumeist als manifeste "Homosozialität" in (rechten) Männerbünden anzutreffen ist. Zudem wird oftmals unter Rekurs auf Genetik und biologische Bedingtheit argumentiert - auch religiöse Argumente werden in klerikal-faschistischen Kreisen bedient, um die angebliche Natürlichkeit der Mann-Frau-Beziehung zu befestigen.

Man greift gerne auf Naturalisierungen zurück, um das rechte Bild von Frauen als Gebärerinnen und Erhalterinnen der "arischen Rasse" zu legitimieren. Reproduktion wird als natürliche Aufgabe der Frau angesehen - schließlich braucht man ja Kanonenfutter für den Krieg!

Die Folgen der Tabuisierung von Homosexualität in der Rechten hat Rosa von Praunheim im Dokumentarfilm "Männer, Helden, schwule Nazis" (2005) exemplarisch aufgezeigt. In einem Interview mit einem schwulen Aussteiger aus der rechten Szene, der sich nunmehr in Antifa-Projekten engagiert, zeigt Praunheim sehr klar, wie unausgelebte, weil verbotene Liebe zwischen Männern politisch "produktiv" gemacht wird: Sie wird ins Soziale überführt und zur Festigung von Gruppenstrukturen, der Vergabe von Anerkennungen, der Kultivierung von Männlichkeitsritualen und geschlechtsspezifisch konnotierten, körperlichen "Erbauungsübungen" im Sinne eines "Männlichkeitstrainings" eingesetzt. Auf den im Film interviewten schwulen Aussteiger hatte die rechte Szene eine bestimmte Anziehung, weil er sich dort unter Menschen des von ihm begehrten Geschlechts aufhalten konnte und dennoch "passen" - im Sinne von als heterosexueller Mann "durchgehen" - konnte.

Im Gegensatz zu offen schwul-lesbisch lebenden Menschen, die sich als "queer" im Sinne einer Kritik an konventionellen Geschlechterrollen verstehen, fand er in der Rechten "straighte" Männer vor, die er gerade aufgrund seiner Andersheit im Sinne eines anzustrebenden Ideals begehrte: Der NPD-Ortskreisleiter, in den sich der jetzige Antifa-Aktivist verliebte, war ihm beim Ausstellen eines Ausweises aufgrund seiner Behinderung am Amt behilflich. Dass der junge Homosexuelle sein Begehren auf diesen "straighten" und allen Geschlechterklischees entsprechenden Mann richtete, kann man auch als Reaktionsbildung im Hinblick auf Diskriminierungserfahrungen aufgrund einer Andersheit - in diesen Fall eine gay & disabled masculinity, die in einer heterosexistischen Gesellschaft schnell zur Zielscheibe von Angriffen wird und deshalb eine höhere soziale Vulnerabilität hat - sehen und zugleich als Versuch der Verleugnung derselben.

Der Umgang mit (Homo-)Sexualitäten in der Rechten bedeutet nicht zwangsläufig, dass linke Projekte zwangsläufig die Grundfesten einer heteronormativen, dualistisch strukturierten Geschlechterordnung fundamental angreifen würden. Ökonomische Diskriminierung aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit wird innerhalb der Linken oftmals als "Nebenwiderspruch" zum Hauptwiderspruch zwischen Kapital und (Lohn-)Arbeit angesehen, wobei das Verhältnis um einiges komplexer ist: Gerade in Zeiten der Herrschaft eines neoliberalen Kapitalismus, der qua Lohnpolitik Ungleichheiten erneut herstellt, indem die "männliche" Ernährerfunktion rehabilitiert wird, geraten auch die Wechselwirkungen zwischen ökonomischer "Basis" und der damit einhergehenden Herstellung von Geschlechterkategorien im Sinne eines doing gender leider zu oft aus dem Blickfeld.

Frau-Sein beziehungsweise Lesbisch-Sein ist ebenso ein Faktor, der ausschlaggebend für die Position innerhalb einer nach Klasse strukturierten Ökonomie ist. Im Sinne eines eher konstruktivistischen Ansatzes ist (Lohn-)Arbeit auch ein Instrument zur Herstellung und Reproduktion von Geschlechter- und Begehrenspositionen: Pauline Baudry und Renate Lorenz haben in diesem Zusammenhang von "sexuellem Arbeiten" gesprochen - dies meint nicht Sexarbeit im eigentlichen Sinne, sondern Formen von Arbeit wie die nicht entlohnte Reproduktionsarbeit und unterschiedliche Formen von "affektiver Arbeit" (Negri/Hardt), die (noch) nicht unmittelbar der kapitalistischen Verwertungsmaschine zugeführt werden. Gemeint sind damit etwa alltägliche Prozesse der interaktiven Herstellung von Geschlechterrollen und den damit einhergehenden Begehrenspositionen nicht nur im queeren Bereich, sondern auch im Bereich der Hetero-"Normalität" - dazu gehören all jene geschlechtsspezifisch unterschiedlich verteilten Tätigkeiten wie jene im Bereich des "Schönheitshandelns" (Nina Degele) - etwa der Vorgang, sich für jemanden attraktiv zu machen - flirten und weitere Dinge, die Bestandteil der Reproduktion einer sexuellen Identität sind.

Wie "sexuelles Arbeiten" auf queerem Terrain funktioniert, zeigen Baudry/Lorenz anhand der Arbeit einer femme auf, die ihr Begehren auf Trans-Boys oder Trans-Männer richtet und ihrem Liebesobjekt etwa durch bestimmte Gesten und Blicke beim "passen" in der angestrebten Geschlechterrolle hilft - dasselbe gilt übrigens auch für Mann-Frau-Paare, die aufgrund der gesellschaftlichen Tendenz zur Naturalisierung von Heterosexualität indes oftmals nicht bewusst wahrnehmen, dass ein banaler Vorgang wie das In-den-Mantel-helfen eine als Höflichkeitsgeste gelesene Form ist, durch die jemandem eine geschlechtliche Position - in diesem Fall die der Frau - zugewiesen wird.

Einen stärker marxistisch fundierten Ansatz, der sich meines Erachtens als brauchbar für ein Überdenken der Verflechtungen von politischer Ökonomie und sexuellem Begehren erweist, hat die amerikanische Feministin und Lesbe Shulamith Firestone geliefert. Wie später auch Gayle Rubin im Kontext der queeren Bewegung hat Firestone bereits gegen Ende der 1970er Jahre von "Geschlechtsklassen" gesprochen. Firestone versuchte, eine historische Geschichtsbetrachtung zu entwickeln, deren Ausgangspunkt nicht eine wie auch immer geartete "psychosexuelle Natur" von "Frauen" ist, sondern die ökonomische Unterdrückung einer Klasse, die durch das Geschlecht gekennzeichnet werden kann.

Denkt man diesen Ansatz im Zusammenhang mit queer-feministischen Ansätzen weiter, dann zählen zu dieser Geschlechtsklasse freilich nicht nur Frauen, sondern auch Lesben, Schwule und Trans-Personen, die innerhalb des Spektrums der Geschlechtervielfalt marginalisiert sind. Zielführend wäre dieser Ansatz insbesondere dort, wo queere Projekte sich längst von marxistischen Denkkategorien verabschiedet zu haben scheinen.

Geradezu peinlich sind vor dem Hintergrund der theoretischen Schärfe im Denken von Shulamith Firestone insbesondere Aussagen von hegemonialen linken Theoretikern wie Adorno und Horkheimer, in denen das angenommene Verschwinden der sexuellen Anziehungskraft zwischen Frauen und Männern - so als ob diese einfach so vorausgesetzt werden kann - infolge einer zunehmenden Egalisierung des Geschlechterverhältnisses beklagt wird. Zu fragen bleibt angesichts dieser Aussage zum einen danach, wie sehr politische Ideale tatsächlich Teil des (sexuellen) Handelns der kritischen Vorväter waren und inwieweit diese zum Bestandteil unseres sexuellen Handelns werden können - innerhalb der Polyamory-Bewegung wird etwa genau diese Liebe zu einem politischen Ideal als eigenständige Form des Begehrens anerkannt.

Zum anderen begrüßt auch ein kapitalistisches System, das aus den Folgen der sexuellen Liberalisierung der 60er und 70er Jahre satte Profite generiert hat, das Florieren einer asymmetrischen sexuellen Ökonomie, innerhalb derer der Mann als Angehöriger einer ökonomisch privilegierten Klasse - insbesondere im Bereich des käuflichen Sex - die Nachfragemacht inne hat. Frauen müssen nur mehr einwilligen, aber sexuell nichts eigenständiges wollen - so lautete bereits die Kritik von Kate Millet an den Konsequenzen einer zunehmenden Erschließung des Sexes im kapitalistischen Verwertungsprozesses. Man nennt dies dann fälschlicherweise "sexuell befreit": Demjenigen, der Geld hat - so merkte Linda Singer an -, steht es frei, sich die sexuellen Dienstleistungen, die sie oder er nicht "gratis" bekommen, außerhalb der Ehe oder Beziehung anzukaufen - ein Phänomen, bei dem der Abbau von Sexualtabus im Zuge der 1970er Jahre unmittelbar zur Herstellung neuer sexueller Absatzmärkte geführt hat. Mit Freiheit hat dies nur bedingt etwas zu tun, eher mit dem verstärkten Druck, der dadurch auf (verheiratete) Frauen entsteht - wobei es darunter freilich auch solche gibt, die wissen, was sie sexuell mögen!

Der Fundierung von Ungleichheit im Bereich einer biologisch bedingten Differenz zwischen den Geschlechtern, auf der Differenz-Feminististinnen französischer Prägung zu Beginn der 1980er Jahre noch so hartnäckig insistierten, verhelfen paradoxerweise ebenso einige Produkte, die Bestandteil des infolge der Liberalisierung entstandenen sexuellen Absatzmarktes sind, Abhilfe: Mit der Normalisierung des Dildo-Gebrauchs und der Aufwertung der geschlechteregalisierenden, vormals schwul besetzten "Arsch-Zone" (Beatriz Preciado) ist die Annahme einer Ungleichheit im Bereich der Körper (sex) obsolet geworden - wobei ein Dildo kein Penis ist und auch kein Imitat desselben - abgesehen davon, dass es selbstverständlich auch mit Geschlecht konnotierte Präferenzen im Bereich der Körper gibt!

"Voyeuristisches Distanzierungsbedürfnis"

Ihre Aufsatzsammlung endet mit den Michel-Foucault-Interviews "Sag nein zum König Sex" und "Lesbischer Sadomasochismus als Praxis des Widerstands". Unserer Meinung ist das so, als würde man eine Kunstausstellung mit den Werken von Joseph Beuys beschließen oder einen Sack Mehl in einen Tümpel voll Jauche plumpsen lassen. Welche Erkenntnisse aus dem foucaultschen Sado-Maso-Stüberl sind denn Ihrer Meinung nach so hervorragend, dass sie würdig genug sind, um in Ihre Anthologie aufgenommen zu werden?

Barbara Eder: In der Tat - der Wiederabdruck der beiden Foucault-Texte kommt in Zeiten wie diesen eher einer zynischen Einwilligung in die Machtverhältnisse einer ins Sexuelle überführten politischen Ökonomie gleich. Die Texte waren günstige Platzhalter für das fehlende Geld, das für einen Wiederabdruck der Texte von Gayle Rubin und Wilhelm Reich notwendig gewesen wäre.

Eine weitere Ausschließung liegt dem Reader ebenso zugrunde: In einer Passage aus Simone de Beauvoirs "Das Andere Geschlecht" wird die Situation des Wartens einer bürgerlichen Frau auf ihren Geliebten in einer" offenen" Beziehung beschrieben, der der Autorin zufolge nur durch forcierten Androzentrismus Abhilfe zu verschaffen wäre - mit Liebe und Links-Sein hat dies ebenso wenig zu tun wie S/M ohne Reflexion. Foucaults Feststellung, dass Sex kein machtfreier Raum ist, sondern Bestandteil gouvernementaler Praktiken wie jener der Biopolitik, der Bevölkerungswissenschaft und der im 16. Jahrhundert entstandenen Beichtpraktiken ist, mag im Zusammenhang mit der hippiesken Vorstellung, dass der Sex durch eine Entgrenzung der Zweier-Beziehung und der quantitativen Zunahme von Sex einfach so zu "befreien" sei, durchaus subversiv gewesen sein.

In Zeiten einer Dialektik von sich kontinuierlich verschlechternden Lebens-, Arbeits-. und Studienbedingungen und der damit einhergehenden Zunahme informeller, ungeschützter Sexarbeit - vornehmlich von Frauen und Queers - ist das Foucaultsche SM-Stüberl indes längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dass Foucault zudem über lesbischen S/M-Sex schreibt, erscheint mir ebenso bedenklich: Es scheint einem voyeuristischen Distanzierungsbedürfnis zum Zweck der Wahrung des emotionalen Abstands zu entsprechen, als Mann über sexuelle Szenarien zwischen Frauen zu schreiben.

Wenn Frauen und Lesben - wie in dem von Foucault geschilderten S/M-Szenario - im Bereich des Sexuellen sich Macht aneignen, dann lässt dies zwei Interpretationen zu: Zum einen kann dies als Korrelat für eine Form von Macht gesehen werden, die ihnen sozial nicht zugestanden wird oder wurde - im Sinne einer Verschiebung auf den Bereich des Sexuellen. Belässt man diese Szene indes dort, wo sie Foucault zufolge tatsächlich stattfand - nämlich in einem queeren S/M-Club von San Francisco - dann ist die kultivierte Sexualpraktik möglicherweise ein Mittel zur sexuellen Selbstermächtigung. Innerhalb der queer-feministischen Subkultur werden sexuelle Szenarien oft sehr bewusst und sehr reflektiert dazu benutzt, um Traumata erneut auszuagieren und umzucodieren, auch sind S/M-Szenen ein Mittel, um konventionelle Geschlechterverhältnisse zu verque(e)ren, zu parodieren und zu verändern.

Auch dies sind Praktiken, die in the long run auf öffentliche Repräsentationen von Geschlecht und Begehren einwirken. Letzten Endes wird auch im lesbischen S/M an der Perspektive der Befreiung festgehalten: Um ex negativo spürbar zu machen, was sie nicht ist; und um manchmal auf spielerisch ernstem Wege an Grenzen, die immer auch Grenzen des Geschlechts und der Geschlechtszugehörigkeit sind, zu stoßen, die konsensual festgelegt werden können und an denen man ja oder nein sagen lernen muss - eine moderne Form der Sexerziehung sozusagen, die sich aufgrund der Voraussetzungen dafür - safe, sane und consensual - fundamental von jenen Missbrauchsszenarien unterscheidet, die jahrelang hinter den verschlossenen Türen von "totalen Institutionen" (Goffman) wie Kirche, Schule und Kaserne kultiviert wurden. Vorschläge für die geschlechtergerechte Ausgestaltung eines derartigen Vertrags finden sich ebenso im Buch: Beatriz Preciados Manifest zur Gründung einer kontrasexuellen Gesellschaft beinhaltet unter anderem einen Artikel, in dem alle in das sexuelle Verhältnis involvierten Akteure und Akteurinnen, die sich per definitionem als Arbeiter, beziehungsweise als Arbeiterinnen des Arschlochs verstehen, einwilligen, auf alle Geschlechtsprivilegien, die aus ihrem sexuellen Handeln resultieren, zu verzichten, um das vorhandene Sex- und Gender-System mit Vergnügen zu deformieren.

Warum müssen denn als Objekt linker Analyse immer S/M-Sex und homosexuelle Praktiken herhalten? Ist der 0815-Sex, welchen wir hetererosexuellen Dumpfbacken zelebrieren, etwa den Herren und Damen Linksintellektuellen etwa nicht pervers und subversiv genug? Oder anders gesagt: Bei jeder Art Sex, die egal von wem und auf welche Weise zum Vergnügen betrieben wird, also auch beim Stino- und Heten-Sex ist doch ein emanzipativer Kern vorhanden, den man als heiter-prekären Subjektstatus bezeichnen könnte: Nämlich, dass man nur in dem Maße, wie man sich selbst dabei zum Objekt macht, ein adäquates Subjekt des sexuellen Geschehens wird und umgekehrt. Nirgendwo macht Unterwerfung so viel Spaß wie beim Sex, wo man je nach Lust und Laune die Seite wechselt. Hegel hat sowohl den Prozess der Erkenntnis als auch der Freiheit als das "Bei-sich-Sein-im-andern-seiner-Selbst" bezeichnet. Meiner Meinung trifft genau das auch auf die sexuelle Verschmelzung zu. Sex ist also eine Art vergnüglicher Einübung in die klassenlose Gesellschaft. Reicht das nicht?

Barbara Eder: Es geht nicht darum, welche Formen sexuellen Handelns "pervers" genug wären - abgesehen davon, dass das, was "Perversion" genannt wird, nicht zwangsläufig subversiv sein muss: Das Sprechen über "Perversität" setzt immer auch eine Vorstellung davon voraus, was "sexuell normal" sei - was immer das auch ist - und beinhaltet die Vorstellung der zumeist nur temporären Überschreitung genau dieser Norm.

Die Doppelmoral im Hinblick auf Sex in einer sexuell angeblich so befreiten Gesellschaft bringt immer noch Formen der "repressiven Entsublimierung" im Sinne Herbert Marcuses hervor, die gerade nicht subversiv sind - Spaltungen etwa wie jene in den bürgerlichen Ehemann, der sich im Puff um viel Geld flagellieren lässt, um zuhause oder im Job oder in der Erwerbslosigkeit oder sonstwie zu funktionieren oder auch nicht...soviel nur zum Verhältnis von Kapitalismus und Schizophrenie! An diesem Punkt hatte Foucault ausnahmsweise recht, wenn er von der Anreizung zum Sex und der fortwährenden Stilisierung desselben als "Geheimnis in uns" spricht, um dadurch vom Reaktionärer-Werden der gesamtgesellschaftlichen Lage abzulenken!

Dass die Linke sich für S/M-Senarien und andere Formen der sublimen Erotik zu interessieren scheint, liegt meiner Meinung nach auch daran, dass es ein großes Interesse daran gibt, das, was man einst "Verblendungszusammenhang" nannte, ein bisschen besser in den Blick zu nehmen. Sex und sexuelle Szenarien sind immer auch Symptome einer bestimmten Gesellschaftsordnung - so ist etwa die rapide Zunahme von Telefonsex-Angeboten Linda Singer zufolge auch eine Reaktion auf die Panikmache im Zuge der AIDS-Krise. Schwule Onanie-Darstellungen im Home-Video-Bereich, die aufgrund der Verschiebung aufs Visuelle die direkte Berührung von Genitalzonen oder den Körperflüssigkeitsaustausch obsolet machen, entstanden laut Richard Dyer ebenso in Reaktion darauf.

Bestimmte Formen von Voyeurismus und Fetischismus intendieren ja immer auch, mit Anderen gerade nicht in Kontakt zu treten, sondern das Objekt des Begehrens auf Distanz zu halten beziehungsweise auf Distanz gehalten zu werden... Auch aus diesem Grund floriert in einer immer narzisstischer werdenden Gesellschaft mit ihren konsumtiv unterstützten Ego-Erbauungsübungen virtueller Sex oder solcher, der durch Kunstproduktionen oder Werbeindustrie kanalisiert wird, so gut in seiner Parallelwelt.

Dass guter Sex "Verschmelzung" bedeutet, wage ich zu bezweifeln. Das setzte wiederum voraus, darüber zu diskutieren, welcher Gebrauch welcher Körper wann und wie stattfindet; es kommt aber immer darauf an, wie und wo sich wer zum Objekt - ja bloß von wem! - macht! Lächerlich ist jedenfalls die Aktiv-Passiv-Dichotomie entlang des Dualismus Mann-Frau im Bereich des Heten-Sexes, die ein Herr namens Sigmund Freud im letzten Jahrhundert konstatierte. Weil dieser die Sexualitäten von Frauen eben nicht verstehen konnte, musste er die sogenannte "Weiblichkeit" zum Rätsel erklären - schlimm, wenn man beim Anblick einer Vagina kapitulieren muss, weil man in seinem Narzißmus dort ein männliches Genital erwartete und die Klitoris mit dem Penis analogisiert! Der Mythos vom vaginalen Orgasmus, der zu diesem Zeitpunkt noch als Bestandteil einer "reifen", d.h. eben nicht-perversen oder gar invertierten Sexualität verstanden wurde, ist heute glücklicherweise ebenso dekonstruiert wie die spätere Annahme, dass es eine authentische lesbische Sexualität gäbe!

"Metaphysisch fundierter Todestrieb"

Anders als Lenin, der die Sex-Frage wirklich unterschätzte, haben linke Theoretiker und Theoretikerinnen wie wie Herbert Marcuse, Wilhelm Reich und eben Shulamith Firestone sich durchaus produktiv damit auseinandergesetzt. Können Sie uns deren Verdienste kurz darstellen?

Barbara Eder: Einige der Errungenschaften von Gayle Rubin, Herbert Marcuse und Shulamith Firestone habe ich bereits angesprochen - und ich empfehle sehr, näheres zu Firestones "kybernetischem Kommunismus" und zu Rubins sozialer Konstruktion von "Geschlechtsklassen" entlang der Achse der sexuellen Orientierung und der Einteilung von Geschlechtsakten nach einem System des gesellschaftlichen Wertes, der sich nach dem Gebrauchswert von Sex im Hinblick auf die Reproduktion bemisst - dieser Text ist aus Kostengründen leider nicht im Buch vertreten - nachzulesen. Was Wilhelm Reich betrifft, möchte ich an dieser Stelle nur die SEXPOL-Bewegung erwähnen. Die Anliegen der Bewegung erstreckten sich unter anderem darauf, kindliche Sexualität zu enttabuisieren und kollektive Formen der polymorph-perversen Sexualität in Abkehr von irgendwelchen Genital-Primaten im Rahmen von Kommunen im Sinne einer Liebeskunst zu entwickeln und zu zelebrieren.

Reich war zudem der erste, der das Leninsche Diktum, dass Sexualität eine Ablenkung vom Klassenkampf bedeute, verwarf. Lenins Einwände gegenüber Clara Zetkins Versuch, mit den Genossen und Genossinnen die Rolle der Sexualität im Prozess der Frauenemanzipation zu diskutieren, sind im Buch abgedruckt. Nicht der Rückfall in die bürgerliche Askese, sondern die produktive Energie, die Lebensfreude und die Kraft, die in unterschiedlichen Formen miteinander Sex zu haben steckt, sind Reich zufolge für die kommunistische Bewegung unverzichtbar. Von Lenin als "liebeleer" bezeichnete Formen des sexuellen Umgangs wie Onanie, Homosexualität und außerehelicher Geschlechtsverkehr wurden von Reich ebenso rehabilitiert, wie er Clara Zetkins Forderung nachkommt, menschliche Beziehungen herzustellen, die zu sexueller Lust führen. Der von Lenin geforderte Rigorismus führt zwangsläufig zu sexuellen Exzessen, zu deren nachträglicher Legitimation oft genug Alexandra Kollontais Glas-Wasser-Theorie bemüht wurde, der zufolge die ad-hoc-Befriedigung sexueller Bedürfnisse so normal sein sollte wie das Trinken eines Glases Wasser.

In wissenschaftlicher Hinsicht war Wilhelm Reich zudem der bedeutendste Kritiker von Freuds unter Rückgriff auf physikalische Gesetze - das Fechnersche Prinzip zur Konstanthaltung der Energie etwa - eingeführten Todestrieb-Hypothese, der zufolge alles Belebte auf das Stadium der Unbelebtheit zustrebe. Reich kritisierte daran, dass Leidens-, Schuld- und Strafbedürfnisse eben nicht infolge eines metaphysisch fundierten Todestriebs vorhanden seien, sondern vielmehr auf einen Konflikt von Ich und Außenwelt zurückgehen - ein Konflikt, der nur durch die aktive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen analysiert und durch Veränderung genau derselben herbeigeführt werden kann. In diesem Sinne ist Sexualität eine durch und durch gesellschaftliche Angelegenheit; und in diesem Sinne ist sie auch eine nie enden wollende Einübung in die klassenlose Gesellschaft!

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