Der (un)heimliche Krieg gegen Iran

12.01.2012

Der Anschlag auf einen iranischen Chemiker, der Mossad und eine Mahnung zur Vorsicht vom Wissenschaftsmagazin Nature

Gestern wurde der dritte iranische "Atomwissenschaftler" getötet, was eine Welle von Berichten über heimliche Aktionen und einen heimlichen Krieg gegen Iran auslöste. Öffentlich geäußerte Mutmaßungen im Westen wie in Iran über die Täterschaft deuten auf einen ähnlichen Kreis von Verdächtigen. Angeführt wird die Liste, der für die Taten als Strippenzieher wie als Ausführende in Frage kommenden Akteure, vom israelischen Geheimdienst, dem Mossad, und amerikanischen Geheimdiensten.

Darüberhinaus werden andere westliche Geheimdienste, namentlich britische, als mögliche Helfer genannt, die Volksmudschahedin (Mujahedin-e Khalq Organization, MKO) und bisweilen reichen die Spekulationen über Hintergründe und Täter über die iranischen Opposition bis hinein in die iranische Regierung selbst. Die Experten der verschiedenen Think-Tanks, Organisationen, Stiftungen und ehemalige Geheimdienstmitglieder, die ein solch großes Spektrum eröffnen, werden gerade wieder fleißig ans Telefon gerufen und vor Aufnahmegeräte geholt (Adversaries of Iran Said to Be Stepping Up Covert Actions, Who's killing Iranian nuclear scientists?).

Gewiss ist laut CNN bislang, dass alle drei Wissenschaftler durch Bomben umkamen, die unter ihren Autos platziert worden waren. Ein vierter, dem eine ähnliche Falle gestellt worden war, überlebte den Anschlag. Dass alle Getöteten gleichermaßen Schlüsselstellungen im iranischen Atomprogramm einnahmen, was vielen Berichten als selbstverständliche Annahme unterliegt, ist dem Wissenschaftsmagazins Nature zufolge nicht so evident.

"Some caution is warranted", Vorsicht sei geboten, wenn es um Meldungen über Anschläge auf Atomwissenschaftler gehe:

On 23 July last year, Dariush Rezaei-Nejad, initially described by Iranian authorities and media as a nuclear scientist — who was shot by armed men on motorcycles — turned out in fact to be an electrical engineering student pursuing a masters degree at Khajeh Nasireddin Toosi University in Tehran.

Der gestern getötete Mostafa Ahmadi Roshan Behdast wird vom Nature News Blog, das sich dabei auf mehrere Informationsquellen aus Iran stützt, als Chemiker mit Hochschulabschluss beschrieben, der in der Urananreicherungsanlage in Natanz arbeitete, es gehe daraus aber nicht zweifelsfrei hervor, ob seine Arbeit relevant für das Atomprogramm war.

Auch nach dem Bomben-Anschlag, der vor zwei Jahren den Teilchenphysiker Masoud Alimohammadi das Leben kostete, konnte die Frage danach, wie wichtig er für das Atomprogramm war, nicht eindeutig beantwortet werden. Sowohl seine Kollegen in Iran wie in Israel waren bestürzt: "I can see no reason why or how Iran’s military or nuclear programmes could benefit from Alimohammadi’s expertise", so Mosche Paz-Pasternak, Physiker an der Tel Aviv Universität. Alimohammadi sei Mitglied eines akademischen Friedensprojekts gewesen.

Wissen die westlichen Geheimdienste mehr?

Derweil geben sich US-Vertreter, wie Außenministerin Clinton, große Mühe, sich von Mutmaßungen, wonach die USA in die Mordserie verwickelt seien, deutlich zu distanzieren.

I want to categorically deny any United States involvement in any kind of act of violence inside Iran.

Andere US-Politiker, allerdings in international weit weniger exponierten Rollen, machen dagegen keinen Hehl daraus, dass ihnen die Tötungen Anlass zur Freude geben. Mit "wonderful" kommentierte der (geschlagene) Bewerber für die republikanische Präsidentschaftskandidatur, Rick Santorum, die mutmaßlich gezielten Tötungen der Wissenschaftler. Der israelische Militärsprecher Brig. Gen. Yoav Mordechai wird von der New York Times damit zitiert, dass er "keine Träne" vergieße:

"I don’t know who took revenge on the Iranian scientist, but I am definitely not shedding a tear."

Inwieweit der Mossad, wie von iranischer Seite behauptet, tatsächlich eine Rolle in der Tötungsserie spielt, wird natürlich nicht offiziell bestätigt, aber auch nicht vehement dementiert. Den Schaden hat Iran. Dass dem Mossad solche Aktionen zugetraut werden, dürfte der Netanjahu-Regierung nicht ungelegen kommen.

Einem Figaro-Bericht zufolge rekrutiert der Mossad im kurdischen Teil Iraks iranische Dissidenten. Der Bericht stützt sich dabei auf ungenannte Sicherheitskreise in Bagdad.

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