Die Innenfeinde Afghanistans: Kriminalität, Korruption und bittere Armut

26.01.2012

Verletzte und Verlassene auf den Feldern Afghanistans - Teil vier von fünf Teilen

Teil 3: (Un-)sicherheitslage und Politik

Innenpolitisch sind die größten Herausforderungen Afghanistans der Drogenhandel, an dem nahezu alle Kriegsakteure beteiligt sind, und die Korruption, die maßgeblich durch die westlichen Hilfeleistungen gefördert wird.

Folgende Allgemeindaten verdeutlichen das Problem: 2010 liegt das Bruttoinlandsprodukt[1] pro Kopf bei 500 bis 900 Dollars - je nach Quellenangaben[2]. Das BIP des Landes liegt zwischen 14 und 30 Milliarden.

Im Vergleich dazu: Afghanistan hat zwischen 2001 und 2008 über 15 Milliarden an Wiederaufbauhilfe erhalten. Davon sind jedoch circa 40% im Verwaltungsapparat der Geberländer versunken und wurden dafür gebraucht, die hohen Personal-, Verwaltungs- und Ausrüstungskosten der westlichen Firmen und Institutionen zu bezahlen.

Von diesen 15 Milliarden kamen fünf aus den USA. Aber wenn die sicherheitsrelevante Zahlungen, wie zum Beispiel im Rahmen des Aufbaus der Polizei mitberücksichtigt werden, erreichen die gesamten Transferleistungen aus Washington 70 Milliarden Dollars - das jährliche Gesamtbudget der afghanischen Regierung liegt bei 6,4 Milliarden Dollars (2011). Aber 81% dieser Ressourcen kommen aus dem Ausland und sind mit Auflagen belegt. Die afghanische Regierung hat deswegen über lediglich 40% des Gesamtetats unbegrenzte Entscheidungshoheit, nür über etwa 2,3 Milliarden Dollar. Diese 40% setzen sich zur einen Hälfte aus internationalen Spenden und Krediten und zur anderen Hälfte aus Steuereinnahmen zusammen. Das heißt, dass die Steuereinnahmen des afghanischen Staates - die Voraussetzung dafür, dass der Staat handlungs- und entscheidungsfähig ist, lediglich 20% des Gesamtetats, weniger als 1,2 Milliarden Dollar, ausmachen.

Mit anderen Worten: Nach zehn Jahren Aufbauhilfe hängt die afghanische Regierung immer noch am Tropf der internationalen Gemeinschaft. Eine Regierung, die nur ein Fünftel seines Gesamtetats selbst bestreitet und verwaltet, kann nach allgemein akzeptierten Grundsätzen der Staatslehre keinesfalls als unabhängig gelten[3].

Konkret heißt das, dass die internationale Wiederaufbauhilfe die Säule ist, worauf sich die afghanische Wirtschaft immer noch stützt. Laut einigen Studien würden diese Transferleistungen sogar insgesamt 90% des legalen Bruttonationalproduktes des Landes ausmachen. Heute schon höchst problematisch könnte diese Unausgewogenheit und Abhängigkeit das Land in die Rezession und in das Chaos stürzen - mit offenkundigen sicherheitsrelevanten Aspekten -, wenn der Abzug der westlichen Truppen nicht durch erhebliche finanzielle Kompensationsleistungen begleitet sein sollte.

2007 fertiggestellte Afghanistan-Tadschikistan-Brücke. Bild: U.S. Army Corps of Engineers

Obgleich die Anwendung der Wiederaufbauressourcen viel zu wünschen übrig lässt und schlecht kontrolliert wird (da die afghanische Regierung nicht immer über den Einsatz dieser Gelder mitbestimmen darf), sind in den letzten zehn Jahren viele Projekte mit Erfolg verwirklicht worden. So hat sich das Land unbestreitbar auch modernisieren können. Zwischen 2005 und 2010 wurde das BIP pro Kopf ungefähr verdoppelt und der Zugang zur Kommunikation hat sich enorm verbessert, denn es gab schon 2010 ungefähr 12,5 Millionen Mobiltelefonverträge.

Leider scheitert der Aufbau von dauerhaft lebensfähigen ökonomischen Strukturen an der Korruption und an der rechtlichen und politischen Instabilität, die das Land seit Jahren prägen. Zum Beispiel boomt in diesem Land, das nach der sowjetischen Besatzung und dem Bürgerkrieg völlig zerstört war, der Hoch- und Tiefbausektor, besonders aufgrund der Investitionen, die von der Koalition getragen werden. Trotzdem muss heute noch all der benötigte Zement für teures Geld importiert werden, da die einzige Zementfabrik des Landes, anlässlich der Privatisierungen von Mahmoud Karzai, dem Bruder des Präsidenten spekulativ gekauft, und die Produktion bis heute nicht wieder aufgenommen wurde.

Afghanische Schulkinder in Bagram. Bild: U.S. Department of Defense

Grundsätzlich und trotz einigen richtungsweisenden Verbesserungen konnte der Lebensstandard der Bevölkerung nicht entscheidend verbessert werden. Die durschnittliche Lebenserwartung der Afghanen liegt 2008 im Schnitt bei nur 44 Jahren. In Deutschland liegt sie angeblich bei 79,5 Jahren. Zwar sind seit 2002 ungefähr 4.000 Schulen gebaut worden, und 7,1 Millionen Kinder werden nun eingeschult, weiterhin gibt es 75.000 Studenten an den 17 Universitäten des Landes gegenüber 5.000 vor 2002. Aber insgesamt liegt die Alphabetisierungsquote der Männer bei lediglich 43% und die der Frauen ist mit 12 bis 22% je nach Quellenangaben noch deutlich niedriger.

Einem Großteil der Bevölkerung bleiben moderne Annehmlichkeiten verwehrt. So haben weniger als 20 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität. Wenn man die Situation des Landes anhand des Human Development Index (IDH), des standardisierten Wohlstandsindikators der UNO, betrachtet, belegt Afghanistan - trotz allen investierten Milliarden - den 181. Platz von 182 erfassten Ländern.

American University of Afghanistan in Kabul. Bild: U.S. Government

Die Situation im Gesundheitswesen ist nach wie vor dramatisch. In Afghanistan gab es 2003 nur 11 Ärzte und 18 Krankenschwestern oder Krankenhelfer für 100.000 Einwohner. 2006, das heißt fünf Jahre nach Anfang der Besatzung des Landes, ist die Situation nicht viel besser: In Kabul gibt es nur 1,28 Krankenhausbetten für 1.000 Einwohner und in den ländlichen Gebieten sinkt der statistische Wert sogar auf nur 0,22[4]. Im Vergleich dazu gibt es in Deutschland laut einer Statistik der OECD flächendeckend 8,2 Krankenhausbetten für 1.000 Einwohner.

Zwar sind seit 2002 etwa 680 Kliniken gebaut worden, wodurch sich der Zugang zur medizinischen Grundversorgung drastisch verbesserte, aber heute noch haben nur 65% der Bevölkerung Zugang zu dieser Grundversorgung (vor 2002 waren weniger als 10%)[5]. Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, dass Afghanistan um 2005 ca. 1,6 Millionen Waisenkinder, eine Million verwitwete Frauen, 800.000 behinderte Menschen und eine Million Drogensüchtige, darunter circa 200.000 Opiumssüchtige zählt. Die Säuglings- und Kindersterblichkeitsrate ist noch immer eine der höchsten in der Welt. Gleich hoch sind die Risiken einer zum Tode führenden Komplikation für die Frauen bei der Geburt.

Laut USAID wird die Situation im Gesundheitswesen dadurch verschlimmert, dass heute noch nur 27 Prozent der Bevölkerung Zugang zu sauberem Wasser haben. Laut einer Statistik der Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation sind 60,5% der Kinder unter fünf Jahre, die in ländlichen Gebieten wohnen, unzureichend ernährt und 33,7% davon hatten 2004 Untergewicht. Diese katastrophale Situation führt dazu, dass um 2005 ca. 20 Prozent der geborenen Kinder vor dem Alter von fünf Jahren sterben.

Diese ohnehin dramatische Versorgungslage hat sich in den darauffolgenden Jahren aber noch verschlimmert. Was sich auch dadurch erklärt, dass laut Welternährungsorganisation die Getreidepreise 2011 ungefähr 28% höher als 2007/2008 sind. Nach einer weiteren Dürreperiode waren Ende Dezember 2011 laut einer Pressemeldung vom DAPD bis zu 2,6 Millionen Afghanen vom Hunger bedroht.

Kartoffelanbau in Afghanistan. Bild: United States Agency for International Development

All das bedeutet, dass die Milliarden des Aufbauprogramms die Menschen vor Ort nicht, oder zumindest nicht genug, erreichen. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass diese Hilfe in die Kanäle der Grauwirtschaft und des Korruptionssystems versickert. Das Problem ist so allgegenwärtig, dass Hamid Karzai es 2009 in einem Interview mit der Tageszeitung Le Figaro offiziell zugegeben hat:

Ich werde nicht bestreiten, dass es ein großes Korruptionsproblem innerhalb des Verwaltungsapparats gibt.

Tatsächlich wären die Missstände kaum zu leugnen. Ende 2010 veröffentlichte der britische Guardian eine WikiLeaks-Depesche, wonach der afghanische Vizepräsident Ahmad Zia Massoud (der Bruder des Verstorbenen Ahmad Shah Massoud) im Oktober 2009 am Flughafen von Dubai mit 52 Millionen US-Dollar "in cash" festgenommen wurde. Die Herkunft der Scheine vermochte er nicht zu erklären. Da ihm kein Gesetzverstoß angelastet werden konnte, wurde er gleich nach seiner Festsetzung wieder freigelassen.

Schlimmer noch im Februar 2011 verbittet das amerikanische Finanzministerium amerikanischen Staatsangehörigen jegliche geschäftliche Beziehungen zu einer der größten Finanzinstitution Afghanistans, der New Ansari Exchange, einem Hawala-Büro. Die amerikanischen Untersuchungsbehörden werfen dem Büro vor, Geldwäsche im Zusammenhang mit dem Drogenhandel betrieben und Kapitalflucht begünstigt zu haben. Alles in allem wird davon ausgegangen, dass mehrere Hunderte von Millionen Dollar das Land auf diese Weise illegal verlassen hätten - größtenteils Richtung Dubai. New Ansari Exchange soll laut US-Untersuchungsbehörden auch Gelder der Kabul Bank außer Landes geschafft haben.

Die Kabul Bank selbst stand im Zentrum des größten Finanz- und Bereicherungsskandals Afghanistans. In diesem Skandal wird unter anderem Mahmoud Karzai, einem der Brüder des Präsidenten, vorgeworfen, einen illegalen Kredit in Höhe von 22 Millionen Dollar erhalten zu haben. Der 2010 entdeckte Finanzskandal der Kabul Bank hat nach wie vor das Potenzial, die Wirtschaft ganz Afghanistans zu erschüttern, da diese Finanzinstitution eine Million Kunden betreut und Einlagen in Höhe von einer Milliarde US Dollar verwaltet.

Um einen totalen Zusammenbruch zu verhindern, sah sich die Regierung dazu gezwungen, die Kontrolle über das Finanzinstitut mit einer Investition von 800 Millionen Dollar zu übernehmen. Nichtsdestotrotz gibt es wenig Hoffnung die 912 Millionen Dollars an illegalen und faulen Krediten wieder einzutreiben, da mehrere Schlüsselfiguren dieses Skandals zwar zeitweise verhaftet, aber aufgrund der persönlichen Intervention des Präsidenten Hamid Karzai wieder auf freien Fuß gesetzt worden sind. Die Finanzkrise darf nicht unterschätzt werden, da sie laut amerikanischen Experten das Potenzial hat, einen totalen Zusammenbruch des afghanischen Bankwesens herbeizuführen. Und die Lage hat sich nicht wesentlich verbessert - ganz im Gegenteil: In Juli 2011 gab es einen offiziellen amerikanischen Bericht, wonach die afghanischen Amtsträger alles täten, damit die Unterschlagung und Veruntreuung von amerikanischen Geldern nicht geahndet wird bzw. folgenlos bleibt.

Werbung der Kabul Bank für das Bakht-Konto (Dari: Reichtum-Konto)

Es wäre jedoch falsch zu glauben, dass die Korruptionsproblematik nur die Entscheidungsträger und nur die Gelder der Koalition betrifft. Auch im vergangenen Jahr mussten die Afghanen für einen alltäglichen Akt, der Schmiergeld erforderte, Bakschisch in durchschnittlicher Höhe von umgerechnet 158 Dollar bezahlen; diese Summe ist doppelt so hoch als vor noch zwei Jahren. Das politische Problem, das sich hinter solchen Praktiken versteckt, ist deutlich zu erkennen: Fast die ganze Bevölkerung lebt in extremer Prekarität. Eine Studie der britischen Regierung[6] brachte 2006 zutage, dass 70% der afghanischen Bevölkerung maximal zwei Dollar pro Tag zur Verfügung hat.

Unter diesen Umständen kann nicht erwartet werden, dass die Bevölkerung die herrschenden Machtverhältnisse unterstützt, das heißt, dass die weit verbreitete Korruption innerhalb der Regierungs- und Verwaltungskreise indirekt den Aufständischen in die Hände spielt und sicherlich für weitere Rekruten sorgt, besonders wenn man bedenkt, dass die Arbeitslosenquote bei ca. 40% liegt.

Die Korruption und die Veruntreuung von Staatsgeldern wären zusammengenommen schon ein Problem, das dauerhaft die wirtschaftliche und politische Entwicklung des Landes verhindern würde. Aber dieses Problem wird durch den Mohnanbau und den Drogenhandel jedoch noch verschärft.

Laut UNO machte die afghanische Opiumsproduktion 2007 ungefähr 93% der Weltproduktion aus und die Anbaufläche war doppelt so groß wie zum Beispiel 1999 oder 2002, obwohl zwischen 2005 und 2010 die USA mehr als zwei Milliarden Dollar für die Bekämpfung der Drogenproblematik in Afghanistan ausgegeben haben. Die Wirtschaftsleistung durch Mohnanbau beziehungsweise Drogenhandel lag 2007 bei geschätzten 3,4 Milliarden Dollar und war damit ungefähr zweieinhalb Mal höher als die gesamten Steuereinnahmen der afghanischen Regierung.

Das Geld aus dem Drogenhandel soll zu relativ geringen Teilen an die Taliban gehen. Je nach Quellenangaben beziehen die Taliban angeblich zwischen 70 und 400 Millionen Dollar aus dem Drogenhandel beziehen, aber ein Großteil ihrer Finanzierung, circa 106 Millionen Dollar im Jahr 2007, sollen von Spenden aus dem Ausland gekommen sein, besonders aus Saudi Arabien, aus Iran und Pakistan - dies berichtete die New York Times. Ein nicht zu vernachlässigendem Anteil der Erlöse der Drogenökonomie (21%) kam demnach den Bauern zugute, aber der 75-prozentige Löwenanteil des Drogenhandels ging vor allem an die Milizen sowie an korrupte Polizisten und Politiker und an die Drogen- und Warlords.

Unter diesen Umständen ist es kaum verwunderlich, dass der afghanische Präsident 2009 in einem Interview öffentlich offenbarte, mit der nötigen Härte gegen den Drogenhandel nicht mal ansatzweise vorgehen zu wollen:

Zwei Monate vor der Präsidentschaftswahl 2004 hatte ich ein sehr hitziges Gespräch mit den amerikanischen und britischen Botschaftern, die mich dazu zwingen wollten, die Mohnanbaugebiete mit Vernichtungschemikalien von Flugzeugen aus besprühen zu lassen. Ich habe entgegengehalten, dass sie dann einen Aufstand vergleichbar mit dem Aufstand gegen die sowjetischen Truppen anstiften würden.

Die Haltung von Hamid Karzai scheint sich seitdem nicht geändert haben, denn laut Botschaftsdepeschen, die WikiLeaks veröffentlichte, hat er noch 2009 rechtskräftig verurteilte Drogenschmugglern seinen Schutz beziehungsweise eine Amnestie gewährt, was für große Spannungen zwischen ihm und den Amerikanern gesorgt hat, was aber letztendlich ohne Konsequenz geblieben sein soll.

Für reichlich Kontroversen sorgten auch die wiederholten Anschuldigungen in den Medien, wonach der Halbbruder Hamid Karzais, der Vorsitzende des Provinzrates von Kandahar, Ahmed Wali Karzai, bis zu seiner Ermordung im Sommer 2011 eine Schlüsselrolle im Drogengeschäft gespielt habe.

Ahmad Wali Karzai (2010). Bild: ISAF Headquarters. Lizenz: CC-BY-SA-2.0

Die gefährlichen Verflechtungen zwischen Drogenhandel und Politik, verbunden mit weitreichender Straflosigkeit für alle kriminellen Akteure, hat nicht nur moralische Relevanz. Die sicherheitsrelevante Bedeutung dieser kriminellen Machenschaften kann nicht übersehen werden. Zum Beispiel wird in der Provinz Badakhshan, im Norden des Landes, die Sicherheit des deutschen regionalen Aufbauteams (PRT - Provincial Reconstruction Team) von General Nazri Mahmads Männer gewährleistet, aber der General wird beschuldigt den gesamten Opiumhandeln in der Provinz zu kontrollieren. Es handelt sich keinesfalls um einen Einzelfall. Der folgende Auszug einer Untersuchung von Marc Thörner zeigt in beeindruckender Weise, wie undurchsichtig die Verflechtungen zwischen Macht, Politik und Drogenhandel sind:

Um auch in dessen Einflussbereich zentralstaatliche Strukturen durchzusetzen, entsandte der afghanische Präsident Hamid Karzai 2004 einen neuen Polizeichef [in die Provinz Balkh (A.d.R.)], der prompt versuchte, einen von Attas Drogentransporten zu beschlagnahmen. Daraufhin mobilisierte der Milizenführer seine Truppen. Karzai lenkte ein und versöhnte den mächtigen ‚Paten’, indem er ihn zum Gouverneur ernannte. [...]

Wie kaum ein anderer engagiert sich Atta heute bei der Vernichtung der Drogenanbaufläche in seiner Provinz Balkh. Aus guten Gründen: Die Hilfsgelder und Fördermittel, die ihm dank seiner Kooperation durch die ISAF-Staaten zufließen, sind noch weitaus lukrativer als die Einnahmen aus dem Opiumanbau. Als Partner westlicher Investoren in seiner Provinz hat Atta ein Netz aus Strohmännern und Scheinfirmen aufgebaut und profitiert direkt oder indirekt von beinahe allen Bau-Aufträgen und Entwicklungsmaßnahmen.

Und als verlässlicher Partner des Westens kann er seine Hände nun umso besser über den Zwischenhandel mit dem Rauschgift halten. Beamte der deutschen Bundespolizei vermuten, dass Atta deshalb ganze Seilschaften seiner ehemaligen Milizen in die neu gebildeten Sicherheitskräfte eingeschleust hat. ‚Der Polizeichef, der am Flughafen von Mazar-i Scharif Dienst tut’, sagt ein Kommissar, der ungenannt bleiben möchte, ‚ist nur deshalb da, weil er Attas Drogengelder außer Landes schafft’.

Marc Thörner: Blumen des Bösen[7]

Die britische Tageszeitung Daily Telegraph hat ihrerseits WikiLeaks-Dokumente publiziert, aus denen hervorgeht, dass gleich mehrere Stammesoberhäupter größere Geldsummen erhalten hätten, um ihre Mohnfelder zu zerstören, obgleich sie parallel dazu der Koalition feindlich gesinnte Aktivitäten unternehmen würden.

Es wäre also fatal, die geopolitische Nachwirkung und Bedeutung des Drogenhandels für die Sicherheit zu unterschätzen. Der sicherheitspolitisch relevante Aspekt des Drogenhandels wurde 2008 in beeindruckender Weise von einem Artikel der britischen Tageszeitung The Independent beschrieben: Für 1 kg Opium müssen ca. 20.000 Mohnkapseln angeritzt werden. Das entspricht einem ca. 400 m² großes Mohnfeld.

Aus ca. 15 kg Opium kann man ungefähr ein Kilogramm pures Heroin erzeugen. Dann beginnt der Drogenhandel. In einem Markt auf der tadschikischen Seite der Grenze zu Afghanistan, kann man dann 1 kg Heroin 30 Sturmgewehre vom Typ Kalaschnikow von russischen Waffenschmugglern kaufen. Alternativ wird das Kilo Heroin für rund 720 Euro in Afghanistan gekauft und kurz nach der Grenze für 1.400 Euro weiterverkauft. Wenn das Geschäft in Tadschikistan erfolgreich abgeschlossen wurde, wird das Heroin - meist von der russischen Mafia - nach Westeuropa geschmuggelt und für umgerechnet rund 70 Euro pro Gramm (gestreckt) zum Beispiel in London zum Verkauf angeboten.

Kapsel des Schlafmohn, deren Saft zur Herstellung von Opiaten dient

Die kumulierten Renditen der Drogenökonomie sind für alle Beteiligten also wahrhaftig enorm und garantieren de facto den Fortbestand dieses Geschäftes und somit den Nachschub in Geld und Waffen für die Aufständischen in Afghanistan. Nachdem das Heroin gegen Waffen getauscht wurde, kann die kriminelle Wirtschaft in Afghanistan übrigens auch Profite aus dem Waffengeschäft erzielen. Um 2008 kostet beispielsweise ein für circa 60 Euro in Tadschikistan gekauftes Kalaschnikow-Sturmgewehr 120 Euro in Afghanistan, wobei dieser Preis noch wesentlich höher sein kann, wenn die Nachfrage besonders hoch ist, beispielsweise aufgrund von anhaltenden Kämpfen.

Zusätzlich zum Drogenhandel, zur Korruption und zur allgemeinen Kriminalität existiert in Afghanistan eine kriminelle Grauwirtschaft samt Geldbeschaffungs- und Erpressungsstrukturen. Da die Koalition für bestimmte Dienstleistungen (Bau, Transport und Sicherheit) private Firmen beauftragt und die Institutionen des Landes weitestgehend korrupt sind, gibt es eine Schnittstelle zwischen Besatzungswirtschaft und krimineller Ökonomie, an der kriminelle Bereicherung begünstigt wird. Deshalb werden die in diesem Wirtschaftssektor tätigen Firmen oft von regierungsnahen Persönlichkeiten geleitet.

So ist beispielsweise Watan Risk Management eine der größten Sicherheitsfrmen in diesem Bereich. Sie wird von Vettern des afghanischen Präsidenten kontrolliert, Ahmad Rateb Popal und Rashid Popal (ehemalige Angehörige der britischen Armee sind allerdings auch im hohen Management zu finden). Auch die Firma Asia Security Group wird von einem Vetter des Präsidenten kontrolliert, Hashmat Karzai. Eine weitere Firma, Altus Supply, ein Transportunternehmen, das von den in Kandahar stationierten amerikanischen Truppen beauftragt wird, wird auch von Vettern des Präsidenten, Zabeh Karzi und Ahsan Karzi, geleitet. Dieser Wirtschaftssektor ist außerdem dadurch gekennzeichnet, dass es sich um ein Oligopol mit wenigen Anbietern (sechs) handelt. Die Vertragssummen in diesem Bereich sind wahrhaftig enorm.

Das lokale und zivile logistische Unterstützungsprogramm für die US Armee, das HNT (Host Nation Trucking)-Programm überschreitet allein schon ein Gesamtvolumen von 2,2 Milliarden Dollar. Über dieses Programms hat die Transportfirma NCL Holdings, deren Chef Hamed Wardak ist, der Sohn des afghanischen Verteidigungsministers General Abdul Rahim Wardak, schon mindestens 18,5 Millionen Dollar erhalten und zwar im Rahmen eines Vertrags mit einem Gesamtwert von bis zu 360 Millionen Dollar.

Diese Situation hat natürlich Auswirkungen auf die Sicherheitsoperation und die Sicherheitslage im Land. Die Firma Watan Risk Management soll zum Beispiel laut mehreren Analysten eine Monopolstellung für Transporte über die strategische Verbindung zwischen Kabul und Kandahar, über den 482 km langen Highway 1, auch "Ring Road" genannt, halten und zwar dank einer "stillen Vereinbarung" mit dem Kriegsherrn Commander Ruhullah Khan, welcher die Transportlaster der Amerikaner durch das von ihm kontrollierte Gebiet sicher durchfahren lässt, nicht ohne jedoch laut Kenner des Geschäfts ca. 1.500 Dollar pro Laster zu bekommen.

Die Schutzzahlungen sollen einen monatlichen Ertrag von einer halben Million Dollar ergeben. Die Kosten werden aber natürlich von der Transportfirma an den Auftraggeber weitergereicht und geltend gemacht, so dass am Ende der amerikanische Steuerzahler zur Kasse gebeten wird. Durch ihre Monopolstellung können diese Firmen einen enormen Druck auf die Besatzungstruppen ausüben. In Mai 2010 wurden den Unternehmen Watan Risk Management und Compass Security nach einem tödlichen Vorfall die Betriebslizenz entzogen. Zwei Wochen später gab es auf der pakistanischen Seite der Grenze zu Afghanistan einen Rückstau von 1.000 Lastern. Da der Nachschub für die Stützpunkte in Afghanistan immer dringender benötigt wurde, mußte das Betriebsverbot von Watan Risk Management und Compass Security kurzerhand aufgehoben werden.

Nach Aussagen eines Kenner des Geschäfts, der von der US-Zeitschrift The Nation interviewt wurde, versuchte die amerikanische Firma Four Horsemen International die Nachschublaster ohne Schutzzahlungen durchzubringen, doch die Konvois wurden regelmäßig überfallen, so dass die Verluste bald ins Unerträgliche stiegen.

Fakt ist, dass die Nachschubkonvois ohne Militäreskorte sich kaum verteidigen können, denn den privaten Sicherheitsdiensten sind nur Sturmgewehre (Einsatzschussweite ca. 400m) zur Selbstverteidigung erlaubt, so dass es den Aufständischen ein Leichtes ist, mit Sprengfallen und Maschinengewehren (Einsatzschussweite ca. 800m.) aus der Deckung heraus zu attackieren. Dazu kommen - wenn Firmen regelmäßig überfallen werden, haben sie schnell überhöhte Materialverluste - Mehrkosten, sowie Probleme mit dem Auftraggeber bzw. Endnutzer, der seine Ware nicht bekommt. Darüberhinaus haben die Firmen Probleme, Angestellte zu finden und zu halten, da sich diese nach weniger gefährlichen Arbeitgeber umschauen. Deshalb wird sich keine Privatfirma lange auf eine solche Verweigerung einlassen, die sie nur in den Ruin treiben kann. Wird die Verantwortung für den Nachschub Privatfirmen überlassen, ist für sie pragmatisch gesehen, die beste Lösung Schutzgeld zu zahlen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die amerikanische Armee aufgrund der Auftragsvergabepraxis einerseits die plutokratischen und kleptokratischen Auswüchse der afghanischen Regierung und ihrer Verwaltung indirekt fördert und andererseits feindliche Milizen mit beachtlichen Summen indirekt unterstützt. Der Verlust durch Schutzgelder und sonstige Zahlungen soll nach Schätzungen ungefähr 10% der Gesamtsumme ausmachen. Im Fall des HNT-Vertrags könnten bis zu etwa 220 Millionen Dollars zusammenkommen[8].

Diese "finanziellen Reibungsverluste" sind politisch und militärisch nicht zu unterschätzen. Denn laut den Erhebungsdaten eines Berichtes der amerikanischen Regierung vom Sommer 2011 dürften seit Anfang des Krieges dadurch nicht weniger als 360 Millionen Dollar an die Taliban (im geringeren Umfang) und an die kriminelle Organisationen beziehungsweise an die korrupten Eliten (im weitaus größeren Umfang) geflossen sein.

Die Mafia-ähnlichen Strukturen der afghanischen Kriegsökonomie wissen auch von Entführungen zu profitieren. Entführungen sind für die Aufständischen, nicht zuletzt für die Taliban, zwar ein Mittel der politischen Druckausübung, aber auch ein Mittel der Bereicherung, denn die Befreiung einer westlichen Geisel wird um 2007 mit zwischen 600.000[9] und zwei Millionen Dollar[10] gehandelt.

Die Taliban behaupten zum Beispiel 2007, dass sie 20 Millionen Dollar für die Befreiung von 23 südkoreanischen Geiseln erhalten hätten. Diese Befreiung gegen Zahlung ist aber allem Anschein nach auch mit dem Rückzug der 200 Soldaten, die Südkorea auf afghanischem Boden unterhielt, verknüpft worden. "Politik trifft Kriminalität." Insgesamt sind seit Anfang des Kriegs in Afghanistan 102 westliche Geiseln entführt worden, wovon 16 ihre Strapazen nicht überlebten. Deutschland hatte insgesamt sechs Geiseln zu beklagen und zwei davon wurden getötet.

Zusammenfassend kann kaum geleugnet werden, dass der Krieg in Afghanistan ein Modell der wirtschaftlichen Bereicherung für die Aufständischen und die korrupten Eliten geworden ist. Deswegen werden Zweifel daran wach, ob die beiden Gegner, das heißt die Zentralregierung einerseits und die Aufständischen (Taliban und Kriegsherrn) andererseits, wirklich willens sind, den Krieg zu beenden und das Land zu befrieden, beziehungsweise friedlich und demokratisch zu regieren, denn dies würde sowohl für die korrupten Eliten des Landes als auch für die Aufständischen einen gewissen Macht- und/oder Legitimationsverlust bedeuten, wodurch ihre Existenz bedroht werden würde.

Wenn in Afghanistan wieder Frieden einkehren würde, dann würden die Akteure des Krieges auch auf die finanzielle Unterstützung der internationalen Gemeinschaft im Rahmen des so genannten "Krieges gegen den Terror" verzichten müssen und somit auf die "Früchte der Kriegswirtschaft", die sie sich teilen. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass für eine überwiegende Mehrheit der Stammesführer, Milizenführer und Kriegsherrn die Zugehörigkeit zu den Aufständischen generell - aber auch zu den Taliban im Besonderen - nicht aufgrund von ideologischen Gründen, sondern aus kriminellen Gründen heraus entschieden wird.

Teil 5: Von fröhlich verkündeten und traurig gescheiterten Hoffnungen

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Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

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Unter Bankstern

Die nach dem Platzen der Immobilienblase 2008 eintretende Finanzkrise hätte man schon länger kommen sehen können. In seiner Artikelserie erklärt Artur Schmidt die Ursachen der Finanzkrise und deckt die Praktiken der Banker auf, die sich teilweise als "Bankster" erwiesen haben.

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