Gigantische Baumaßnahmen für die Olympischen Winterspiele in Sotschi

29.01.2012

Im Großraum Sotschi befindet sich heute eine der größten Baustellen Europas. Zehntausende Arbeiter schuften hier am Bau der Eissport-Hallen, der Hotels und der große Sprungschanze für die Olympischen Winterspiele 2014

Die Sonne scheint, vom Meer weht eine leichte Brise. Sogar Ende Dezember herrschen hier an der Küste des Schwarzen Meeres Plustemperaturen von acht Grad. Vom obersten Rang des Olympia-Stadions, in dem im Februar 2014 die Eröffnungs- und Abschlusszeremonie stattfindet, hat man einen guten Blick über die Riesenbaustelle. Nicht nur das Olympiastadion, auch die fünf Eissport-Hallen sind im Rohbau fast fertig.

Große Eishockeyarena in Sotchi. Alle Bilder: Ulrich Heyden

Das Olympiastadion wirkt mit den zwei Dachhälften, welche nur die Tribünen, aber nicht das Feld in der Mitte abdecken, in dieser Region, wo es seit den 1980er Jahren keine Modernisierungen mehr gegeben hat, fast wie ein Ufo. Wie die Arme einer Meereskrabbe wölben sich zwei Stahlkonstruktionen, die später das Dach tragen sollen, über das Stadiongelände. Ein Tausend-Tonnen-Kran eines bekannten deutschen Unternehmens hievt gerade ein riesiges Stahlteil zur Montage in die Höhe.

Alpine Wettkämpfe bereits im Februar

Einige Gebäude haben einen direkten Bezug zum Meer. Die Eishockey-Arena sieht aus wie ein riesiger Wassertropfen und das hellblaue Eishockeystation scheint einer Welle nachempfunden zu sein. Nach den Olympischen Spielen soll einige der Eisstadien abgebaut und in einer anderen Stadt Südrusslands mit dringendem Arena-Bedarf wieder aufgebaut werden.

Olympiastadion Sotchi

Es herrscht ein emsiges Treiben auf der Großbaustelle. Arbeiter verlegen Stahlgeflecht und lenken die Rüssel, aus denen der flüssige Beton fließt, an die richtigen Stellen. Wenn man den Blick schweifen lässt, sieht man am Horizont die schneebedeckten Kuppen des Westkaukasus. Dort im Bergstädtchen Krasnaja Polana soll im Februar bereits das zweite Mal die Olympia-Abfahrtsstrecke im Rahmen der Alpin-Ski-Weltmeisterschaften für Damen und Herren getestet werden.

Röntgenwagen gegen Sprengstoff

Bevor unser Journalistenbus auf das Baugelände fuhr, mussten wir eine halbe Stunde an einer mehrspurigen Sperre warten. Die Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes überprüften die Papiere der Lastwagenfahrer, die Baumaterial brachten. Unser Blick fiel auf einen weißen Röntgenwagen. Damit könnten ganze LKWs geröntgt werden können, erklärt uns einer unserer Begleiter. "So ein Apparat findet sogar eine Patrone." Stichprobenartige Kontrollen seien nötig. Es gehe darum zu verhindern, dass während der Bauarbeiten irgendwo Sprengstoff eingemauert wird, erklärt einer der russischen Journalisten. Die russischen Unruheprovinzen Dagestan und Tschetschenien sind nicht weit und bis nach Abchasien, das sich mit russischer Hilfe von Georgien abgespalten, sind es nur vier Kilometer.

In Russland, wo man gewohnheitsmäßig bis zur letzten Minute baut, hat man für die Winterolympiade ein Zeitpolster eingeplant. Bis zum Jahresende 2012 sollen alle olympischen Bauten fertig sein. Dafür werden nicht nur die Beauftragten des Kreml sorgen, sondern auch die zahlreichen Vertreter internationaler Firmen. Allein aus Deutschland sind im Großraum Sotschi zur Zeit über 30 Unternehmen aktiv.

Oligarchen bauen mit

Das Projekt Sotschi 2014 ist nicht nur wegen seiner Lage am Südrand Russland ungewöhnlich. Noch nie hat eine Olympiade in einer Region stattgefunden, in der es nicht nur Berge, sondern auch Meer und Subtropen gibt.

Der "Olympische Park" mit den fünf Eisstadien liegt direkt an der Küste des Schwarzen Meeres in der Imeretinskaja-Ebene. Bis hier 2009 die Bauarbeiten begannen, standen in der Ebene noch kleine Wohnsiedlungen mit Holzhäusern und Privathotels. Die Bewohner mussten umgesiedelt werden, um für das sportliche Großereignis Platz zu schaffen. Nun wandelt sich die Gegend, wo früher Zugvögel eine Ruhepause einlegten, in Windeseile zu einem hochmodernen Areal mit Pressezentrum, Hotels und Eisenbahnanbindung zu dem nur drei Kilometer entfernten Flughafen.

Große Eishockeyarena in Sotchi

Das Projekt Sotschi ist vermutlich eines der größten Bauprojekte Europas. Nach offiziellen Angaben werden 990 Milliarden Rubel (24,1 Milliarden Euro) investiert. In dieser Summe sind aber - so heißt es von Seiten der Organisatoren - nicht nur die Kosten für die Olympia-Bauten sondern auch die Kosten für die Modernisierung der Infrastruktur, das heißt den Bau von Straßen und Tunneln, dem Bau von Gaskraftwerken und einem neuen Hafen enthalten. Neben dem russischen Staat sind auch russische Großunternehmer wie Oleg Deripaska und Wladimir Potanin an dem Großprojekt beteiligt.

Die Lücke der Region Sotschi zum internationalen Standard war riesig. In der Gegend hatte es seit den 1980er Jahren keine Modernisierungen mehr gegeben. Doch der Kreml lässt sich das Prestige-Unternehmen Winter-Olympiade etwas kosten. Aus Europa wurden die besten Spezialisten angeworben, Experten für Skipisten aus der Schweiz, Maschinen für den Tunnelbau, moderne Eisenbahnzüge und Architekten aus Deutschland. Auf den Baustellen sind außerdem Bauarbeiter aus ganz Russland sowie aus Usbekistan, der Türkei und Serbien tätig. Die Arbeiter wohnen in weiß-blauen Containerdörfern entlang des Bergtals.

In 30 Minuten in den Bergen

Mit unserem Bus fahren wir hinauf nach Krasnaja Polana. Die Fahrt führt durch ein Bergtal über eine neue, mehrspurige Straße. Das Tal entlang dem Fluß Msymta ist die einzige Verbindung zwischen der Küste und dem Bergstädtchen Krasnaja Polana. Auf der anderen Seite des Flusses sieht man bereits einzelne fertiggestellte Streckenabschnitte der neuen, eingleisigen Eisenbahntrasse. Über diese Trasse sollen während der Olympiade alle 20 Minuten Desiro-Express-Züge der Firma Siemens Besucher in die Berge bringen. Die Eisenbahnfahrt soll nur 30 Minuten dauern. Der Transportbedarf ist groß. Bei den Sportveranstaltungen in den Bergen rechnet man mit 400.000 Besuchern.

Krasnaja Polana, Blick in Richtung Schwarzes Meer

Die Umweltschützer von Sotschi haben lange versucht, das Projekt Winterolympiade am Schwarzen Meer zu stoppen. Das Hauptargument der Ökologen war, dass so eine Großveranstaltung in direkter Nachbarschaft zum Westkaukasischen Naturschutzgebiet eine zu große Störung für die Tier- und Pflanzenwelt ist. Die staatliche Baugesellschaft Olympstroi hat versprochen, die Umwelt zu schonen. Doch der Umweltschützer Andre Rudomacha meint, die Versprechungen seien nicht eingehalten worden. Baumpflanzaktionen, die als Kompensation für gefällte Bäume durchgeführt wurden, seien Augenwischerei. Die neugepflanzten Bäume seien wieder eingegangen.

Berater aus Frankreich

Vor drei Jahren war Krasnaja Polana noch ein kleines Bergstädtchen mit 3.900 Einwohnern. Es gab nur einen einzigen Lift. Doch jetzt arbeiten zahlreiche moderne Lifte der österreichischen Firma Doppelmayr. Und oberhalb des Ortes entstehen unter der Bezeichnung Gorky-Gorod ganz neue Stadtteile in einem italienisch-neoklassischem Stil, mit Hotels, Luxusappartements, Boutiquen und Bars. In Krasnaja Polana soll es all das geben, was zu einem modernen Skiort gehört. Der französische Architekt Pierre Diener hat sich an der Entwicklung des Projekts als Berater beteiligt. Die Investoren des eine Milliarde Euro teuren Projekts sind die russischen Geldinstitute Sperbank und Vnesheconombank, die sich überwiegend in staatlicher Hand befinden.

Neubauten in Krasnaja Polana

Auf der olympischen Abfahrtspiste treffen wir Jean-Marc Farini. Der Franzose, der sich gerade auf seinen Skiern erholt, wurde als Berater von der französischen Firma Compagnie des Alpes nach Südrussland entsandt. Farini soll die Pisten, den Service und das Marketing überwachen. Die Schneequalität sei sehr gut, erklärt uns der 35-Jährige. Die Hänge in Krasnaja Polana liegen auf der Nordseite, "dadurch ist die Schneequalität den ganzen Tag über gesichert". Außerdem garantiere die feuchte Luft vom Meer immer einen "leichten Schnee". "Die Bedingungen hier sind in manchem besser als in Frankreich", schwärmt Jean-Marc. Für alle Fälle hat man über 300 Schneekanonen installiert, die aus zwei neu angelegten Teichen mit Wasser versorgt werden.

Jean-Marc Farini in Krasnaja Polana

Farini lebt schon seit einem Jahr in Russland. Nein, eine Russin habe er noch nicht geheiratet. Der Experte aus Chamonix lacht. Seine Firma hat sich für 25 Jahre zu einem Berater-Engagement in dem Bergstädtchen verpflichtet. Damit soll gewährleistet werden, dass das Niveau nach der Olympiade nicht fällt, erklärt Jean-Marc. Ob das gelingen wird und sich die verwöhnten russischen Ski-Touristen von den Kurorten in Österreich, der Schweiz und Frankreich nach Südrussland locken lassen, muss sich erst noch zeigen.

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