Warum der Benzinpreis nicht sinken darf

18.01.2012

Sinkt der Ölpreis zu stark, provoziert das Unruhen. Steigt er zu stark, kommt es zur Rezession. Angesichts Peak Oil eine verfahrene Situation

2011 war Rekordjahr für die Kraftstoffpreise. Doch sinken dürfen sie nicht allzu sehr. Die Stabilität des arabischen Raums hängt an den Geldbörsen der Autofahrer. Zu diesem Schluss muss man kommen, wenn man den Bericht des Internationalen Währungsfonds liest, der auch "fiskalische Verletzlichkeiten" verschiedener Staaten in Nordafrika und dem arabischen Raum untersucht. Demnach braucht Saudi-Arabien, der Swing-Producer der globalen Ölmärkte, inzwischen einen Ölpreis von 80 US$ pro Barrel, um den Staatshaushalt im Gleichgewicht zu halten. Seit 2008 ist dieser "break-even oil price" (BEOP) des Landes um 30% gestiegen.

Auch andere Ölexporteure der MENA-Staaten (Naher Osten + Nordafrika) haben steigende Staatsausgaben vorzuweisen, was ihre Mindestölpreise ebenfalls anhebt: Irak und Bahrain führen die Liste mit 100 US$ an, Algerien knapp dahinter. Neben Saudi-Arabien brauchen auch die Vereinigten Arabischen Emirate (UAE) und Iran mehr als 80 US$, um den Staatshaushalt auszugleichen. Nur Kuwait und Katar können mit 50 US$ noch gut leben. Der Zielpreis von 100 US$ pro Barrel, den Iran zu Beginn seiner OPEC-Präsidentschaft Ende 2010 nannte, ist inzwischen Standardpreis und Saudi-Arabien hat dieses Preisniveau nun offiziell ebenfalls als Zielpreis benannt.

Die Anstiege dieses "break-even oil price" um bis zu 60% (UAE) sind vor allem auf steigende Sozialausgaben zurückzuführen. Die Unruhen in Äypten, Libyen und Tunesien zeugen von Unzufriedenheit in der Region, deren Übergreifen viele Regierungen fürchten. Staatliche Geschenke sind ein Beruhigungsmittel. Subventionen zurückzufahren, löst Proteste aus - wie die Streiks in Nigeria zeigen, die als Protest gegen Streichung von Subventionen auf Benzin einsetzten und inzwischen zu einer teilweisen Rücknahme der Subventionsstreichung geführt haben - natürlich zu Lasten des nigerianischen Staatshaushalts.

Russland, mit 7,3 Millionen Barrel anno 2009 der zweitgrößte Ölexporteur, benötigte 2011 einen "break-even oil price" von 108 US$, in 2012 liegt dieser nach Berechnungen der Alfa Bank bereits bei 126 US$. Jeder Preis darunter würde also das russische Staatsdefizit vergrößern und den Spielraum des Kreml verringern.

Zusammenhang zwischen Staatshaushalt, Öleinnahmen und sozialen Unruhen

Die Welt befindet sich in einem großen Dilemma im Hinblick auf die Energieversorgung. Öl trägt mit über 30% einen sehr großen Teil zur Primärenergieversorgung bei. Während für die Importländer jedoch eher ein niedriger Ölpreis von Vorteil ist, benötigen immer mehr Exportländer recht hohe Ölpreise, um ihre Staatsgeschäfte abzuwickeln. Ein Preiseinbruch aufgrund einer Wirtschaftskrise würde auch die Ölexporteure vor Probleme stellen. Ein Preissprung würgt die Wirtschaft der Importeure ab.

Der Preiskorridor, der angesichts dieser Lage für beide Seiten noch erträglich wäre, liegt vermutlich irgendwo zwischen 100 und 125 US$. Steigt er darüber, schwächeln die Importländer, sinkt er darunter, schwächeln die Exporteure - deren Sparsamkeit den Arabischen Frühling multiplizieren könnte. Auf den Zusammenhang zwischen Staatshaushalt, Öleinnahmen und sozialen Unruhen setzen die USA, wenn sie ein Ölembargo gegen Iran organisieren.

Angesichts von Klimawandel und Ölabhängigkeit ist es ratsam, den Ölverbrauch zu senken. Das trifft auf Importländer wie Deutschland ganz besonders zu, das eine Eigenproduktion von nur 3% hat und deshalb jährlich Milliardensummen in die Ölförderländer transferiert. Allerdings würde hiesige Sprit-Sparsamkeit die Staatshaushalte belasten - anderswo und hierzulande. Denn die Milliarden fürs Tanken werden nicht nur in Russland und in anderen Ländern der strategischen Ellipse gern genommen, sie sind auch im deutschen Staatshaushalt unabkömmlich. 16,9% des Bundeshaushalts betrugen die Energiesteuern 2011. Und da die Steuern pro Liter bzw. verbrauchtem Megajoule (bei Erdgas) berechnet werden, würde allgemeine Sparsamkeit beim Tanken die Staatsschulden vergrößern. Zwar gilt der deutsche Staat als erstklassiger Schuldner, doch so etwas ändert sich bekanntlich schnell (Ratingagentur straft Euroländer ab). Aus einer Ölkrise könnte schnell eine erweiterte Schuldenkrise werden. Hilfreich wäre dies angesichts der allgemeinen Euro-Krise nicht.

Die Spendabilität der Ölförderstaaten gegenüber der eigenen Bevölkerung manifestiert ihre Exportabhängigkeit. Sie müssten ihre heimischen Wirtschaftsstrukturen ausbauen, um sich unabhängiger vom Ölexport zu machen und Wohlstand aus sich selbst heraus zu erschaffen. Saudi-Arabien geht diesen Schritt derzeit offensiv, indem die Petrochemieindustrie und die Raffinierkapazitäten ausgebaut werden und somit größere Wertschöpfung im Land passiert - allerdings weiterhin auf Erdölbasis.

Gelingt die Transformation der Ölförderländer nicht oder zu spät, stehen sie auf zerbrechlichem Fundament: Ein sinkender Ölpreis würde die Finanzierungsgrundlage entziehen, ein zu stark steigender Ölpreis würde ihre Kundschaft in die Rezession schicken - und die Ölnachfrage und damit die Öleinnahmen senken. Beides kann nicht im Interesse der Ölförderer sein. Doch den Preis zu beeinflussen, dürfte noch schwerer fallen, wenn der Peak Oil überschritten ist.

Peak Oil

Eine vom australischen Amt für Infrastruktur, Transport und Regionalwirtschaft (BITRE) erarbeitete Studie kam 2009 zu dem Schluss, dass ab 2017 mit einem Rückgang der täglich verfügbaren Ölfördermengen zu rechnen sei. Veröffentlicht wurde die ausführliche Studie offiziell nicht, die australischen Behörden ersetzten sie durch einen Report gleicher Nummer über das australische Flugwesen.

Die Expertenschaft streitet sich: Exxon Mobil akzeptiert in seinem jüngsten Outlook for Energy zwar einen Peak der konventionellen Ölförderung, sieht bis zum Jahr 2040 aber weiter ansteigende Gesamtmengen flüssiger Kohlenwasserstoffe. Wir reden ungern darüber, weil die Konsequenzen massiv wären, aber Exxon Mobil könnte daneben liegen. Ein Sinken der Fördermengen nach dem Überschreiten des Ölfördermaximums erzwingt eine Senkung des Verbrauchs. Da die ganze Welt nach dem Rohstoff lechzt oder gar hemmungslos von ihm abhängt, ist mit steigenden Preisen zu rechnen - es sei denn, der Verbrauch schrumpft aufgrund entsprechender Anpassungsmaßnahmen oder durch eine Rezession.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass mit dem Überschreiten des Ölfördermaximums der Stabilitätskorridor der Ölpreise verlassen wird und Druck auf die Förderländer und die Exportländer entsteht, der eben nicht nur durch steigende Rohstoff- und Transportpreise, sondern auch durch einen Anstieg der Staatsschulden und zunehmende Instabilitäten im Finanzsystem geprägt ist.

Der Weg zu einer postfossilen Wirtschaft wird auch im Solar-Vorreiter-Land Deutschland bislang nicht ernsthaft beschritten. Trotz der vielzitierten Bundeswehr-Studie zu Peak Oil, die da sagt:

Da moderne Volkswirtschaften sich auf der Basis preiswerter fossiler Rohstoffe, insbesondere des Erdöls ausdifferenziert haben, würde bei einer nicht-abgeschlossenen oder unzureichenden post-fossilen Transformation [Peak Oil] die meisten Staaten und Gesellschaften vor erhebliche Herausforderungen stellen. Diese können Einschränkungen der Mobilitätssysteme, wirtschaftliche Strukturbrüche, aber auch eine Erosion des Vertrauens in staatliche Institutionen umfassen.

Die Studie befasst sich ausführlich mit der Konfliktsituation rund um den Rohstoff, wie er sich anhand des Iran-Konflikts derzeit noch stärker abzeichnet. Eine Abkehr vom Öl ist in Deutschland nicht sichtbar, der Hype um Elektromobilität ist weiterhin rein medial. Davon zeugen genau 2307 angemeldete (reine) Elektroautos (Stand 1.1.2011), mithin 0,01% der Gesamt-PKW-Flotte, und das Fehlen jeglicher Elektro-LKWs mit einer Nutzlast von mehr als 6 Tonnen.

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