Spieleentwicklung und Spionage

19.01.2012

Der im Iran zum Tode verurteilte Amir Hekmati arbeitete für Kuma Games

Der Iran ist ein Land, in dem die Behörden einen besonders nachdrücklichen Willen zur Zensur beweisen. Unlängst wurde bekannt, dass die "Islamische Republik" nicht nur an einem "Halal Internet" arbeitet, das alle Inhalte aus dem Ausland streng filtert, sondern auch an einem Uhl-Netz, in dem niemand mehr anonym agieren kann.

Ein Spionageprozess enthüllt nun, dass auch Computerspiele im Fokus der Aufmerksamkeit iranischer Behörden stehen: Amir Hekmati, ein Amerikaner iranischer Abstammung, der im letzten Jahr bei einem Verwandtenbesuch festgenommen und mittlerweile zum Tode verurteilt wurde, soll in seinem Geständnis neben dem Versuch, als Maulwurf zu arbeiten und den iranischen Geheimdienst mit falschen Informationen zu füttern, auch seine Tätigkeit für Kuma Games aufgeführt haben.

Assault on Iran. Screenshot: Kuma Games.

Der Freeware-Hersteller bietet außer einem "Battle for Beer" bei den Sumerern und den wichtigen Schlachten im Zweiten Weltkrieg auch Spiele über die Befreiung der amerikanischen Botschaftsgeiseln 1980, Saddam Husseins Kriegsverbrechen, Bombenbeseitigung im Irak, die Suche nach dem ehemaligen libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi oder den al-Quaida-Kopf Abu Musab as-Sarkawi, eine Frühjahrsoffensive in Kandahar, Terroristenjagd in Waziristan, Gefechte mit Taliban im Swat-Tal und den Kampf gegen somalische Seeräuber an. 2005 veröffentlichte das in New York ansässige Unternehmen das Spiel Assault on Iran, das einen Angriff auf persische Nuklearanlagen zum Inhalt hat. Als daraufhin im Iran eine Art Unterhaltungs-Gegenschlag mit verteilten Rollen entstand, lud Kuma persische Programmierer zu einem Dialog ein, dessen Basis Computerspiele sein sollten.

In seinem Geständnis behauptet der ehemalige Marine-Corps-Elitesoldat Hekmati angeblich, dass Kuma Geld von der CIA erhält, um kostenlose Propagandaspiele herzustellen, die die öffentliche Meinung im Nahen Osten beeinflussen sollen. Dass sich ein Spiel wie Assault on Iran dafür objektiv eignet, scheint (trotz einer Teillokalisierung in Farsi und Arabisch) freilich nur dann realistisch, wen man von einer extrem schlichten Medienwirkungstheorie ausgeht. Dazu, ob die Firma tatsächlich Geld von der CIA bekam, will man sich gegenüber der Presse aber weder bei Kuma noch in Langley äußern. Hinsichtlich einer direkten Tätigkeit Hekmatis für die CIA gibt es dagegen ein Dementi der Obama-Administration.

Die New York Times fand auf der Suche nach Verbindungsspuren lediglich einen auf 95.920 Dollar dotierten älteren Vertrag mit dem Pentagon über die Entwicklung von Technologie zum besseren dauerhaften Behalten von Sprachen. Außerdem hatte Hekmati 2006 die auf die Übersetzung militärischer Dokumente in den Sprachen Arabisch und Farsi spezialisierte Firma Lucid Linguistics gegründet. Auf deren Website hieß es, das Ziel des Unternehmens sei die "Unterstützung von Organisationen, die sich auf den gegenwärtigen weltweiten Krieg gegen den Terror konzentrieren und die daran arbeiten, die Sprachbarriere unserer bewaffneten Streitkräfte im Irak und in Afghanistan zu überwinden".

Beweise für eine Spionagetätigkeit Hekmatis sind dies freilich nicht. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert den Prozess gegen den Amerikaner deshalb als unfair und fordert die Aufschiebung seiner Exekution. Beobachter bezweifeln allerdings, dass sich die iranischen Behörden darauf einlassen, weil sie unter großem Druck stehen, nach einer Serie von Anschlägen auf Atom- und Raketenforscher einen "Erfolg" zu präsentieren.

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