Sozialisiertes Risiko

25.01.2012

Die Energie- und Klimawochenschau: Tepco hat ein Geld-, Japan ein Bündnis- und der Golfstrom ein Süßwasserproblem

Wir kennen das schon: Wenn's mal schief geht, vergessen die Anhänger der schlanken Regierung und des freien Marktes alle Theorien und Glaubenssätze und rufen nach dem Staat. Das war bei der Pleite von Lehman Brothers so und ist im Falle des japanischen Havaristen Tepco nicht anders.

Reaktor 3 im AKW Fukushima Anfang Januar 2012. Bild: Tepco

Ein staatlicher japanischer Fonds soll voraussichtlich eine Billion Yen, knapp 10 Milliarden Euro, in das Unternehmen stecken, das so auf 10 Jahre verstaatlicht werden könnte. Mit anderen Worten, die Anwohner der im März letzten Jahres durch eine Kombination aus Erdbeben und Tsunami zerstörten Reaktoren in Fukushima Daiichi werden aus Steuergeldern entschädigt. Allerdings sieht der Plan vor, dass Tepco ab 2013 die Hälfte seines Vorsteuergewinns an den Fonds zurückzahlt und sich so bis 2022 praktisch aus der staatlichen Vormundschaft wieder freikauft.

Wenn der noch eine Reihe anderer AKWs betreibende Konzern denn Gewinn machen kann. Noch ist nämlich unklar, wann die noch funktionstüchtigen Meiler wieder ans Netz gehen können. Ab demnächst wird das Land fürs Erste zeitweise ganz ohne Atomstrom auskommen müssen (Japan ab April ohne Atomstrom). Noch vor Jahresfrist hatten die 52 Meiler im Land 30 Prozent des Bedarfs gedeckt.

Es geht also auch ohne Atomkraft, aber die Regierung arbeitet daran, zumindest einen Teil der heruntergefahrenen Kraftwerke wieder ans Netz zu bringen. Die Bevölkerung bleibt hingegen skeptisch und viele lokale Behörden weigern sich, das Wiederanfahren zu genehmigen. Unterdessen erstarkt die japanische Anti-AKW-Bewegung. Mitte Januar kamen in Yokohama über 8.000 Menschen zu einer Konferenz mit internationaler Beteiligung zusammen.

Bei einem Ausfall von 30 Prozent der Produktion sollte man meinen, dass sich die Regierung ernsthaft nach Alternativen umschauen würde. Doch noch immer gibt es keinen Plan für die systematische Förderung erneuerbarer Energieträger, selbst die Förderung der Fotovoltaik ist noch nicht geklärt, und das in einem Land, das einst Vorreiter auf diesem Gebiet gewesen ist.

Nicht auszuschließen, dass die Spendenpraxis der großen Stromkonzerne dabei eine Rolle spielt. Die japanische Zeitung The Mainichi Daily News hat die veröffentlichten Spendenlisten der beiden großen Parteien unter die Lupe genommen und dabei Interessantes herausgefunden. Die regierende Demokratische Partei (DPJ) erhielt 2009 mindestens 35,91 Millionen Yen (knapp 360.000 Euro) und 2010 mindestens 32,85 Millionen Yen (knapp 330.000 Euro) von Betriebsgewerkschaften der neun großen Energieversorgungsunternehmen.

Ähnlich großzügig wurde die rechts der DPJ angesiedelte Liberaldemokratische Partei LDP bedacht, die das Land bis vor zweieinhalb Jahren nahezu ununterbrochen seit 1945 regiert hatte. Die LDP erhielt von Vorstandmitgliedern und leitenden Angestellten der neun großen Energiekonzerne nach Angaben der Zeitung 2009 und 2010 zusammen etwa 80 Millionen Yen (800.000 Euro) an privaten Spenden. Da diese alle jeweils im Dezember eingingen, geht das Blatt von einer koordinierten Aktion aus.

Bündniszwänge

Da fast alle AKWs stillstehen und der Ausbau der erneuerbaren nicht richtig unterstützt wird, ist Japan derzeit vor allem auf Kohle-, Gas- und Öl-Kraftwerke angewiesen. Bis zum März 2011 haben nach Angaben der US-Energiebehörde EIA Kohlekraftwerke etwa 28 Prozent und Gaskraftwerke rund 26 Prozent des Bedarfs abgedeckt. Die zahlreichen, aber schon etwas betagten Ölkraftwerke dienten vor allem zur Abdeckung des Spitzenbedarfs und lieferten weniger als zehn Prozent der Produktion.

Struktur der japanischen Stromversorgung vor der multiplen Reaktorkatastrophe in Fukushima. Bild: EIA

Das hat sich in den letzten Monaten geändert. Die Ölimporte dürften entsprechend gestiegen sein, was Japan aktuell in ein Dilemma stürzt. Denn im Augenblick sieht es fast so aus, als wollten die USA und ihre Verbündeten am Persischen Golf einen weiteren Krieg ums Öl anzetteln. Vordergründig geht es natürlich um die vom Iran angestrebte atomare Aufrüstung, die allerdings noch weiter von einsatzfähigen Waffen entfernt ist, als mancher hysterische Bericht über den Konflikt erscheinen lassen mag.

Wie fadenscheinig die Begründung für Zuspitzung und Sanktionen ist, ist allein schon daran abzulesen, dass sich der Westen wenig an den Atomwaffen seiner Verbündeten in der Region stört. Auch dass man dem Iran den Umgang mit hochangereicherten Uran verbieten will, den man sich selbst zum Beispiel im Forschungsreaktor FRM II bei München genehmigt, klingt nicht wirklich überzeugend. Entsprechend wenig Unterstützung finden US-Amerikaner und Europäer unter den übrigen Staaten für ihr Vorgehen.

Die asiatischen Mitglieder des westlichen Blocks haben derweil ein Problem mit dem Vorgehen gegen den Iran. Südkorea und Japan hängen in hohem Maße vom Nahost-Öl und nicht zuletzt von iranischen Lieferungen ab und zeigen daher wenig Neigung, sich dem Importstreik anzuschließen. Südkorea hat zwar ein Verbot von Investitionen in die iranische Ölwirtschaft erlassen, und Japan untersagt seinen privaten Unternehmen - nicht jedoch den Geldhäusern - Geschäfte mit iranischen Banken, aber die Öleinfuhren aus dem Iran will bisher weder Tokio noch Seoul verbieten. Sicherheitshalber sieht man sich allerdings schon mal nach Alternativen um.

Die Suche nach Alternativen ist allerdings auf jeden Fall angebracht, denn unabhängig von der südkoreanischen und japanischen Beteiligung an den Sanktionen könnten die Spannungen am Persischen Golf den Ölpreis in gefährliche Höhen treiben. Für die Volkswirtschaften der Importländer wäre das das reinste Gift. Eine Studie des Internationalen Währungsfonds hatte erst kürzlich gezeigt, dass der für die Weltwirtschaft verträgliche Schwankungsbereich des Ölpreises relativ eng ist und seine Obergrenze etwa bei 120 US-Dollar pro Barrel liegt (siehe: Warum der Benzinpreis nicht sinken darf). Derzeit kostet ein Barrel der Nordseesorte Brent (Lieferung im März) etwas über 110 US-Dollar. Futures mit späterem Lieferungsdatum sind günstiger, was darauf hindeutet, dass am Markt bisher nicht von einer Eskalation am Golf ausgegangen wird.

Dennoch weist in der Asia Times Online ein Autor darauf hin, dass Washingtons Politik gegenüber dem Iran Tokio und Seoul in Beijings (Pekings) Arme treibt. China spricht sich nämlich gegen die Sanktionen aus, warnt aber Teheran zugleich, die Straße von Hormus zu sperren, wie für den Fall eines Konfliktes angedroht. Durch diese wird nicht nur das iranische Öl, sondern auch die Förderung des Iraks, Kuweits sowie der Vereinigten Emirate exportiert. Chinas Premierminister Wen Jiabao hat kürzlich bei einer Rundreise durch arabische Golfanrainer dafür geworben, den Konflikt im UN-Sicherheitsrat zu lösen.

Neues vom nicht mehr ewigen Eis

Auch vom Klima gibt es mal wieder wenig Erfreuliches zu berichten. Über die jüngste Analyse der Temperaturentwicklung wurde hier auf Telepolis ja schon an anderer Stelle geschrieben (2011 nach der Nasa das neuntwärmste Jahr). Auch aus der Arktis kommen schlechte Nachrichten. Dort, so hat eine Gruppe britischer Wissenschaftler bei einem genaueren Blick auf Daten der Europäischen Raumfahrtagentur ESA festgestellt, sammelt sich seit Beginn des Jahrtausend eine regelrechte Süßwasserlinse an.

Das Süßwasser, das aus den Flüssen in den arktischen Ozean eingetragen wird, legt sich über das dichtere Salzwasser der tieferen Schichten. In den anderen Ozeanen wird eine derartige Schichtung durch Wellen und Winde verhindert, aber im arktischen Becken verhindert bisher noch die Eisbedeckung eine ausreichende Durchmischung. Über 70.000 Kubikkilometer salzarmes Wasser haben sich dort zwischen dem relativ warmen Tiefenwasser und der Eisdecke angesammelt, schreiben die Geowissenschaftler im Fachblatt Nature Geoscience.

Neu ist allerdings, dass die Gebiete nördlich von Alaska und Ostsibirien im Sommer längere Zeit nur noch sehr spärlich mit Eis bedeckt sind. Dadurch kann der dort zu dieser Zeit of vorherrschende, im Uhrzeigersinn wehende atmosphärische Wirbel das Wasser in seinem Zentrum zusammendrängen. In einem BBC-Beitrag wird das anschaulich anhand einer Grafik demonstriert. Dass die Kräfte an der Wasseroberfläche im rechten Winkel zu den Winden wirken, ist eine Folge der Erdrotation. Der gleiche Mechanismus führt auch dazu, dass Wasser in der Badewanne um den Abfluss wirbelt oder dass auf der Nordhalbkugel der Wind immer gegen den Uhrzeigersinn um das Zentrum der Tiefdruckgebiete weht.

Aber zurück zu dieser Süßwasserlinse, die sich nördlich der Beringstraße gebildet hat und durch die wirkenden Kräfte immerhin rund 30 Zentimeter über das Niveau erhebt, das der Meeresspiegel im Ruhezustand hätte: Was passiert mit ihr, wenn der atmosphärische Wirbel sich für längere Zeit abschwächen sollte? Könnte das Süßwasser dann in den Nordatlantik abfließen? Würde es ausreichen, um den dortigen Nordatlantikstrom, den für das west- und nordwesteuropäische Klima so wichtigen Ausläufer des Golfstroms, zu beeinträchtigen? Den Antworten auf diese Fragen wollen sich die Wissenschaftler in der nächsten Zeit widmen. Ein Beispiel mehr dafür, dass es in den Klimawissenschaften noch zahlreiche interessante und zum Teil höchst relevante Detailfragen zu klären gibt.

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