Ein Schrottplanet voller Rätsel

28.01.2012

Das Adventure "Deponia" überzeugt mit skurrilen Charakteren

Jan Müller-Michaelis hat ein Herz für Sonderlinge. Die Hauptfiguren, die der Hamburger Game-Designer für seine Abenteuer entwirft, sind allesamt Außenseiter: Sie verstoßen gegen gesellschaftliche Konventionen, verweigern die ihnen zugeschriebenen Rollen und werden dafür mit Ausgrenzung bestraft

Müller-Michaelis' bekannteste Schöpfung ist das schizophrene Mädchen Edna, dessen Aggressionsschübe sich in einem Plüschhasen manifestieren (Edna bricht aus). Psychisch nicht weniger belastet ist die Klosterschülerin Lilli aus dem Edna-Nachfolger Harveys neue Augen: Von den Mitschülern als Streberin gehänselt, löst Lilli - wie durch Zufall - tödliche Unfälle in Serie aus. Auch das Daedalic-Abenteuer The Whispered World, für das Müller-Michaelis die Dialoge schrieb, hat einen echten Antihelden: Den depressiven Clown Sadwick, der von apokalyptischen Alpträumen geplagt wird.

Was all diese Figuren so interessant macht, sind ihre Tiefgründigkeit und ihr Entwicklungsprozess. Die Gegängelten verharren eben nicht in ihrer misslichen Situation, sondern stellen vermeintliche Autoritäten in Frage - ob nun Anstaltsleiter, Ordensschwestern oder den eigenen Großvater. "Irgendwann habe ich für mich herausgefunden", sagt Müller-Michaelis über seine Geschichten, "dass es immer und überall um die Balance zwischen Ereignislosigkeit und Aktivität geht: Ereignislosigkeit als Stillstand und Tod. Dagegen bedeutet jede Aktivität immer auch Zerstörung, für jede Weiterentwicklung muss man Sachen zurücklassen." Also darf Edna aus der Nervenklinik ausbrechen, Lilli aus der Zwangshypnose flüchten und Sadwick die weite Welt entdecken. Erkundung, Flucht und Anarchie waren immer schon wichtige Zutaten des Adventure-Genres. Gleichwohl gelingt es Daedalic besonders gut, sie als Spiegel innerer Konflikte zu inszenieren.

Mit dem PC-Abenteuer Deponia etabliert Daedalic erneut einen denkwürdigen Antihelden. Rufus, Bewohner eines Schrottplaneten, geht seinen Mitmenschen mit gnadenloser Selbstüberschätzung und sarkastischen Sprüchen auf den Geist. Sein großes Ziel ist, den stinkenden Müllhalden von Deponia zu entkommen und ein neues Leben in der Himmelsstadt Elysium zu beginnen. Sonst ein notorischer Faulpelz, entwickelt Rufus bei seinen Fluchtversuchen erstaunliche Erfindungskraft, scheitert aber immer wieder am eigenen Dilettantismus. Eines Tages gelingt es dem Egomanen tatsächlich, per selbstgebauter Rakete an einem vorbeizischenden Organon-Raumkreuzer anzudocken. Doch ehe er sich's versieht, wird er schon wieder unsanft von Bord und zurück auf die Deponia-Oberfläche befördert. Der Kurzausflug indes hat ungeahnte Folgen: Aus dem Kreuzer stürzt noch eine weitere Person ab, die das beschauliche Deponia-Leben fortan gehörig durcheinanderwirbeln wird.

Das wunderschöne Mädchen aus dem Reich Elysium bleibt zunächst ein Rätsel: Der Sturz hat sie in eine tiefe Ohnmacht befördert. Rufus verliebt sich sofort in die Unbekannte und setzt alles daran, sie wieder zu Bewusstsein zu bringen. Allerdings ist er nicht der Einzige, der Interesse an der Elysianerin hat: Etliche Bewohner des Dörfchens Kuvaq würden sie am liebsten als billige Arbeitskraft verpflichten. Die Rettungsaktion macht aus dem kindischen Sturkopf Rufus nach und nach einen selbstlosen Helfer. Was aber keineswegs bedeutet, dass das Spiel in eine tränenselige Samariter-Schmonzette abdriftet - im Gegenteil: Wie die Mehrzahl der bisherigen Daedalic-Werke strotzt "Deponia" vor absurden Dialogen, schrägen Charakteren und schwarzem Humor. Rufus' despotische Ex-Freundin Toni hinterlässt Post-it-Zettel mit "postmenstrualen Nachrichten", ein bräsiger Bergwerksarbeiter mit Hamburger Akzent nutzt Papageien als Gasdetektoren im Stollen, auch der Psycho-Hase Harvey hat den einen oder anderen Cameo-Auftritt.

Bisweilen rutscht der Humor auf Nackte-Kanone-Niveau ab, etwa wenn Rufus am Raketenseil über allerlei schmerzhafte Hindernisse geschleift wird. Mit am besten ist "Deponia" in den Seitenhieben auf das eigene Medium: Dorfbewohner finden Geschichten nur dann spannend, "wenn in ihnen ein Drache vorkommt"; in einem Dialogmenü kann der Spieler nur den Satz "Mir gehen die Argumente aus" wählen.

Wie schon die anderen Daedalic-Titel ist "Deponia" ein klassisches 2D-Adventure. Kombinationsrätsel wechseln sich mit Logikrätseln und Minispielen ab, letztere können bei Bedarf auch übersprungen werden. In den Kulissen findet der Spieler allerhand nützliche Gegenstände, die Rufus seinem Inventar einverleibt: Wer kann schon wissen, ob die Wasabi-Krümel aus den Sofaritzen nicht noch irgendwann Bedeutung gewinnen? Das Inventar ist mit 15 freien Plätzen recht umfangreich und lässt sich bequem per Mausrad aufrufen, die Hotspot-Anzeige erweist sich gerade in den größeren Gebieten als sehr hilfreich. "Deponia" ist so aufgebaut, dass der Spieler nicht ständig Engpässe bewältigen muss - stattdessen kann er kleinere Aufgaben und kurze Rätselketten in nahezu beliebiger Reihenfolge lösen. Bei komplexeren Aufgaben erhält Rufus häufig Merkzettel mit einer Liste der einzelnen Etappen. Für Adventure-Einsteiger sind die Rätsel bisweilen einen Tick zu schwer, aber auch erfahrene Spieler werden sich an der einen oder anderen Aufgabe die Zähne ausbeißen.

Atmosphärisch steht "Deponia" den übrigen Daedalic-Titeln in nichts nach: Außen- und Innenareale sind sehr detailliert und farbenfroh gezeichnet, die Animationen lassen die Figuren lebendig wirken, und auch die Synchronsprecher - allen voran Monty Arnold als Rufus - sind sorgfältig gewählt. Der Soundtrack passt mit seinen Blechklängen sehr gut ins Schrottambiente des Planeten, ist aber auf Dauer etwas eintönig und manchmal schlecht abgemischt. Trotz solcher kleinen Schönheitsfehler ist "Deponia" mit seinen glaubwürdigen Charakteren, der spannenden Story und den vielen originellen Einfällen ein absolutes Muss für Adventure-Fans. Souveränität beweist Daedalic übrigens auch beim Thema Kopierschutz: Der Hersteller verzichtet hier auf jegliche Restriktion.

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