Libyscher Bürgerkrieg geht weiter

26.01.2012

In Bani Walid vertreibt eine Stadtmiliz die 28.-Mai-Brigade des nationalen Übergangsrates

Der vor fast einem Jahr ausgebrochene Bürgerkrieg in Libyen ist auch nach der offiziell verkündeten Machtübernahme des Übergangsrates am 23. Oktober 2011 noch nicht beendet: Von der internationalen Öffentlichkeit wenig beachtet fanden in den letzten Monaten unter anderem in Tripolis immer wieder Kämpfe zwischen Milizen statt, die nicht daran denken, ihre Waffen abzugeben und stattdessen Gebiete kontrollieren, in denen die neue Regierung nur sehr bedingt Herrschaft ausübt.

Inwieweit diese Regierung die Hoffnungen des Westens erfüllen kann, wird immer fraglicher: Der Rechtsanwalt Abdelhafis Ghoga, bisher das zivilgesellschaftliche Aushängeschild unter Islamisten, Stammesführern und abtrünnigen Gaddafi-Amtsträgern, wurde am 19. Januar bei einem Vortrag körperlich angegriffen und erklärte am Sonntag seinen Rückzug vom Posten des Vizepräsidenten im libyschen Übergangsrat (NTC). Zuvor hatte ein wütender Mob das NTC-Hauptquartier in Bengasi verwüstet.

Karte: NordNordWest. Lizenz: CC BY 3.0.

Einen Tag später wurde bekannt, dass in der 146 Kilometer südöstlich von Tripolis gelegenen Stadt Bani Walid eine lokale Miliz die dort stationierte 28.-Mai-Brigade des Übergangsrates nach einem vierstündigen Gefecht mit Panzerfäusten und MGs vertrieb. Deutsche Medien schrieben erst von "Gaddafi-Getreuen", die die Stadt eingenommen und Gaddafis grünes Banner gehisst hätten, fielen dabei aber wahrscheinlich auf Propaganda der 28.-Mai-Brigade herein.

Vor Ort fanden Journalisten gestern nämlich lediglich die auch vom NTC genutzte rot-schwarz-grüne Flagge und ein paar alte Pro-Gaddafi-Graffiti, die wahrscheinlich noch aus dem letzten Sommer stammen. Stattdessen teilten Bewohner Reportern mit, die Gaddafi-Familie könne ihnen gestohlen bleiben und militärische Ambitionen hätten sie außerhalb ihrer Stadt keine. Mit der Vertreibung der 28.-Mai-Brigade habe man lediglich auf anhaltende Plünderungen, Festnahmen und sexuelle Übergriffe durch die Truppe reagiert, die sich als Besatzungsmacht aufspielte. Unmittelbarer Auslöser dafür war angeblich die willkürliche Verhaftung eines Mannes, den die Brigade nach Protesten zwar wieder freiließ - aber nicht, ohne ihn vorher zu foltern.

Das fast ausschließlich von Mitglieder des Warfalla-Stammes bewohnte Bani Walid wurde von den NTC-Kriegern als eine der letzten libyschen Städte am 17. Oktober 2011 erobert. Die damaligen Rebellen vertrieben die 75.000 Einwohner der Stadt zwar nicht (wie sie das mit den dunkelhäutigen Tawarghanern taten), machten sich aber schwerer Kriegsverbrechen schuldig. Westlichen Besuchern hatten Warfalla aus Bani Walid bereits im November angekündigt, dass man alle Demütigungen durch die "Thwar" rächen werde und nur noch auf einen geeigneten Zeitpunkt warte.

Im NTC herrscht derzeit offenbar Uneinigkeit über das weitere Vorgehen: Eine Gruppe verweist hinter vorgehaltener Hand darauf, dass sich die Situation in Bani Walid nicht so sehr von der in anderen libyschen Städten unterscheidet, wo ebenfalls lokale Milizen die Macht haben. Eine andere will die Stadt unter Einsatz von Kampfflugzeugen zurückerobern und damit genau das Mittel einsetzen, dessen Anwendung durch Gaddafi im letzten Jahr dazu führte, dass der UN-Sicherheitsrat einen NATO-Einsatz zur Sicherung einer Flugverbotszone billigte.

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