Mit Ohrfeigen gegen künftige Riots?

30.01.2012

Ein Labour-Abgeordneter mischt die britische Diskussion über die richtige Erziehung neu auf

Man kann Frankreich, was Vorhaben zu einer strengeren Regelung des Internet angeht, als eine Art Labor in Europa sehen. Immer wieder gibt es dort Vorstöße, die man als eine Art Test sehen kann, welche die Reaktion der Öffentlichkeit auf Grenzverschiebungen erproben (Netzsperren verhängen, ohne ein Gericht zu bemühen). Für Großbritannien könnte man Ähnliches im Bereich der Erziehung zum richtigen sozialen Verhalten sagen.

Während der Labour-Regierung wurden allerhand, zum Teil verblüffende, Vorschläge gemacht, um anti-sozialem Verhalten schon in der frühesten Kindheit präventiv zu begegnen. Für großes Aufsehen sorgte etwa der Vorschlag der Regierung Blair, werdende Mütter in problematischen sozialen Umständen, bereits vor der Geburt ihres Kindes unter intensivere Behörden-Aufsicht zu stellen (Ärger verhindern – schon vor der Geburt). Das Thema der "Problem-Familien" kam auch während der Aufarbeitung der Plünderungen und Krawalle im Sommer vergangenen Jahres in die Öffentlichkeit. Ministerpräsident Cameron wies in seiner Analyse der "Riots" dezidiert auf Mängel in der Erziehung hin (Die Zähmung der "wilden Unterschicht").

Die Diskussion über die Ursachen der Krawalle und damit verbundene Fragen, welche Rolle der elterlichen Erziehung dabei zugemessen werden kann, ist offenbar noch nicht beendet. Das kann man an der Aufmerksamkeit ablesen, welche der ehemalige Labour-Erziehungsminister und jetztigen Abgeordnete des Londoner Stadtteils Tottenham, David Lammy, derzeit erfährt. Die britischen Medien verbreiteten recht schnell seine in einem Radio-Interview getätigte Äußerung, wonach "Ohrfeigen die Riots möglicherweise verhindern hätten können": "Smacking might have prevented riots".

Mittlerweile rudert Lammy etwas zurück und relativiert seine Aussage. Man könne die Schuldfrage der Riots freilich nicht auf "Smacking" reduzieren. Aber Lammy lässt in einem Punkt nicht locker: in der Frage, dass Eltern die handgreifliche Disziplinierung zugestanden werden muss. "Smacking" - Ohrfeigen und Schläge, die Lammy von Prügeln, Missbrauch und körperlicher Gewalt im Haushalt abzugrenzen bemüht ist - seien als körperliche Strafen "notwendig und richtig." Er selbst sei so erzogen worden und erziehe seine Kinder auch mit solchen Mitteln.

Lammy, der stets bedacht ist, seine Nähe zu den Einwohnern Tottenhams, dem Viertel, wo die Ausschreitungen im letzten Sommer angefangen haben, herauszustellen, macht in seiner Begründung die Situation vieler Eltern geltend, die in Wohnblocks leben, wo Drogendealer, Messer, Gangs und Gewalt in nächster Nähe seien. Die Eltern würden durch die Gesetzeslage verunsichert. Sie bräuchten Rechtssicherheit, darauf zielt seine Argumentation. Bis 2004 durften Eltern körperlich bestrafen, als Kriterium galt "reasonable chastisement", was mit vernünftiger, angemessener Züchtigung übersetzt werden könnte. Bei schwierigen, umstrittenen Fällen wurde ein Richter eingeschaltet. Mit Einführung des Children's Act durch die damalige Labourregierung dürfen Eltern leichte Schläge verabreichen. Als Grenz-Kriterium gilt die "Rötung der Haut". Im Zweifelsfall werden Sozialarbeiter aus zuständigen Behörden eingeschaltet.

Daraus, so Lammy, resultiere eine Verunsicherung der Eltern, die eine Einmischung des Staates in ihre Privatangelegenheiten fürchten. Die Mittelklasse könne dies nicht nachvollziehen, weil sie die Erfahrung nicht kenne, wenn Behörden-Vertreter an der Wohnungstür auftauchen. Man müsse die Rechte der Eltern stärken, deutlicher machen, was sie dürfen, darauf wolle er hinaus. Das Thema müsse öffentlich besprochen werden, da es eine Kluft zwischen der Praxis der Eltern und den Ansprüchen der professionellen Pädagogen gebe, der Staat dürfe nicht definieren, was Eltern als Grenze zwischen "gut" und "falsch" ausmachen:

There are groups of people in this country who are confused by the law and we need to listen to those people. There is a divide between professionals and parents who feel quite differently....It is up to parents to determine the way they want to help their children navigate boundaries and how they define right and wrong, it is not for the state to define that for them.

Die Rötung der Haut sei ein theoretisches Kriterium, argumentiert der Abgeordnete, "für einen Großteil Menge der nicht-weißen Bewohner" sei das wirklich "kein Thema". Viele würden sich nicht mehr als souverän in ihren eigenen Wänden begreifen, das sei die Realität, so Lammy, dessen Vorstoß von Bürgermeister Boris Johnson unterstützt wird:

People do feel anxious about imposing discipline on their children, whether the law will support them.

Gegenwind kommt natürlich von Organisationen, die für die Rechte von Kindern eintreten. Es sei falsch, wenn man Kindern beibringe bzw. sie dazu "konditioniere", Konflikte oder Probleme mit Schlägen zu lösen. Tatsächlich sind die Äußerungen Lammys ein weiteres Zeugnis von Hilflosigkeit angesichts der Ausschreitungen. Es ist schwer vorstellbar, dass Bestrafungsakte, die dem Kind die körperliche Macht seiner Erzieher vorführen, Wirkungen haben, die für Unrecht sensibilisieren. Langjährige Studien legen genau das Gegenteil nahe (Nicht hauen!).

Der Vorstoß des britischen Abgeordneten, der in eine Richtung zielt, die in jüngster Zeit in der Diskussion um die richtige Grenziehung der Eltern offenbar wieder attraktiv wird (vgl Strafanzeige gegen Evangelikale), möchte die Autorität von Eltern stärken, die täglich neu von den Lebensbedingungen in Frage gestellt werden, auf eine Weise, die einer Kultur, ob in Gangs oder in wirtschaftlichen Beziehungen, in die Hände spielt, die das Recht auf der Seite der Stärkeren betont. Gegen Mitläufertum, das bei den Plünderungen keine kleine Rolle spielte, dürften Ohrfeigen nicht immunisieren, auch nicht gegen die Konsum-Verlockungen - etwa gegen Gewaltausschreitungen?

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