Bloggen für die Wissenschaft

15.02.2012

Ist es für ihre wissenschaftliche Karriere schädlich, wenn Jungforscher in Fernsehinterviews oder Blogs an die Öffentlichkeit gehen?

Interview mit Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der Technischen Universität Dortmund.

Sich auf das Niveau von Laien zu begeben, gelte in der deutschen Wissenschaft als unfein, so Norbert Bolz, Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin. Er rät jungen Forschern deshalb, die Massenmedien zu meiden und erst, wenn sie einen unangreifbaren Ruf erworben hätten, Interviews zu geben. Bolz ist ein arrivierter Autor, der sich selbst nicht scheut, im Radio und in Fernsehtalkshows aufzutreten - er nutzt die Massenmedien geschickt, um umstrittene Thesen zu propagieren. Als "scharfsinniger Zeitanalytiker und streitbarer Kulturphilosoph" wurde Norbert Bolz im Jahr 2011 mit dem "Tractatus" geehrt - ein bedeutender, hochdotierter Preis für philosophische Essayistik. Umso mehr hat sein altväterlicher Rat zu einer intensiven Debatte in den Wissenschaftsblogs geführt.

Florian Freistetter, der beim Portal "Scienceblogs" einer der aktivsten und einflussreichsten Schreiber ist, hat am 2. Januar 2011 mit einem Blogbeitrag reagiert, der in der Szene rege kommentiert wurde. Freistetter schreibt:

Wer weiß, hätte ich mich in all der Zeit nicht mit Blogs, Büchern und Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt, sondern hätte die Zeit genutzt, um mehr wissenschaftliche Fachartikel zu schreiben, dann wäre meine Karriere vielleicht anders verlaufen.

Sich als junger Forscher auf das Niveau von Laien einzulassen, sei es in der Lehre oder mit Blogbeiträgen, kann für die wissenschaftliche Laufbahn durchaus von Vorteil sein, behauptet Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der Technischen Universität Dortmund. Allerdings könnten Blogger von den redaktionellen Abläufen in journalistischen Qualitätsmedien auch lernen, ihre Beiträge kritischer zu überprüfen. Telepolis sprach mit ihm.

Holger Wormer. Bild: TU Dortmund, F. Badenschier

Hat es Ihnen geschadet, dass Sie vor Ihrer Professur mit journalistischen Artikeln in den Medien präsent waren?

Holger Wormer: Als Wissenschaftler bin ich ein Sonderfall, weil ich an einem Institut tätig bin, das entschieden journalistische Praxis, Theorie und wissenschaftliche Forschung verknüpft. Hier ist sowohl wissenschaftliche Expertise gefragt als auch Verständnis von der Realität in den Redaktionen.

Die Grundregel für Forscher, egal ob junge oder alte, Nachwuchswissenschaftler oder C-4-Professsoren lautet: Wer etwas Interessantes zu sagen hat, soll es sagen. Wer nichts zu sagen hat, der schweige.

Sind Ihnen Beispiele von Wissenschaftlern bekannt, deren Karriere einen Knacks bekommen hat, weil sie sich an die Öffentlichkeit gewandt haben?

Holger Wormer: Die Frage wurde schon vor 20, 30 Jahren gerne aufgeworfen und damals hatte sie sicherlich ihre Berechtigung. Forscher, die sich selbst an die Massenmedien wandten, galten tendenziell als unseriös. Heute ist eher das Gegenteil der Fall. In vielen Projekten, die mit Drittmitteln finanziert werden, werden Wissenschaftler sogar dazu verpflichtet, ihre wissenschaftlichen Ergebnisse einem breiten Publikum vorzustellen. Die Auffassung, dass Medienpräsenz grundsätzlich der wissenschaftlichen Karriere schade, kommt mir daher vor wie aus dem vorigen Jahrhundert. Heute sollte es die Ausnahme sein, dass es der Karriere schadet, wenn junge Wissenschaftler mit Hilfe von Massenmedien kommunizieren. Im Gegenteil: In vielen Fällen ist es sogar förderlich.

Gleichwohl mag es zwischen verschiedenen Disziplinen Unterschiede im Umgang mit der Öffentlichkeit geben. Gerade die Kommunikations- und Medienwissenschaftler, deren Untersuchungsgegenstand oft die Massenmedien selbst sind, scheinen mitunter besondere Schwierigkeiten zu haben, ihre Forschung allgemeinverständlich einem breiten Publikum mitzuteilen. Vielleicht spielt da auch ein Vorbehalt gegenüber den gerne in der eigenen Forschung kritisierten Journalisten eine Rolle. Viele Naturwissenschaftler gehen da inzwischen unbefangener mit den Massenmedien um.

Nun könnte man einwenden, dass TV-Journalisten einen Professor nicht so einfach auf Glatteis führen können wie einen Nachwuchswissenschaftler und es damit für den Ruf eines Instituts besser wäre, den Nachwuchs von der Öffentlichkeitsarbeit fernzuhalten …

Holger Wormer: Ich halte gar nichts davon, wenn nur Chefs wissenschaftliche Ergebnisse an die Massenmedien weiterreichen dürfen. Schon deshalb nicht, weil Nachwuchswissenschaftler in größeren Arbeitsgruppen oft genauer am Forschungsthema dran sind. Nachwuchswissenschaftler können in der Kommunikation mit Journalisten oft besser Auskunft zu Detailfragen geben als ihre Chefs, die eher den Überblick und das große Ganze des Projekts im Blick haben. Insofern halte ich es für wertvoll wenn beide Gruppen mit den Massenmedien kommunizieren.

Allerdings sollte es in beiden Fällen fair zugehen, egal, ob nun Nachwuchswissenschaftler oder Professoren an die Öffentlichkeit gehen: Beide Gruppen haben bei gemeinsamen Projekten die Verpflichtung darauf hinzuweisen, dass sie gemeinsam daran beteiligt waren. Und natürlich müssen sie sich darüber abstimmen, ob und wie vorläufige Ergebnisse an ein breites Publikum kommuniziert werden - schon aus dem Grund, weil eine wissenschaftliche Publikation gefährdet werden kann, wenn sie vor der Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift zu früh im Blog oder sonstwo vorgestellt und zur Diskussion gestellt wird.

Im Übrigen möchte die Kommunikation mit der Öffentlichkeit gelernt sein. Wer das in den ersten zehn Jahren seiner wissenschaftlichen Karriere im Mittelbau nicht gelernt hat, der schafft es auch später nicht mehr so leicht. Nicht umsonst werden Nachwuchswissenschaftler bereits in die Lehre eingebunden - die sollen sie ja auch nicht erst lernen, wenn sie bereits Professor sind.

Orginäre Gedanken und Angreifbarkeit

Dürfen Professoren oder Leiter von Forschungsgruppen ihre wissenschaftlichen Mitarbeitern davon abhalten, Fernsehinterviews zu geben oder zu bloggen?

Holger Wormer: Nach Artikel 5 Grundgesetz hat jeder das Recht, seine Meinung in Wort und Schrift frei zu äußern. Im gleichen Grundgesetzartikel ist die Wissenschaftsfreiheit garantiert. Doch als Wissenschaftler sind sie auch verpflichtet, die persönliche von der wissenschaftlich begründeten Meinung klar zu trennen. Und bei gemeinsamen Projekten sollte man sich - in einem intakten Team - untereinander abstimmen.

Blogger wie Florian Freistetter geben viel von sich preis. Macht sie diese Subjektivität in einem Umfeld nicht höchst angreifbar, in dem man sich reflexartig mit Verweis auf anerkannte Autoritäten absichert?

Holger Wormer: Spontane, persönliche Äußerungen in Blogs besitzen einen besonderen Charme. Beim Bloggen geht es nicht um das Unangreifbare. Eine Stärke von Blogs liegt darin, dass die Autoren hier originäre Gedanken mitteilen können, für die in anderen Medien oft kein Platz ist. Nachwuchswissenschaftler dürfen ruhig selbstbewusst sein und provozierende Thesen in den Raum stellen. Doch sie tun auf der anderen Seite gut daran, sich im Dialog mit der Öffentlichkeit nicht zu überschätzen.

Warum nicht?

Holger Wormer: Zunächst einmal sollte man bei allem Selbstbewusstsein nicht so tun, als hätte man die Millionenreichweite eines großen Fernsehsenders. Aber auch jenseits der Quantität: Die Qualität der Wissenschaftsblogs fällt ganz unterschiedlich aus. Es gibt solche Blogger, die vielleicht besser beraten wären, lieber mehr wissenschaftlich zu arbeiten, weil ihnen das Schreiben mit Bezug auf tagesaktuelle Ereignisse nicht so liegt. Und es gibt hervorragende Blogger, die Texte publizieren, die vom Inhalt her, von der Dramaturgie und von der Sprache das Niveau eines professionellen Wissenschaftsjournalisten haben. Jeder Blogger sollte sich von Zeit zu Zeit selbstkritisch hinterfragen: Wie viele Leute erreiche ich mit meinem Blog tatsächlich? Lohnt sich der Aufwand? Geht das Hobby auf Kosten meiner Forschungs- und Lehrverpflichtungen?

Und während in den klassischen Medien vor der Veröffentlichung eine - mal funktionierende, mal weniger funktionierende - Qualitätskontrolle mindestens durch das Vier-Augen-Prinzip vorgesehen ist (es gibt meist mindestens einen zweiten oder sogar dritten Redakteur, der gegenliest und Texte auf Fehler prüft), so sucht man diesen Mechanismus bei Blogs meist vergeblich. Würde sich hier eine Kultur des gegenseitigen Redigierens vor der Veröffentlichung durchsetzen, dann könnte es zu einem Qualitätssprung kommen.

Verstärkereffekte

Wie ernst zu nehmen sind denn die Wissenschaftsblogs?

Holger Wormer: Es gibt es eine große Bandbreite von Wissenschaftsblogs: Einige Blogs sind sehr verständlich für jedermann gehalten, andere vermitteln Insider-Wissen und richten sich vornehmlich an eine kleinere Gruppe innerhalb der Wissenschaft selbst. Ich sehe vor allem bei den an die breite Masse gerichteten Wissenschaftsblogs das Problem, dass sie zunehmend fragmentiert, zu versprengt sind. Als die Bloggerszene noch jung war, da gab es einige wenige herausstechende Blogs, und es fiel leicht, die guten wahrzunehmen.

Heute ist die Konkurrenz groß. Da ist es erheblich schwieriger, wahrgenommen zu werden, selbst wenn Blogger etwas Tolles schreiben. Und dann landet man bei dem gleichen Problem, dass die klassischen Medien haben, wenn sie um Wahrnehmung, um Reichweiten und Quoten konkurrieren. Ganz unabhängig von der Qualität der Blogs stelle ich mir daher zunehmend die Frage: Wer soll das alles lesen? Und als bloggende Wissenschaftler: Wann soll man das alles schreiben?

Man muss Blogs nicht zwingend als Konkurrenz zu den Printmedien sehen, sondern beide ergänzen sich. Der Plagiats-Fall Guttenberg war ein gutes Beispiel dafür, wie Blogger und klassische Medien die Qualität der Wissenschaft vorangebracht haben. Blogger haben nach den ersten prominenten Berichten von Journalisten im Web vorbildlich dokumentiert, was da in zu Guttenbergs Doktorarbeit ohne Nennung von Quellen zusammengeschustert war.

Die klassischen Medien haben die Rechercheergebnisse dann wieder aufgegriffen, verstärkt und die Massen informiert. Im Zusammenspiel miteinander haben interaktive und klassische Medien den Druck auf Guttenberg schließlich so erhöht, dass er als Verteidigungsminister zurücktreten musste. Alleine hätten das womöglich weder die Journalisten noch die Blogger geschafft.

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