Frauen, Kleidung, Uniformen

18.02.2012

"Warum ein Vierteljahrhundert solch ein Murks?"

Was trägt eine Frau bei einer Arbeit, die mal offizielles Auftreten, mal körperliche Anstrengungen verlangt, und die manchmal auch Gefahren birgt? Seit mehr als zehn Jahren stehen Frauen in der Bundeswehr alle Wege offen. Aber die Armee hat es nicht geschafft, ihre weiblichen Mitglieder vernünftig einzukleiden. Warum eigentlich nicht?

Schließlich gibt es genug andere Berufe, an denen sich die Designer etwas abschauen könnten. Als Journalistin zum Beispiel brauche ich geeignete Kleidung für den Besuch einer Modenschau, einer Schokoladenfabrik oder einer Puppenklinik, ebenso wie für die Recherche auf einem Sportplatz oder in in einer Kaserne, und in einem Bordell, einer Rockerkneipe oder in einem Park, in dem mit Drogen gehandelt wird. Bei gefährlichen Recherchen will ich als Frau erkennbar sein - schließlich werden Frauen seltener überfallen als Männer, und auf dieses kleine Plus an Sicherheit will ich nicht verzichten. Andererseits will ich nicht besonders sexy aussehen, auch wenn keinerlei Beweise für die alte Behauptung kenne, dass aufreizende Kleidung einen Überfall herausfordere. Aber ich will professionell wirken. Kurz: Meine Kleidung sollte korrekt sein. Und natürlich praktisch und bequem. Ich nehme an, Soldatinnen geht es ähnlich.

Frauen stehen heutzutage fast alle Berufe offen, und damit begegnen sie auch anderen Risiken als zu jenen Zeiten, in denen dies noch nicht so war. Nicht unbedingt einer höheren Anzahl, aber einer anderen Art von Gefahren: Schon immer mussten Krankenschwestern sich vor Schmutz und Bakterien schützen, fürchteten werdende Mütter das Kindbettfieber, und Ehefrauen von Seemännern blickten dem hohen Risiko einer Witwenschaft ins Auge. All das bei einer oft schlechten sozialen Absicherung. Diese Berufe sind heutzutage viel weniger gefährlich.

Andererseits können Frauen heutzutage auch Soldatin und Polizistin werden, und derartige Berufe tragen wiederum ihre eigenen Risiken, und somit erfordern sie eine besondere Kleidung. Man braucht nicht unbedingt hygienisch weiße und kochfeste Kleidung wie eine Krankenschwester. Dafür aber entweder Hosen oder aber Kleider oder Röcke mit Strumpfhosen, dick und wärmend für den Winter und dünn aber haltbar für den Sommer. Dazu Taschen für Schreibzeug oder Waffen, und vor allem Schuhe zum Weglaufen oder Verfolgen, und zum Herumstehen bei Befragungen.

Also Journalistin kann ich aus meinem Kleiderschrank jeweils das aussuchen, was mir für einen gegebenen Anlass am besten passen zu scheint, was mir steht und dabei bequem ist. Frauen, die als Soldaten oder Offiziere bei der Bundeswehr arbeiten, haben diese Freiheit nicht. Sie müssen mit einigen wenigen Ensembles zurecht kommen: Eine Uniform für die Arbeit im Büro, einen Kampfanzug für die Arbeit im Gelände oder auf Patrouille, vielleicht noch ein Gesellschaftsanzug. Kampfanzüge müssen vor allem praktisch sein, Uniform sollten auch helfen, respektabel auszusehen, Gesellschaftsanzüge sollten auch schick sein.

Wer allerdings die Arbeitskleidung von Frauen bei der Bundeswehr betrachtet, fragt sich, wer so etwas bloß entworfen hat: In fast allen Kleidungsstücken sehen Frauen sehen bieder und weder weiblich noch männlich aus. Überspitzt gesagt: Mit manchen Uniformen wirken sie wie Männinnen, nachgemachte und irgendwie misslungene Männer. Da hilft es wenig, wenn man ab einem gewissen Dienstgrad "Selbsteinkleider" werden und für einen gewissen Aufpreis etwa bessere Stoffe wählen kann.

Entstehung der Uniformen von Soldatinnen

Die Entstehungsgeschichte der Uniformen von Soldatinnen der Bundeswehr ist ungefähr so umständlich, wie die Uniformen unpraktisch sind.

Anfangs durften Frauen Frauen bloß als Sanitätssoldatinnen "dienen" und brauchten daher nur diese Art von Uniform. Sie war hellblau und einheitlich für alle Teilstreitkräfte (Heer, Marine, Luftwaffe). Dann beauftragte das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) die Kleiderfabrik Joba im bayerischen Waghäusel, und diese entwarf und fertigte im Jahr 1988 Uniformen für Soldatinnen im Sanitätsdienst, und zwar für jede Teilstreitkraft gesondert. Diese Uniformen dienten als Muster für ihre technischen Merkmale: Frauenuniformen sollten den Männeruniformen vergleichbar sein und gleichzeitig die weibliche Anatomie berücksichtigen, so etwa bekamen die Uniformen für Soldatinnen von Heer und Luftwaffe keine Brusttaschen. Auf der Grundlage dieser technischen Merkmale entstand im Jahr 1991, also drei Jahre später, ein neuer Entwurf. Von nun an fertigte die Firma Wiegand aus Bonn diese Uniformen in Maßkonfektion. - Bei der Maßkonfektion handelt es sich um ein Mittelding zwischen Maßschneiderei und Konfektion: Anders als in der Konfektion wird die Kleidung nicht nach Durchschnittsmaßen in Einheitsgrößen, sondern wie in der Maßschneiderei nach dem individuellen Maß des Trägers hergestellt. Nach dem Maßnehmen aber wird sie wie in der Konfektion in Fabriken zugeschnitten und zusammengenäht, und nicht wie in der Maßschneiderei mehrmals anprobiert und jedes Mal neu angepasst und gebügelt.

Im Jahr 1992 wurde per Erlass untersagt, die ganz alten blauen einheitlichen Uniformen weiterhin zu tragen. Nun aber ist Maßkonfektion deutlich teurer als normale Konfektion, also die Serienproduktion, mit der Zeit gab es immer mehr Soldatinnen. Im Jahr 1994 wurden daher neue Technischen Lieferbedingungen erstellt und die Herstellung der Uniformen nach und nach auf Konfektion umgestellt und von Firmen in Serie produziert.

Wie war das Ergebnis? Was sagen die Frauen?

"Zunächst gab es keine Akzeptanzprobleme mit der neuen Uniform. Grund dafür war die hohe Passgenauigkeit auf Grund der Maßkonfektion nach den individuellen Körpermaßen der jeweiligen Soldatin", so die Bundeswehr. "Erst ab Beginn der Serienproduktion ergaben sich folgende Bemängelungen, die bis heute aktuell sind", nämlich die mangelhafte Passform der einzelnen Artikel, außerdem sei das Größensortiment zu eng gefasst. Es fehlten diverse Zwischengrößen, so dass sogar Soldatinnen mit gängigen Konfektionsgrößen manchmal keine passende Uniform hätten. Der Tragekomfort lasse wegen der Stoffzusammensetzung mit hohem Wollanteil zu wünschen übrig. Auch die Pflegeeigenschaften würden bemängelt, denn die Artikel könnten lediglich chemisch gereinigt werden. - Wie sollen die Soldatinnen in Afghanistan denn eine chemische Reinigung finden? - Schlussendlich mögen die Frauen keinen Schlips zur Uniformjacke.

Kurz: Die Uniformen passen nicht, sie kratzen, sind unpraktisch und hässlich. Da fragt man sich doch:

Warum ein Vierteljahrhundert solch ein Murks?

Christiane Nickel ist Dozentin für Modegeschichte an der Internationalen Kunsthochschule für Mode, ESMOD. Sie bemängelt "das Fehlen eines gut geschnittenen Anzugs, der für den weiblichen Körper geschneidert wurde und dabei professionell bleibt." Sie verweist auf den Bundeswehr-Katalog: Häufig, etwa auf den Seiten 15 und 16, seien die Outfits eher für Männer geeignet als für Frauen - die Frau in der Bildmitte etwa sehe aus, "als trüge sie ein Armee-Kostüm, das ihr nicht passt. Wie soll sie sich darin bewegen?" Oberteile sollten an der Taille schmaler sein, und die Löcher für die Ärmel müssten anders ausgeschnitten sein - Frauen bewegen ihre Gelenke anders als Männer.

Ein anderer Aspekt sei der Schnitt der Hosen: Bei der Bundeswehr würden Taillen-, nicht Hüfthosen getragen. Dies mag praktisch sein bei Kampfanzügen, weil so die Nieren ein wenig geschützt werden. Aber bei Uniformen? Nickel verweist denn auch darauf, dass die meisten Frauen heutzutage ihre Business-Suits mit den bequemeren Hüfthosen trügen.

Nickel verortet diese Uniformen erstens in der Rolle von Frauen in Deutschland: "Wenn man einer Frau ihre Körperform nimmt, nimmt man ihr damit automatisch auch die Fähigkeit, sich ungezwungen zu bewegen, und ihre Stärke. Vor allem: So entweiblicht man sie und ihre Kraft als Frau im Militär." Und: "Ich denke, dass es angesichts der Tatsache, dass Deutschland ziemlich konventionell in Bezug auf die Geschlechterrollen bleibt, wichtig ist, feminine und gleichzeitig professionelle Frauen im Militär zu zeigen: So kann man zeigen, dass sie dieselbe Macht haben wie Männer, aber weiblich bleiben."

Ein zweiter Grund für die wenig gelungenen Frauenuniformen liege, so Nickel, möglicherweise in der deutschen Vergangenheit: Manche Länder trügen stolz ihre Geschichte vor sich her, in Deutschland dagegen sei Nationalismus eine sehr heikle Angelegenheit. Russland, Japan und Nordkorea hätten sehr feminine Frauenuniformen und seien drei nationalistische Länder. - In der Tat, die Uniformen etwa der russischen Soldatinnen sind überaus schick und feminin, sie wurden auch erst vor wenigen Jahren von einem berühmten Modeschöpfer entworfen. Ob die Russinnen und ihre nordkoreanischen und japanischen Kolleginnen sich in diesem Outfit wohl fühlen, ist allerdings eine andere Frage. Christiane Nickel: Diese hyper-feminisierten Ensembles sähen den breitschultrigen und schmalen Uniformen weiblicher US-Armeeangehöriger der 1940er Jahre erstaunlich ähnlich. Diese Ära sei bekannt für ihren starken Hang zum Nationalismus. "Die Uniformen sind unpraktisch, diskriminieren rundlichere Frauen und demonstrieren die Position - oder ihr Fehlen - von Frauen im Militär." Man solle nicht vergessen, dass diese Länder immer noch sehr konventionelle Geschlechterrollen herrschten.

Wenn Länder mit konventionellen Geschlechterrollen sowohl feminine (Russland, Nordkorea, Japan) als auch unweibliche (Deutschland) Uniformen für Frauen hervorbringen, dann liegt die Vermutung nahe, dass hinter den unweiblichen Uniformen zumindest nicht nur ein konservatives Frauenbild steckt. Möglicherweise, so Nickel, drückten Uniformen Nationalismus aus: dass er vorhanden sei - oder eben nicht.

Für diese Theorie spricht, dass in Deutschland auch die männlichen Soldaten nicht alle glücklich sind mit ihren Uniformen.

Was nun?

Die Bundeswehr lässt verlauten, man habe sich an die Arbeit gemacht: "Wegen der nachvollziehbaren Gebrauchsmängel der eingeführten Uniform für Soldatinnen wurde eine Unterarbeitsgruppe mit einer Neuentwicklung- sowohl für weibliche als auch für männliche Soldaten - beauftragt."

Da kann man bloß hoffen, dass auch Menschen an dieser Unterarbeitsgruppe teilnehmen, die sich mit Geschichte, mit Modesoziologie und mit dem Schneiderhandwerk auskennen. Und dass auch sportliche und berufstätige Männer und Frauen dabei sind. - Und - dass jemand auf sie hört...

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