"Streetfighters" gegen "Autonome"

09.02.2012

Im Berliner Wedding wollen Intensivgewalttäter angeblich Schutzgeld von einem "Infoladen" erpressen

Die US-Fernsehserie Deadliest Warrior lässt Angehörige zweier gewaltbereiter Gruppen, die man normalerweise nicht in Verbindung bringt, fiktiv gegeneinander antreten. Zum Beispiel Wikinger gegen Samurai, IRA- gegen Taliban-Terroristen oder Yakuza- gegen Mafia-Killer. Bewohners des Berliner Stadteils Wedding blüht in der Realität möglicherweise ein ähnliches Spektakel.

Kristallisationspunkt des Konflikts ist das Hausprojekt Scherer 8. Das Gebäude gehört einem Verein, der sich betont anti-bürgerlich gibt und dessen Ziele das "selbstorganisierte gemeinschaftliche Wohnen zu möglichst niedrigen Nutzungsentgelten", die "Ermöglichung von nachbarschaftlichen und kulturellen Projekten" sowie "politische Interventionen" sind. Seit dem Wochenende ist dieses "Miethaussyndikat", in dem unter anderem eine "Volxküche" und ein "Infoladen" untergebracht sind, Thema in den Medien.

In der Nacht vom Freitag auf den Samstag erreichte die Polizei nämlich ein Notruf, der zum Inhalt hatte, dass "etwa 30 Jugendliche" Gäste einer Veranstaltung in dem Haus attackierten und versuchten, sich mit Eisenstangen und Baseballschlägern gewaltsam Zutritt zu verschaffen. Den Informationen des Berliner Tagesspiegel nach handelt es sich bei den Angreifern wahrscheinlich um die auf der gegenüberliegenden Straßenseite residierenden "Streetfighters", einer Gruppe, die ihrer Selbstdarstellung nach aus Intensivgewalttätern besteht.

Die Gäste der Veranstaltung machten bei Ankunft der Polizei allerdings keine Angaben zum Angriff und zu den Angreifern. Und als die Beamten den um halb fünf Uhr morgens im Streetfighters-Clubhaus anwesenden und einschlägig bekannten 38-jährigen Streetfighters-"Präsidenten" Ahmet A. befragten, stritt der alle Vorwürfe ab. Dafür sahen sich Besucher des "Hausprojekts" bereits am nächsten Tag wieder mit "Schlägen und Tritten" konfrontiert.

In einem offenen Brief, den angeblich eine Minderheit der Hausbewohner auf der Plattform Indymedia einstellte und der dort inzwischen "versteckt" wurde, erklärt man die Angriffe mit Schutzgeldforderungen der Streetfighters an die im Haus untergebrachten Gaststätte und den "Infoladen". Man habe sich, so das Schreiben, an die Öffentlichkeit gewandt, weil man glaube, dass es nötig sei, das "Schweigen um die Erpressungen" zu beenden, um den "Würgegriff des organisierten Verbrechens zu brechen". Will man diesen Vorwürfen nachgehen, dann hält sich die Nachbarschaft des Hauses so bemerkenswert auffällig aus dem Konflikt heraus, dass man sich tatsächlich an die Omerta in amerikanischen Filmen erinnert fühlt. Im TabaCCenter Durak ist man beispielsweise "zu beschäftigt" für eine Auskunft, und zwar "den ganzen Tag über".

Die offizielle Scherer8-Website spricht allgemein von "Falschmeldungen und kritisch zu wertenden Kommentaren" in Zeitungsberichten und auf Indymedia - allerdings ohne die Echtheit des offenen Briefes und der darin enthaltenen Informationen konkret zu dementieren. Hinsichtlich einer eigenen Sicht der Ereignisse verweist man lediglich auf eine Erklärung, die irgendwann "in den nächsten Tagen" kommen soll. In bestem Merkel-Duktus rät man außerdem von Besuchen ab, weil diese "nicht hilfreich" seien. Ein für kommendes Wochenende geplantes Konzert wurde kurzfristig abgesagt. Ist das "autonome" Projekt also zu einer No-Go-Area für Autonome geworden?

In jedem Fall scheint ein Streit zwischen an sich gewaltbereiten Autonomen ausgebrochen, weil die Vorfälle nicht ins ideologische Konzept passen. Auf der Scherer8-Website heißt es dazu, die "üblichen aktionistischen Mittel" seien diesmal "nicht anwendbar", weil es sich beim nicht näher beschriebenen Gegner "weder um Nazis noch um Bullen" handeln würde. Auf Indymedia sieht man das allerdings teilweise anders und kritisiert, die Scherer8-Autonomen übersähen, "dass man nicht zwingend 'weiss' [sic] und "deutsch" sein muss, um Arschloch zu sein", weshalb auf die Erpressungsversuchen und Überfälle eine "klare, konsequente und militante Gegenwehr" folgen müsse. Die Berliner Polizei ließ eine Anfrage, ob sie sich angesichts dessen auf gewalttätige Auseinandersetzungen einrichtet, bislang unbeantwortet.

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