Warten auf den Blackout in Frankreich

09.02.2012

Der Stromverbrauch im Land steigt auf immer neue Rekorde, Strom wird zu Höchstpreisen gehandelt, Deutschland liefert weiter und zapft deswegen die Kaltreserve an

Dass man die Kilowattstunde in Frankreich für 8 Cent verkauft, aber nun für 2 Euro einkaufen muss, kommt das Atomstromland nun sehr teuer zu stehen. Anders als von Energieversorgern befürchtet, muss nicht für zusammenbrechende Netze in Deutschland die "Kaltreserve" aktiviert werden, sondern um Strom nach Frankreich zu liefern, damit dort die Versorgung nicht zusammenbricht (Atomstromland Frankreich braucht deutschen Strom). Am Mittwoch war der Stromverbrauch erneut auf einen neuen Rekordwert gestiegen und am Donnerstag wurde für 19 Uhr erwartet, dass sogar 103 Gigawatt benötigt werden. Zwar ist der große Blackout ausgeblieben, doch in einigen Regionen sitzen die Menschen zum Teil in bitterkalten Wohnungen. In Fessenheim bekräftigte Präsident Sarkozy seine Atomlinie und erklärte, dass auch der Uraltreaktor weiterbetrieben werde.

Kernkraftwerk Cruas. Bild: TP

Der Stromverbrauch in Frankreich stürmt von Rekord zu Rekord. Mit Spannung warten viele Franzosen auf den großen Blackout. Am Montagabend war der Stromverbrauch auf 97.900 Megawatt angestiegen. Am späten Dienstag waren es mehr als 100.500 Megawatt und am Mittwoch um 19 Uhr schon 101.700 Megawatt. Am Donnerstag wird erwartet, dass ein Rekord mit 103.000 Megawatt erreicht wird.

Frankreich verbraucht mehr als doppelt so viel Strom wie Deutschland, obwohl etwa 15 Millionen Menschen weniger im Land leben. Deshalb weist der Industrieminister Eric Besson seine Landsleute an, mit Stromsparen den großen Blackout abzuwenden: "Schalten Sie alle Elektrogeräte aus, die Sie nicht brauchen, heizen Sie nur Räume, in denen Sie sich aufhalten, machen Sie das Licht aus, wenn Sie aus dem Zimmer gehen und lassen Sie Wasch- und Spülmaschinen erst nachts laufen."

Gegen 19 Uhr blickten die Franzosen deshalb am Donnerstag ängstlich auf die Glühlampen. Denn um diese Uhrzeit kommen die Franzosen zumeist von der Arbeit oder von Freizeitaktivitäten zum Abendessen nach Hause. Die Heizungen, vor allem im Süden meist mit Strom betrieben, werden angeworfen, dazu Waschmaschinen, Wäschetrockner, Herde, Öfen… Im Land des angeblich so billigen Atomstroms, wo 58 Atomkraftwerke in normalen Zeiten bis zu 80 Prozent des Stroms liefern können, wird enorm viel Strom verschwendet. In einer Kälteperiode wie jetzt ist regelmäßig das Netz überlastet, auch wenn derzeit 55 Atomkraftwerke am Netz sind. Für Franzosen ist es deshalb keine Seltenheit, dass die Beleuchtung von Autobahnen, Rathäusern, Kirchen oder des Eifelturms bisweilen ausfällt, um nicht für einen massiven Stromausfall zu sorgen.

Doch nun wird der angeblich so billige Atomstrom die Franzosen teuer zu stehen kommen. Nicht erst, wenn der gesamte Atommüll, der in all den Jahren produziert wurde, irgendwo gelagert werden muss. Viele zittern schon bei dem Gedanken an die Stromrechnungen, die demnächst ins Haus flattern werden. Zu ihnen gehört Jean Pierre Etxeberri, der im französischen Südwesten lebt. Der Baske musste schon im vergangenen Jahr eine Nachzahlung von gut 1.200 Euro verkraften, weil der Arbeitslose aus Bayonne die Heizung auch tagsüber öfters in Anspruch nahm. Nun sitzt er in einer kalten Wohnung und stellt die Heizung nur in wenigen Nachtstunden an, wenn der Strom zum besonders günstigen Tarif geliefert wird. "Heute hatten wir schon am Morgen zwei Stromausfälle", berichtet er davon, dass sich die Lage in den letzten Tagen zugespitzt hat. So schlimm wie am Mittelmeer oder in der Bretagne, wo sie schon seit Tagen mit längeren Stromausfällen zu kämpfen hatten, ist die Lage im Südwesten bisher aber noch nicht.

Obwohl der Strom tagsüber in Frankreich für in Deutschland unvorstellbare 8 Cent geliefert wird, kann Etxeberri sich in seiner Dachwohnung die Stromheizung nicht leisten. Sie ist praktisch nicht gedämmt und die Wärme geht auch über alte Fenster schnell verloren. "Ich glaube, das Stromnetz wäre längst zusammengebrochen, wenn sich die vielen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger im Land derzeit die Heizung leisten könnten", sagt Etxeberri. Dass der Strom so günstig bleibt, glaubt er nicht. Obwohl eine Teuerung auf einigen Widerstand treffen würde: Schon einmal habe ein Manager des staatlichen Energieversorgers (EDF) versucht, die Strompreise deutlich anzuheben, die in Frankreich staatlich festgelegt werden. Der Manager sei aber entlassen worden.

Etxeberris Stromzähler. Bild: R. Streck

Doch an den Stromerhöhungen, die bisher vor den Wahlen im April künstlich niedrig gehalten werden, wird kaum ein Weg vorbeiführen. "Sie werden nach den Wahlen kommen, egal ob die Konservativen wieder gewinnen oder die Sozialdemokraten kommen", sagt der Baske. Dazu trägt auch bei, dass in diesen Tagen die EDF riesige Verluste einfährt. So meldete die französische Tageszeitung Parisien heute, dass am Spot-Markt der Strom schon für 2000 Euro die Megawattstunde gehandelt wurde. Es fallen also für die riesigen Mengen Strom, die Frankreich derzeit zukaufen muss, enorme Kosten an.

Von Stromknappeit in Deutschland kann keine Rede sein

Da wurde in Deutschland eine "Kaltreserve" nach dem Atomgesetz vom 31. August 2011 eingerichtet, weil acht Atomkraftwerke nach dem dreifachen Super-Gau in Fukushima abgeschaltet wurden. Denn auch die Franzosen hatten befürchtet, dass es im Winter zu Stromausfällen in Deutschland kommen würde, womit auch Frankreich in Mitleidenschaft gezogen werden könnte (Frankreich: Angstmache vor dem Atom-Ausstieg).

Doch genau umgekehrt wird nun ein Schuh daraus. Frankreich bekommt derzeit deutschen Wind- und Solarstrom aus Deutschland und die Kaltreserve wurde in Deutschland und auch in Österreich aktiviert, um Strom nach Frankreich zu liefern. Es ist schlicht ein Märchen, dass Strom in Deutschland nun knapp würde, wie zum Beispiel der Spiegel berichtet. Das hat die Bundesnetzagentur unmissverständlich klargestellt. Die Financial Times Deutschland (FTD) zitiert eine Sprecherin der Netzagentur und stellt damit einen Bericht klar, auf den sich auch der Spiegel bezogen hatte. "Von Stromknappheit kann aber keine Rede sein."

Die Bundesnetzagentur machte deutlich, dass "derzeit viel Strom unter anderem nach Frankreich" geliefert werde. Es gehe darum, in Zeiten starker Nachfrage die Stabilität des Netzes zu garantieren. So wurden die Kaltreserven für Frankreich angezapft, das derzeit den Strommarkt durcheinander bringe. So blasen jetzt die alten Reserve-Kraftwerke verstärkt für die französischen Nachbarn das klimaschädliche CO2 in die Umwelt, weil die Franzosen angeblich so klimafreundlichen Atomstrom produzieren. Angeworfen habe man die angeforderten Ersatzkapazitäten aus dem Kohlekraftwerk Mannheim 3, den österreichischen Gaskraftwerken Theiß und Korneuburg sowie dem Gas/Ölkraftwerk Neudorf-Werndorf. Ihre Gesamtleistung ist mit 685 Megawatt eher gering, doch angesichts dieser Strompreise können auch über sie hohe Gewinne eingefahren werden.

Den großen Stromversorgern wird unheimlich angesichts der Situation, welche die Ausstiegsforderungen stützt. Sie halten die Lage für trügerisch und kommen mit den Argumenten, mit denen sie einst vor einen Blackout in Deutschland gewarnt hatten. Wenn es zur Kälte Wetterlagen mit wenig Wind und vielen Wolken gebe, dann könne die Lage ernst werden, obwohl 50.000 Megawatt (MW) an Windkraft- und Solaranlagen installiert seien. Obwohl Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) vorgerechnet hat, dass gut 21.000 MW aus diesen Anlagen geliefert wurden, um auch Frankreich zu stabilisieren, sprechen sie davon, dass sie bisweilen auch nur 5.000 bis 10.000 MW Strom lieferten.

So erklärte RWE-Chef Jürgen Großmann, dass "niemand ein Interesse an einem großflächigen Blackout" haben könne, "der einen gigantischen volkswirtschaftlichen Schaden verursachen würde". Doch damit warnte er nicht vor einem bevorstehenden Blackout in Frankreich, sondern vor einem in Deutschland. Aber Röttgen hat deutlich gemacht, dass die Prognose falsch gewesen sei, dass die Strompreise über die Energiewende stark steigen würden. "Nun hat sich auch die Prognose als falsch erwiesen, dass die Netze bei Kälte zusammenbrechen", sagte der Umweltminister.

Sarkozy hält an Atomstrom fest

Doch den kleinen französischen Präsidenten ficht auch das neue Stromchaos in seinem Land nicht an. Nicolas Sarkozy fuhr am Donnerstag überraschend ins Elsass. Dort redete er Klartext in Bezug auf das älteste französische Atomkraftwerk. Trotz aller Gefahren, die von Fessenheim ausgehen, sollen auch die beiden alten AKWs in Betrieb bleiben, sicherte er den Angestellten zu. "Es kommt nicht in Frage, dieses Atomkraftwerk zu schließen." Er sprach von einem gravierenden Fehler, das Atomkraftwerk aus "politischen Gründen" zu schließen.

Dabei bleibt das Atomkraftwerk nur aus politischen Gründen am Netz, weil Sarkozy das Land in die Energie-Sackgasse geführt hat und das nicht zugeben will. Umweltverbände haben schon vor Fukushima immer wieder auf die Gefahren hingewiesen, die von dem Kraftwerk ausgehen. Der BUND wirft ihm vor, im Auftrag der EDF eine "Gefahrzeitverlängerung" für ein Atomkraftwerk umzusetzen, "das nicht erdbebensicher ist und bei einem Bruch des Rheinseitenkanals überflutet werden könnte." Axel Mayer, der sein Büro im badischen Freiburg hat, weist darauf hin, dass das Fundament der Anlage eine Dicke von nur 1,5 Metern habe.

Auch der Trinationale Atomschutzverband (TRAS) hatte dagegen protestiert, dass das Kraftwerk im November wieder hochgefahren wurde, obwohl die französische Aufsichtsbehörde ASN vor einer Weiterführung eine Verstärkung der Fundamentplatte und zusätzliche Sicherheitsinstallationen für den Ausfall des Kühlsystems gefordert hatte. Zudem hatte die ASN zusätzliche Sicherheitsprüfungen nach den Vorgängen in Fukushima gefordert, bevor das Kraftwerk wieder angefahren werden soll. Doch Sicherheit hin oder her, Frankreich braucht den Strom im Winter und da muss die Sicherheit hinten anstehen.

Der TRAS forderte am Donnerstag von Sarkozy, Fessenheim sofort zu schließen. Die 160 Initiativen aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz machten auch erneut darauf aufmerksam, dass die beiden Blöcke einem Angriff mit einem Flugzeug nicht standhalten würden. Das dortige Zwischenlager für radioaktive Brennstäbe könne nicht einmal einem Terrorangriff mit leichten Raketenwaffen standhalten. Schon vor sechs Jahren hatten die Umweltverbände am Oberrhein darauf hingewiesen, wie leicht über einen Angriff mit konventionellen Waffen der Uraltreaktor in eine schmutzige Bombe verwandelt werden könne (Warum schmutzige Bomben bauen?). Von dem Atomkraftwerk gehe die Gefahr einer Verseuchung einer Region aus, in der Freiburg, Straßburg, Mulhouse und Basel liegen.

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