Warum Science Fiction einfach nicht totzukriegen ist

18.02.2012

Eine Gegenposition zu Michael Szameits Abgesang vom 5. Februar

Seit Jahren wird das Ende der Science-Fiction-Literatur angekündigt - und manch einer glaubt, der Exitus sei schon eingetreten. Doch weder die Invasionen der Zwerge, Orks und Elfen, noch bleiche, blutdürstige Vampire oder schlachtfreudige Serienkiller werden der SF den Garaus machen können. Wie sollten sie auch, wenn dies nicht einmal den schmallippigen Feuilletonisten gelungen ist. Denn SciFi ist verdammt hart im Nehmen. So gehört sich das auch für ein Genre, das mit den Pulps der dreißiger Jahre groß wurde.

Woher ich das weiß? Ich bin Science-Fiction-Autorin und ich bin stolz darauf. In diesem Jahr werden 25 Jahre sein, seit ich meine ersten Kurzgeschichten verkaufte. Waren die Zeiten für SF-Autoren damals besser? Eigentlich nicht. Science Fiction war gerade wieder einmal zu Grabe getragen worden und dreiviertel der großen Verlage, die SF publizierten, stellten ihre Reihen ein. Die Leser wollen Fantasy, hieß es. Stimmt. Die Leser wollen aber auch Horror und sie wollen auch Science Fiction - damals wie heute. Und so scheint es nur folgerichtig, dass als Antwort auf die weichgespülte Fantasy krachend-düsterer Cyberpunk kam. Denn mit der Science Fiction ist das wie mit den Dinosauriern aus Jurassic Park - sie sucht sich immer einen Weg, um zu überleben.

"Der Kurs des (...) Genres führt seit vielen Jahren schnurgerade in die tiefsten Niederungen der Trivialität", schrieb mein Autorenkollege Michael Szameit kürzlich und scheint dabei zu übersehen, dass gerade diese geschmähte Trivialität, die Groschenhefte, schon immer der Nährboden der Science Fiction war, und zwar seit Hugo Gernsback Ende der zwanziger Jahre sein Magazin Amazing gründete. Seine Leser rekrutierten sich vornehmlich aus technikinteressierten, pubertieren Knaben. Wobei sich beide Aspekte in der Titelbildgestaltung niederschlugen: Ohne Raumschiffe, kühne Helden, fiese außerirdische Monster und - ganz wichtig - dürftig bekleidete Schönheiten ging gar nichts.

Was jedoch erstaunlich ist (und dies ist eine der großen Stärken des Genres): Aus diesem Sumpf des Trivialen entstanden die wunderbarsten Geschichten. Isaac Asimovs Foundation-Trilogie, die farbenprächtigen Space-Operas von Jack Vance und auch die grandiosen Kurzgeschichten von C. L. Moore - die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Ohne die Pulps wäre die Welt der Fantastik um viele Autoren ärmer, denn erst durch den Erfolg der Heftromane wurde es möglich auch Science Fiction in großer Vielfalt in Buchform zu publizieren. Und noch viel wichtiger, die überbordende Fantasie und Vorstellungskraft junger Autoren fand in den Pulps eine wunderbare Spielwiese. Genau das ist die Science Fiction auch heute noch und darin liegt ihre Stärke: Sie ist einfach nicht berechenbar und hat so unendlich viele Facetten. Alles ist möglich. Weltraumschlachten, Reisen zu exotischen Planeten aber auch Reisen ins Innere der Seele, neue Wege und neue Technologien. Philosophische Exkurse und psychedelische Höllenritte. Dystopien und Utopien. Wie sollte dies alle jemals "am Ende" sein?

Sicher, es gibt auch eine Menge Müll sowohl im Kino, TV oder in Buchform, aber dies hat nichts mit dem SF-Genre per se zu tun. Wir leben nun einmal einer Zeit, in der Effekthascherei einen höheren Stellenwert als Qualität hat. Darüber kann man jammern, ändern wird man daran nichts.

Als Science Fiction Autorin muss ich mich der Realität stellen, auch wenn das in diesem Kontext wie ein Oxymoron klingt. Fakt ist: Die Zeiten, in denen sich SF-Literatur sehr gut verkaufte, sind längst vorbei. Was nicht bedeutet, dass man es überhaupt nicht verkaufen kann, wenn auch nicht so gut wie diese dicken Fantasy-Klopper. Ob mich das frustriert? Nein. Weil ich nie so schreiben wollen würde. Ich bin, was das Schreiben angeht, Überzeugungstäter, was mich nicht interessiert fasse ich nicht an.

Das Michael Szameit den Zustand der Verlagslandschaft beklagt liegt vermutlich auch daran, dass er als Autor in der ehemaligen DDR mit seinen Büchern an völlig andere Auflagenzahlen gewöhnt war. Davon kann ein "normaler" SF-Schreiber leider nur träumen. Selbstredend würde ich mir wünschen, vom Schreiben von SF-Romanen leben zu können. Und was ich mir bei den großen Verlagen in Bezug auf Science Fiction wünsche, ist wieder etwas von der Leidenschaft, wie sie ein Hugo Gernsback hatte. Zum Glück ist diese Einstellung bei den Kleinverlagen noch zu finden. Und ich habe das Glück, dass meine Verleger diese Leidenschaft für das Genre noch haben und bereit sind, etwas für einen Titel zu riskieren.

Wie kein anderes Genre ist Science Fiction der Spiegel der Gesellschaft, und das betrifft nicht nur die Literatur, sondern auch Film und Fernsehen. So bildeten die Invasionsfilme der fünfziger Jahre die Angst vor einem neuen Krieg ab (Die Dämonischen). Nur zehn Jahre später wurde mit Star Trek ein versöhnliches Bild gezeigt. Die Menschheit war geeint und erforschte den Weltraum. Und ja, die Darsteller der Außerirdischen hatten billige Gummimasken auf oder merkwürdige Auswüchse auf der Stirn. Na und? Raumschiff Enterprise war klasse. Das gilt auch für viele andere TV-Serien wie zum Beispiel Max Headroom, Alien Nation oder Babylon 5.

Ich erinnere mich auch noch gut, wie ich jede Woche auf eine neue Folge von V - Die Außerirdischen gewartet habe, ich fand’s damals wahnsinnig spannend. Sicher, es wird in letzter Zeit wenig Neues produziert, was man als klassische Science Fiction bezeichnen könnte - ich bedaure immer noch das krude Ende von Enterprise, und dass eine Serie wie Firefly verheizt wurde - aber deshalb alles in einem Rundumschlag zu verdammen ist Blödsinn. Allerdings frage ich mich auch, ob Michael Szameit die von ihm geschmähten Serien überhaupt alle kennt. Die Neuauflage von Battlestar Galactica läuft nicht in Endlosschleife und unterscheidet sich qualitativ erheblich von dem Vorläufer aus den achtziger Jahren. True Blood hingegen hat mit Science Fiction genauso wenig gemein, wie Desperate Housewives, wobei Ersteres um Klassen innovativer und origineller ist.

Gerade, dass bestimmte SF-Serien quasi als Endlosschleife im TV laufen, bedeutet, dass sie jemand sehen will. Und wenn außer Stargate auch schräge Serien wie Farscape wiederholt werden ist das doch kein Grund sich zu Beschwerden. Man sollte bitte nicht glauben, dass sich die Zuschauer alles vorsetzen lassen. Lieblos zusammengekloppte Serien sterben nämlich ganz schnell den Serientod. Wobei aber auch ganz klar gesagt werden muss, dass reine SF-Serien noch nie einen großen Marktanteil hatten, auch wenn die Wahrnehmung durch Star Trek und seine diversen Spin-offs eine andere ist. Aber wie gesagt, die Science Fiction sucht sich ihren Weg, und wenn sie in Form von Serien wie Fringe daherkommt, begrüße ich das und sehe es als Bereicherung des Genres.

Wenn nun (wie in letzter Zeit) verstärkt Serien produziert werden, die eine Invasion durch Außerirdische thematisieren fragt sich der kleine, etwas durchgeknallte Verschwörungstheoretiker in mir, was uns die Regierung wohl verheimlicht, und ob wir durch diese Serien an eine reale Bedrohung durch Aliens herangeführt werden sollen. Aber bei weiterer Überlegung sind auch diese Serien nur ein Spiegel unserer Gesellschaft. Vereinfacht gesagt, ist es die Angst, von dem fremden, dem Feind (Terroristen) überrannt zu werden und Serien wie Falling Skies zeigen, wie sie sich die tapfere Menschheit unermüdlich zu Wehr setzt und die US-amerikanischen Werte hochhält. Gleiches gilt natürlich auch für die Beliebtheit der Military-SF. In einer Zeit, in der die Zahl der Kriege und Kampfhandlungen auf dieser Welt nahezu unüberschaubar geworden ist. Ist es gut zu wissen, dass unsere tapferen Jungs wenigstens im All die Fahne hochhalten.

Muss mir diese Art Literatur gefallen? Nein. Verliert sie dadurch ihre Daseinsberechtigung? Wohl kaum. Michael Szameits Vorstellung des SF-Autors als visionärer Utopist ist in meinen Augen pure Science Fiction. Denn als Weltverbesserer sehen sich die wenigsten Autoren, genauso wenig wie als prophetische Futuristen. Sie wollen ihre Leser in ihre Welt mitnehmen und sie nicht belehren.

Nun komme ich zu dem Punkt, an dem ich Michael Szameit recht gebe. Eine gute Geschichte sollte die Fantasie anregen. Nicht alles muss aufgeschrieben werden und unendlich oft wiedergekäut werden. Das Wiederkäuen sollte man den Rindviechern überlassen. Denn, was am Ende dabei rauskommt, wissen wir alle. Lieblos runter geschriebene Texte, ohne literarische Qualitäten, hat es aber immer schon gegeben. Die schlechte Charakterisierung der Protagonisten ist zum Beispiel ein Vorwurf, den man einigen SF-Autoren schon zu Gernsbacks Zeiten machte. Manche lernen es eben nie. Sicher, man muss schon etwas genauer hinschauen, um stilistisch und inhaltlich innovative SF zu finden, aber gerade bei den kleinen, unabhängigen Verlagen wird man schnell fündig werden.

Fakt ist: Seit Jahrzehnten werden Leser herangezogen, die es nicht anders kennen. Vorbei sind die Zeiten, in denen eine gute Geschichte ohne Redundanzen auf 200 Seiten erzählt wird. Verleger wollen dicke Bücher, weil sie einen höheren Verkaufpreis erzielen, und Autoren betreiben das Seitenschinden bis zum Exzess und schreiben Endlos-Serien, weil ihre Verleger es wünschen. Einen Kontrollmechanismus gegen diese selbstverliebte Aufgeblähtheit, wie einen rigiden Lektor, gibt es schon lange nicht mehr. Aber dem Leser dann den Vorwurf zu machen, er sei schuld, dass soviel Schund produziert, weil er sich weigert, sein Hirn zum Denken zu benutzen - damit bin ich nicht einverstanden. Die jetzige Lesergeneration kann nicht mehr aus der Vielfalt des Genres schöpfen, weil es sie nicht mehr gibt. Was sich nicht verkauft, wird von den Großverlagen nach sechs Monaten rigoros geramscht. Früher gab es eine umfangreiche Liste lieferbarer Titel - heute gibt es diese nicht. Doch mit den eBooks ändert sich das. Denn die Autoren glauben an ihre Leser und sorgen dafür, dass die alten Titel wieder verfügbar gemacht werden, und damit wird auch die Vielfalt wieder möglich.

Ist die Science Fiction nun am Ende? Diese Frage stellen sich Autoren immer wieder - aber nicht aus denen von Michael Szameit angeführten Gründen.

William Gibson, den ich vor über zehn Jahren in Vancouver traf, beklagte schon damals, dass SF-Autoren mehr und mehr Probleme hätten, sich etwas Visionäres auszudenken, da wir ja bereits in einer Welt lebten, wie sie die SF-Schreiber noch vor wenigen Jahren beschrieben hätten. Das trifft auf die heutige Zeit noch viel mehr zu. Worüber soll man also schreiben, wenn Science Fiction im Hier und Jetzt passiert? Die Antwort darauf zu finden und aufzuschreiben … was für eine großartige Herausforderung!

Auf meinen Blog: Intergalaktische Interferenzen habe ich übrigens eine (völlig subjektive) Leseliste zusammengestellt.

Myra Çakan gilt als die erste deutschsprachige Vertreterin des Cyberpunk. Sie veröffentlichte fünf Romane, darüber hinaus zahlreiche Kurzgeschichten (auch in c’t). Als freie Journalisten schrieb sie u.a. für die Woche, Konr@d, die Süddeutsche Zeitung und den Spiegel. Zwanzig Hörspiele, Adaptionen ihrer eigenen Werke und Originalstoffe, wurden von WDR, SWR und Radio Bremen produziert. Ende 2011 erschien ihr Steampunk-Roman Dreimal Proxima Centauri und zurück. Zurzeit arbeitet sie an dem dritten und abschließenden Teil ihrer Space-Opera um den "Weltraumabenteurer Luke Harrison".

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