Ein Volk frisst sich selbst auf

13.02.2012

Die syrische Gesellschaft gleitet in ein erschreckendes Chaos - zur Freude des Regimes

Was dieser Tage in Syrien los ist, übertrifft jedes kafkaeske Szenario und beweist, wie perfekt die syrische Diktatur "ihr" Volk erzogen hat

Es ist ein gruseliger Anblick, den das malerische Damaszener Altstadtviertel Bab Touma dieser Tage bietet. Und das nicht etwa wegen verlassener Straßen oder zerschossener Hausfassaden. Sondern wegen des Gegenteils: Bab Touma platzt aus allen Nähten, die Restaurants sind bis tief in die Nacht mit lachenden, Nargileh rauchenden Menschen überfüllt. Zeitgleich tobt im Land ein Krieg, wie ihn die Arabische Republik Syrien seit ihrem Bestehen 1946 noch nicht erlebt hat - und als sich dieser Krieg am Wochenende vom 28./29. Januar der Hauptstadt Damaskus näherte, waren die Bombardements im Vorort Jobr auch in Bab Touma zu hören. Doch dies schien kaum jemand zu stören.

Was sind das für Menschen, die es offensichtlich kalt lässt, dass ihre Mitbürger in Homs, Zabadani, Jobr oder Idlib massakriert werden?

Minderheiten und Mittelschicht schweigen weiter

Die Antwort ist ebenso komplex wie einfach: Es sind zutiefst verängstigte Menschen. Vielfach gehören sie Syriens Minoritäten an, sind Christen, Drusen oder Alawiten und fürchten um ihre Zukunft nach einem potentiellen Regimesturz. So klammern sie sich an das Mantra des Regimes von der Verschwörung. Welche Blüten dies treibt, ist an der (absolut ernst gemeinten) Frage eines jungen Christen ersichtlich:

Weshalb sind immer dann "Fotografen" zur Stelle, wenn es Tote gibt? Weil es keine Toten gibt, sondern alles nur gestellt ist.

Ein anderer junger Mann, der alawitischer Abstammung ist, will wissen, weshalb es in Deutschland keine Sicherheit gäbe? Dies habe er selbst beobachtet, als er drei Tage in Stuttgart war: "Ab elf Uhr abends sind dort die Straßen leer. Bei uns gehen da selbst die Mädchen hinaus, weil sie wissen, dass Syrien das sicherste Land auf der Welt ist."

Auf dergleichen Fragen knapp, aber überzeugend zu antworten, fällt in der Tat schwer. Eine junge Journalistin sieht eben darin die Crux der Opposition: "Bislang trat kein einziger Opponent vor die Kamera und beantwortete die Fragen, die die Menschen hier eigentlich bewegen: Was wird aus uns? Werden sich die aufständischen Sunniten an den schweigenden Minderheiten vergehen? Kommen die Islamisten? Werden alle Frauen gezwungen, eine Abbaya zu tragen? Und natürlich: Wer gibt uns Arbeit?"

Widerwille gegenüber dem Nationalrat

Letzteres treibt auch jene sunnitische Mittelschicht um, die eine Islamisierung der Gesetze vielfach begrüßen würde. Doch sie profitiert von der Wirtschaftsliberalisierung, die Baschar al-Assad seit seinem Amtsantritt 2000 entschieden vorantrieb. Daher schließt sie sich - so sehr sie den Assad-Clan ob seiner alawitischen Konfessionszugehörigkeit auch als "ungläubig" verachten mag - nicht den Muslimbrüdern an, die den Syrischen Nationalrat, das medial omnipräsente Oppositionsbündnis, dominieren.

"Überhaupt ist der Nationalrat mittlerweile für die meisten Syrer ein rotes Tuch", erklärt die Journalistin. "Abgesehen davon, dass viele seiner Mitglieder eine ausländische Intervention wünschen, die den meisten Syrern nicht geheur ist, tobt in ihm ein Krieg der Egos."

Wie zum Beweis veröffentlicht tags darauf der 30-jährige Ratsangehörige Mohammad al-Abdallah, der in Washington lebt und gern gesehener Interviewpartner bei Al-Jazeera und CNN ist, auf seiner Facebookseite ein Statement. Darin prangert er den Ratsvorsitzenden Burhan Ghalioun an, weil dieser sein Mobiltelefon abgeschaltet und nicht auf Abdallahs Forderung nach einer Bewaffnung der Opposition reagiert habe.

"Es gibt keine Freie Syrische Armee"

Doch wer soll die Waffen eigentlich liefern? Und sind sie nicht bereits im Land? Macht doch die Rede von Salafisten und von al-Qaida-nahen Kämpfern, die mit Hilfe Qatars und westlicher Staaten geschult und aus dem Irak und Libyen eingeschleust werden, die Runde.

Danach befragt zucken viele Syrer die Achseln. "Natürlich gibt es solche Kräfte in Syrien. Noch aber stellen sie keine ernste Bedrohung dar", erklärt ein Politologie. "Allerdings", setzt er nach, "können sie gefährlich werden, wenn sie so stark gefördert werden, dass ihnen die Freie Syrische Armee folgt." Diese bilde das größte Risiko für einen Bürgerkrieg:

De facto gibt es nämlich keine Freie Syrische Armee, sondern zig-Armeen. Jede von ihnen besteht aus einer Handvoll Deserteure, die meist nur die Waffen besitzen, die sie bei ihrer Flucht mitgenommen haben und die über keinerlei Nachschub verfügen. Diese Fraktionen verfügen über keine einheitliche Führung, ja sie koordinieren sich untereinander nicht einmal. Geschweige denn, dass sie einen Plan für die Zukunft hätten. Ihr einziges Ziel lautet: "Regimesturz!" Und sie sind bereit, jedem zu folgen, der ihnen das Erreichen dieses Zieles verspricht. Es ist eine Katastrophe.

Perfides Spiel von Al-Jazeera

Dabei gäbe es im Land Stimmen, die hörenswert wären. Etwa im Nationalen Koordinationskomitee für den Demokratischen Wandel, das vielfach aus linksgerichteten und kurdischen Parteien besteht.

Oder in der unter anderem von Louay Hussein gegründeten Organisation "Aufbau des syrischen Staates". Beide Gruppierungen sowie ihnen nahestehende unabhängige Personen wie der nach Frankreich geflüchtete Michel Kilo vertreten die Linie eines unbewaffneten Aufstandes, der eine innersyrische Lösung sucht und dabei Verhandlungen mit dem Regime nicht per se ausschließt.

Doch auch unter diesen Oppositionellen bestehen Differenzen. Zudem wurden sie alsbald vom Nationalrat überrollt, dem vor allem Al-Jazeera nahezu tägliche Auftritte einräumt. Und dies aus drei Gründen: Der Nationalrat wird von den Muslimbrüdern dominiert und Al-Jazeera steht den Islamisten sehr nahe. Zweitens wird der Sender vom Emir von Qatar gesteuert, dem gegenwärtig schärfsten Gegner des syrischen Regimes. Dies ließe darauf schließen, dass Qatar den Regimesturz sucht - doch weit gefehlt: Erwünscht ist lediglich dessen Destabilisierung, da auch Qatar um den möglichen regionalen Flächenbrand nach einem syrischen Totalkollaps weiß.

So präsentiert Al-Jazeera bevorzugt Stimmen, die zwar ketzerisch tönen, letztlich aber nur Luftblasen produzieren. Vernünftigere Köpfe wie die der zuvor genannten Gruppierungen werden hingegen gemieden, könnten sie doch dem Regime ernstlich schaden.

Um uns zu diskreditieren, hat uns der Nationalrat mit Hilfe des quotenstarken Al-Jazeera von Anfang an unterstellt, mit dem Regime zu kollaborieren, nur weil wir keinen Konfrontationskurs fahren, der ohnedies nur alle Türen verriegelt. Dies hat auch viele junge Aktivisten, die nach den Ereignissen in Tunesien und Ägypten euphorisch ihre Chance kommen sahen, davon abgehalten, sich uns anzuschließen.

Wachsende Kriminalität

Als sei all dies des Chaos nicht genug, steigt die Kriminalität. So verlassen etwa in Yabroud, einem 50.000-Einwohner-Städtchen in den Bergen 80 Kilometer nordöstlich von Damaskus, die Menschen ab drei Uhr nachmittags ihre Häuser nicht mehr. Denn nach Ende der Bürozeiten beginnen Banden, die mit dem Regime nichts zu tun haben, ihr Unwesen zu treiben: Autos werden gestohlen, Läden geplündert oder Kinder gegen Lösegeld entführt. Was in Yabroud und anderenortes um sich gegriffen hat, setzt auch im noch ruhigen Damaskus ein. Einer Christin, die abends die Kirche verließ, wurde das goldene Anhängerkreuz vom Hals gerissen - von einem anderen Christen.

Das Regime kann unterdessen zufrieden sein. Seit über 40 Jahren hat es die Menschen auf Angst, Unwahrheit, Lügen und gegenseitiges Misstrauen programmiert. Und das Programm funktioniert, zumindest vorerst, perfekt.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige
Cover

Krisenideologie

Wahn und Wirklichkeit spätkapitalistischer Krisenverarbeitung

Die aktuelle "Enthüllung" der SZ hatten wir schon 1998, deshalb frisch aus dem Archiv:

Christiane Schulzki-Haddouti 24.08.1998

Undercover

Der BND und die deutschen Journalisten

weiterlesen
Demokratie am Ende?

Wolfgang J. Koschnick analysiert den Niedergang der entwickelten parlamentarischen Parteiendemokratien. Das verbreitete Klagen über "die Politiker" und die allgemeine "Politikverdrossenheit" verstellt den Blick dafür, dass alle entwickelten Demokratien in einer fundamentalen Strukturkrise stecken.

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS