Der Mann, der ein Kind bekam, weil er auch eine Frau ist

14.02.2012

Die Reproduktionsverhältnisse, Geschlechteridentitäten und Familienstrukturen verändern sich technisch und gesellschaftlich

Auch die Biologie spielt nicht immer bei der von der Kultur durchgesetzten sauberen Trennung der Geschlechter in Frau und Mann mit. Bei der Intersexualität etwa kann das Geschlecht uneindeutig sein, es gibt Menschen mit weiblichem Genom und männlichem Phänotypus und umgekehrt und es gibt natürlich auch Menschen, die in einem Körper mit einer falschen Geschlechtsidentität stecken. Die Körper bzw. primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale lassen sich aber chemisch und chirurgisch verändern, womit das Geschlecht körperlich keine Falle mehr ist, aber ganz neue Möglichkeiten entstehen.

In Großbritannien soll, so berichten britische Medien, ein transsexueller Mann, der sein Geschlecht von dem einer Frau zu dem eines Mannes hatte umwandeln lassen, zeitweise wieder Hormone genommen haben, um die Umwandlung teil- und zeitweise rückgängig zu machen. Der Grund der "Umschaltung" von Frau zu Mann und wieder zurück war nicht, dass er kein Mann mehr sein wollte, sondern dass er ein Kind gebären wollte. Möglich war dies nur, weil bei der Geschlechtsumwandlung der Uterus nicht entfernt worden war. Bekommen hatte er oder sie das Kind, einen Jungen, bereits letztes Jahr, jetzt erst wurde der Fall bekannt. Meist werden bei einer Geschlechtsumwandlung die Eierstöcke entfernt, weil das Krebsrisiko steigt, wenn hohe Testosteron-Mengen zur Vermännlichung genommen werden. Wer möglicherweise später einmal Kinder haben will, braucht nur Eizellen entnehmen und einfrieren zu lassen, die später befruchtet werden können.

Recht viel mehr ist aber nicht bekannt, also auch nicht, welches Geschlecht der Partner oder die Partnerin hat, ob es sich um eine natürliche oder künstliche Befruchtung handelt und ob bei der Geburt ein Kaiserschnitt notwendig wurde. Geplaudert hat Joanna Darrell von der Beaumont Society, die Menschen bei der Geschlechtsumwandlung berät und unterstützt. Aber sie hat keine weiteren Informationen über die "männliche Mutter" bekanntgegeben, wie der Mann nun in den Medien bezeichnet wird, geht aber davon aus, dass es der erste Transgender-Mann in Großbritannien ist, der ein Kind geboren hat.

Es ist keineswegs das erste Mal, dass ein transsexueller Mann ein Kind bekommt, und es ist auch weiter gar nicht verwunderlich, weil die Frau nur oberflächlich zum Mann oder beides oder eben Transgender wurde. Es zeigt sich nur wieder einmal, dass die kulturelle Dichotomie von Mann und Frau sich als Norm erweist, unter die viele Menschen gepresst werden konnten, die aber an Einfluss verliert, auch wenn weiterhin meist noch der Zwang besteht, selbst wenn Geschlechtsumwandlungen legal sind, entweder Frau oder Mann sein zu müssen, um nicht einer Störung der Geschlechtsidentität bezichtigt zu werden (Geschichte vom "Jungen, der ein Mädchen sein wollte"). Es gibt schließlich auch sonst Vieles, was weder nur richtig bzw. wahr oder falsch ist. Zudem hat die künstliche Befruchtung die klassischen biologischen Rollen von Frauen und Männern, wenn es um das Bekommen von Kindern geht, durcheinander gebracht, zumal die Frauen nicht einmal mehr die Kinder austragen müssen, sondern sie in Leihmüttern einpflanzen können, die ihnen die Schwangerschaft und Geburt abnehmen.

Schon 1999, um nur ein paar Beispiele zu nennen, war der Transgender-Mann Matt Rice zu einer Mutter geworden. Thomas Beatie hatte 2008 sein erstes Kind bekommen, 2009 das zweite und 2010 das dritte. 2010 gebar auch der Transgender-Mann Scott Moore ein Kind, im Dezember der israelische Yuval Topper. Der britische Transgender-Mann ist also keine Ausnahme mehr, zudem haben die Männer ihre angenommene Geschlechtsidentität auch nicht wieder gewechselt, nur weil sie wie eine Frau und Mutter ein Kind ausgetragen und bekommen haben. Im Create Fertility Centre in Toronto wird, so sagte kürzlich dessen Direktor, Transgender-Männern gerne geholfen, Kinder zu bekommen. Alle paar Wochen würde man hier entsprechende medizinische Hilfe leisten:

Canada doesn’t have any law against having sex and having a baby. Why would we, if they needed help for some medical reason, stop them from getting help having children?

In Australien wird allerdings seit kurzem nicht mehr verlangt, dass eine Person erst eine Geschlechtsumwandlung nachweisen muss, um im Pass eine männliche oder weibliche Identität erhalten zu können. Und man kann das Geschlecht unbestimmt lassen und statt männlich oder weiblich ein x eintragen (Geschlecht: unbestimmt, Es gibt nicht mehr nur Frauen und Männer oder Mütter und Väter)). In Großbritannien strebt die Regierung auch eine solche Eintragung an, Kinder von homosexuellen Paaren will man vor Diskriminiserung schützen, indem man nicht mehr Vater und Mutter, sondern nur noch "parent 1" und "parent 2" angeben muss.

Die Nachricht von dem Transgender-Mann, der zum Kinderkriegen wieder einen Ausflug in seinen weiterhin biologisch auch weiblichen Körper gemacht hat - oder vielleicht auch erst mal in ihm geblieben ist, um das Kind zu stillen? - hat selbstverständlich vorhersehbare Bedenken entstehen lassen. So fordert etwa Josephine Quintavalle von der Organisation Comment on Reproductive Ethics, die moralische Probleme bei der Reproduktionsmedizin klären will, eine Untersuchung von Transgender-Geburten, weil offenbar Bedenken bestehen, dass die Interessen der Kinder Wünschen von Erwachsenen untergeordnet werden. Das soll ja auch bei normalen Paaren mit normaler Geschlechtsidentität der Fall sein, wird aber offenbar zum Problem bei abweichenden Geschlechts- und Paarverhältnissen. Auch der Medizinethiker Trevor Stammers vom St Mary's University College geht davon aus, dass bei einer solchen Mutter bzw. Vater das kein gutes Ende für das Kind nehmen wird.

Gedis Grudzinskas, der Herausgeber von Reproductive Biomedicine Online, meint, dass die meisten Transgender-Männer, die Kinder bekommen wollen, sowieso ins Ausland, etwa nach Indien, gehen, um gar nicht erst auf die moralischen Skrupel von britischen Ärzten zu stoßen. Sie würden dort nicht nur Östrogen erhalten, sondern auch bei Bedarf Eizellen von Spenderinnen und Spermien von Spendern. Die Zwänge der Biologie, die früher etwa durch Adoption umgangen werden konnten, sind nicht ganz gefallen, aber sie lassen sich technisch und damit auch durch eine neue Kultur anders gestalten.

Ein Buch zur "Pluralisierung von Eltern- und Kindschaft" von Bamberger und Regensburger Wissenschaftlern wird von der Universität Bamberg so beworben:

Da der Anteil der Kinder, der durch nicht leibliche Eltern erzogen wird, kontinuierlich zunimmt, wird die Frage immer wichtiger, welcher Aspekt der Elternschaft letztlich ausschlaggebend ist: der genetische, der biologische, der soziale oder rechtliche Aspekt. Der medizinische Fortschritt ermöglicht eine immer genauere Bestimmung der genetisch-biologisch Abstammung, daher ist die Orientierung an der genetisch-biologischen Abstammung am leichtesten. Die Frage "Bin ich der leibliche Vater?" wird immer häufiger gestellt. Doch es ist nicht nur eine wissenschaftlich diskutierte Frage, ob in einer gelebten Eltern-Kind-Beziehung die biologische oder die soziale Elternschaft ausschlaggebend ist oder sein sollte. Fakt ist, dass der Anteil minderjähriger Kinder, die nicht mit dem genetisch-biologischen Elternteil zusammenleben, zunimmt. Daher wird die Klärung solcher Zusammenhänge aus sozialwissenschaftlicher und rechtlicher Sicht immer bedeutender. Aber auch die Frage "Wer gehört zu meiner Familie?" wird immer schwieriger zu beantworten sein.

Es ist also viel in Bewegung, was die Geschlechtsidentität, Reproduktion und soziale Rollen und Beziehungen betrifft. Die überkommene, an einer vereinfachten Biologie orientierten Moral, wie sie beispielsweise noch von Religionen verteidigt werden, kommen mit dieser Komplexität nicht zurecht, zumal man sie gestalten muss, aber nicht mehr verbieten kann.

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