Zu wenig Geld und falsche Prognosen

16.02.2012

Der Hochschulpakt sollte den deutschen Universitäten und Fachhochschulen aus der finanziellen Krise helfen. Doch die Kultusministerkonferenz lieferte falsche Basisdaten, und nun klafft erneut ein Milliardenloch

"Das Hochschulstudium in Deutschland ist so beliebt wie nie zuvor", stellte das Bundesministerium für Bildung und Forschung im November 2011 fest. Wenn es sich so verhält, und die rekordverdächtige Zahl von über 500.000 Studienanfängern im Jahr 2011 deutet recht unzweideutig darauf hin, besteht Anlass zur Zuversicht. Zum einen könnte es gelingen, den im OECD-Vergleich noch immer geringen Anteil hochqualifizierter Arbeitskräfte weiter zu steigern, zum anderen zeichnet sich beim anhaltenden Interesse, das offenbar auch die sogenannten MINT-Fächer erfasst hat, die Chance ab, den viel diskutierten Fachkräftemangel selbständig zu beheben. Spätestens dann wird sich auch zeigen, ob es sich hier nicht ohnehin nur um eine Phantomdebatte gehandelt hat.

Doch positive Nachrichten ohne jede Einschränkung sind bekanntlich nicht die Sache des deutschen Bildungssystems, und so droht ein hoffnungsvoller Ansatz auch in diesem Fall gleich wieder im Keim erstickt zu werden. Denn der Hochschulpakt, der den massiven Anstieg der Studierendenzahlen absichern und neue Studienplätze langfristig finanzieren sollte, könnte schon kurzfristig aufgebraucht sein. Nach Berechnungen von Margret Wintermantel, der Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, fehlen allein bis 2015 mehr als sieben Milliarden Euro.

Die falsche Prognose

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Vor einem Milliardendefizit war in den vergangenen Jahren immer wieder gewarnt worden, doch die Vorausberechnungen der Kultusministerkonferenz (KMK) signalisierten den Kolleginnen und Kollegen, dass mit keinen großen Überraschungen gerechnet werden müsse. Für 2011 prognostizierten die Experten der Länder 414.00 Erstsemester – tatsächlich kamen fast 516.000. 35.000 von ihnen begründete die KMK mit der Aussetzung der Wehrpflicht, die bei der Abgabe der Prognose noch nicht bekannt gewesen sei. Für die restlichen zwei Drittel gab es ebenfalls Erklärungen, wenn auch keine überzeugenden.

Warum über die Jahre landauf, landab für die Aufnahme eines Studiums geworben, aber kaum Vorkehrungen für etwaige Konsequenzen getroffen wurden, mochten die Vertreter der Länder nicht ausführlicher kommentieren. Die Voraussage von wesentlichen Verhaltensparametern wie Bildungsbeteiligung, Studierneigung oder -mobilität sei "naturgemäß mit Risiken behaftet", hieß es bei der Vorstellung der neuen Prognose lapidar.

Mit den alten Zahlen wurde auch manche Theorie über Bord geworfen – etwa die vom ominösen Studentenberg, der 2015 die maximale Höhe erreichen und sich dann wieder abflachen sollte. Die Idealvorstellung mancher Bildungspolitiker und Wissenschaftsfunktionäre, man könne dem Problem mit ein paar zusätzlichen Sitzgelegenheiten oder mobilen Stehplatztribünen Herr werden, war damit ebenfalls vom Tisch.

Stabilität auf hohem Niveau

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Bündnis 90/Die Grünen) und ihre Kollegen wollten es diesmal "besser machen" und legten ein deutlich verändertes Zukunftsszenario vor. Die hohen Studienanfängerzahlen könnten demnach "bis weit ins nächste Jahrzehnt auf einem hohen Niveau stabil bleiben". Bis 2019 rechnet die KMK nun mit mehr als 450.000 Erstsemestern pro Jahr, ein Absinken unter das Niveau von 2010 (442.000) sei erst wieder ab 2021 zu erwarten. Die Differenz zwischen alter und neuer Voraussage beläuft sich bis 2020 auf rund 750.000 und resultiert nach Einschätzung der KMK aus mehreren Ursachen:

"einer stark gestiegenen Bildungsbeteiligung in schulischen (allgemein bildenden und beruflichen) Bildungsgängen, die zur Hochschulreife führen, - einem Anstieg der Zahl der Studienanfänger, die ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben haben (Ausländer und Deutsche),

einem veränderten Übergangsverhalten von der Schule an die Hochschule,

der Aussetzung der Wehrpflicht sowie

zusätzlichen Studienanfängern, die über eine berufliche Qualifikation ein Hochschulstudium aufnehmen." (KMK: Vorausberechnung der Studienanfängerzahlen 2012-2025, Stand: 24.01.2012)

Diese Entwicklung kann sich positiv auf den Bildungsstandort auswirken, stellt Bund und Länder aber auch vor ein riesiges finanzielles Problem. Theresia Bauer bezifferte die Zusatzkosten allein im Bereich des Bachelor-Studiums auf 9,5 Milliarden Euro bis 2020.

Auch Margret Wintermantel rechnet nur noch in Milliarden, weil nicht mehr mit kurzfristigen Lösungen gearbeitet werden kann, wenn den Nachwuchs-Akademikern eine qualitativ hochwertige, nachhaltig verfügbare Ausbildung angeboten werden soll.

Entsprechend muss das Hochschulsystem dauerhaft gestärkt werden. Das heißt, Personal, Räume, Lehrmittel, die komplette Infrastruktur müssen verlässlich entsprechend dem Mehrbedarf zur Verfügung stehen.

Margret Wintermantel

Schnelle Lösungen sind trotzdem gefragt, meint das für Hochschulen verantwortliche GEW-Vorstandsmitglied Andreas Keller, der am Montag dieser Woche darauf hinwies, dass das Sommersemester in Kürze beginnt und bereits entsprechende Vorbereitungen verlangt:

Aus den Bundesländern Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg und Bremen kommen 2012 zusätzlich doppelte Abiturjahrgänge an die Hochschulen, die noch immer nicht über ein funktionierendes zentrales Zulassungssystem verfügen. Deshalb müssen die Hochschulen schon zum Sommersemester 2012 ihre Lehr- und Betreuungskapazitäten erhöhen, also mehr Lehrende einstellen und die Arbeitsverträge mit befristet beschäftigten Dozentinnen und Dozenten entfristen.

Andreas Keller

Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, fordert darüber hinaus, auch die soziale Infrastruktur den neuen Gegebenheiten anzupassen. Bislang hatten Bund und Länder keine zusätzlichen Mittel für die Studentenwerke vorgesehen, doch dass die Nachwuchs-Akademiker auch irgendwo essen und schlafen müssen, liegt auf der Hand. Mancherorts gab es im laufenden, schlecht vorbereiteten Wintersemester 2011/12 auch hier erhebliche Schwierigkeiten.

Ein Kalkulieren in Studienplätzen allein genügt nicht. Um ein Studium erfolgreich zum Abschluss zu bringen, benötigen die Studierenden ein bezahlbares Dach über dem Kopf, campusnahe, günstige Verpflegung, studienbegleitende Beratung, Kinderbetreuung sowie eine gesicherte Studienfinanzierung. Die Studentenwerke benötigen allein schon auf Basis des bisherigen Anstiegs 25.000 zusätzliche Wohnheimplätze, mehr Kapazitäten in der Hochschulgastronomie, einen Ausbau der Beratungsangebote für Studierende, in der Studienfinanzierungsberatung, der Sozialberatung und psychologischen Beratung.

Achim Meyer auf der Heyde

Warten auf den Master

Anfang des Monats verabschiedete das Bundeskabinett den sogenannten Bologna-Bericht, der die Umsetzung der großangelegten und noch immer umstrittenen Studienreform dokumentieren soll. Nach den aktuellen Berechnungen wurden bereits 85 Prozent der über 15.000 Studiengänge an deutschen Hochschulen auf die neuen Abschlüsse umgestellt.

Derzeit zahlen Bund und Länder über den Hochschulpakt je 13.000 Euro pro zusätzlichen Studienanfänger – in der Hoffnung, dass möglichst viele Absolventen ihre Hochschule mit dem Bachelortitel verlassen, zügig einen gut dotierten Job finden und so schnellstmöglich dazu beitragen, die Rentenkassen zu entlassen.

Doch die Bürger der zukünftigen Bildungsrepublik wollen da offenbar nicht mitspielen. Nach einer Erhebung der Hochschul-Informations System GmbH können sich 68 Prozent aller Universitätsstudierenden nach dem Ende ihres Bachelor- noch ein Masterstudium vorstellen. Die Studierenden der Fachhochschulen drängen traditionell schneller ins Berufsleben, aber auch hier wollen sich 44 Prozent mit dem Master um eine Anstellung bewerben. Der Hochschulpakt sieht allerdings weder sprunghaft ansteigende Studentenzahlen noch die spontane Finanzierung von entsprechend vielen Masterstudienplätzen vor.

Die Universitäten und Fachhochschulen setzen deshalb bereits auf komplizierte Regelwerke, die den Zugang zum Masterstudium strikt limitieren und an "mindestens 50 Zulassungspunkte", das "in Form eines Dossiers dokumentierte oder in einem persönlichen Gespräch festgestellte besondere Studieninteresse", das "Ergebnis eines Studierfähigkeitstests" oder den Nachweis, "dass die Bewerberin/der Bewerber zu den besten 35 % ihres/seines Jahrgangs an ihrer/seiner Hochschule (im jeweiligen Studiengang) gehört" koppeln.

Im Mai 2011 sah Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) in diesem Bereich noch keinen besonderen Handlungsbedarf:

Die Zahlen, die die Länder auf der Konferenz vorgelegt haben, deuten vielmehr darauf hin, dass bundesweit kein Mangel an Masterplätzen besteht, wenn die Studierenden flexibel sind.

Annette Schavan, Mai 2011

Im jüngsten Bologna-Bericht erscheinen die Dinge nun in neuer Beleuchtung.

Die Kultusministerkonferenz und das Bundesministerium für Bildung und Forschung nehmen die Befürchtung, dass das Masterangebot nicht für alle interessierten Bachelorabsolventen ausreichen könnte, auch im Hinblick auf die doppelten Abiturjahrgänge und die steigende Zahl der Bachelorabsolventen sehr ernst und werden die Entwicklung weiter verfolgen. So fördert der Bund empirische Erhebungen bei Studierenden und Absolventen über die Entwicklung von Angebot und Nachfrage nach Masterstudienplätzen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen unter Berücksichtigung der haushaltspolitischen Konsolidierung auch bei der Gestaltung der dritten Phase des Hochschulpakts berücksichtigt werden.

Bericht über die Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland, 2012

Die dritte Phase beginnt allerdings erst im Jahr 2016. Bis dahin könnte die Möglichkeit, wichtige Weichenstellungen zu korrigieren, bereits vertan sein. Schließlich ist der "Hochschulpakt Plus" längst über den Status einer fixen Idee von Oppositionsparteien hinausgekommen. Ohne zusätzliche Milliardeninvestitionen steht das deutsche Hochschulsystem vor unabsehbaren qualitativen Einbußen und möglicherweise vor dem endgültigen Verlust seiner internationalen Konkurrenzfähigkeit.

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