Lassen Handys die Menschen egoistischer werden?

16.02.2012

Eine Studie will zumindest beobachtet haben, dass Handy-Nutzung die Neigung zu prosozialem Verhalten mindert, und bietet dafür eine interessante Erklärung an

Noch immer herrscht Uneinigkeit darüber, ob Handys, vor allem wenn sie bei Smartphones gleich auf mehreren Funkbereichen senden und empfangen, doch gesundheitsgefährdend sein können. Dass Handys und vor allem Smartphones nicht nur die Kommunikation, sondern auch das Verhalten und In-der-Welt-Sein der Menschen verändern, ist unabstreitbar, dazu genügt schon ein kurzer Blick in öffentliche Räume, auch wenn es mitten im Veränderungsprozess steckend schwer ist, die bleibenden Trends auszumachen.

Einen überraschenden Aspekt wollen nun Marketing-Wissenschaftler der University of Maryland entdeckt haben. Sie sagen, dass Handys nicht nur Geräte sind, die Menschen verbinden, sie seien zumindest auch Mittel, die Neigung zu prosozialem Verhalten zu schwächen, also sich Mitmenschen weniger zuzuwenden und ihnen weniger Hilfe zu leisten.

Beobachtet wurden mehrere Gruppen von Studentinnen und Studenten, die im Alter von Anfang 20 waren. Schon nach kurzer Handy-Benutzung seien die Versuchspersonen weniger gewillt gewesen, einen Gemeinschaftsdienst zu leisten, als die Kontrollgruppe, deren Teilnehmer nicht telefoniert hatten. Überdies seien die Handy-Benutzer auch nicht so ausdauernd gewesen, Wortaufgaben zu lösen, auch wenn sie wussten, dass ihre Antworten zu Spenden für eine Wohltätigkeitsorganisation führen. Selbst wenn die Handy-Benutzer nur gebeten wurden, ein Bild ihres Handys anzufertigen und sich vorzustellen, wie sie es verwendet hatten, sei eine Abnahme der Aufmerksamkeit auf Mitmenschen zu beobachten gewesen.

Die Wissenschaftler weisen auf andere Studien hin, die zu ähnlichen Ergebnissen gekommen seien. Ein Grund für abnehmende Zuwendung zu anderen Menschen könnte paradoxerweise gerade dadurch begründet sein, dass Handys das Gefühl suggerieren, mit anderen verbunden zu sein. Weil so das fundamentale Bedürfnis der Verbundenheit bereits erfüllt sei, würde der Wunsch schwinden, "sich mit anderen zu verbinden oder sich empathisch und prosozial zu verhalten". Beim Vergleich von Handy-Nutzern mit Facebook-Nutzern in einem Test hätten sich eben die Handy-Benutzer stärker mit anderen verbunden gesehen. Vermutlich würde die Handy-Nutzung nicht nur bei jungen Menschen, sondern bei solchen in allen Altersstufen das Verhalten beeinflussen, glauben die Wissenschaftler, so dass die Folgen "große soziale Implikationen" habe.

Sollte das Ergebnis der Studie tatsächlich zutreffen, dann könnte ein Grund dafür vielleicht auch sein, dass die Fernkommunikation, wie man oft beobachten kann, die Zuwendung zu den Menschen in der räumlichen Nähe verdrängt. Die Fernen sind womöglich wichtiger als die Nächsten, die ja schon da sind und um die man sich scheinbar weniger kümmern muss.

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