Laizisten und Liberale als Feindbilder

17.02.2012

Ein Foto mit Sami Kedira und seiner nackten Freundin gefährdet angeblich die öffentliche Moral in Tunesien, während Islamisten die Beschneidung von Frauen ungehindert als "Schönheitsoperation" darstellen dürfen

Wegen Verletzung der "öffentlichen Moral" wurden in Tunesien der Herausgeber, ein Redakteur und ein Journalist der Zeitung at-Tunissija verhaftet und vor Gericht gestellt. Laut Anwalt könnten ihnen bis zu fünf Jahre Haft drohen. Die Zeitung hatte den deutschen Fußball-Nationalspieler Sami Khedira - dessen Vater Tunesier ist - auf dem Titel-Foto präsentiert, das ihn in einer anzüglichen Macho-Pose mit seiner Freundin, einer von Heidi Klums Top Models zeigt.

Titelblatt von at-Tunissija

Die Staatsanwaltschaft hat ersichtlich schnell reagiert; berichtet wird auch über erste Reaktionen, die dazu auffordern, das Büro der Zeitung zu demolieren. Dass solche Appelle in Tunesien auch umgesetzt werden könnten, führten die krawallartigen Vorfälle in Zusammenhang mit der Ausstrahlung des Zeichentrickfilms Persepolis vor Augen. Eine Sprecherin der Zeitung äußerte, dass man von der Reaktion auf das Foto völlig überrascht sei, man habe keine Provokation geplant und sich in einem Land geglaubt, das Pressefreiheit respektiere.

Unter Ben Ali war die Pressefreiheit extrem beschnitten, Buchhandlungen und Zeitungskioske boten ein erbärmliches Angebot, umso mehr wurde die neue Publikationsfreiheit gefeiert. Dass mit Slim Amamou einer aus den Reihen der Kämpfer für mehr Medien-Freiheit sogar Staatssekretär wurde und im Amt dafür eintrat, dass Tunesier im Internet Pornos sehen dürfen, ohne von Staats wegen Beschränkungen oder Strafen zu unterliegen, zeigt, wie weit man schon war.

Pornos als Grenzen der Medienfreiheit?

Die Filter der Agence Tunisienne d’Internet (ATI) waren nach der Revolution deaktiviert worden. Doch wurde dagegen im Mai letzten Jahres von Anwälten, die sich auf islamische Werte berufen, ein Gerichtsurteil erwirkt , wonach ATI pornografische Seiten wieder ausfiltern sollte - auch dagegen wurde Einspruch eingelegt. Am kommenden Mittwoch soll nun das höchste Gericht in Tunesien über die Frage entscheiden, ob ATI die Filter wieder einsetzen soll.

Die Diskussion - an der sich auch der Präsident beteiligt - darüber, ob Pornografie die Grenzen der Freiheit im Netz markieren soll, wird politisch mit einiger Verve und einer Vielfalt an Argumenten quer durch die Lager geführt. So findet sich auf dem Internet-Portal Nawaat, das sich als unabhängiges Forum während der Aufstände im letzten jahr etabliert hat, auch das Argument, wonach die Debatte über Pornos eine falsche Debatte sei, da Pornos vom Westen strategisch als eine Art Opium fürs Volk eingesetzt würde, um die Aufmerksamkeit der Araber von wichtigeren, politischen Dingen - etwa der Palästina-Frage - abzulenken.

Die Verhaftung des Herausgebers und der Journalisten von at-Tunissija kommen also genau zu dem Zeitpunkt, an dem Pressefreiheit neu auf dem Spiel steht. Entsprechend grundsätzlich wird auf das Ereignis in der Debatte reagiert: Nackte Brüste seien doch überall zu sehen, in der Elle, in der Vogue, in der Cosmopolitan und was die Werbung betreffe, auch in L’Express, Le Point, Le Nouvel Observateur etc - müsse man also künftig wieder die Einfuhr ausländischen Zeitschriften verbieten - weil sie gegen die "öffentliche Moral" verstoßen? Soll das nur für Fotos gelten? Was ist denn mit anrüchigen Textstellen, in Zeitschriften, Zeitungen, in der Literatur?

Gegen den Laizismus und Liberale und für die Beschneidung von Frauen

Der Skandal um das - übrigens von einem deutschen Magazin entliehene - Titelfoto ereignet sich in einer Atmosphäre, in der Säkulare und solche, die islamische Werte vor sich hertragen, öfter kollidieren und die religiösen Kräfte dabei juristisch gesehen besser wegkommen, so der Vorwurf. Als Beleg dafür werden die Auseinandersetzungen infolge der Persepolis-Ausstrahlung zitiert, wo der Senderchef hart und die islamistischen Krawallisten nur milde bestraft wurden, sowie der Fall des religiösen Eiferers Wajdi Ghounim, der momentan durch Tunesien tourt, mit großer Anhängerschaft, um sich laut für Schariah-Gerichte auszusprechen, gegen den Laizismus und Liberale und für die Beschneidung von Frauen, die seiner Meinung nach nur eine "Schönheits- Operation" sei.

Wie vertragen sich solche Appelle mit der "öffentlichen Moral", wäre da nicht auch die Justiz gefordert und warum in dem einen Fall schon, in dem anderen nicht, werden da zwei unterschiedliche Maßstäbe angelegt, fragt sich nicht nur das tunesische Blog Carpe Diem.

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