Schiefergas-Fracking und Atomkraft

19.02.2012

Zunehmender Protest in Polen

Zwei konventionelle Energieformen könnten in Polen die Dominanz der Kohle ablösen, die dort immer noch für 90 Prozent des Stromerzeugung sorgt: Schiefergas und Atomkraft. Doch gegen den Abbau des Gases und den Bau eines Atommeilers regt sich zunehmend Widerstand.

Vor allem Schiefergas beschäftigt immer wieder die polnische Öffentlichkeit. Diagonal zieht sich durch Polen in rund vier Kilometer Tiefe ein Vorkommen von 5,3 Billionen Kubikmeter Erdgas in Tongesteinen - das größte in Europa. Für diesen Streifen vom Danziger Raum über Warschau bis in den Südosten des Landes hat das polnische Umweltministerium bereits über 110 Konzessionen für Probebohrungen vergeben. Der staatliche Gaskonzern PGNiG hält mit 15 Konzessionen den größten Anteil, aber auch an internationale Mineralölfirmen wie Exxon Mobiles, Chevron sind beteiligt.

Für die Gewinnung des Gases muss jedoch das Verfahren "hydraulic fracturing" angewendet werden - mit Chemikalien angereichertes Wasser wird durch ein waagrecht gebohrte Aushöhlung gepresst, durch den Druck und mit Hilfe von Quarzkügelchen entweicht das Gas. Nach Angaben der Gasfirmen können die Chemikalien, darunter krebserregende Stoffe, die in bis zu fünf Kilometer Tiefe gedrückt werden, nicht das Grundwasser belasten, das sich etwa 100 bis 300 Metern unter der Erdoberfläche befindet. Umweltschäden in den USA, die in dem Film Gasland dokumentiert sind, widersprechen dieser These. Darum sind einige Bewohner des Gastreifens beunruhigt. Immer wieder kommt es zu lokalen Protesten.

Der Ökologe und Umweltaktivist Marek Kryda kritisiert die Informationspolitik der Konzerne und der Gemeinden - der Beschluss der Bohrung werde kurzfristig angekündigt und die Informationsveranstaltung sei nur für die jeweiligen Bewohner offen, nicht jedoch für Außenstehende. So könne keine öffentliche Diskussion entstehen. Die Anwohner, die mit den Bohrungen konfrontiert werden, hätten keine Experten an ihrer Seite.

Bislang erscheint so die Gegnerschaft zum Schiefergasabbau nur lokal und nicht vernetzt, entsprechende Seiten auf Facebook haben kaum Zulauf Nun macht sich eine Gruppierung nahe Thorn (polnisch Torun) Hoffnung auf mehr Gehör, eine Regionalzeitung unterstützt deren Anliegen in ungewohnt aggressivem Ton.

Der Konzern "Marathon Oil" sucht auf dem Landschaftsschutzgebiet Brodnica, das zum EU-Naturschutznetz "Natura 2000" gehört. Die Anwohner sehen geltendes Recht verletzt, warten jedoch seit über zwei Monaten vergeblich auf eine Antwort des Umweltschutzministeriums, das die Konzession für die Bohrungen vergab. Sie wollen nun als Vereinigung Ostaja Brodnicka sich mit anderen Protestgruppen zusammenschließen.

Marian Tomoń, der Park-Direktor erklärte gegenüber der Zeitung, vor zwei Jahren seien den Direktoren der Landschaftsparks Kompetenzen hinsichtlich Schiefergasbohrungen entzogen worden. Der Parkdirektor will nun mit Freiwilligen das Parkgelände gegen die Mitarbeiter der Gasfirma absperren und in der Regionalzeitung für sein Ansinnen werben. Ende Februar soll es nahe Danzig wieder zu einer Protestaktion um eine andere Bohrstelle kommen.

Im Streit um das Schiefergas stoßen zwei "Spielarten" der polnischen Widerstandstradition zusammen: Auf der einen Seite sehen sich die Umweltschützer mit einer Willkür von Ämtern und Regierungsvertretern konfrontiert, es ist das klassische "Wir da unten, die da oben", das manchmal gewaltige Kräfte mobilisieren kann (siehe die Solidarność-Bewegung und jüngst die ACTA-Demonstrationen).

Auf der anderen Seite beschwören die Befürworter einen alten polnischen Freiheitstopos - die Unabhängigkeit von Russland. Durch das Schiefergas soll Polen zum Gasexporteur aufsteigen und so vom kremlnahen Energieriesen "Gazprom" unabhängig werden. Die Umweltschützer - dies behauptet einer von ihnen, Jan Borawski - würden von den Befürwortern als "Agenten von Gazprom" geschmäht: Wer gegen den Abbau des Schieferbau ist, arbeite Moskau in die Hände.

Weiter im Westen, an der Ostsee, scheint sich gerade Polens erste Antiatomkraftbewegung zu organisieren. Im Küstenstädtchen Mielno lehnten diese Woche 94 Prozent der Bewohner den Bau eines Atommeilers ab. Der halbstaatliche Stromkonzern "Polska Grupa Energiczna" (PGE) hat jedoch noch Spielraum bis zu einer Entscheidung über den Standort Ende 2013. Witold Drożdż, der PGE-Vorsitzende, gibt sich darum offiziell gelassen und glaubt, eingehende Gespräche mit der Bevölkerung werden zu einer kollektiven Meinungsänderung führen.

Doch die Aktivisten wollen dem Konzern nicht erlauben, auf Zeit zu spielen. Sollten die Bürger nicht ernst genommen werden, so wollen sie ihren Protest auch zu anderen möglichen Standorten ausweiten, wo die Bewohner einem Atomkraftwerk aufgeschlossener gegenüber stehen. So in Choczewo, nahe Danzig, wo die Stimmung zunehmend Richtung Gegnerschaft kippt.

Das erste der bislang zwei geplanten Atomkraftwerke soll nach Plänen der Regierung 2020 ans Stromnetz angeschlossen werden. Die polnischen Grünen befürchten nun, dass Polen im Jahre 2020 nicht mehr 15 Prozent von Polens Strombedarfs durch Erneuerbare Energien bestreiten will, wie es in der EU-Richtlinie 2009/28/EG festgelegt wurde.

Laut einer Erklärung der Grünen würden die Gesetzesnovellen des Wirtschaftsministerum vom Dezember 2011 den Aubau alternativer Energieformen erschweren. Doch die Stimme dieser Partei, hat bislang wenig Einfluss. Auf der Liste der Linkspartei SLD konnte sie kein einziges Mandat in den Parlamentswahlen 2011 erzielen

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