Wie werden wir wohnen?

21.02.2012

Die Energie- und Klimawochenschau: Welche Rolle spielen Erneuerbare, Energiesparen, Effizienz in Gebäuden und die Idee vom Haus als dezentralem Kraftwerk noch? Das Fördergeld für die Gebäudesanierung wurde an die CO2-Börse gekoppelt und ist nun futsch

Hinter dem seit zwei Jahren dauernden Rummel um Atomein- und Ausstieg, Stromtrassenbau und die Photovoltaik ist der energiemäßig größte Bereich aus dem Blickfeld geraten - die Gebäude. In Ihnen finden rund 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs statt. Die Art, wie wir hausen, spiegelt den gesellschaftlichen Wandel wieder und hat gleichzeitig die größten Potenziale für Energieeffizienz, regenerative Energieversorgung und angepasste Mobilität.

Erst wurde dieser vermeintlich wenig prestigeträchtige Bereich vernachlässigt, jetzt wurde bekannt, dass ein Großteil der zugesagten Hilfen sich durch Kopplung an die CO2-Börse in Nichts aufgelöst hat.

Das Leben wird urban und regional

In seiner gerade erschienen Wohnungsmarktprognose spürt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung (BBSR) den Entwicklungen bis 2025 nach. Welche Wohnungen sind künftig gefragt? Wohin zieht es die Menschen? Wie wird sich unser Konsum an Wohnfläche und -formen verändern?

Die Entwicklung der letzten Jahre fortgeschrieben werden sich Wohnen und Arbeiten immer mehr in die Ballungsgebiete verschieben. Ein höherer Eigentumsanteil kann den Gestaltungsspielraum in Richtung energetische Optimierung vergrößern. Die Konzentration in Ballungsräumen könnte auch neue Formen der Mobilität, einen vernetzteren Nahverkehr und vielleicht sogar die Elektromobilität voranbringen. Bild: Bundesamt BBSR

Als Hauptrends leitet das BBSR aus der Entwicklung der letzten Jahre ab, dass mehr Menschen in Wohneigentum (+15,5%) leben werden, dass die Wohnfläche pro Einwohner weiter zunehmen wird (um rund 6%) und dass eine kontinuierliche Bevölkerungs- und Entwicklungsverschiebung in Richtung der Städte und Ballungsräume, vor allem in den alten Ländern, stattfinden wird.

Mehr Wohnfläche bedeutet im Prinzip mehr Energieverbrauch je Bewohner, doch mehr Wohneigentum kann mehr Gestaltungsspielraum in Bezug auf den Energieverbrauch, jenseits des Vermieter/Mieter-Dilemmas bedeuten. Denn immerhin liegt der Unterschied im Energieverbrauch zwischen einem durchschnittlichen Altbau und einem Passivhaus bei 10 zu 1. Und mehr Urbanität kann schließlich kürzere Wege und besser angepasste, vernetzte Formen der Mobilität begünstigen.

Laut BBSR wird der räumliche Schwerpunkt der Neubautätigkeit an Wohneigentum in und um die Ballungsgebiete der alten Bundesländer und Berlins liegen und besonders durch die zur Zeit sehr angesagten Baugruppenprojekte (+1,7%/Jahr) auch direkt in den dortigen Kernstädten stattfinden. In ländlichen Regionen der neuen Länder wird der Geschosswohnungsbau dagegen keine Rolle mehr spielen und der Leerstand zunehmen. Schwerpunktmäßig zwar in Ostdeutschland, doch eine ähnliche Entwicklung prognostiziert das BBSR auch für die ländlichen Räume Westdeutschlands.

Das gerade in der Berliner Fasanenstraße eröffnete Energie-Plus-Haus. Von der gebäudeintegrierten PV-Anlage werden die technischen Geräte und per Luft-Wärmepumpe auch die Heizung gespeist. Interessant ist die Gewichtung: Den Elektroautos wird soviel überdachte Grundfläche zugestanden wie den Bewohnern. Bild: BMVBS

Leben in Wohngemeinschaft mit dem Elektroauto

In der Berliner Innenstadt wurde passend zum Thema gerade die offizielle Interpretation der sich wandelnden Wohnnachfrage eröffnet. Das Ergebnis: Ein Einfamilienhaus, das über die hauseigene Solaranlage sowohl den Strombedarf, als auch die Heizung über eine Luft-Wärmepumpe und zuletzt auch noch die vor der Hausfront stehenden Elektroautos betanken soll. Besonders interessant bei dem sogenannten Energie-Plus-Haus ist, dass den (Elektro-)Autos soviel Grundfläche zugestanden wird wie allen Bewohner des Hauses zusammen.

Energie-Plus-Haus. Bild: Ulrich Schwarz

Demnächst, wenn die Phase der öffentlichen Besichtigung des Musterhauses beendet ist, wird eine Kleinfamilie einziehen und das Haus als eine Art Big-Brother-Container erproben. So zeigt dieses Haus sehr schön die mentale Landkarte der aktuellen Energiepolitik: Das Auto hat weiter Priorität. Mehrere deutsche Autohersteller kooperieren deshalb und steuern insgesamt vier Elektroautos für die vier Bewohner bei. So soll auch noch das letzte Quäntchen Solarstrom nicht mehr ins Netz eingespeist, sondern selbst verbraucht werden.

Im laufenden Betrieb soll das Energie-Plus-Haus doppelt so viel Strom erzeugen, wie es verbraucht. Da ein Autarkiekonzept präsentiert werden sollte, wird der Strom in Akkus gepuffert. Die vom Haus gewonnenen überschüssigen Stromerträge sollen dann für den Elektro-Fahrzeugpark genutzt oder ins Netz eingespeist werden.

Energie-Plus-Haus. Bild: Ulrich Schwarz

Konzeptlosigkeit für den Gebäudebestand

Aber wie sieht es mit dem Häuserbestand aus? Der Energieverbrauch deutscher Altbauten ist hoch. Nach den 2012er Berechnungen der Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (geea) sind von den 18 Millionen Gebäuden in Deutschland fast 13 Millionen vor 1979, also noch vor der ersten Wärmeschutzverordnung gebaut worden. Nur 10 Prozent davon haben bisher eine Dämmung bekommen die aktuellen Anforderungen genügt. Und auch von den 18 Mio. Heizungsanlagen in deutschen Kellern sind 13 Mio. veraltete Gas- und Ölkessel.

Im Gebäudebereich findet noch ein Großteil des Energiekonsums statt, ein ideales Betätigungsfeld für Energieeinsparung, mehr Effizienz und einen höheren Beitrag zum Klimaschutz. Doch von offizieller Seite herrscht Konzeptlosigkeit vor. Zum Treffen der europäischen Energieminister letzte Woche reiste die deutsche Delegation um Philipp Rösler ohne eigene Vorstellungen an. Dabei kam das dem Treffen zugrundeliegende 20-20-20-Ziel (bis zum Jahr 2020 jährlich 20 Prozent weniger Energie und 20 Prozent weniger Treibhausgas) und der daraus entwickelte Entwurf der Energieeffizienz-Richtlinie doch gerade auf Vorschlag Deutschlands zustande, allerdings im Jahr 2007.

Dabei sind die Ziele moderat formuliert. Der Energieverbrauch soll verbindlich um 1,5 Prozent pro Jahr sinken durch Einbindung auch der Energieversorger, die bei sich oder ihren Kunden durch Beratung und Unterstützung den Energieverbrauch senken sollen. Auch die Verwaltungen selbst sollten mit gutem Beispiel vorangehen, denn in der EU sind 12% der Gebäude in öffentlichem Besitz. Doch jetzt, wo es konkret werden soll und Effizienz in kleinen Schritten verbindlich gemacht werden soll, bezeichnet Rösler das Programm als eine "willkürliche planwirtschaftliche Maßnahme" und eine "Bevormundung von Verbrauchern und Unternehmen".

Nervöse Zeiten bei der Solarthermie

Als erstes ist die Solarthermie hintübergefallen. Als dezentralste Form der regenerativen Energieversorgung scheint sie für die Politik uninteressant geworden zu sein. In Deutschland verzeichnete der Markt für solarthermische Anlagen in den Jahren 2009 und 2010 einen Rückgang von jeweils fast 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Grund waren die niedrigeren Preise für fossile Energien sowie das Zusammenstreichen der günstigen Kreditkonditionen und Anreizprogramme für den Ausbau erneuerbarer Energien zur Gebäudeenergieversorgung im Wärmesektor.

Als Ursache für den erst starken Einbruch nennt der BSW vor allem den Förderstopp der Bundesregierung und die Verunsicherung in der Wirtschaftskrise. Im Mai 2010 war das Marktanreizprogramm zur Förderung von Solarheizungen gestoppt und später nur unter eingeschränkten Bedingungen wieder eingeführt worden.

Die Solarthermie hat das größte Potenzial der regenerativen Wärmeversorgung. Sie erholt sich, vergessen von der großen Politik, langsam vom Koalitionsschock, nachdem die Installationszahlen zwei Jahre in Folge um bis zu 26% eingebrochen waren.

Die Solarthermie hat, ob gebäudeintegriert oder durch Kollektoren, neben der Verbrauchsminderung, das größte Potenzial, den Energieverbrauch für Heizung und Warmwasser, der zur Zeit immer noch über 80% des Energieverbrauchs in Gebäuden ausmacht, zu decken. Letztes Jahr legte die Solarthermie in Deutschland dann wieder um knapp elf Prozent zu. 149.000 neue Solarwärmeanlagen mit einer Kollektorfläche von rund 1,27 Mio. Quadratmetern und einer Leistung von 883 MW wurden auf deutschen Dächern installiert. Jetzt sind es insgesamt rund 1,66 Mio. Solarthermie-Anlagen.

Gelder für Gebäudesanierung an der CO2-Börse in Nichts aufgelöst

Und jetzt dürfte es weiteren Programmen, die bisher die Sanierung von Gebäuden unterstützten, an die Grundlage gehen. Denn ihre Finanzierung war nach Aufhebung des Haushaltsstopps - wer mag böses dabei denken - ausgerechnet an den Börsenpreis für CO2-Zertifikate gekoppelt worden. Dass das nicht funktionieren konnte, schwante vielen, denn zum Ende des letzten sogenannten Handelszeitraums für Verschmutzungsrechte war deren Wert von gewünschten zweistelligen Euro- auf einstellige Centbeträge gefallen.

Die Förderprogramme, die sich aus diesem börsengekoppelten Energie- und Klimafonds speisen sollten, können deshalb mindestens zur Hälfte nicht mehr realisiert werden. Je weiter der Zertifikatehandel in den Keller geht, könnte es auch noch weiter abwärts gehen. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) fordern, dass die Bundesregierung ihre Programme trotzdem einhalten müsse.

Diese hatte Zuschüsse für das KfW-Programm zur Gebäudesanierung in Höhe jährlich 1,5 Mrd. Euro bis 2014 zugesagt, allerdings auch an die Börsenpreise für Verschmutzungsrechte gekoppelt (zum Vergleich: bei der Abwrackprämie wurden allein 5 Mrd. in 9 Monaten direkt ausgezahlt). Olaf Tschimpke vom NABU befürchtet, dass die Bundesregierung so ihre eigenen Klimaschutzziele in Frage stellt und das Vertrauen in staatliche Unterstützung für Gebäudesanierungen erschüttert. Ohne Planungssicherheit würden viele Hauseigentümer nicht in die energetische Sanierung investieren. IG BAU und NABU fordern daher ein Ende der Börsenkopplung für das KfW-Gebäudesanierungsprogramm. Die Mittel dürften nicht vom Auf und Ab der Preise für CO2-Zertifkate abhängen, sie müssten als gesamtgesellschaftliche Aufgabe auch ganz regulärer Bestandteil im Haushalt sein.

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