Drohnen: Fünf Prozent stürzen ab

22.02.2012

Der Markt für "unbemannte Luftfahrtsysteme" boomt auch bei der Bundeswehr. Doch mindestens 17 Drohnen unterschiedlicher Gewichtsklassen sind bereits abgestürzt

Die Bundeswehr operiert bereits mit über 330 Drohnen verschiedener Größen. Dies geht aus der Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine Kleine Anfrage hervor. Etwa 70 Drohnen sind demnach im Krieg in Afghanistan eingesetzt. Militärs proklamieren hierzu eine "neue Ära in der Aufklärung". Während Italien, Frankreich und Großbritannien auf Kampfdrohnen setzen, will Deutschland eigene Langstreckendrohnen mit Spionageausrüstung auf Sizilien stationieren.

Deutsche Militärs verfügen gegenwärtig über mehr als 330 Drohnen in verschiedenen Gewichtsklassen. Die meisten der "unbemannten Luftfahrtsysteme" (UAS) haben eine Reichweite von maximal 100 Kilometern. Zu ihnen gehören etwa 37 "KZO" ("Kleinfluggeräte Zielortung") oder 51 "LUNA" ("Luftgestützte unbemannte Nahaufklärungsausstattung"). Für den Nahbereich betreiben Soldaten 115 Systeme "ALADIN" ("Abbildende luftgestützte Aufklärungsdrohne im Nächstbereich") und 128 "MIKADO" ("Mikroaufklärungsdrohne im Ortsbereich"). Für die mittlere Flughöhe, aber große Reichweite, betreiben deutsche Militärs vorübergehend drei israelische "Heron"-Drohnen.

Jetzt wird das Repertoire durch Langstreckendrohnen ergänzt. Die erste hierfür aus den USA überführte "Euro Hawk" wird derzeit im bayerischen Manching vom EADS-Ableger Cassidian für die Bundeswehr mit Spionagesystemen ausgerüstet. Ein "Meilenstein in der Luftaufklärung", verkündete die Luftwaffe und rief eine "neue Ära in der Aufklärung" aus.

Unfreiwillige "autonome Landung in freiem Gelände"

Die "Euro Hawk"-Drohnen der Bundeswehr basieren auf den "Global Hawk", die von der US-Firma Northrop Grumman hergestellt werden. Die Drohnen haben eine Flügelspannweite von 40 Metern und ein Abfluggewicht von 14,5 Tonnen. Weil Drohnen wie die "Euro Hawk" von einer zugehörigen Bodenstation über eine Funkverbindung gesteuert wird, wird allgemein von "unbemannten Luftfahrtsystemen" ("Unmanned Aerial Systems, UAS) gesprochen.

Für die Überführung des "Euro Hawk" nach Manching wurde eigens eine temporäre Verkehrszulassung ausgestellt. Elf Soldaten wurden vorher zur Steuerung der Geräte von US-Militärs in Kalifornien im neuen Berufsbild des "Luftfahrzeugführers unbemannter Luftfahrzeuge" ausgebildet. Die Langstrecken-Flugroboter werden beim Aufklärungsgeschwader 51 "Immelmann" im schleswig-holsteinischen Jagel stationiert.

Global Hawk. Bild: USAF

Drohnen dürfen nicht in Zonen des zivilen Flugverkehrs operieren, da sie trotz immenser Lobbyarbeit und entsprechender Forschung noch nicht für das dort gültige Prinzip "Sehen und Ausweichen" geeignet sind. Nachweise fehlen zudem für die Betriebssicherheit von Notlandeverfahren, die Ausfallsicherheit von Systemen und Bauteilen sowie die Verlässlichkeit der Funkverbindung.

Sowohl für die Drohnenhalle von EADS in Manching als auch für Schleswig, den späteren Einsatzort der "Euro Hawk", wurden deshalb Flugbeschränkungsgebiete eingerichtet, in denen nur unbemannte Luftfahrzeuge operieren dürfen. Auch im bayerischen Spatzenhausen wurde eine entsprechende Zone geschaffen, in der die "LUNA"-Drohnen getestet werden. Die Fluggeräte der Firma EMT haben eine Reichweite von 80 Kilometern.

Dass die Einrichtung der Flugbeschränkungsgebiete ohne anderen zivilen oder militärischen Luftverkehr notwendig ist, belegen mehrere Abstürze der großen und kleinen militärisch genutzten Drohnen. 2010 und 2011 gingen der Bundeswehr bereits zwei "Heron" im Feld verlustig.

Wohl um den Begriff "Absturz" zu vermeiden, redet das Bundesverkehrsministerium von einer "autonomen Landung in freiem Gelände", nach der das Gerät dann ferngesteuert gesprengt wurde. Auch sechs "LUNA" und vier "KZO" fielen in Afghanistan vom Himmel. Doch auch an der Heimatfront stürzen regelmäßig Drohnen ab: So seien während des Ausbildungsflugbetriebes bereits zwei "LUNA" sowie drei "KZO" niedergegangen.

Freudentränen in den Beschaffungsabteilungen

Weitere millionenschwere Einkäufe sind laut Verkehrsministerium geplant: Demnach will das Heer zehn sogenannte "Vertical take-off and landing"-Systeme kaufen. Gemeint sind Drohnen mit Rotorblättern, die senkrecht starten können. Auch die Marine will sechs dieser unbemannten Hubschrauber sowie drei "Bodensegmente" zur Steuerung anschaffen. Angeblich ist die Entscheidung für Systeme der österreichischen Firma Schiebel gefallen. Deren "Camcopter" wurde bereits 2008 mit über 130 Starts und Landungen auf Korvetten der Marine getestet. In Deutschland werden die auch nach Libyen exportierten "Camcopter" vom Rüstungskonzern Diehl BGT Defence aus Überlingen vertrieben.

Neben Infrarot- und Videokameras können die "Camcopter" mit Bodenradar, hochauflösendem Synthetik Apertur Radar, Gas- und CO2-Detektoren oder Lautsprechern ausgerüstet werden. Fotos zeigen die Bestückung der Schiebel-Drohnen mit Raketen. Die Firma dementiert eine beabsichtigte Bewaffnung jedoch.

Die teuerste neue Beschaffungsmaßnahme betrifft allerdings die Drohnen für mittlere Flughöhe, aber großer Reichweite ("Medium altitude long endurance", MALE). Deutsche Militärs fordern vehement hochtechnisierte Spionageflugzeuge zur "Sicherstellung abbildender Aufklärung bis in die Tiefe des Einsatzgebietes". Weil derartige Systeme zur "echtzeitnahen Übermittlung" von Aufklärungsergebnissen nicht am Markt verfügbar waren, wurde auf eine Zwischenlösung zurückgegriffen.

Hierfür hatte die Bundeswehr vorübergehend das unbemannte Aufklärungssystem "Heron" 1 geleast, das von der israelischen Firma Israel Aerospace Industries (IAI) gefertigt wird. 36 Soldaten wurden für die militärischen Flugroboter als "Luftfahrzeugführer unbemannter Luftfahrzeuge" in einem Lehrgang geschult. Für die Bedienung der Steuerung am Boden kommen 25 "Sensorbediener" hinzu. Die Ausbildung gehört zum Leasingvertrag mit IAI und wurde in Tel Aviv absolviert.

"Sensitive Operationen unter Beteiligung von Spezialkräften"

Die "Heron" sind mit Infrarot- und Radarsensoren ausgestattet. Denkbar sind Einsätze auch innerhalb städtischer Ballungsräume, die bei Militärs als "Military Operations in Urban Terrain" (MOUT) bezeichnet werden. Laut dem Bundesverkehrsministerium seien die Aufklärungssysteme für "derartige Einsätze" grundsätzlich geeignet. Neben der Lieferung von Aufklärungsdaten könnten die Drohnen "mittels eines Laserstrahls Ziele am Boden beleuchten".

Die israelischen Drohnen sollen helfen, eine "Fähigkeitslücke" deutscher Militärs zu schließen. Die Luftwaffe wünscht sich perspektivisch ein "System zur Abbildenden Aufklärung bis in die Tiefe des Einsatzgebietes" (SAATEG). Die Bundeswehr setzt in Afghanistan auf einen "taktischen Vorteil" durch den Informationsvorsprung unbemannter Luftaufklärung. Laut der Hauspostille Hardthöhenkurier ist bereits bei der Planung von Operationen die "Verfügbarkeit unbemannter luftgestützter Sensorträger" ein entscheidendes Kriterium zur grundsätzlichen Durchführbarkeit. Dies gelte auch für "sensitive Operationen unter Beteiligung von Spezialkräften".

Der Vertrag mit Israel Aerospace Industries ist bis Oktober 2012 terminiert. Jetzt erklärt die Bundesregierung aber, dass sich die Beschaffung der "Anfangsausstattung" des SAATEG-Systems bis 2014 verzögert. Deshalb würde der Dienstleistungsvertrag mit Israel Aerospace Industries für die "Heron"-Drohnen "zu verlängern sein".

Heron-Drohne, ILA 2010. Bild: ILA-boy/CC-Linzenz Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Die Versorgungslücke des Marktes mit europäischen Langstreckdrohnen soll bis 2014 geschlossen sein. Die dann von der Bundeswehr endgültig beschafften Systeme sollen sofort einsatzbereit sein. Damit will Deutschland offenbar den Vorsprung anderer Länder aufholen, deren Luftwaffe teilweise bereits über Kampfdrohnen verfügt. Italien fliegt etwa sechs Predator-Drohnen, die zur Aufklärung auch über Libyen eingesetzt waren.

Letzte Woche hatten England und Frankreich eine Erklärung zur gemeinsamen Rüstungspolitik verabschiedet, die insbesondere mehrere Drohnen-Vorhaben festschreibt. Die beiden Hersteller Dassault-Aviation in France und BAE Systems wollen in einer gemeinsamen Studie technische und wirtschaftliche Herausforderungen untersuchen. Frankreich will zudem die israelische "Watchkeeper"-Drohne testen, die in Großbritannien seit Jahren im Einsatz ist. Doch die beiden Regierungen wollen vor allem im Bereich von Kampfdrohnen einen entscheidenden Schritt vorankommen: Nächstes Jahr ist der Beginn eines "Future Combat Air System Demonstration Programmes" geplant, das Konzepte für Einsätze mit "hohen Bedrohungslagen" entwerfen soll. Wieder sollen BAE und Dassault federführend sein.

Gemauschel bei der Stationierung auf Sizilien

13 Nato-Mitgliedsstaaten sind zudem in der Beschaffungsphase des Programms "Alliance Ground Surveillance" (AGS) beteiligt. Für die Luftaufklärung unter dem Motto "Eyes in the Sky for Boots on the Ground" sollen für drei Milliarden Euro mehrere Langstreckendrohnen nebst Funksystemen und Bodenstationen angeschafft werden, die dann auf dem italienischen Luftwaffenstützpunkt Sigonella auf Sizilien stationiert werden sollen. Den Zuschlag bekam wieder der US-Hersteller Northrop Grumman für Drohnen des Typs "Global Hawk".

"Erste Fähigkeiten" des Nato-Aufklärungsverbandes sollen ab 2018 verfügbar sein. Auch hier will Deutschland mitmischen. Laut Bundesverkehrsministerium wird darüber hinaus beabsichtigt, "die geringe Stückzahl" des Nato-Verbandes "durch eine interoperable nationale Beistellung" zu ergänzen. Die Formulierung lässt offen, ob die Langstreckendrohnen der Bundeswehr in diesem Falle unter Nato-Kommando stehen oder Deutschland sich mit selbst befehligten Aufklärungskapazitäten profilieren will. Womöglich müsste die Bundesregierung hierfür in Italien die Erlaubnis zur Stationierung ihrer weiteren Drohnen mit mittlerer Flughöhe, aber großer Reichweite einholen.

Seit 2008 haben die USA bereits eigene "Global Hawks" in Sigonella stationiert, die vermutlich einen wesentlichen Beitrag zur Luftaufklärung im Libyen-Krieg leisteten. Womöglich sind auch die jetzt über Syrien eingesetzten Drohnen aus Sigonella gestartet.

Die Genehmigung zur Stationierung der US-Spionagedrohnen wurde damals von Premierminister Silvio Berlusconi persönlich erteilt. Dass er damit die eigene Bevölkerung gegen sich aufbrachte, war ihm wohl bewusst: Das italienische Militär bat den US-Botschafter ausweislich eines geleakten Botschaftsprotokolls, die bereits übermittelte Entscheidung noch bis nach den Wahlen in Italien geheim zu halten.

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