Urbane nachhaltige Mobilität

26.02.2012

In der baskischen Kleinstadt Hernani wird das erste spanische Elektro-Motorrad gebaut, während im baskischen Hochland ein Elektroauto entsteht

"Es ist ein urbanes Fahrzeug und richtet sich an Benutzer mit einem ökologischen Bewusstsein", erklärt Iñaki Santillana stolz. Er zeigt in den Verkaufsräumen von "La Factory" im baskischen Seebad Donostia-San Sebastian auf den ersten elektrischen Maxi-Scooter mit dem Namen LEMev Stream "Made im Baskenland" der nun verkauft wurde. Der Marketingchef des Familienbetriebs mit dem baskischen Namen "Luma", was übersetzt "Feder" heißt, erklärt, dass damit das erste Elektro-Motorrad aus "Spanien" auf dem Markt ist. Federführend treibt Luma seit fünf Jahren die Idee voran. Die Firma und füllt eine Marktlücke, "in der sich die großen Anbieter zurückhalten", sagt Santillana. Man braucht viel Unternehmungslust und viel Idealismus, um sich mit einer Firma, die bisher 28 Beschäftigte hat, in einen solchen "Schlamassel" zu stürzen.

Der Autor Ralf Streck auf dem LEMev. Bild: Edurne Arruti

In der Kleinstadt Hernani, acht Kilometer vom der kulinarischen Hochburg Donostia entfernt, werden die Motorräder nun produziert und stehen zum Verkauf. "Für die urbane Mobilität braucht man heute keine Benzinmotoren mehr", sagt er. Wer sich täglich in der Stadt oder im näheren Umland bewegt, für den sei Elektromobilität längst die Gegenwart. Luma, die vor allem Schlösser für Zweiräder herstellen, konnte neben der langjährigen Kooperation mit LEM, die Helme und Motorradzubehör bauen, auch auf zwei weitere baskische Firmen bauen.

"Inmotec" war an der Konstruktion des Motorrads beteiligt. Die Firma aus Pamplona konstruiert eigene Renn-Motorräder. Sie entwickelte 2009 das erste GP-Motorrad und nahm damit im vergangenen Jahr an der Weltmeisterschaft teil. Der Europameister im Superstock Iván Silva ist Probefahrer von Inmotec und hat auch das Elektro-Motorrad auf Herz und Nieren geprüft. Für das Design war die vielfach ausgezeichnete baskische Firma dhemen zuständig. Sie hat ihren Sitz im Küstenort Orio, der nur wenige Kilometer von Hernani entfernt ist. Da "hemen" übersetzt hier bedeutet kann man den Firmennamen als "von hier" übersetzen.

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Die vielfältige Struktur in der baskischen Provinz Gipuzkoa hat das Projekt erst möglich gemacht, weil das Know-how im engen Umfeld vorhanden ist. Die Regionalregierung, der Hochburg der baskischen Unabhängigkeitsbewegung, hat das Motorrad-Projekt genauso unterstützt wie die baskische Regionalregierung in Gasteiz-Vitoria. Die Stadt trägt gerade den EU-Titel "Grüne Hauptstadt Europas". Finanzielle Hilfen bekam das Projekt aber bisher auch vom Industrieministerium in Madrid. Über die Subvention des Plan Movele, zur Förderung der Elektromobilität, wird der Verkauf subventioniert. Statt 5350 Euro kostet der LEMev Steam bei La Factory nur 4216 Euro und Josu Hans Alberdi ist stolz, gerade das erste Modell verkauft zu haben, das nun auch in Pamplona, Barcelona, Madrid und Saragossa verkauft wird.

Alberdi streicht die Vorteile des Scooters heraus. Die Lithium-Ionen-Akkus seien leichter als die Blei-Batterien eines anderen Elektromodells, das die Firma verkauft. Die Reichweite sei deutlich höher. "Das Interesse am LEMev ist enorm", sagt der Baske dessen Mutter einst aus Deutschland einwanderte. Zwar schrecke in Krisenzeiten der relativ hohe Preis viele ab, doch er weist darauf hin, dass bei derzeitigen Strom- und Spritpreisen 100 Kilometer auf dem Elektro-Motorrad nur 63 Cent kosten. Bei einem vergleichbaren Benzinmodell seien es 5,5 Euro. "Wegen deutlich geringer Wartungskosten ist der Gesamtpreis in sechs Jahren bei einer Fahrleistung von 8000 Kilometern im Jahr amortisiert."

Josu Hans LEMev. Bild: R. Streck

Er weist darauf hin, dass die Batterien dazu dienen, die Windenergie zu speichern und bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 20 Jahren weiterverkauft werden können. Die Region benötigt dringend Speicherkapazitäten. In Navarra wird schon seit vielen Jahren der überwiegende Teil des gesamten Energiebedarfs über erneuerbare Energien gedeckt (Spanien will Atomkraft in Europa erhalten) . Windräder müssen hier oft abgeschaltet werden, weil es keine Abnehmer für den Strom gibt. Da die recycelbaren Akkus 2000 Ladezyklen aushalten, können sie etwa 20 Jahre genutzt werden. Für viele hier sei schon heute ein Scooter auf überfüllten Straßen das Fahrzeug der modernen urbanen Mobilität. Da die Batterien des LEMev Stream für 80 Kilometer reichen und das Motorrad eine Spitzengeschwindigkeit von 105 Stundenkilometern erzielt, sei er das perfekte Gefährt für den umweltbewussten urbanen Menschen.

Dass das Projekt ausgerechnet im Baskenland reifen konnte, ist kein Zufall. An vielen Ort wird in der Region, zu der die Basken auch die Provinz Navarra und drei Provinzen in Frankreich zählen, an Zukunftstechnologien gearbeitet. Anders als in Spanien üblich, gibt es hier eine moderne Industriestruktur und viel unternehmerischer Geist. Es ist den Basken, vor allem über ihr eigenes Finanzierungssystem gelungen, die Konversion weg von einer auf Minen, Hochöfen und Schiffbau geprägten Struktur zu schaffen. Die relative Unabhängigkeit von Madrid machte die eigene und gezielte Projektförderung möglich.

Dass man damit besser durch die Krise kommt, wird im Baskenland mehr als deutlich. Die Verschuldung ist im Baskenland niedrig und die Arbeitslosigkeit nicht einmal halb so hoch wie im spanischen Durchschnitt. Gipuzkoa, wo Luma nun die ersten 25 Motorräder baut, hat die niedrigste Quote im ganzen Staat (Der Arbeitsmarkt in Spanien stürzt ab). Verantwortlich sind dafür vor allem die großen Genossenschaften, die in Mondragon (MCC) zusammengeschlossen sind. Sie entstammen aus der Zeit unter der Franco-Diktatur, in der die Kooperativen Selbstverwaltung, soziales und solidarisches Handeln ausgerechnet in der Diktatur vorangetrieben haben. Deshalb führt MCC noch heute "Mondragon" im Namen, obwohl sich der Sitz in der Kleinstadt Arrasate befindet. Der eigentliche Name war unter Franco bis 1975 verboten.

Heute ist MCC ist der größte Kooperativenverband weltweit und betreibt neben einer eigenen Universität auch verschiedene Forschungszentren. MCC ist nicht nur an der Fertigung von Solarmodulen und Windrädern beteiligt, sondern arbeitet im "Innovationpol Garaia" auch an einem eigenen Elektroauto. Da verschiedene Einzelkooperativen längst als Zulieferer im Automobilbau tätig sind, wurde schon Mitte 2010 die Idee geboren, ein eigens "City Car" zu bauen. Mit "Zeus" ist bereits ein Prototyp entstanden () und auch dieses Projekt reiht sich in Vorstellungen einer nachhaltigen Entwicklung des Baskenlands und einer nachhaltigen Nutzung von Ressourcen ein. Der Kreislauf von Stromerzeugung, Speicherung und Mobilität soll damit nachhaltig geschlossen werden.

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