Larve und Schmetterling

22.02.2012

Was besagen Gaucks Stasi-Akten?

Joachim Gauck, der wahrscheinliche neue Bundespräsident, wurde 1940 als Sohn eines Seekapitäns geboren, studierte Theologie und trat 1971 eine Pfarrersstelle in Rostock an. 1989 arbeitete er beim (später in den Grünen aufgegangenen) Neuen Forum mit, was ihm auch das (noch heute von Medien gern verwendete) Prädikat "Bürgerrechtler" einbrachte. Im Herbst 1990 wurde Gauck Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Dort war er für eine Vielzahl von Informationen zuständig, die das Ministerium für Staatssicherheit im Laufe von 40 Jahren über alle möglichen Personen gesammelt hatte.

Weil Gauck in der DDR unter anderem als Kirchentagsleiter auftrat, ist wenig verwunderlich, dass auch Akten existieren, in denen über ihn selbst geschrieben wurde. Nun gibt es Gerüchte, dass Teile dieser Akten mittlerweile verschwunden sind. Beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BUStA) verweist man auf die Möglichkeit der Einsichtnahme in vorhandene Akten und will Fragen zu möglichen verschwundenen nicht beantworten. Auch der Verein Gegen Vergessen - Für Demokratie, der als offizielle Anlaufstelle für alle Anfragen an Gauck fungiert, blieb bislang eine Stellungnahme dazu schuldig.

Peter-Michael Diestel und Joachim Gauck in der DDR-Volkskammer (1990). Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0928-019 / Grimm, Peer / CC-BY-SA.

In einer dieser Akten, auf die der ehemalige DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel vor zwölf Jahren ausführlich in einem Zeitungsartikel einging, soll ein Gespräch zwischen Gauck und einen MfS-Hauptmann T. vom 28. Juli 1988 enthalten sein, in dem der Pfarrer den Stasi-Namen "Larve" trägt. Darin bescheinigt T. "Larve" angeblich ein "gutes Verhältnis" zur Stasi und schlägt ihn als "IM-Kandidaten" vor. "Larve" soll T. gegenüber nämlich eine "Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Ökologie" angeboten und gemeint haben, das MfS könne "einen echten positiven Beitrag zur Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft einbringen".

Diestel hat Gauck Fragen dazu gestellt, von denen der Rostocker angeblich keine konkret beantwortet, sondern stattdessen nur "abgewiegelt" hat, dass ihn die Stasi-Unterlagen "als Opfer und nicht als Täter" auswiesen. Dem will der Rechtsanwalt unter anderem deshalb nicht zustimmen, weil Gauck seiner Ansicht nach in anderen Fällen ganz andere Maßstäbe als bei ihm selbst an den Tag gelegt haben soll.

"Schwere Zweifel", ob der "Herr der Stasi-Akten" unbelastet genug ist, äußerte im April 1991 auch Bodo Hauser in der ZDF-Sendung Studio 1. Hintergrund waren unter anderem Vorwürfe über Schlamperei und Aktenverkauf. Hauser kritisierte damals zwar, Gauck habe "seine persönlichen Unterlagen im Rostocker Stasi-Bezirksarchiv stundenlang allein eingesehen", schreckte aber vor einem offenen Manipulationsvorwurf zurück. Allerdings fragte er sich öffentlich, warum zwei von Gaucks Kindern 1987 im besten arbeitsfähigen Alter in den Westen ausreisen durften, was DDR-Normalbürgern zu dieser Zeit häufig verwehrt wurde. Ein Stasi-Oberst erklärte, solche Vergünstigungen später damit, dass man Gauck habe werben wollen, was aber nicht gelang.

Dem ZDF sagte Gauck 1991, er sei "nie IM gewesen". Im nicht gesendeten Teil der Aufnahmen soll er außerdem die Auffassung geäußert haben, es sei eine "Zumutung, sich mit solchem Müll überhaupt beschäftigen zu müssen". Dem Spiegel versicherte er sogar, es habe nicht einmal eine "Versuchung" gegeben, als IM zu agieren und seine Akte sei eine reine "Opferakte". Und an anderer Stelle meinte er, die Vorwürfe gegen ihn wären "klassische Stasi-Strategie".

Obwohl Gauck 1990 von einer CDU-dominierten Volkskammer zum Sonderbeauftragten für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der DDR gewählt wurde und heute als Konsenskandidat von CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen gilt, kamen die Vorwürfe gegen ihn damals besonders von konservativer Seite. Das lag unter anderem an den merkwürdigen Umständen, unter denen Informationen über den damaligen CDU-Spitzenpolitiker Lothar de Maizière in die Medien gelangten. Der musste trotz Dementis Abschied von seiner Karriere nehmen, als der Verdacht laut wurde, dass er unter dem Decknamen "IM Czerny" mit dem MfS zusammengearbeitet hat.

Der Hugenotte de Maizière, ein Onkel zweiten Grades des heutigen Verteidigungsministers, war als Vorsitzender der Blockpartei CDU vom 12. April bis zum 2. Oktober 1990 Ministerpräsident der DDR. Danach wurde er Bundesminister für besondere Aufgaben im Kabinett Kohl. Innenminister in de Maizières Kabinett war Peter-Michael Diestel, der im Juni 1990 von der Neugründung Deutsche Soziale Union (DSU) in die CDU wechselte. Seit 1994 erregt der Rechtsanwalt vor allem durch die Verteidigung von Personen Aufsehen, die in den Verdacht gerieten, mit dem MfS zusammengearbeitet oder als Sportler gedopt zu haben.

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