Ist Mexiko ein Kriegsgebiet?

24.02.2012

In einem einzigen Bundesstaat Mexikos werden mehr Menschen als in Afghanistan getötet

Wird in Mexiko Krieg geführt? Ist der vom mexikanischen Präsidenten Calderon nach seinem Amtsantritt 2006 begonnene "Krieg gegen die Drogen" nur eine Metapher? Wie sieht eigentlich Krieg aus, wenn beispielsweise Mexiko und Afghanistan verglichen werden, auch wenn man in Afghanistan gerne das Wort Krieg vermeiden und lieber von Stabilisierungsoperation oder ähnlichem sprechen will?

Nach dem Konfliktbarometer des Heidelberger Instituts für Konfliktforschung fanden im letzten Jahr 20 Kriege statt, so viele wie noch nie seit 1945. Der arabische Frühling ist u.a. dafür verantwortlich, weil hier in Libyen, Syrien und Jemen Kriege ausgebrochen sind. 6 Kriege wurden nach dem Institut weiter mit gleicher Intensität im Irak, in Afghanistan, Sudan, Pakistan, Somalia und in Mexiko. Obgleich in großen Teilen Mittelamerikas die Gewalt vor allem aufgrund des Drogenhandels hoch ist und in Honduras mit 87 pro 100.000 Einwohnern vier Mal so viele Menschen gewaltsam getötet werden wie in Mexiko und auch El Salvador oder Guatemala deutlich mörderischer ist (Honduras ist zum mörderischsten Land der Erde geworden), wird nur Mexiko als Land in Lateinamerika aufgeführt, in dem ein Krieg herrscht. Begrenzte Kriege werden in Kolumbien und Mexiko geführt. Auch in Honduras, in El Salvador oder in Guatemala wurde wie in Mexiko das Militär zur Bekämpfung der Kriminalität eingesetzt.

Geht man nach der Zahl der Getöteten, so sterben in Afghanistan weniger Menschen eines gewaltsamen Todes als in einem einzigen Bundesstaat Mexikos, nämlich in Chihuahua. Der flächenmäßig größte Bundesstaat Mexikos mit 3,5 Millionen Einwohnern liegt an der Grenze zu den USA. Das macht ihn zur Transitzone von Drogen und Migranten. An der Grenze liegt auch Ciudad Juarez, die tödlichste Stadt Mexikos und eine der gefährlichsten Städte der Welt.

Afghanistan hat etwa 30 Millionen Einwohner und ist doppelt so groß wie Chihuahua. In Afghanistan sind derzeit noch 130.000 Isaf-Truppen stationiert, die das Land gegen die Taliban und andere Aufständische sichern und den Wiederaufbau ermöglichen sollen, noch werden Polizei und Militär aufgebaut und ist die Zentralregierung ohne Unterstützung der Isaf gefährdet. Das Land ist weltweit größte Produzent von Opium und überdies, wenn auch in geringerem Ausmaß, von Cannabis, der Rauschgifthandel macht einen guten Teil des Bruttoinlandsprodukts aus.

Ebenso wie in Mexiko gibt es daher mächtige Drogenorganisationen und eine organisierte Kriminalität. Die staatliche Macht ist in vielen Regionen nicht nur wegen der Taliban, sondern eben auch wegen des lokalen Einflusses der Drogen- und Warlords und der herrschenden Korruption schwach. Es könnte sein, dass die ausländischen Truppen, die nicht in die vorhandenen korrupten und kriminellen Strukturen eingebettet sind, das Land trotz einer schwachen Zentralregierung stärker stabilisieren können, als dies in Mexiko der Fall ist, wo die Korruption und der Einfluss der organisierten Kriminalität ebenfalls weit in die Behörden und Sicherheitskräfte hineinreicht.

Auch nach den vermutlich zu niedrig angegebenen Zahlen der mexikanischen Regierung sind zwischen Januar und September 2011 in Chihuahua 2.276 Menschen, in Juarez alleine 1.206, getötet worden. In ganz Mexiko waren es fast 13.000 bis September, im Bundesstaat Chihuahua wurden am meisten Menschen getötet. In Afghanistan wurden nach einem Bericht des Congressional Research Service, der sich auf Zahlen von UNAMA stützt, hingegen 2.262 Zivilisten zwischen Januar und November 2011 getötet, die meisten durch Angriffe und Anschläge der Aufständischen. In Chihuahua war damit die Wahrscheinlichkeit, ermordet zu werden, um das Neunfache höher als in Afghanistan. Während im Bundesstaat Chihuahua 67 Menschen pro 100.000 in Verbindung mit Drogen getötet wurden, waren es in Afghanistan 7 Zivilisten pro 100.000.

Nach dem UNAMA-Bericht für das Jahr 2011 sind insgesamt 3021 Zivilisten in ganz Afghanistan getötet worden. Die Zahlen für Chihuahua für ganz 2011 liegen noch nicht vor, so dass absolut vielleicht doch mehr Menschen in Afghanistan als in Chihuahua getötet wurden. Obgleich ein Vergleich der Zahlen schwierig ist, da nicht alle Todesfälle registriert und manche falsch zugeordnet werden, macht er doch deutlich, wie hoch die Gewalt in einem Land wie Mexiko sein kann, in dem offiziell kein Krieg geführt wird, in dem auch kein Bürgerkrieg herrscht, selbst wenn vom Krieg gegen die Drogenkartelle gesprochen wird, und das noch kein failed state ist. Die meisten Toten sind nicht Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und Drogenkartellen geschuldet, sondern den Kämpfen zwischen den Drogenkartellen, die aber auch brutale Massenmorde ausführen und gezielt Politiker, Journalisten und andere störende Personen exekutieren.

Seit Dezember 2006, als Präsident Calderon die Truppen zur Bekämpfung der Drogenkartelle einzusetzen begann, von den 200.000 mexikanischen Soldaten werden dazu etwa 50.000 verwendet, sind mehr als 47.000 Menschen im Drogenkontext ermordet worden, dagegen wurden von 2007 bis Oktober 2011 in Afghanistan mit 11.000 Zivilisten weniger als ein Viertel getötet. Auch wenn man die bei Kämpfen getöteten afghanischen Soldaten (1.933) und Polizisten (3.843) sowie die Todesopfer der Isaf-Truppen (566) hinzurechnet, liegt die Zahl der Toten deutlich niedriger.

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