Deutschland kriegt einen Präsidenten, den keiner wollte

23.02.2012

Die Linkspartei überlegt, Nazijägerin Klarsfeld als Gegenkandidatin zu nominieren, und verpasst damit die Chance, anstatt der deutschen Vergangenheit die Zukunft zu thematisieren

Die Linkspartei, von den staatstragenden Parteien bei der Entscheidung über den Bundespräsidenten ins Eckchen gestellt, ist in einem Dilemma. Sie kann Gauck nicht mittragen. Und nachdem der von einigen Linken und den Piraten ins Spiel gebrachte Georg Schramm sich nicht verheizen lassen will (Georg Schramm gibt Erklärung ab), wird es auch schwierig, bei der Bundesversammlung gegen Gauck zu stimmen. Auch die NPD lehnt Gauck ab, so dass dann die Linke mit der NPD im gleichen Boot säße.

Noch immer versucht die Republik sich die Entscheidung der Parteioberen schönzureden und gegen die böse Internetgemeinde aufzutreten, die am neuen Bundespräsidentenkandidaten herumzumäkeln beginnt. Manche stellen dies als eine Art Frechheit dar, als ob das Volk stillschweigend zu akzeptieren habe, wer ihm da als neuer Präsident vorgesetzt wird. Man wehrt sich nun gegen allzuviel Kritik und das auch noch, bevor Gauck überhaupt Präsident wird. Eine eigenartig undemokratische Haltung, die sich auch manche Medien zu eigen machen.

Dabei ist Gauck eigentlich der Liebling von keinem derjenigen, die ihn nun mit einem grotesken Schauspiel ins Amt bringen werden. SPD und Grüne müssen gute Miene zum bösen Spiel machen, schließlich war der konservative Pfarrer, der aus seiner Geschichte heraus verständlich für "Freiheit" und Kapitalismus eintritt, einmal der Gegenkandidat, um Schwarz-Gelb herauszufordern. Ausgerechnet die FDP hat sich wagemutig getraut, Gauck zu nominieren und dies bei der Union durchzusetzen, um sich zu profilieren, wohl wissend, dass Rot und Grün mitmachen müssen und die Union nicht wirklich ausscheren kann. Und Gauck, der die Freiheit verkündet, ist eitel genug gewesen, das taktische Spiel mitzumachen, das allerdings von Merkel vorbereitet wurde, indem sie die Linkspartei vom angeblichen überparteilichen Entscheidungsprozess von vorneherein ausschloss.

Jetzt müssen also alle mit einem Bundespräsidenten leben, der in diesem Jahr Niemandes Wunschkandidat, aber angeblich der Präsident der "Herzen" war, also der emotional Getriebenen. Und realistisch muss auch die Linkspartei sich mit ihrer Ablehnung von Gauck positionieren, ohne sich noch weiter ins Aus zu manövrieren. Offenbar scheint man nun, um der Vereinigung mit der NPD zu entgehen, mit dem Gedanken zu spielen, die Naziverfolgerin Beate Klarsfeld als Gegenkandidatin aufzustellen, die selbst nicht abgeneigt zu sein scheint, mit diesem Spiel mitzumachen. Sicher ist Klarsfeld, die 1968 den damaligen Bundeskanzler und ehemaligen NSADAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger ohrfeigte, eine Person, die nicht mit einer Partei liiert ist, die eine dezidierte Haltung und eine Botschaft hat.

Aber, mein Gott. Mit Gauck und Klarsfeld würden gleich zwei Menschen ins Feld geschickt, die tief in der deutschen Vergangenheit verwurzelt sind, aber wenig mit der Gegenwart und Zukunft zu tun haben. Im Nachhinein scheint der "junge" Wulff ein Versuch gewesen zu sein, den Muff der Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen und neue Wege zu gehen. Leider war der Machtverliebte und Beziehungsfreund dazu nicht wirklich in der Lage. Anstatt aber nun einer auf der Höhe der Zeit stehenden, der Zukunft zugewandten Person eine Chance zu geben, versagt auch die Linkspartei, die eigentlich nichts zu verlieren hat. Ob der von einigen in der Piratenpartei favorisierte Schramm in der Tat als Alternative geeignet gewesen wäre, ist fraglich. Scharfe Kritiker sind nicht unbedingt Menschen, die Wege in eine andere Zukunft aufzeigen und schmackhaft machen können.

Gibt es denn wirklich niemanden in Deutschland unter 70 Jahren, der oder die keiner Partei angehört und etwas zu sagen hat, ohne in die alten Kämpfe und Geschichten verwickelt zu sein? Und, nebenbei, Schande über all die, die nun aus Parteiräson dulden, dass die Merkelsche Alternativenlosigkeit herrscht. Noch hätte die Linkspartei die Möglichkeit, aus dem deutschen Trauerspiel auszuscheren und einen Akzent zu setzen.

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