Angeblicher Anschlag auf Putin - nur ein PR-Trick?

Ulrich Heyden 28.02.2012

Eine Woche vor den Präsidentschaftswahlen enthüllt der staatliche russische Fernsehsender Pervi Kanal, wie angeblich Feinde Russlands in London und im Kaukasus einen Anschlag auf Wladimir Putin vorbereiteten

Die beiden jungen Männer, die am Montag in den Nachrichtensendungen des Pervi Kanal (Erster Kanal) vorgeführt wurden, wirkten intelligent. Sie überraschten durch ihre ausführlichen Geständnisse, mit denen sie angeblich ihre Auslieferung nach Russland verhindern wollten.

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Hauptverdächtiger Adam Osmajew. Screenshot aus einem Video von 1TV.ru

"Die Deadline" für den Anschlag auf Putin war die Zeit "nach den Präsidentschaftswahlen", sagt der am 4. Februar in Odessa verhaftete Tschetschene Adam Osmajew, der jetzt in einem ukrainischen Untersuchungsgefängnis einsitzt, in einem Exklusiv-Interview gegenüber dem russischen Fernsehkanal. Auch der zweite Verhaftete, Ilja Pjansin aus Kasachstan, bekennt sich in einem Vernehmungsvideo zu dem Ziel, Putin zu töten.

Wie der Fernsehkanal berichtet, hätten die beiden Männer auf Anweisung von Doku Umarow, dem Führer des "Kaukasischen Kalifats", gehandelt. Der Tschetschene Umarow hatte in den vergangenen Jahren die Verantwortung für mehrere blutige Anschläge in Moskau übernommen.

Putins Pressesprecher bestätigt den Anschlagsplan

Dmitri Peskow, der Pressesprecher des russischen Ministerpräsidenten, bestätigte, dass ein Anschlag verhindert wurde, wollte sich zu Details jedoch nicht äußern. Auch der russische Inlandsgeheimdienst FSB wollte zu dem Fernsehbericht nicht Stellung nehmen. Der Leiter des Kreml-Wachdienstes, FSO, Sergej Dewjatow, erklärte, die russischen Geheimdienste hätte bereits im Januar Informationen über mögliche Terrorakte gegen führende Politiker des Landes erhalten.

Der verdächtigte Terrorist Ilja Pjansin aus Kasachstan und der Tschetschene Ruslan Madajew waren laut dem russischen Fernsehbericht aus den Arabischen Emiraten über die Türkei in die Ukraine eingereist. Der dritte Mann in der Gruppe, Adam Osmajew, wird in dem Fernsehbericht als Instrukteur vorgestellt. An der Buckingham-Universität in London habe sich der Wirtschaftsstudent angeblich für das Bombenbauen interessiert. An der Themse habe Osmajew auch aus Tschetschenien geflüchtete Kämpfer kennengelernt. Ein Erdversteck mit Sprengstoff in Moskau, über das der Terrorist in einem Verhör ausgesagt habe, sei jetzt von Geheimdienst-Experten im Osten Moskaus entdeckt worden, nicht weit von der Straße, wo Putin zur Arbeit fährt.

Panzerminen gegen Putin?

In dem Notebook von Osmajew fand man laut Fernsehbericht mehrere Videos von dem Auto-Konvoi, der Putin durch Moskau zum Sitz der Regierung begleitet und an manchen Abzweigungen das Tempo verlangsamen muss. Osmajew erklärte, man habe Putin mit Panzerminen umbringen wollen, möglicherweise sollte aber auch ein Selbstmordattentäter in Aktion treten.

Für eine Selbstopferung hatte sich angeblich der dritte Mann in der Gruppe, der Tschetschene Ruslan Madajew bereit erklärt. Der war jedoch am 4. Januar, beim Hantieren mit einer Bombe in einer konspirativen Wohnung in Odessa getötet worden. Die Explosion, bei Ilja Pjansin verletzte wurde, hatte den ukrainischen Geheimdienst SBU auf die Spur der Terror-Gruppe gebracht. Bei den weiteren Ermittlungen hatte der SBU dann eng mit dem russischen FSB zusammengearbeitet.

Osmajew war bereits 2007 in Moskau verhaftet worden, weil er verdächtigt wurde, an einem Sprengstoffanschlag auf den tschetschenischen Präsidenten, Ramsan Kadyrow, teilgenommen zu haben. Er wurde dann zwar mangels Beweisen freigelassen, später aber von den russischen Behörden zur internationalen Fahndung ausgeschrieben.

Auf einer Liste der politischen Gefangenen, welche von der russischen Website Politzeky.ru geführt wird, taucht auch der Name Osmajew auf, ein Fakt, welchen der Fernsehsender nicht vergisst zu erwähnen, wirft das doch kein gutes Licht auf die russische Protestbewegung, welche die "Freilassung aller politischen Gefangenen" fordert.

Wladimir Putin will wieder Präsident werden. Bild: premier.gov.ru

Zweifel unter Journalisten

In Moskauer Journalistenkreisen gibt es erhebliche Zweifel an dem angeblich vereitelten Anschlag auf Putin. Die zeitliche Nähe der Nachricht zu den Präsidentschaftswahlen reizt die Kommentatoren zu Spekulationen und Ironie. So meinte etwa Ilja Ber, Kommentator der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Novosti, es wäre von einem Wahlkampfstab wohl zu viel verlangt, die Nachricht über den vereitelten Terroranschlag auf den Präsidentschaftskandidaten solange geheim zu halten, bis die Wahlen vorbei sind. Und mit ironischem Unterton: Es sei nun mal normal, dass jeder Kandidat versucht, aus einer Nachricht den größten persönlichen Nutzen zu ziehen.

Derartige Spekulationen wurden von Präsidentschaftskandidat Sergej Mironow, der sich früher einmal als Freund von Putin bezeichnete, zurückgewiesen. "Man konnte so etwas erwarten und natürlich schlafen die Untergrundbanden, die Terroristen nicht. Die Destabilisierung der politischen Situation im Land ist für sie nützlich", meinte Mironow, der auch Vorsitzender der Partei Gerechtes Russland ist. Doch der Präsidentschaftskandidat gestand ein, dass man den Fall wohl "extra" erst jetzt, eine Woche vor den Wahlen, öffentlich gemacht habe. Etwas Unanständiges fand Mironow daran offenbar nicht. Ganz im Gegensatz zum dem Präsidentschaftskandidaten und Ultranationalisten Wladimir Schirinowski, der sich im Wahlkampf sehr Kreml-kritisch gibt und erklärte, die Nachricht über den Terroranschlag habe man jetzt veröffentlicht gemacht, um bei den Wählern Mitleid für Putin auszulösen. Präsidentschaftskandidat und KP-Chef Gennadi Sjuganow, sprach von einem "Trick, der schlecht riecht".

Der ehemalige Chef des russischen Inlandgeheimdienstes FSB und jetzige Duma-Abgeordnete Nikolai Kowaljow behauptete, der Führer des islamistischen Untergrunds im Nordkaukasus, Doku Umarow, habe Terroraktionen gegen friedliche Menschenansammlungen jetzt verboten, "weil ihm die jetzige Entwicklung in Russland gefällt". Damit wird nahegelegt, dass die islamistischen Terroristen im Nordkaukasus und die Protestbewegung für "echte Wahlen" in Moskau ein Ziel haben: die Destabilisierung Russlands.

Angeblich schon zwölf Anschläge auf Putin

Der Präsident der Veteranen-Organisation der Anti-Terror-Einheit Alpha, Sergej Gontscharow, meinte gegenüber dem Radio-Sender Echo Moskau, es habe in den letzten Jahren schon zwölf Meldungen über Anschläge auf Putin gegeben. "Es waren praktisch alles Nachrichten für PR-Kampagnen." Der Kreml-Wachdienst FSO, der Putin beschützt, sei "einer der besten der Welt". "Dilettanten" seien gegen diesen Dienst machtlos.

Etwas Mitleid könnte Putin schon gebrauchen, hat er es in diesem Wahlkampf wegen der Protestbewegung und der schwierigen wirtschaftlichen Situation doch schwerer als 2004, als der damalige Präsident wegen einer positiven Entwicklung der Wirtschaft mit 71 Prozent wiedergewählt wurde. Am Sonntag bekommt Putin nach Umfragen zwischen 53 und 66 Prozent der Stimmen.

Die Nähe des angeblichen geplanten Terroranschlags zur Präsidentschaftswahl förderte auch deshalb Spekulationen, weil es vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 Explosionen in russischen Wohnhäusern gegeben hatte, bei denen 300 Menschen starben. Damals sollen Tschetschenen die Bomben gelegt haben, was Kreml-Kritiker in Zweifel zogen. Putin präsentierte sich damals als Retter vor den "tschetschenischen Terroristen" und wurde zum Präsidenten gewählt (Ein paar Zuckersäcke und eine gewonnene Wahl).

http://www.heise.de/tp/artikel/36/36490/1.html
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