Ölpreis manipuliert?
Die Energie- und Klimawochenschau: Europa stöhnt unter hohen Energiepreisen, während China versucht, bei seinen iranischen Lieferanten einen Rabatt rauszuschlagen
Neben den Angriffen der Bundesregierung auf die Förderung der Solarenergie (Fotovoltaik ausgebremst? und Verschnaufpause für E.on & Co) sind die hohen Benzin- und Dieselpreise das energiepolitische Thema der Woche. Ökonomen beginnen, sich Sorgen über deren Auswirkungen auf die Konjunktur zu machen.
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| Bild: Bohrinsel Mittelplate in der Nordsee. Ralf Roletschek/CC-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland |
Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn in Euro gerechnet ist ein Fass (159 Liter) der in der Nordsee geförderten Sorte Brent heute so teuer wie zuletzt 2008 auf dem historischen Höchststand des Ölpreises. Seinerzeit gab es für den Euro rund 25 US-Cent mehr, daher schmerzt die Euroländer der jüngste Höhenflug des Öls besonders. In den USA wird die Sorte WTI, die bis vor einigen Jahren meist zum annähernd gleichen Preis wie Brent gehandelt wurde, inzwischen um annähernd 20 US-Dollar pro Fass billiger gehandelt.
Mit anderen Worten: Für den Augenblick sind die hohen Ölpreise nicht das Problem USA, und auch nicht so sehr der Chinesen, deren Yuan an den Dollar gebunden ist, sondern der Europäer. Der schwache Euro ist zwar gut für die deutsche Exportwirtschaft, aber schlecht für den Autofahrer.
Um deren Laune sorgen sich denn auch inzwischen diverse Marktbeobachter, die die Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag zitiert. Noch sei das Konsumklima im Lande gut, denn die Verbraucher hätten wenig Angst vor Jobverlust und hofften auf kräftige Tarifabschlüsse. 6,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt fordern verschiedene große Gewerkschaften. Ver.di hofft sogar darauf, für die unteren Lohngruppen eine überproportionale Anhebung durchzusetzen.
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Bisher sieht es daher so aus, als könnte die Kauflaune der Verbraucher den schwächelnden Weltmarkt ersetzen und ein Abgleiten des Landes in die Rezession vermeiden. Hält der Höhenflug des Ölpreises an, droht diese Hoffnung sich in Luft aufzulösen. Immerhin verteuert sich auch das Heizöl und mit einiger Verzögerung wird auch Erdgas teurer, dessen Preis an den des Öls gekoppelt ist. Je nachdem, wie lange die Energiepreise hoch bleiben, verteuern sich auch andere Güter, unter anderem weil ihr Transport kostspieliger wird. Erste Daten der Statistiker, so die Nachrichtenagentur, deuten bereits auf ein Anziehen der Inflation hin.
Alles Spekulation?
Fragt sich, was den Rohölpreis, insbesondere den der in Europa als Standard maßgeblichen Sorte Brent, in die Höhe treibt. "Die Spekulanten", meint die Finanzredakteurin der Financial Times Deutschland Jessica Boesler. Durch Drohungen der iranischen Regierung ließen sie sich zu irrationalen Handlungen verleiten. Obwohl noch gar nicht klar sei, ob Iran die Ölflüsse tatsächlich stören könne, gehen sie bereits von einer Verknappung aus. Dabei könne doch im Notfall Saudi-Arabien einspringen. Der Ölpreis habe zwar das Potenzial, die Konjunktur abzuwürgen, beruhe aber "nicht im Geringsten auf handfesten Problemen".
Die inzwischen in Fachkreisen viel diskutierte Frage, ob hinter der Preisentwicklung vielleicht nicht auch reale Probleme der Ölexporteure stehen, die Förderung weiter zu steigern, um auf wachsende Nachfrage zu reagieren, ignoriert die Autorin souverän.
Chris Cook, ein ehemaliger Direktor der Londoner Ölbörse International Petroleum Exchange, geht in der Asia Times Online ebenfalls davon aus, dass der Ölpreis manipuliert ist, sieht aber ganz andere Kräfte am Werk. Die Kurse würden derzeit mit der Drohpolitik gegen Iran in die Höhe getrieben, um sie noch in diesem Jahr in den Keller stürzen zu lassen. Billige Benzinpreise und eine durch günstige Energiekosten beflügelte Konjunktur seien die idealen Wahlkampfhelfer für US-Präsident Barack Obama, der im Herbst wiedergewählt werden will.
Doch wie realistisch ist ein solches Szenario? Immerhin setzt es einen flexiblen Markt voraus, auf dem die Förderländer die Produktion nach Belieben steigern und zurückfahren können. Wie berichtet (siehe Gipfel-Gefahren), scheinen aber diese Verhältnisse schon seit 2005 bestenfalls nur noch begrenzt gegeben. Die Förderzahlen für konventionelles Rohöl stagnieren seitdem. Nur die Produktion unkonventioneller Energieträger wie Teersand-Öl oder Agrarkraftstoff lassen sich noch steigern, aber nicht in dem Maße, wie die Nachfrage wächst.
Verrechnet?
Unterdessen zeigt sich, dass Teheran sich offensichtlich verrechnet hat, als es Großbritannien und Frankreich großspurig den Lieferboykott erklärte. Damit sollte eine Drohkulisse für die südeuropäischen Länder aufgebaut werden, die zum Teil im erheblichen Maße vom iranischen Öl abhängen. Allerdings wird der Iran sich nicht darauf verlassen können, sein schwarzes Gold anderswo zu den gestiegenen Preisen verkaufen zu können.
China widersetzt sich zwar den Sanktionsforderungen des Westens und deckt weiter einen Teil seines Bedarfs am Persischen Golf. Allerdings geht es mit der Situation sehr pragmatisch um und nutzt die Zwickmühle, in der sich die iranische Führung befindet, um einen günstigeren Preis durchzusetzen. Im Januar hat daher die staatliche chinesische Ölgesellschaft Sinopec ihre Einkäufe im Iran mehr als halbiert, berichtete Reuters letzte Woche. Der Rückgang wurde durch eine Steigerung der Einfuhren aus Russland, Irak und Saudi Arabien überkompensiert.
Für die Regierung in Teheran engt das den Spielraum ein, denn sie ist auf einen vergleichsweise hohen Ölpreis angewiesen (siehe Warum der Benzinpreis nicht sinken darf). Andererseits muss sie aber damit rechnen, dass die ihr verblieben Kunden ihre Notlage ausnutzen, wie das Beispiel Sinopecs zeigt. Daher wäre es sicherlich verkürzt, die Ablehnung der Wirtschaftssanktionen gegen Iran durch Beijing (Peking) und Neu Delhi als politische Rückendeckung zu verstehen.
Vor dem Durchbruch
Davon abgesehen deuten die chinesischen Importzahlen darauf hin, dass die Volksrepublik ihre Lager auffüllt, um sich für etwaige Lieferengpässe zu wappnen. Trotz einer erheblichen Abkühlung der Konjunktur stiegen die Öleinfuhren an. Das Land ist beim Öl schon Anfang der 1990er Jahre zum Nettoimporteur geworden. Aktuell wird nur noch etwas weniger als die Hälfte des Bedarfs aus eigener Förderung gedeckt.
Sicherlich ein Grund mehr, die Entwicklung von Elektroautos voranzutreiben, die kurz vor dem industriellen Durchbruch zu stehen scheint, wie die Plattform Renewable Energy Wolrd berichtet. 2011 wurden im ganzen Land etwas über 8.000 elektrischer Fahrzeuge verkauft, in diesem Jahr sollen es bereits mehrere zehntausend sein. Verschiedene Millionenstädte wie das südchinesische Shenzhen oder das in der Nähe von Shanghai gelegene Hangzhou haben mit Förderprogrammen begonnen und lokale Ziele für den Ausbau dieses Sektors gesetzt. Landesweit gilt bisher das Ziel, bis 2020 eine Million Elektro-Autos auf die Straße zu bringen.
Doch solange der Strom hauptsächlich aus Kohlekraftwerken kommt, ist das nicht unbedingt ein Fortschritt. Weder für die Umwelt, noch für die Energiesicherheit, denn die chinesischen Kohlelagerstätten werden beim jetzigen Tempo in wenigen Jahrzehnten erschöpft sein. Entsprechend setzt die Volksrepublik auch auf Alternativen. Neben einem Atomprogramm, dass in jüngster Zeit allerdings ins Stocken geraten ist, zählen dazu Staudämme, Biogasanlagen, Windräder und als Newcomer auch die Fotovoltaik.
China baut Solarindustrie aus
Noch dominieren allerdings auch bei den Neubauten die Kohlekraftwerke. Insgesamt sind 2011 im Land der Mitte rund 70 Gigawatt (GW) neuer Kapazitäten ans Netz gegangen. Davon waren etwa 18 GW neue Windkraftanlagen, aber schätzungsweise rund 40 GW neue Kohlekraftwerke. Um also die Kohle, die heute noch über 70 Prozent der elektrischen Energie in China liefert, langfristig überflüssig zu machen, müsste der Ausbau der Windenergie noch weiter beschleunigt und durch einen Solarboom ergänzt werden.
Das chinesische Windkraft-Potenzial wird auf 2.380 GW geschätzt. Bei 2000 Stunden Volllastbetrieb im Jahr ließen sich damit 4.760 Milliarden Kilowattstunden elektrische Energie gewinnen. Das dürfte etwas mehr als der derzeitige Jahresbedarf sein, doch dieser wird sicherlich weiter wachsen. 2011 legte der Verbrauch zum Beispiel zwischen zehn und zwölf Prozent zu. Wind wird also allein kaum in der Lage sein, Chinas Energiebedarf auf Dauer zu decken, auch wenn künftig mit besserer Netzanbindung und höheren Anlagen die Zahl der Volllaststunden noch deutlich ausgeweitet werden.
Hier kommt die Solarenergie ins Spiel. Letzte Woche wurde in Beijing ein Masterplan für den Ausbau und die Konsolidierung der chinesischen Solarindustrie vorgestellt. Angesichts der derzeitigen weltweiten Überkapazitäten ist das bemerkenswert und ein klares Zeichen dafür, dass in den kommenden Jahren ein erheblicher Teil der chinesischen Produktion anders als bisher im Inland installiert werden soll. Einige große Solarparks befinden sich in den sonnenreichen Regionen im Westen des Landes bereits in der Planung.
Und damit das alles besser als bisher koordiniert wird, wurde letzte Woche in Beijing ein neues Forschungsinstitut gegründet, wie die Zeitung China Daily berichtet. Das China National Renewable Energy Center wird sich ganz der Erforschung der erneuerbaren Energieträger und der Entwicklung industrieller Standards für diesen Bereich widmen. Außerdem soll das Institut eng mit vergleichbaren Einrichtungen in Dänemark und in den USA zusammenarbeiten und die Regierung beraten.
Bleibt zu hoffen, dass die chinesische Regierung weiser als die hiesige ist, die den Rat ihrer entsprechenden Gremien wie des Sachverständigenrats für Umweltfragen regelmäßig ignoriert.
http://www.heise.de/tp/artikel/36/36497/1.html- Re: Steuern (1.3.2012 21:38)
- Dummheit (1.3.2012 21:27)
- Solange wir uns vom Öl so abhängig machen, sind wir selber schuld... (1.3.2012 15:20)
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