Der Schenk-Guerilla von Braunschweig

29.02.2012

Ausflug in die Welt des subversiven Gebens

190.000 Euro hat bisher ein anonymer Braunschweiger in seiner Heimatstadt verteilt, überwiegend in 500-Euro-Scheinen. Die beschenkten Einrichtungen und Organisationen scheint er in der Braunschweiger Zeitung zu finden. Seinen Couverts mit 10.000 Euro legt er den dazugehörigen Zeitungsartikel bei. Nun hat er wieder zugeschlagen: 10.000 Euro erhielt am 26. Februar das Hospiz am Hohen Tore unter die Fußmatte gelegt.

Nachahmungstäter in Helmstedt

Die Nachricht vom anonymen Spender machte schnell ihre Runde von RTL bis Spiegel. Aber ist er ein normaler Spender? In Helmstedt ist am 28. Februar ein Nachahmungstäter aufgetreten, der allerdings nur 3.000 Euro in den Briefkasten der St. Christopherus-Gemeinde entsorgte.

Spenden bewegen sich bisher in einem engen rechtlichen und symbolischen Raum. So werden Parteien für anonyme Spenden bestraft und es gibt kaum ein Unternehmen, das nicht spätestens zu Weihnachten einen zumindest visuell überdimensionierten Scheck an eine gemeinnützige Organisation überreicht.

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Nach Auskunft des Deutschen Spendenrates sollen 2010 2,3 Milliarden Euro gespendet worden sein. Das klingt nur dann viel, wenn man weder weiß, dass der deutsche Staat im Jahr 560 Milliarden Steuern einnimmt, noch dass die Deutschen über ein Nettovermögen von 8,2 Billionen Euro verfügen. 2,3 Milliarden - das ist der Umsatz der Stadtwerke Hannover.

Angesichts dieser Beträge ist die oft geäußerte Vermutung, Spenden seien wegen ihrer steuerlichen Absetzbarkeit beliebt, kaum aufrecht zu erhalten. Um nämlich eine tatsächlichen Steuervorteil von 2,3 Milliarden zu erreichen, müssten bei einem durchschnittlichen Steuersatz von 30 Prozent 6,9 Milliarden Euro auf den Konten von Kinderheimen und Kirchen, Hospizen und Naturschützern eingegangen sein, nicht 2,3 Milliarden.

Dennoch verteidigte Deutschland 2011 einen beachtlichen 26. Platz im World Giving Index - und lag damit hinter den weltbekannten Geberländern Marokko (24.), Ghana (21.) und Turkmenistan (14.).

Die Lust an der gemeinsamen Plünderung der Staatskassen

Die Geschichte des Gebens und Nehmens wurde bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland als kollektiv plünderbare Gemeinschaftskasse von zwei Gruppen geprägt: Die adligen Feudalherren und Industriellen konnten sich Geben leisten, da sie sich mit Hilfe von Gerichten, Polizei und Armee auch den größten Teil des Wohlstandskuchens sichern konnten. Das Geben der mittellosen Kleinen dagegen beschränkte sich auf das Zahlen von Tributen an die Grundherren sowie auf Gebühren für Beamte. Wollten sie dagegen nehmen, so war das eigentlich nur über Diebstahl möglich.

Bis in die 60er Jahre hinein war Diebstahl ein verbreiteter Weg, zu kleinem Wohlstand zu gelangen. Die Kriminologen ertappten den Dieb meist beim Geben, dann also, wenn er das erbeutete Geld für Häuser, Klunker und dicke Limousinen ausgab. Sowohl der Diebstahl wie das Protzen mit Gütern sind fast ausgestorben. Nietzsches provokantes Diktum "Stehlen ist oft seliger als Nehmen" mag im Wedding und Kreuzberg der 70er Jahre noch aktuell gewesen sein. Heute kann die wohlhabendste Stadt Deutschlands, die autistisch-aggressive Ellenbogenmetropole MUC, nur noch knapp über 1.000 Einbruchdiebstähle aufklären. Pro Jahr.

Dass Geben inzwischen eine Massenbewegung ist, liegt vermutlich daran, dass auch das Nehmen in allen Klassen täglich praktiziert wird, in erster Linie in der Interpretation von Christian Wulff, also in der ständigen Bemühung, kleine Vorteile zu erlangen. Das dankbarste Opfer für diese Sehnsucht nach persönlicher Bevorzugung ist der Staat. Meist reicht es, einen Antrag auszufüllen oder eine Steuerbestimmung zu interpretieren, um ein paar Hundert oder auch ein paar Millionen Euro abzuzweigen.

Mit Griechenland liegt nun ein empirischer Beweis dafür vor, dass der gemeinsame Diebstahl der Eintrittsgelder des Theaterstücks "Staat" auch dazu führen kann, dass dieser seinen Vorhang schliesst und man zum Straßentheater übergeht. Als Spender jedoch fällt er nun dauerhaft aus.

Geben als Antidepressivum

Das Übergewicht des Nehmens auf allen Ebenen der Gesellschaft wird dem sensiblen Wohlhabenden zunehmend unbehaglich. Er fürchtet zwar auch den Verlust des Wohlstandes, der mit der andauernden Plünderung der Staatskasse immer näher zu rücken scheint, mehr aber den Verlust der Handlungskraft und Vision: Das Mitsingen im Chor der Jammerer und Schnorrer macht zunehmend depressiv.

Da Geben gesellschaftlich noch immer entweder als Don Quixotisches Missverständnis oder als unanständiges Protzgehabe gilt - was muss der arme Carsten Maschmeyer derzeit erdulden - fürchten Geber den Spott und die Ächtung.

Als der Freistaat Thüringen kürzlich auf Initiative der FDP ein Konto für die Tilgung der beachtlichen 19 Milliarden Staatsschulden einrichtete, spendete eine anonym bleibend wollende Bürgergruppe 7.000 Euro. Auf Nachfrage bei leitenden Mitarbeitern im Ministerium bekundeten diese unter Abnahme des Versprechens, ihre Namen nicht zu nennen, dass sie das Konto für Quatsch hielten und hofften, dass niemand dort einzahlen möge. Als Begründung nannten sie, dass das Konto staatsfeindlich sei, da es dem Staat unterstelle, selbst nicht mehr die Staatsfinanzen zu beherrschen. Kurz: Die Tilger sind zu bekämpfende, subversive Staatsfeinde. Zitat: "Wir werden dieses Konto nicht bewerben."

Mit derartigen Aussichten nun aber wird auch anonymes Tilgen und Spenden zum verheißungsvollen Antidepressivum. Wir Wohlhabenden werden gerade durch die Missachtung und Kriminalisierung des Gebens motiviert, weil sie uns aus der Aussichtslosigkeit erlöst, durch weiteren Wohlstand keinen Lust- und Identitätsgewinn mehr zu erzielen.

Der größte anonyme Spender spendet täglich an der Supermarktkasse

Noch hält sich das als "Spende" bezeichnete, subversive Tun im Rahmen. Zu groß ist das Misstrauen gegen den Staat und die staatlichen Kultur-, Gesundheits-, Bildungs- und Wohlfahrtseinrichtungen, ihre Unterfinanzierung sei ja nur die Folge des Ehrensoldes für Christian Wulff und des Afghanistan-Krieges. Die vorherrschende Vorstellung, der Staatshaushalt sei ein Wassergefäß, das an der einen Seite überlaufe, während auf der anderen Ebbe herrsche, verhindert eine provokative "Wir sind der Staat"-Bewegung, wie sie die Piratenpartei eigentlich im Prinzip wäre. Ausgerechnet diese aber hat die größtmögliche Plünderung der Staatskasse in Gestalt der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle zum Mittelpunkt ihres Programmes gemacht.

Der meist unbeachtete, größte Spender des Jackpots "Staatshaushalt" jedoch entrichtet seine Spende täglich an der Kasse beim Bäcker und im Supermarkt. Genau 136 Milliarden Euro waren es 2010, rund die Hälfte des Bundeshaushaltes. Der Umsatzsteuerzahler darf - im Gegensatz zum Lohnsteuerzahler - anonym bleiben.

Der Braunschweiger Spender-Guerilla wird noch einige Umschläge brauchen, um auch nur den Umfang der anonymen Umsatzsteuerspenden zu erreichen, die in einem einzigen Supermarkt Braunschweigs eingesammelt werden.

Ach ja: Wenn bundesweit 136 Milliarden Umsatzsteuer eingesammelt wurden, dann müssten bei einem Durchschnittssatz von 12 Prozent nette 1,2 Billionen über die Ladentheke geschoben worden sein. Anonym natürlich.

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