Wie grün waren die Nazis?

11.03.2012

Thomas Zeller über den Bedeutungswandel von Ideen zum Schutz der Natur im Lauf des 20. Jahrhunderts

Lange bevor die Grünen überhaupt nur in den Kinderschuhen steckten, hatte sich bereits eine andere politische Gruppierung der Ökologiefrage gewidmet und sich Nachhaltigkeit und Naturschutz auf die Fahnen geschrieben: die Nazis. Thomas Zeller hat zu diesem Thema geforscht und den Sammelband How Green Were the Nazis herausgegeben. Telepolis sprach mit dem Professor für Geschichte an der Universität Maryland.

Herr Professor Zeller, inwiefern kann man die Nazis als Vorläufer der grünen Ökologie-Bewegung sehen?

Thomas Zeller: Bei einer solchen Frage kommen politische und historische Motivationen zusammen. In politischer Sicht und von heute aus gesehen wäre es natürlich extrem brisant, wenn die 1980 auf westdeutscher Bundesebene gegründete Partei "Die Grünen" ihre Wurzeln im Nationalsozialismus hätte. Dem ist aber nicht so. Die grüne Partei setzte sich aus verschiedenen Bewegungen und Richtungen zusammen, von ehemaligen K-Gruppen über Feministinnen bis hin zur Anti-AKW-Bewegung. Die Sorge um saubere Luft und andere Umweltthemen waren auch dabei.

Diese Umweltbewegung - innerhalb und außerhalb der grünen Partei - seit den 1970er Jahren speiste sich nun aus verschiedenen Quellen; ein Teil davon war die Naturschutzbewegung, deren Vorläufer bis ins späte Kaiserreich zurückreichen. Teile der Naturschutzbewegung dienten sich dem nationalsozialistischen Staat an, aber damit sind die Nazis nicht direkte Vorläufer der Umweltbewegung oder der Grünen.

Die Frage nach den grünen Nazis wird manchmal mit direkten politischen Interessen gestellt - entweder jemand möchte die derzeitige Umweltbewegung mit dem Hinweis auf die vermeintlich braune Vergangenheit diskreditieren; andere wiederum haben das Ziel, die Diktatur mit solchen Hinweisen zu verharmlosen. How Green Were the Nazis? ist ein Versuch, die Debatte jenseits solcher Vereinnahmungen zu führen.

Aus historischer Sicht ist die Frage interessanter, welchen Bedeutungswandel Ideen zum Schutz der Natur im Lauf des 20. Jahrhunderts erfahren haben. In vielen Ländern und Nationen, darunter auch in Deutschland, hat sich schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Idee breitgemacht, dass bestimmte Landschaften und Tierarten schützenswert sind. Forderungen nach Naturschutz und Tierschutz gab es schon im Kaiserreich. Vor allem gebildete Stadtbewohner machten sich diese Forderungen zu eigen und erreichten auf lokaler und regionaler Ebene die Einrichtung von Schutzreservaten.

Hand in Hand ging damit das Studium von regionalen Traditionen und Trachten. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Die Gebiete um den Königssee in Bayern und die Lüneburger Heide in Preußen wurden Anfang der 1920er Jahre von den jeweiligen Landesregierungen unter Naturschutz gestellt.

Generell gesagt, waren diese Naturschützer konservativ, auch in politischer Hinsicht. In der Weimarer Republik drängten sie ohne Erfolg auf ein reichsweites Naturschutzgesetz. Einige Naturschützer näherten sich nun den extremen Rechtsparteien an. Zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur hat es dann den Anschein, dass das Regime den Naturschutz ernst nimmt: 1935 wird das erste reichsweite Naturschutzgesetz verabschiedet, der Tierschutz wird gefördert, Forstwirtschaft und Landwirtschaft sollen (um eine heutige Vokabel zu benützen) nachhaltiger werden. Zumindest lauten so Teile der NS-Rhetorik in den Anfangsjahren der Diktatur.

Angesichts dieser Verlautbarungen veröffentlichte in den 1980er Jahren die britische Autorin Anna Bramwell Bücher und Artikel, in denen sie manchen Vertretern der Nazi-Elite eine Vorläuferfunktion für die grüne Bewegung seit den 1970er Jahren zuschrieb. Richard Walther Darré, Hitlers Landwirtschaftsminister bis 1942, sei ein Vater der Grünen, so Bramwell. Der Sammelband How Green Were the Nazis? versucht nun, Rhetorik und Realität des Naturschutzes und der Umwelt im Nationalsozialismus zu untersuchen. Um es plakativ zu sagen: Manche Beobachter haben die Verlautbarungen von Teilen der Nazi-Elite für bare Münze genommen. Alles in allem blieben die naturschützerischen Bemühungen unter Hitler aber in den Anfängen stecken.

"Nationalsozialistisches Herrschaftssystem kein monolithisches Gebilde"

Können sie uns einige grüne Vordenker der Nazis nennen?

Thomas Zeller: Richard Walter Darré habe ich ja schon genannt, aber wenige Historiker würden ihn als Vordenker der Diktatur bezeichnen. Dafür war er zu marginal. Anfangs stand Darré dem ökologischen Landbau skeptisch gegenüber. Erst als er gegen Ende der 1930er Jahre an Macht innerhalb der NS-Camarilla verlor, zeigte er mehr Interesse an unkonventionellen Anbaumethoden, wie Gesine Gerhard in How Green Were the Nazis? zeigt. Im Vordergrund stand aber immer die Versorgung der Bevölkerung.

Das, was wir heute Umwelt nennen würden, spielte für Rudolf Hess und Heinrich Himmler bestimmte, ideologisch geprägte Rollen. Hess war an esoterischen Ideen zumindest interessiert, wozu auch die biologisch-dynamische Landwirtschaft zählte. Himmlers Vorstellungen zur Kolonisierung Osteuropas im "Generalplan Ost" sahen den Massenmord an Juden und die Umgestaltung der Landschaft vor nach deutschem Vorbild vor. Ich würde Hess und Himmler aber keineswegs als "grüne Vordenker" bezeichnen.

Wichtig wäre auch, das nationalsozialistische Herrschaftssystem nicht als monolithisches Gebilde zu verstehen. Hinter der Fassade diktatorischer Einheitlichkeit gab es Machtkämpfe und Meinungsverschiedenheiten. Das nutzte zum Beispiel der Münchner Naturschützer und Landschaftsarchitekt Alwin Seifert aus, der sich in einer Mischung aus Kassandra und Hofnarr dem Regime andiente, mit bescheidenem Erfolg für das Autobahnprojekt arbeitete, vor einer drohenden "Versteppung" (Desertifizierung, wie man heute sagen würde) warnte und ökologischen Landbau propagierte. Auch wenn er mehr Aufmerksamkeit auf sich zog als andere Naturschützer, blieb er am Ende ein Außenseiter, der von Teilen der NS-Elite zeitweilig protegiert wurde.

Wenn man ein bisschen weiter ausholt, dann könnte man darauf hinweise, dass Naturliebe oder ökologisches Bewusstsein keine unpolitischen Phänomene sind, die man am besten aus ihrer historischen Situation heraus versteht. Anfangs des 20. Jahrhunderts waren in Deutschland (und andernorts) die meisten Naturschützer konservativ, am Ende dieses Jahrhunderts kamen die meisten Umweltschützer aus der linken Ecke. Weder das eine noch das andere ist zwangsläufig so.

Gibt es Projekte, welche die Grünen direkt von den Nazis übernommen haben?

Thomas Zeller: Nein.

"Ambivalente Einschätzung von Technik"

Warum ist in Deutschland generell der Technikskepitzismus, die Naturliebe und der Tierschutz so ausgeprägt?

Thomas Zeller: Diese Frage unterstellt, dass in Deutschland die drei von Ihnen genannten Phänomene (Technikskepitzismus, Naturliebe und Tierschutz) stärker ausgeprägt sind als anderswo. Da wäre ich zurückhaltender. In allen westlichen Industriegesellschaften haben sich seit der Industrialisierung Gegenbewegungen etabliert, die verschiedene Formen annahmen. Naturschutz war nur eine Form davon. Viele zeitgenössische Beobachter waren von neuer Technik wie Flugzeugen und Automobilen beeindruckt oder begeistert, manche (und manchmal dieselben) waren aber auch kritischer und fürchteten, dass die Errungenschaften der Moderne auch Verluste mit sich bringen würden.

Sinnvoller wäre es vielleicht, von einer ambivalenten Einschätzung von Technik zu sprechen. Im internationalen Vergleich würde sich dann zeigen, welche Formen diese Ambivalenzen annahmen. In den USA zum Beispiel wurden bereits in den 1860er und 1870er Jahren Yellowstone und Yosemite als Schutzreservate und später als Nationalparks unter Naturschutz gestellt, während die Industrialisierung in den USA mit Siebenmeilenstiefeln voranschritt. Die (anfangs wenigen) Besucher dieser Landschaften kamen mit der Eisenbahn, nicht zu Fuß. Deutschland war während des 20. Jahrhunderts ein Land mit High-Tech-Regionen und eines mit prominenten Naturschützern. Das eine hängt mit dem anderen zusammen.

Nun kann man den Nazis mit all ihren Superpanzern, Düsenflugzeugen und Raketenwaffen schwerlich einen romantischen Technikskepitizismus unterstellen und auch der 2. Weltkrieg war alles andere als ein Unternehmen für den Umweltschutz. Wie geht der Hang zur Natur mit dem Militarismus der Nazis und ihrer Vorliebe für Wunderwaffen zusammen?

Thomas Zeller: Tatsächlich gab es in Teilen der Nazi-Bewegung und vor allem in den ersten Jahren des Regimes eine technikskeptische Richtung. Manche Publizisten fragen sich, ob ihre völkischen, rechtsradikalen Werte mit einer modernen Industriegesellschaft vereinbar sind. Fritz Todt, der Chefingenieur des "Dritten Reiches", lässt verlautbaren, dass die Nazi-Autobahnen die deutsche Landschaft nicht zerstören, sondern aufwerten sollen.

Solche Ideen und Straßen gab es auch schon in den "Parkways" in den USA in den 1920er Jahren, aber für Todt waren die nationale Qualität von Landschaft und das Propagandapotenzial der Autobahnen wichtig. Ich würde mich aber hüten, davon auf ein generell skeptisches Verhältnis der NS-Diktatur zur Technik zu schließen. Spätestens ab 1936 stehen die Zeichen klar auf Militarisierung und Vorbereitung auf einen Angriffskrieg. Die frühen naturschützerischen Impulse werden manchmal buchstäblich vom Militär überrollt. Man sollte sich keinen Illusionen hingeben: Rüstungsfabriken und Truppenübungsplätze waren für die Diktatur am Ende wichtiger als Naturschutzgebiete und seltene Vögel.

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