Was den Menschen auszeichnet

02.03.2012

Warum hat es ausgerechnet die Art Homo sapiens trotz offensichtlicher körperlicher Nachteile an die Spitze der Nahrungskette geschafft?

Aus Sicht unserer tierischen Verwandten gelten wir Menschen vermutlich als eher lebensuntauglich. Auf sich allein gestellt versagen die meisten Vertreter unserer Art jämmerlich - Überlebenskünstler-Ausnahmen bestätigen die Regel. Ohne den Mantel der Zivilisation sind wir ungeschützt der Natur ausgesetzt, die meisten Menschen bewältigen unter diesen Umständen nicht einmal die simple Aufgabe ihrer eigenen Ernährung.

Trotzdem sind in der Regel wir es, die die anderen Lebewesen nach unserem Gutdünken manipulieren. Was qualifiziert uns dazu? Wenn man sich die genetische Ausstattung ansieht, sind die Unterschiede gering im Vergleich zu den Gemeinsamkeiten. Mindestens die Rechenkapazität der Gehirne unserer nächsten Verwandten unter den Affen würde genügen, vergleichbare Leistungen zu erbringen.

Eine dafür vielleicht entscheidende Fähigkeit offenbart sich, wenn man die Entwicklung der Konzepte vergleicht, die wir von unserer Umgebung haben. Ein Erwachsener aus dem 11. Jahrhundert würde sich im modernen Großstadtdschungel kaum zurechtfinden - eine Fähigkeit, die heute schon Zehnjährige besitzen. Anders etwa bei Schimpansen: Nun lässt sich die These nicht experimentell bestätigen, aber wir können doch davon ausgehen, dass die Menschenaffen vor 1.000 Jahren sehr ähnliche Konzepte entwickelten wie heute.

Die Trick-Kiste

Nur der Mensch ist anscheinend in der Lage, kumulativ Kultur aufzubauen. Woran das liegt, dafür entwickeln Forscher im Wissenschaftsmagazin Science eine Idee: In einem Artikel vergleichen sie, wie Menschen und ihre Verwandten mit neu erworbenem Wissen umgehen.

Dazu konstruierten die Forscher zunächst eine Trick-Kiste, die sich über drei Zwischenzustände hinweg öffnen ließ. Zustand 2 ließ sich also nur erreichen, wenn der Proband zunächst Puzzle 1 gelöst hatte, Zustand 3 erforderte das Lösen von Puzzle 2. Es war also eine aufeinander aufbauende Folge von Puzzles zu lösen. Diese waren so einfach gestaltet, dass sie von drei- und vierjährigen Kindern ebenso zu bewältigen waren wie von (erwachsenen) Schimpansen und von Kapuziner-Affen.

Die beiden Affenarten wurden ausgewählt, weil es für sie unter allen Tierarten die stärksten Hinweise auf die Entwicklung einer Art Kultur gibt - wenn also eine Spezies im Experiment erfolgreich sein würde, dann diese. Die Lösung der Puzzles überließen die Forscher nun nicht einzelnen Individuen (dann wäre es nicht mehr als ein Intelligenztest gewesen), sondern ganzen Gruppen.

Die Kinder beim Experiment mit der Trick-Kiste (Foto: Gillian Ruth Brown)

Im Test schnitten eindeutig die Vertreter des Homo Sapiens am besten ab. Unter den Schimpansen erreichten nach 30 Stunden nur einer Stufe 3, wobei immerhin vier Stufe 2 erreicht hatten. In allen Gruppen hatten es mehrere Individuen auf Stufe 1 geschafft. Interessanterweise wurden die Ergebnisse auch dann nicht signifikant besser, als man den Gruppen je ein Weibchen hinzugesellte, das zuvor auf die Lösung des Puzzles trainiert worden war. Es kam offenbar zu keinem Nachahmungseffekt. Bei den Kapuzineraffen sah es nicht besser aus: Auch nach 53 Stunden hatte kein Individuum Stufe 3 bewältigt und nur zwei waren bis zur Stufe 2 gelangt.

Ganz anders bei den menschlichen Kindern. Nach nur 2,5 Stunden war es in fünf von acht Gruppen wenigstens einem Probanden gelungen, das Puzzle komplett zu lösen. In allen Gruppen hatten sich mehrere Kinder auf Stufe 2 vorgearbeitet. Dabei beobachteten die Forscher 23 Fälle von direkter Lehre zwischen den Kindern - wenn eines also ein anderes auf die Art der Lösung hinwies. Je mehr Hinweise ein Kind dabei erhalten hatte, desto erfolgreicher schnitt es bei der Aufgabe ab.

Die Forscher fanden bei den Affen auch keinen Hinweis darauf, dass etwa Mütter ihren Nachwuchs indirekt zum Lernen anregen. Im Gegenteil - es gab signifikant viele Fälle, bei denen sich die Mütter die erfolgreich vom Nachwuchs aus der Trick-Kiste extrahierte Nahrung einverleibten. Hinweise auf kumulative Lernprozesse ergaben sich auch bei genauem Nachzählen nicht: Die Forscher prüften zum Beispiel, ob sich nach einer erfolgreichen Lösung die Erfolgsrate der anderen Gruppenmitglieder verbesserte.

Was den Wissenschaftler auffiel, war ein ungewöhnlich soziales Verhalten bei den Menschenkindern: Fast die Hälfte der Probanden gab anderen Gruppenmitgliedern freiwillig von der erarbeiteten Nahrung ab. Bei den Affen konnten die Forscher keinen einzigen Fall beobachten.

Die typisch menschliche kumulative Kultur, vermuten die Forscher deshalb, könnte sich aus drei Quellen speisen: Einer gewissen Prosozialität, dem Vermögen und der Intention, andere zu lehren sowie der Fähigkeit der Imitation von Verhalten. Während letzteres nachweislich etwa auch Menschenaffen gelingt, fehlt es diesen an den anderen beiden Voraussetzungen.

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